Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die besten Botschafter Europas

Gleiches gilt natürlich auch für die Donau, auf die György Konrád in Budapest so gerne schaut. Auch wenn Europas zweitgrößter Strom heute auf 300 Kilometer die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien bildet, war er doch in kakanischen Zeiten das Zentrum Österreich-Ungarns und seiner Donaumonarchie.

Selbst der Rhein, jeder Strom, der lange vor der Grenzziehung an der Oder auf sein Schicksal als Grenze abonniert schien, wurde bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts rehabilitiert. Mitten in die Zeit der Rheinlandbesetzung hinein schrieb Lucien Febvre seine Geschichte des Rheins als Wirtschaftsgeschichte – und rückte die vermeintliche Grenze in den Mittelpunkt. Zu recht, wie wir heute wissen, ist doch die "Rheinschiene" eine der dynamischsten Wirtschaftsräume der Europäischen Union.

Schließlich die Elbe. Innerdeutsche Grenze war sie, ja, und das wird sie im Gedächtnis auch bleiben müssen, um die Schrecken der Teilung festzuhalten als Mahnung für kommende Generationen. Aber die Elbe hat die Regionen, durch die sie strömt, auch verbunden. Karl IV., der große europäische Kaiser, hat nicht nur Prag zum Zentrum des Heiligen Römischen Reiches gemacht, sondern auch Tangermünde zu seiner zweiten Residenz. Die Elbe war für ihn ein ähnliches Fenster zur Welt wie die Donau später für György Konrád. Doch das ist längst nicht alles: Noch immer gibt es in Hamburg den Moldauhafen, und das Ahoj, den Gruß, der im Tschechischen so verbreitet ist wie das Hallo in Deutschland, haben die Elbschiffer aus Hamburg nach Böhmen gebracht.

Sogar die Teilung Deutschlands hat an der Elbe einen gemeinsamen Raum hervorgebracht. Weil die innerdeutsche Grenze hüben wie drüben Periferie war, konnte sich der Naturraum Elbe ungehindert entfalten – und ist heute, als Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, ein ökologischer Schatz auf beiden Seiten des Flusses.

Geschichte im Fluss

Grenzüberschreitende Flüsse, das zeigen diese Beispiele, haben ihre eigene Geschichte. Sie erzählt etwas anderes als die Geschichte der Staaten, die sie durchfließen, oder die der Völker, die an ihnen leben. Wenn man sagt, dass Flüsse nicht nur trennen, sondern auch verbinden, so stößt man mit einer einzigen, nationalen Perspektive schnell an ihre Grenzen. Deshalb erfordern Flüsse, vor allem die grenzüberschreitenden unter ihnen, immer die Multiperspektive, den europäischen Blick. Auch deshalb sind sie die besten Botschafter Europas. Und sie sind, das wird vor allem György Konrád, den großen ungarischen und europäischen Essayisten freuen, ein Gegengift gegen die zunehmende Renationalisierung der Erinnerung in Europa.

Ein deutscher und polnischer Erinnerungsort: Die Mottlau in Danzig.Ein deutscher und polnischer Erinnerungsort: Die Mottlau in Danzig. (© Inka Schwand)
Flüsse als Thema eines europäischen Dialogs: Das ist auch der Grund, warum die Bundeszentrale für politische Bildung das Onlinedossier Geschichte im Fluss veröffentlicht. Am Beispiel von Oder, Rhein, Memel, Elbe und Donau etablieren Autoren unter anderem aus Polen, Frankreich, Litauen, Belorus, Tschechien und Deutschland Flüsse als europäische Erinnerungsorte. So entsteht ein vielsprachiges Gespräch über die Flüsse Europas – und ein europäischer Dialog über Grenzen und Grenzüberschreitungen, der gerade in Zeiten der Krise so nötig ist. Dieser Ansatz ist neu – und er verspricht Überraschungen. Wenn bislang über Flüsse geforscht wurde, standen – neben dem Konzept der Grenze – Umweltthemen oder Hochwasserschutz ganz oben, ihre Kulturgeschichte fristete dagegen ein Schattendasein. Guido Hausmann, der mit seinem Buch über die Wolga eine wegweisende Studie über Flüsse als Erinnerungsorte vorlegte, mutmaßt gar, dass die Geschichtswissenschaft selbst zu dieser Wissenslücke beigetragen habe: "Einer 'Flussuntersuchung' oder -geschichte haftete (…) die Vorstellung von einem unseriösen, unwissenschaftlichen und populären Thema an, da sie zur identifikationsstiftenden, sinnverleihenden und emotionalisierenden (Nach-)Erzählung statt zur kritischen Untersuchung zu tendieren schien", schreibt Hausmann. "Das verlangte geradezu Distanzierung, zumal auf den ersten Blick weder menschliche Akteure noch soziales Handeln im Zentrum standen oder zu erkennen waren."

Inzwischen sind aber in der Tradition von Lucien Febvre eine Reihe von Flussgeschichten entstanden, die den Fluss selbst als Akteur der Geschichte in den Mittelpunkt stellten – und damit auch von seinem Korsett als "natürlicher Grenze" befreiten. Allen voran natürlich Claudio Magris' Donaubiografie. In diesem opus magnum breitet der Europäer aus Triest ein geistesgeschichtliches Panorama der Donau aus und stellt den Fluss in den Mittelpunkt des Denkens.

Peter Ackroyds Geschichte der Themse wiederum ist nicht nur englische Geschichte, sondern auch die Geschichte eines europäischen Imperiums. Und sie ist, by the way, auch eine Geschichte der Zeit, schließlich liegen auch Greenwich und der Nullmeridian, lange Zeit der Messpunkt der Weltzeit, an der Themse. Gleichzeitig skizziert der britische Historiker in seinem Buch das Konzept einer liquid history. "Wir tragen die Assoziationen, die sich in der Vergangenheit mit dem Fluss verknüpften, weiter in uns, und wenn wir sie nicht kennen, verstehen wir nicht die besondere Art seiner Präsenz in der modernen Welt."

Die Poesie der Flüsse

Von einem liquid turn, der dem viel zitierten spatial turn der Geschichtswissenschaft folgt, sind wir allerdings, trotz der genannten Publikationen, noch weit entfernt.

Die Poeten und Schriftsteller sind da einen Schritt weiter. Wunderbar verknüpft Jan Böttcher in seinem Elberoman Nachglühen das Alltagsleben in einem Dorf zu einem deutsch-deutschen Mikrokosmos. Esther Kinsky wiederum beschreibt die Theiß in ihrer Novelle Sommerfrische als Naturgewalt, mit der sich die Menschen einrichten müssen – oder untergehen. Die polnische Autorin Olga Tokarczuk schlägt gar vor, das Europa der Regionen nach den Einzugsgebieten seiner Ströme zu bilden. Ein poetisches Konzept, gewiss, aber was für eins!

Zugleich ist die Literatur, mehr noch als der Einzug der Flüsse in die Kulturwissenschaften und die Historiographie, ein Hinweis auf die Rolle der Periferien. Nicht in Berlin, Warschau oder Budapest wächst Europa zusammen, sondern an seinen Rändern. Dort also, wo Ressentiments ebenso zuhause sind wie die Neugier auf das Fremde. So ist der Fluss also auch eine Metapher für den Rand, der in die Mitte rückt.

Geschichte und Geschichten im Fluss: Nicht nur eine Erweiterung eingeübter Blicke bieten solche Arbeiten, sondern auch eine Neuvermessung der Ströme in Raum und Zeit. Lange bevor die Menschen an all diesen Flüssen siedelten, waren diese schon da. Und sie werden auch noch da sein, wenn diese Landstriche längst entvölkert sind, weil neue Wanderungen Europas Karten neu Mischen werden. Ein bisschen stehen die Flüsse auch über der Geschichte.

Höchste Zeit also, die nationalen Mythen, die auf den Flüssen lasten, zu dekonstruieren und sie wieder zu dem zu machen, was sie sind – nicht Objekte der Geschichte, sondern deren Subjekte, die Kulturlandschaften hervorbringen und narrative Räume, die sich um Grenzen nicht scheren.

So wird also auch das Onlinedossier Geschichte im Fluss zu einer grenzenlosen Flussfahrt durch Europa – und füllt das Diktum von György Konrád – "Wer den Fluss achtet, der achtet auch seinen Nächsten" – mit Leben.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)