Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Gerd Krumeich

Die Rheinlandbesetzung

Düsseldorfer Blutsonntag

Ein weiteres Problem war die Unterstützung separatistischer Bewegungen durch die Besatzungsmächte. Dies lag in erster Linie daran, dass Paul Tirard, genauso wie die meisten französischen Militärs, Politiker, Journalisten und Intellektuellen, der Meinung war, dass die Rheinländer sich am liebsten vom "preußischen Joch" lösen und unter dem Schutz Frankreichs ein selbständiges Land sein wollten. Diese Überzeugung war auch der Hebelpunkt für die "pénétration pacifique", die im besetzten Rheinland an vielen Orten beispielsweise durch die betonte Pflege französischer Feier- und Gedenktage, etwa des "14 Juillet" gefördert werden sollte, aber in Wirklichkeit kaum einen Rheinländer zu überzeugen vermochte.

Gleichwohl stand diese "kulturpolitische" Überzeugung weiterhin im Mittelpunkt einer Politik der Unterstützung separatistischer Aktivitäten. Am schlimmsten davon ist im Rheinland der "Düsseldorfer Blutsonntag" vom 30. September 1923 in Erinnerung geblieben. Damals versuchten separatistische Gruppen, die Macht zu übernehmen und wurden dabei von den französischen Militärs massiv unterstützt. Und das, obwohl sich die Bevölkerung ganz eindeutig gegen diese separatistischen Aktivitäten wendete.

Das quantitativ größte Problem der Rheinland-Besetzung aber waren die im "Rheinlandstatut" des Versailler Vertrages nicht direkt vorgesehenen, von den französischen und belgischen Militärbehörden aber häufig angewandten "Ausweisungen" von missliebigen Personen aus dem Besatzungsgebiet. Das bedeutete konkret, dass jemand, der etwa eine der vielen verbotenen Zeitungen verbreitet hatte, ohne weitere Umstände entweder alleine oder mit seiner Familie aus dem Besetzungsgebiet abtransportiert und tatsächlich jenseits der Grenze auf offener Straße ausgesetzt werden konnte.

Der Ruhrkampf

Solche Ausweisungen fanden vor allem im so genannten "Ruhrkampf" statt, in der Zeit vom Januar bis September 1923, in der Franzosen und Belgier die Rheinlandbesetzung ausdehnten und auch weite Teile des Ruhrgebietes militärisch besetzten, um Deutschland zur Erfüllung seiner Reparationspflichten zu zwingen.

Tatsächlich hatte die deutsche Regierung im Dezember 1922 ihre Zahlungen und Sachlieferungen mit der provokativen Begründung eingestellt, man habe selber eine zu große Not zu bewältigen und wolle nur noch nach dem Maße des vorhandenen "Überschusses" bezahlen. Diese Erklärung erfolgte in einer Situation, in der die Folgen der Kriegszerstörungen und der räuberischen deutschen Besatzungspolitik in Frankreich zu einer großen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt hatten.

Auch mussten die Franzosen zusätzlich die Schulden begleichen, die sie während des Krieges vor allem in Amerika aufgenommen hatten. Nicht zuletzt deshalb zeigte die französische Propaganda in ihren Filmen und Fotos die "rauchenden Schornsteine" an Rhein und Ruhr. Sie waren ein Symbol des – trotz der grassierenden Inflation – vorgeblichen Wohlstands der Deutschen.

Von den Problemen in Frankreich hatten die Deutschen, die sich von einem brutalen und unnahbar arroganten Sieger ausgebeutet und misshandelt fühlen, nicht die geringste Vorstellung. Umso extremer verlief diese wichtigste und abschließende Phase der Rheinlandbesetzung. Jetzt wurde, im Fall Schlageter, auch zum ersten Mal ein Todesurteil wegen Sabotage einer Eisenbahnbrücke vollstreckt. Und über Generationen hinweg ist der heftigste Zusammenstoß zwischen Besatzern und Zivilbevölkerung in Erinnerung geblieben, nämlich der „blutige Karsamstag“ 1923 bei Krupp, als eine französische Militärpatrouille in das Gelände der Krupp-Fabrik eindrang, um dort Konfiszierungen durchzuführen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit herbei geströmten Arbeitern, die sich diesen Wegnahmen erregt widersetzen wollten. Der kommandierende Offizier dieses Trupps ließ daraufhin das Feuer eröffnen – zehn Tote waren die Folge. Dieser Zusammenprall erschien den Deutschen als emblematisch für die Brutalität der Besatzer, zumal die Franzosen auch hier jegliche Verantwortung von sich wiesen und im Gegenzug sogar die Direktoren von Krupp verhaften und zu längeren Gefängnisstrafen verurteilen ließen.

An der Ruhr war also, stärker noch als im "friedensbesetzten" Rheinland, ein wirklicher "Krieg nach dem Krieg" ausgebrochen, der seinen deutlichsten Ausdruck fand in der Vielzahl antifranzösischer Schriften und Plakate, die interessanterweise genau den Bildern entsprachen, welche die Franzosen während des Weltkriegs von der deutschen Besatzung gezeichnet und gemalt hatten.

Ende der Besatzung



Nach der Einwilligung der Deutschen in den Young-Plan nach der Locarno-Konferenz und der von Stresemann und Briand eingeleiteten Politik des Friedens zwischen den beiden Nachbarn endete die Rheinlandbesetzung am 30. Juni 1930 mit dem Abzug der französischen und belgischen Truppen. Dennoch blieb das Rheinland weiterhin entmilitarisiertes Gebiet, behielt also einen Sonderstatus gegenüber dem übrigen Deutschen Reich.

Auch das war ein Punkt, aus dem Hitler später Kapital schlagen konnte, als er 1936 mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland die Franzosen und ihre Alliierten vor die Entscheidung stellte, ob sie den Machthaber gewähren lassen wollten oder nicht. Leider – von heute her gesehen – ließen sie diesen ersten Schritt zur gewaltsamen "Neuordnung Europas" durch die Nationalsozialisten ungestraft geschehen. Zu stark war in Frankreich inzwischen die Friedenssehnsucht aller politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten geworden.

Francois Seydoux, der in Berlin geborene und später langjährige französische Botschafter in Bonn, hat in seinen Lebenserinnerungen über seine Jugendzeit in jenen Jahren Folgendes geschrieben.

"Ich verbrachte die Ferien des Sommers 1925 im französischen Hochkommissariat für das Rheinland mit Sitz in Koblenz (…). Nirgends hätte man sich ein zugleich glanzvolleres wie unzutreffenderes Bild von der Situation Frankreichs machen können, das siegreich an den Ufern des Rheins und der Mosel eine große Tradition wiederbelebte. Nirgends fühlten wir uns von den Deutschen weiter entfernt als in diesen uns geographisch und auch aufgrund eines gemeinsamen Erbes so nahe gelegenen Gebieten. Franzosen und Deutsche lebten nebeneinander, ohne sich anzublicken, die einen bestrebt, sich an eine Situation zu gewöhnen, die man sich zwangloser gewünscht hätte, die anderen düster verschlossen in ihrer Demütigung. Die brave Frau, bei der ich logierte, hatte nur wenige Minuten für ein paar Worte mit mir übrig; wir hatten nicht die gleiche Wellenlänge; das Besatzungsregime war böse für sie, und ich armer Junge gehörte zu den Besatzern. Ein separatistisches Rheinland, das in den vergangenen Jahren einmal eine Chance gehabt hatte, kam nicht mehr in Frage. Von Wiederversöhnung aber sprach kein Mensch."

Eine wirklich dauerhafte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich konnte erst Wirklichkeit werden, als ein weiterer und unermesslich grausamerer Krieg gezeigt hatte, dass es keine Alternative mehr geben konnte zu einer Zusammenarbeit Frankreichs und Deutschlands für ein vereintes und friedliches Europa.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.