Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Lina Motuzienė

Das Thomas-Mann-Haus in Nida

Vor der Zerstörung bewahrt

Sommerhaus von Thomas Mann mit Blick auf das Kurische Haff.Sommerhaus von Thomas Mann mit Blick auf das Kurische Haff. (© Inka Schwand)
In der Nachkriegszeit wurde der Aufenthalt von Thomas Mann erneut zum Thema in Litauen. Der Grund war ein Treffen des litauischen Schriftstellers Antanas Venclova mit Thomas Mann in Weimar. Diese Begegnung spielte eine entscheidende Rolle für das Sommerhaus – es hat seine Zerstörung verhindert.

Im Jahre 1965 wurde das Haus an die öffentliche Bibliothek übergeben und saniert. Auch eine Ausstellung über Thomas Manns Aufenthalt und Tätigkeit in Nida wurde eröffnet. Als Thomas-Mann-Haus öffnete das ehemalige Sommerhaus am 14. Juli 1967 den Besuchern die Türen. Zwanzig Jahre später war das Interesse an Thomas Mann so groß geworden, dass im Haus eine Reihe von Seminaren veranstaltet wurde, unter anderem unter dem Titel "Thomas Mann und Litauen".

1988 haben Wissenschaftler der Bundesrepublik Deutschland, darunter Dietmar Albrecht, das Interesse geäußert, mit dem Thomas-Mann-Haus zusammen zu arbeiten. Noch vor dem Fall der Mauer in Berlin und des Eisernen Vorhangs in Europa öffnete das Haus im Sommer 1989 seine Pforten erstmals deutschen Touristen. Während der "Perestrojka" gab es ein großes Interesse an westlicher Kultur, deren bedeutendes Symbol Thomas Mann, "der große Europäer", war. Hinzu kam ein wachsendes Interesse an der deutschen Sprache aufgrund der wachsenden kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Litauen und der Bundesrepublik Deutschland.

In diesem Zusammenhang entstand die Idee eines Thomas-Mann-Kulturinstituts als eines Bestandteils des Lehrstuhls für Germanistik der Universität Klaipėda, die sich zu der Zeit in der Gründungsphase befand. Ein weiteres Projekt war die Einrichtung eines Thomas-Mann-Museums. Beides wurde realisiert: das Kulturzentrum in Trägerschaft der litauischen Regierung am 22. September 1995, das Museum ein Jahr später.

Europäische Identität

Vor allem das Thema Identität wurde immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Zahlreiche wissenschaftliche Konferenzen, die von der Universität Klaipėda, der "Ostsee Akademie" in der Nähe von Lübeck und dem Thomas-Mann-Kulturzentrum veranstaltet wurden, beschäftigten sich damit. Die Themen der Tagungen lautete "Erhaltung und neue Erscheinungsformen des Kulturerbes im Gebiet Klaipėda" (September 1995), "Menschen der Grenzkultur in Kleinlitauen" (Juni 1997) oder "Ostpreußen nach 1945" (Mai 1998). Im Kulturzentrum fanden zu der Zeit auch Debatten zum Thema kulturelles Gedächtnis statt.

Die Vergangenheit und die Gegenwart, aber vor allem die Zukunft waren die Leitthemen der Seminare, Besprechungen und Diskussionen. Auf der vom Thomas-Mann-Kulturzentrum veranstalteten Konferenz "Das kulturelle Gedächtnis und die Zusammenarbeit der Nachbarländer" im Mai 1998 versammelten sich Museumskundler und Vertreter von Kulturzentren aus dem ganzen Baltikum. Auf diese Weise wurden dem Kulturzentrum neue Möglichkeiten eröffnet, dem Netzwerk von Kulturzentren des Baltikums beizutreten, das um studentische Treffen und den wissenschaftlichen Austausch erweitert wurde. Das Thomas-Mann-Kulturzentrum und die Lübecker Ostsee-Akademie hatte ein nobles Ziel: die passende Atmosphäre für gemeinsame europäische Treffen und Kommunikation zu schaffen, einen Ort, in dem man die Arbeit in den Seminaren und die Freizeit miteinander verknüpfen kann.

Ort der Künstler

Das Thema der Identität stand auch im Mittelpunkt der Thomas-Mann-Festivals für Künstler, die seit 1997 vom Thomas-Mann-Kulturzentrum organisiert werden. Mit den Festivals wurde unterstrichen, dass das Thomas-Mann-Haus zu einem wichtigen Ort litauisch-deutscher Begegnungen geworden ist. Das Thema der ersten sieben Festivals betraf Thomas Mann und sein Schaffen, im Zentrum der Aufmerksamkeit der Festivals Nr. 8 und 9 standen die EU-Erweiterung und die Verantwortung der Künstler, in den Festivals 10-12 wurden problematische Aspekte der Kulturlandschaft an der Ostsee mit dem Fokus auf die wichtigen Kulturzentren thematisiert. Das betraf neben Vilnius, Riga und Tallinn auch Städte mit schwierigen historischen Schicksalen wie Klaipėda, Kaliningrad und Gdańsk.

Es gab aber auch andere Themen. Das 13. Festival "Brunnen der Vergangenheit" setzte seinen Akzent auf den Einfluss der Reformation in der Region und wurde gleichzeitig dem tausendjährigen Jubiläum Litauens gewidmet. Das 14. Festival "Intellektuelle des Geistes" akzentuierte die Bedeutung und die Verantwortung der Intellektuellen in der heutigen Gesellschaft. Mit den Festivals Nummer 15-17 wurden Ideen und Probleme des Werks von Czesław Miłosz und die Leidensproblematik in Osteuropa in der Nachkriegszeit und der Abschaffung der Demokratie behandelt. Traditionsgemäß ziehen die Veranstaltungen des Festivals weite Kreise – sowohl bei einem litauischen als auch einem deutschen Publikum.

Anziehungspunkt für Touristen

Auch das Thomas-Mann-Museum kann sich inzwischen eines großen Zuspruchs erfreuen. Über 50.000 Besucher im Jahr finden den Weg nach Nida, der größte Teil aus Deutschland. Der Erfolg des Museums beruht natürlich auf der Popularität von Thomas Mann. Im Museum befindet sich eine kleine, aber informative Ausstellung über Leben und Werk des Nobelpreisträgers.

Die große Aufmerksamkeit des Publikums für die Veranstaltungen im Thomas-Mann-Sommerhaus ist ein wichtiger Beweis für die Rolle der Geschichte und Kultur, in der sich die hundertjährigen kulturellen deutsch-litauischen Beziehungen bündeln – das Symbol dieser Beziehungen ist zweifellos der Schriftsteller und Humanist Thomas Mann. Sein ehemaliges Sommerhaus ist heute ein besonderes Zentrum für die deutsch-litauische kulturelle Zusammenarbeit, ein Ort für neue Treffen und die wohlwollende Nachbarschaft, die nicht für Einseitigkeit steht, sondern für Offenheit.

Übersetzung aus dem Litauischen: Egle Bukantyte



Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.