Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Eva-Maria Stolberg

Heimat Fluss

Von der europäischen "Lebenswelt" zum nationalen "Lebensraum"

Die Mündung der Weichsel kurz vor dem Stadtgebiet von Danzig.Die Mündung der Weichsel kurz vor dem Stadtgebiet von Danzig. (© Inka Schwand)
Mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts erfolgte ein extremer Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse, die vor allem die ländliche "Lebenswelt" erschütterte. Gleichzeitig schuf die Moderne die Nation und den Nationalismus.

So wurde in Preußen der friderizianische Gedanke der "inneren Kolonisation" wieder aufgenommen, jedoch mit einer anderen Zielsetzung. Dies galt vor allem für die Provinzen Posen und Westpreußen, wo die verstärkte staatliche Ansiedlung von deutschen Erbpächtern aus nationalen, polenfeindlichen Überlegungen heraus gefördert wurde. Ziel war es,"das Vordringen des Polentums" einzudämmen. Im Gegensatz zu den preußischen Trockenlegungen des 18. Jahrhunderts waren die Ansiedlung und Förderung polnischer Kolonisten nicht mehr vorgesehen. An ihre Stelle traten west- und süddeutsche Ansiedler sowie Rückwanderer aus dem Zarenreich. Insgesamt wollte man den deutschen Anteil stärken: Die staatlicherseits geprägte Kolonisation war nun eindeutig deutsch geprägt.

"Innere Kolonisation" war auch in den 1920er Jahren Thema der innenpolitischen Diskussion in der Weimarer Republik und erhielt mit dem Rückgriff auf die „deutsche Ostkolonisation“ im Mittelalter eine Scheinlegitimation. Die spätere Forschung in der Volksrepublik Polen nach 1945 sah in der "inneren Kolonisation" der Zwischenkriegszeit den Versuch, die polnische Bevölkerung zu verdrängen. Implizit weist der Historiker Matthias Weipert daraufhin, dass die Reagrarisierung und innere Kolonisation ländlicher Räume in der Weimarer Republik zugleich als Ausdruck einer Remilitarisierung im Zeichen der Nation zu verstehen waren. Im Diskurs um den "Agrarstaat" stellten die Landwirtschaft und der ländliche Raum die Basis für eine "wehrtüchtige" Gesellschaft dar. Die Entdeckung des agrarischen Osten diente als Projektionsfläche für die nach dem Ersten Weltkrieg verloren gegangene Weltgeltung des Deutschen Reiches. Der Schritt zu späteren Expansionsplänen der Nationalsozialisten, kulminierend im rassistischen Konzept des "Lebensraumes", war damit im Ansatz bereits gegeben.

Flüsse als fremde Heimat und Neuanfang

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stand auch in den neu gegründeten sozialistischen Gesellschaften der DDR und der Volksrepublik Polen die Gestaltung von Großräumen im Vordergrund – im Staatssozialismus wurden Boden und Wasser als natürliche "Produktionsmittel" angesehen. Den Raumplanern ging es um die agrarische Flächennutzung im großen Maßstab, also wurden in den 1960er Jahren erneut Meliorationsarbeiten durchgeführt. Gleichzeitig wurde der größtenteils noch verminte Ackerboden wieder nutzbar gemacht. Das war vor allem das Werk der Flüchtlinge und Vertriebenen. So wurden die Flusslandschaften zur Metapher des Neuanfangs und des Aufbruchs in eine sozialistische Zukunft – in der DDR wie in der Volksrepublik Polen.

Die Aneignung der sozialistischen Flusslandschaft durch die Umsiedler war allerdings ein schwieriger Prozess. Die dauernde Unsicherheit, ob die neue Heimat auch tatsächlich dauerhaft und eine Rückkehr in die alte Heimat ausgeschlossen sei, führte zu einer zögerlichen Verwurzelung. Von einer "Landnahme" konnte man schwerlich sprechen. Aufschlussreich ist, dass die polnischen Umsiedler die ökologisch-physiographische Umwelt der Niederungslandschaft Oder nicht als fremd empfanden, wohl aber die kulturelle, die die Deutschen hinterlassen hatten. Nicht die physiographische Natur, sondern die kulturelle Konnotation mutete den Umsiedlern unpolnisch an.

Im Frühjahr und Sommer 1945 kam der Plan der Ansiedlung von polnischen Wehrbauern an der Oder und Neiße auf: Demobilisierten polnischen Soldaten und ihren Familien wurden Höfe in Aussicht gestellt, um − wie es national-patriotisch hieß – den starken polnischen Geist auszustrahlen. In einer Proklamation der polnischen Volksarmee vom April 1946 hieß es:

"In den westlichen Gebieten der Rzeczpospolita, von den Quellen der Lausitzer Neiße bis zu den graublauen Wellen der Ostsee, steht eine treue Wache – der polnische Soldat. Vor einem Jahr donnerten hier die Geschütze, brannten Siedlungen und Wälder, die Straßen waren erfüllt vom Knirschen der Raupenketten. Die polnische I. und II. Armee befreiten die uralten Piastenlande aus der jahrhundertelangen deutschen Gefangenschaft. In Oder und Neiße fließen Heldenblut zur Ostsee. (…) Heute ist an der Westgrenze Polens ein Damm der Polonität gewachsen und erstarkt − das Militärsiedlungswesen. Die Körper der Gefallenen zeugen besser als alle Grenzpfähle von unseren Rechten auf die Grenze an Oder, Neiße und Ostsee. Und es zeugt von der Arbeit des polnischen Bauern und Arbeiters. Schon zum zweitenmal innerhalb eines Jahres ackert und sät der Soldatensiedler in den Wiedergewonnenen Gebieten."

Hier wurden Oder und Neiße als historisch gewachsene Wehrgrenze gegenüber dem ethnisch Fremden konstruiert. Die eigene Ethnizität (Polonität) erscheint als eine dem Deichwesen entlehnte Metapher (Damm), die die Flut des Deutschen zurückhalten soll. Ungeachtet der offiziellen Erklärung zur „sozialistischen Friedensgrenze“ im Verhältnis DDR – Volksrepublik Polen, betrachtete die polnische Regierung die Oder-Neiße-Grenze zugleich als militärische Sicherheitszone. Das änderte sich erst mit der Ost-West-Entspannung in den 1970er Jahren.

Europäische Flusslandschaften



Erst Anfang der 1970er Jahre kam es zu einem lebhaften Reiseverkehr – der europäische Entspannungsprozesses und die Ostverträge der Bundesrepublik Deutschland haben es möglich gemacht. Auch in der Frage der Oder-Neiße-Linie setzte eine Entspannung im deutsch-polnischen Verhältnis ein. Zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen wurde eine grenzüberschreitende technologische Zusammenarbeit zur Erschließung der Niederungslandschaft an der Oder vereinbart. Im September 1974 trat die "Ständige Kommission Infrastruktur Oder-Neiße des Wirtschaftsausschusses DDR/VRP" ins Leben. Die Implentierung einer effizienten Wasserwirtschaft wurde zum Leitfaden des "sozialistischen Aufbaus" in beiden Ländern.

Neben der beiderseitigen Nutzung des Oderwassers für die Landwirtschaft sollten die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung, die Kontrolle der Grundwasserstände in dem Niederungsgebiet sowie hydrologische Messungen gemeinsam geregelt werden. Das Prinzip Nachhaltigkeit stand dabei sowohl auf ostdeutscher als auch polnischer Seite bis in die späten 1980er Jahre nicht zur Debatte. Der exzessive Ausbau der chemischen Industrie (etwa in Schwedt an der Oder und Tarnówskie Góry) führte zu einer starken Gewässerbelastung. Allein auf polnischer Seite werden die Sanierungskosten heute auf zwei Milliarden US-Dollar beziffert. Der militär- und sicherheitspolitische Duktus der polnischen Westforschung, insbesondere im Hinblick auf die Oder-Neiße-Grenze, verlor sich endgültig mit den Verträgen zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und Polen in den Jahren 1990 und 1991.

So gehört die Heimat Fluss wieder allen. Flüsse als nationale Grenzen haben gegenüber dem Verbindenden an Bedeutung verloren. Die ostmitteleuropäische Flusslandschaft der Oder ist zu einer "Euroregion" geworden. Allerdings lässt die Erweiterung der Europäischen Union weiter östlich neue Grenzlandschaften entstehen.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)