Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Philippe Meyer

Die Pariser Peripherie

Der europäische Rhein



Das Europäische Parlament in Straßburg.Das Europäische Parlament in Straßburg. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (J. Patrick Fischer; Wikimedia Commons)
Durch die Entstehung einer Europäischen Union nach dem Zweiten Weltkrieg, mit einem Europäischen Parlament in Straßburg, hat diese schmerzliche Situation ein Ende gefunden. Straßburg ist nicht mehr nur der Sitz einer französischen Präfektur, sondern "Hauptstadt Europas". Hauptstadt einer Union also, die sich das Ziel vorgegeben hat, Bruderkrieg auslösende nationalistische Standpunkte auszumerzen.

Der Oberrhein ist sowohl deutsch als auch französisch, denn er ist nun ein europäischer Fluss. Die Grenzposten auf seinen Brücken, zwischen Baden-Württemberg und dem Elsass, sind abgebaut. Die nationalistisch gefärbten Beleidigungen entbehren jeder Grundlage. Erckmann-Chatrians und Hansis Spötteleien über Deutschland sind vergessen. Der durch Barrès, Bazin oder auch Valotton genährte Mythos von den Germanen, die sich gegenüber dem, nach Empfinden seiner Bevölkerung, "von Gott gesegneten" Frankreich unmenschlich verhalten, ist begraben. Die rachsüchtigen, über den Fluss hinweg Beleidigungen ausstoßenden, Harpyien haben sich zugunsten regionaler Übereinkommen, hinsichtlich universitärer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit, zurückgezogen. Der von Victor Hugo, Guillaume Apollinaire, Gérard de Nerval gehegte französische Traum und Heinrich Heines deutsche Sehnsucht sind Realität geworden: der Rhein ist keine Grenze mehr, sondern der Fluss, der die europäische Kultur symbolisiert.

Einen Beitrag zu dieser Entwicklung hat auch der französische Staat geleistet und dadurch, zum ersten Mal in seiner Geschichte, seine Souveränität eingeschränkt: die Ecole Nationale d’Administration (ENA) wurde in die europäische Hauptstadt verlegt und ein Kernkraftwerk auf dem linken Rheinufer, "nur einen Gewehrschuss entfernt" vom vormals feindlichen Ufer, gebaut. Durch eine gemeinsame Finanzierung sanieren Frankreich und Deutschland den Rhein.

Der Rhein als Peripherie Frankreichs

Jedoch scheint Paris oft weiter vom Rhein entfernt als Berlin. Der Schnellzug TGV hat Straßburg und somit Deutschland viel später als die anderen französischen Städte mit Paris verbunden. Im Kollektivbewusstsein der Pariser und der Regierung sind die Binnenflüsse des Hexagons weit präsenter als der Rhein: Der Staat will Groß-Paris im Seine-Tal bis zum Ärmelkanal ausdehnen und somit eine Anbindung an den Seeverkehr schaffen. Paris ist um die Erhaltung der Königsschlösser an der Loire bemüht, um die Schifffbarkeit der Garonne und die Verkehrsverbindungen im Rhônetal. Paris scheint den Rhein nur sehr entfernt wahr zu nehmen.

Umgekehrt ist es allerdings genauso. Die Elsässer betrachten Paris als Hauptstadt des "inneren" Frankreich, dem sie sich nicht unbedingt zugehörig fühlen. Die Studenten und Professoren der ENA beklagen sich, weit weg von der Hauptstadt zu sein. Es besteht weniger Nachfrage nach Wochenendhäusern im Elsass, verglichen mit weniger abgehängten Landstrichen. Frankreich führt die tausendjährige royalistische Tradition des Zentralismus fort – es will die Macht nicht teilen. Der Eindruck, der Staat kehre dem Oberrhein den Rücken oder sieht ihn als eine zu vernachlässigende Größe an, jetzt, wo die europäische Idee an beiden Ufern reflektiert wird, lässt sich nicht von der Hand weisen. Das ist jedoch relativ bedeutungslos.

Die Doppelfunktion des Rheins – Grenzfluss in seinem Oberlauf und deutscher Rhein in seinem unteren Abschnitt – hat erheblichen Anteil an seiner komplizierten Geschichte. Durch die Bildung der Europäischen Union wurde die Situation dadurch vereinfacht, dass der Obere Rhein von deutschen und französischen Ansprüchen geschützt ist. Die ehemaligen Anrainer der beiden Ufer sind durch Europa ersetzt, die Debattenlage hat sich verändert. Durch die europäische Brille gesehen, wird auch der Unterrhein anders wahrgenommen. Europa hat keinen Grenzfluss mehr, und nationalistisch gefärbte Diskurse hinsichtlich der Binnenflüsse Europas sind obsolet geworden. Die Flüsse gehören aber ihrer ursprünglichen Staatsnation an. Es gibt einen, in seinem unteren Abschnitt, deutschen Rhein, wie es eine französische Seine und eine polnische Weichsel gibt. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung werden diese Flüsse immer mehr zu Strömen eines vereinten Europa. Der Oberlauf des Rheins hat diese Stufe schon erreicht.

Ein französischer Biologe hat vor einiger Zeit die Behauptung aufgestellt, das Wasser habe ein Gedächtnis, was sich als wissenschaftlich falsch erwiesen hat. Aber alle Flussufer haben ein spezifisches Gedächtnis, und jedes dieser Ufer wird kulturelle Stütze in einem vielfältigen, aber vereinten Europa sein. Die Ufer des Rheins werden sich an die kultivierten Menschen erinnern, die grundlegende Maßstäbe für eine europäische Kultur gesetzt haben; die Loire-Ufer werden immer den kulturellen Reichtum des Quattrocento reflektieren und die der Memel werden sich an den Europaschwärmer Adam Mickiewicz erinnern. Die Nibelungen hinterlassen ihren Schatz an allen Gestaden.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.