Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die besten Botschafter Europas

Exkurs: Abschied und Wiederkehr

Dass Flüsse bis in die jüngste Zeit auf ihre Funktion als Grenze reduziert werden konnten, hat auch mit unserem Desinteresse an ihnen zu tun. Auch dieses Desinteresse ist eine Hinterlassenschaft des 19. Jahrhunderts.

Einst waren Flüsse eine conditio sine qua non der Stadtgründung. Nicht nur die meisten römischen Städte auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik wurden an Flüssen gegründet, sondern auch die frühmittelalterlichen Städte im 9. und 10. Jahrhundert sowie jene Städte, die im Rahmen der ostelbischen Christianisierung und schließlich während der Ostkolonisation im 12. bis 14. Jahrhundert entstanden. Eine besondere Rolle hatten dabei die Städte inne, die an Flussmündungen gegründet wurden. An der Elbe oder der Weser trugen die Gezeiten der Nordsee die Seeschiffe bis Hamburg und Bremen und wieder zurück. So nimmt es kaum Wunder, dass die Hanse, diese Europäische Union der Frühen Neuzeit, nicht nur ein Bündnis der Ostseestädte war, sondern auch jener Städte, die über ihre Flüsse mit der Ostsee verbunden waren.

Bis zum Beginn des Eisenbahnzeitalters waren Flüsse die Lebensadern des städtischen Handels und die Symbole stadtbürgerlicher Identität. Städte tragen ihren Fluss wie Hamburg im Wappen oder wie die beiden Frankfurts im Namen. Auch welcher Fluss in welcher Stadt in welchen größeren Fluss mündet, lässt sich an zahlreichen Städtenamen ablesen. Aber auch die Kulturlandschaften kommen zu ihrem Recht. Der Rheinwein wird im Rheinland gekeltert, das Oderland und das Havelland sind seit Fontane unwiderruflich mit der Mark Brandenburg verbunden. "An der schönen blauen Donau" erklingen die Walzer von Johann Strauss.

Flüsse nennen die Dinge beim Namen, und die Zeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die große Zeit der Flüsse auch in Deutschland. Canaletto hat sie, zum Beispiel in Dresden mit dem Elbufer, in seinen Stadtveduten festgehalten. Schon zuvor haben die Romantiker und ersten Touristen die Bilder des malerischen Mittelrheintals und auch der Sächsischen Schweiz zunächst in England und Italien, später in ganz Europa verbreitet.

Mit der Industrialisierung ging dieses Zeitalter jäh zu Ende. Wie Dieter Schott am Beispiel Mannheims nachgewiesen hat, war die einzige Chance, die die Städte hatten, um der Eisenbahn Paroli zu bieten, der radikale Ausbau der Flüsse zu Wasserstraßen. Mit der Industrialisierung der Produktion begann auch die Industrialisierung der Flüsse. Neue Häfen entstanden, Städte und Stadtbewohner wandten sich von den Flussufern ab, die Flüsse selbst wurden zu Kloaken, die kleineren unter ihnen wurden schließlich in Rohre unter die Erde verbannt. Nur ab und an, wenn sie über die Ufer traten, riefen sich die Flüsse wieder ins Gedächtnis.

Der Rhein als Wasserautobahn, die Unterelbe die Verlängerung der Nordsee bis Hamburg, BASF und Höchst im Rhein-Main-Gebiet, die Donauschiene als industrielles Zentrum Österreichs: Von den Kulturlandschaften, die die Flüsse einst geschaffen hatten, war, vor allem in den Ballungsgebieten der großen Städte, nicht mehr viel übrig geblieben.

So brachte das 19. Jahrhundert also beides: Die Reduzierung der Flüsse auf eine politische Grenzfunktion sowie ihren Ausbau als Wasserstraße im Wege der Industrialisierung.

Das letzte Wort der Flussgeschichte war damit aber nicht gesprochen. Seit dem Niedergang des Industriezeitalters und dem Beginn der digitalen Revolution sind wir Zeugen eines erneuten Paradigmenwechsels im Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Flüssen. Brach liegende Industrieflächen erwachen als Kulturzentren zu neuem Leben, Uferlagen werden zu Naherholungsgebieten, am Wasser entstehen neue, städtische Wohngebiete, die Fahrgastschifffahrt boomt. Überall wenden sich Städte und Menschen wieder ihren Flüssen zu.

Dieser Trend ist in Deutschland inzwischen überall zu beobachten. Begonnen hat er in Frankfurt, wo das Mainufer mit dem "Museumsufer" als Kulturmeile neu entdeckt wurde. In Hamburg entsteht mit der Hafencity ein neuer Stadtteil an der Elbe, in Basel soll die ehemalige Rheininsel revitalisiert werden, in Brandenburg und Sachsen-Anhalt wird die Havel mit der Bundesgartenschau 2015 zum "blauen Band" zwischen Rathenow und Havelberg, in Berlin ist die Spree ein Schaufenster des Regierungsviertels, Ulm rückt wieder an die Donau heran, Bremen hat die "Schlachte", seinen historischen Hafen, zur Flaniermeile umgebaut, und an der Oder verbinden Promenadenwege die beiden Grenzstädte Frankfurt und Słubice.

...zu fließenden Räumen

Groß Neuendorf war einst der Hafen des Oderbruchs. Alte Waggons erinnern noch daran.Groß Neuendorf war einst der Hafen des Oderbruchs. Alte Waggons erinnern noch daran. (© Inka Schwand)
Das neue Interesse an den Flüssen bringt auch neue Bilder hervor. Auch in der Forschung steht nun nicht mehr das 19. Jahrhundert im Mittelpunkt, sondern mehr und mehr auch die "vornationale" Kulturgeschichte der Flüsse, hat Guido Hausmann in seinen Arbeiten über Flüsse als europäische Erinnerungsorte festgestellt. Damit wird aber auch ihre bislang so hartnäckige Funktion als Grenze in Frage gestellt. Eva-Maria Stolberg schreibt in ihrer Untersuchung über die Oder und die Weichsel: "Die Eigendynamik von Flüssen, ihr für die Menschen unberechenbarer natürlicher Charakter des Fließens und Veränderns, lässt sich nur schwer in nationalistische Paradigmen der Grenzziehung und kulturelle Abgrenzungen, wie sie das 19. und 20. Jahrhundert pflegten, zwängen."

In Frankreich wurde dieser Paradigmenwechsel in jüngster Zeit am Beispiel der Rhone diskutiert. Gerade weil Frankreichs größter Strom ab der Mündung der Saône bei Lyon ganz grenzenlos durch Frankreich fließt, konnte man bei seiner Erforschung die verbindende Rolle hervorheben. In seinem 648 Seiten starken Werk Die Rhone im Mittelalter beschreibt der französische Mediävist Jacques Roussaud die Rhone als eine Region, die er "la royaume du fleuve", das "Reich am Fluss" nannte. Namentlich die Rhone, betont Roussaud, habe die verschiedenen Regionen, dir ihr zu Ufer lagen, über den Handel, den Austausch von Ideen, gemeinsame Lebensweisen und Arbeitstechniken zusammengehalten und zu einer Großregion geformt.

Die Erfurter Historikerin Susanne Rau spricht in diesem Zusammenhang von "fließenden Räumen". Das Raumbildende an den Flüssen ist für sie auch das Paradigma, das die Vorstellung von Flüssen als "natürlichen Grenzen" ablösen kann. Ganz programmatisch stellt sie die Frage "Wie lässt sich die Geschichte des Flusses schreiben?" Eine Antwort, meint sie, habe Roussaud mit seiner Arbeit über die Rhone gegeben, weil er diesen Strom nicht nur als Objekt beschrieben hat, sondern auch "als Akteur und Gestalter".

Lässt sich mit diesem Konzept auch die Geschichte von Grenzflüssen und grenzüberschreitenden Flüssen schreiben. Taugt es auch für einen neuen Blick auf die Oder, den Rhein, die Memel, die Elbe und die Donau?

Man muss diese Fragen wohl bejahen. Auch die Flüsse, die wir heute vor allem als Grenzflüsse und grenzüberschreitende Flüsse kennen, haben vor der Etablierung der Nationalstaaten Handels- und Wirtschaftsräume und damit auch Kulturlandschaften hervorgebracht. Die Memel etwa war nie nur die Grenze zwischen dem Deutschordensstaat und den Litauern, an deren Ufern zu Zeiten der "Litauerzüge" der Ordensritter zahlreiche Burgen gebaut wurden. Sie war, wie Siarhei Bohdan darstellt, immer auch ein Ort des Holztransports aus den litauischen Wäldern bis in die Ostsee – und später ein Scharnier zwischen Preußen und dem Russischen Reich.

Auch die Oder war nie nur die Grenze, auf die sie spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Grenzziehung an Oder und Neiße degradiert wurde. Wie die Ausstellung Tür an Tür. 1000 Jahre Nachbarschaft 2011 gezeigt hat, war sie auch ein Ort des Austauschs zwischen Deutschen und Polen – und machte Schlesien zu einer Brückenregion zwischen dem Westen und dem Osten des Kontinents.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)