Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die Wiederentdeckung der Oder

Der Geist eines Flusses

Gibt es also überhaupt "die Oder"? Oder ist das die bloße Konstruktion eines Flusses, dessen Landschaft eher die Summe seiner Fragmente ist als ein zusammenhängender Kulturraum? Sprechen wir heute, wenn wir "an die Oder" fahren, Fluss, der in 633 Meter Höhe im mährischen Odergebirge bei Kozlava entspringt, 159 Kilometer durch die tschechische Republik mäandert, 580 Kilometer lang ein polnischer Fluss ist, auf 162 Kilometern die deutsch-polnische Grenze markiert, bevor er, wiederum als polnischer Fluss, ins Stettiner Haff mündet und von dort als Peenestrom, Swine (Świna) und Dievenow (Dziwna) in die Ostsee? Meinen wir jenen Fluss, der mit seinen 860 Kilometern der Länge nach die Nummer drei in Deutschland und die Nummer 14 in Europa ist, und der von den Hydrologen wegen seines mächtigen Einzugsgebiets von 118.611 Quadratkilometern in den Rang eines Stroms gehoben wird? Oder meinen wir wie Fontane, wenn wir die Oder vor Augen haben, nur einen Ausschnitt: die einzigartige Auenlandschaft im Unteren Odertal; die von Berlin schnell erreichbare Oder, die unter der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Słubice fließt; die Oder, auf deren Buhnen die Angler sitzen; die Oder, in der es gefährlich ist, zu schwimmen; die liebliche Oder mit ihrer Insellandschaft mitten in Breslau?

Was wissen wir von den Mäandern an ihrem Oberlauf, die sieben Kilometer lang die tschechisch-polnische Grenze bilden und, wenn der Fluss einmal wieder eigenmächtig seinen Lauf geändert hat, ganze Heerscharen von Vermessern, Kartographen und Diplomaten auf Trab bringen? Was von den Schlössern und Burgen, die an ihren Ufern gebaut wurden und heute, Ruinen nur noch, von vergangenen Kulturen erzählen? Was von der betörenden Schönheit ihrer Flusslandschaft, nicht nur im Nationalpark Unteres Odertal, sondern auch im mittleren Odertal zwischen Głogów und Brzeg Dolny? Können wir uns noch vorstellen, wie an den sonnigen Oderhügeln von Crossen und Tschicherzig Wein angebaut wurde? Und wenn ja, was wäre uns die Oder dann? Ein neuer Bezugspunkt unseres Denkens, eine Kulturlandschaft mitten in Europa, eine der Vergessenheit entrissene Region im "Europa der Regionen"? Oder einmal mehr eine geographische Chiffre für eine europäische Peripherie, über deren Brücken und Untiefen die Zukunft hinweggeht: nach Berlin, Warschau, Prag?

Fragen wie diese hat man sich auch über andere Flüssen gestellt. "Der einheitliche große Rhein", schrieb Lucien Febvre, einer seiner "Biografen", bereits 1931, "ist eine moderne Erfindung des Menschen: von Politikern, Ökonomen, Industriellen und Händlern." Bis zum 19. Jahrhundert habe es "mehrere Rheine" gegeben, die zu unterschiedlichen Zeiten mehr oder weniger erfolgreich gewesen seien. "Um die Rolle des großen Stromes bei der Herausbildung und den Fortschritten Europas zu verstehen", folgerte Febvre, "muss man also die Vorstellung von einem einheitlichen Flussband zwischen Basel und Rotterdam aufgeben und sie durch die Vorstellung eines Gitters mit gekreuzten, aber hinsichtlich Kraft und Abständen ungleichen Stäben ersetzen." Gleichwohl, sagte Febvre, ist die Vorstellung des einen, großen Flusses nicht nur retrospektive Konstruktion oder mit Pathos beladene Projektion. Jenseits der Fragmentierung in die "mehreren Rheine" habe es immer auch einen "Geist des Rheines" gegeben, den Rhein als Fluss, "der sich als einziger auf den Flügeln des Windes, der Leben spendet und Kulturen verbindet, im gesamten Rheintal von den Alpen bis zum Meer frei bewegen kann – ohne Rücksicht auf Hindernisse, Grenzen, Burgen, Landesfürsten".

Was aber ist der "Geist der Oder"? Welche Erzählungen spinnen sich um einen Fluss, auf dem man sich eben nicht "frei bewegen" kann? Acht Monate im Jahr ist die Oder schiffbar, wenn man Glück hat. Doch im Sommer geht oft gar nichts mehr, dann ist die Oder an manchen Stellen nicht einmal einen Meter tief. Die wenigen Reeder, die ihr die Treue gehalten haben, beschränken sich deshalb auf die Verbindungen von Berlin nach Stettin und von Oberschlesien nach Breslau. Im Hafen bleiben müssen die Kähne auch bei Hochwasser. Zweimal im Jahr, im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze in den Bergen begonnen hat, und im Sommer, wenn der Regen kommt, steigt der Pegel. Nicht mehr die Kapitäne und Reeder beschäftigen sich dann mit der Oder, sondern die Deichwächter. Und dann ist da noch das Eis. Die Zahl der Tage mit Eisstand, an denen das Treibeis durchschnittlich jedes Jahr zum Stehen kommt, beträgt in Ratibor 25, in Schwedt sogar 40. Am Rhein dagegen ist Eisstand unbekannt. So kommt es, dass die Oder der Schifffahrt immer ein Hindernis war, dem sie kreuzenden Verkehr dagegen nicht. Das Gitter, das man nach der Ansicht Febvres über die Flüsse legen soll, um eine Vorstellung der Kräfte zu bekommen, die an ihnen wirken, hat an der Oder, diesem Fluss, der soviel Mühe macht, besonders dicke Stäbe.

Fragmentierter Raum, fragmentierte Geschichte

Das gilt auch für die politische und wirtschaftliche Geschichte des Oderraumes. Lange bevor die Oder 1945 zum Grenzfluss zwischen Deutschen und Polen wurde und damit zu einem "europäischen Schicksalsfluss", wie es der Osteuropahistoriker Karl Schlögel formuliert, war sie bereits ein in vielerlei Hinsicht geteilter Fluss. Im Grunde hatte bis zum 18. Jahrhundert jeder seine eigene Oder: das Herzogtum Mähren am Oberlauf, die schlesischen Fürstentümer zwischen Ratibor und Grünberg, die Brandenburger und die Pommern. Erst mit der Eroberung Schlesiens durch Friedrich II. im 18. Jahrhundert fiel der größte Teil des Oderraums in eine einzige, nunmehr preußische Hand.

Die Oder in Groß Neuendorf im OderbruchDie Oder in Groß Neuendorf im Oderbruch. Von Grenze ist nichts mehr zu sehen. (© Inka Schwand)
Diese politische Fragmentierung der Oder, meint Karl Schlögel, sei neben den Hindernissen, die sie der Schifffahrt aufgab, der Grund dafür, dass sie "zu keiner Zeit eine staatsbildende oder kulturraumbildende Achse" gebildet habe. Stattdessen hätten sich in ihrem Bassin die Peripherien übernationaler dynastischer Zusammenhänge getroffen. "Die Oderregion", sagt Schlögel, "orientiert sich geistig, kulturell, politisch an Zentren außerhalb der Region: Prag, Wien, Stockholm, Berlin." Eine Ausnahme bilde lediglich Breslau, "das wohl kompakteste an Kulturzusammenhang, was sich entlang der Oder herausgebildet hat".

An der Fragmentierung des Oderraums konnte auch die Schifffahrt nichts ändern, die für den Fluss seit dem Codex Diplomaticus Silesiae von 1211 nachgewiesen ist. In jenem Jahr hatte der schlesische Herzog Heinrich I. dem Kloster in Leubus das Privileg zugestanden, zweimal im Jahr Meersalz aus Guben an der Neiße auf dem Wasserwege herbeizuschaffen. Dieses Unterfangen erwies sich freilich als äußerst mühselig, wie es in zeitgenössischen Berichten heißt. Den Booten der Mönche mussten nämlich Knechte vorausreiten, die zur Aufgabe hatten, das günstigste Fahrwasser des Flusses zu suchen und dasselbe mit Zweigen abzustecken.

Doch nicht nur der Flusslauf gab den mittelalterlichen Oderschiffern reichlich Mühe auf, sondern auch seine Nutzung als Energiequelle. "Um Mühlen zu bauen", schreibt Kurt Hermann in seiner Geschichte der Oder, "wurde die Oder mit Wehren verbaut und den Schiffen darin nur eine arge Schwierigkeiten bietende Durchfahrt gelassen." Was das für die Oderkähne bedeutet, schildert Hermann sehr eindrücklich:

"Es waren dies meist 'Schiffslöcher', Durchlässe primitivster Art, die im wesentlichen aus einer mit Holz verkleideten Lücke im Wehr bestanden, über deren geneigte Ebene die Fahrzeuge mit einer Windevorrichtung stromaufwärts gezogen werden mussten, wie dies noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei dem Schiffszug in Beuthen geschah. Bei der Talfahrt schossen die Schiffe mit dem Wasser hinab. Diese Schiffslöcher wurden zur Erhaltung des Wassers so flach gehalten, dass die Durchfahrt ungemein schwierig war".

Zahlreiche Versuche einer "Oderräumung", wie sie schon Kaiser Karl IV. gefordert hatte, waren an den Privilegien der Mühlenbesitzer gescheitert. Das letzte Mühlenwehr in Beuthen an der Oder wurde erst 1856 beseitigt.

Ein weiteres Hindernis für die Schifffahrt und somit für die Herausbildung eines zusammenhängenden Flussraumes waren die Niederlagsrechte, die Frankfurt (Oder) im Jahr 1250, Breslau im Jahr 1274 und Stettin im Jahr 1308 zugestanden wurden. Wer auf der Oder Waren transportierte, musste in diesen Städten die "Odersperre" passieren und sich verpflichten, seine Waren drei Tage lange auf dem Markt feilzubieten. Auf diese Weise brachten es sogar kleine Orte wie Oderberg zu einigem Reichtum, wie der Stadthistoriker Karl Wilke 1912 schreibt:

"Der Handel der Stadt war ehedem sehr beträchtlich und wurde gefördert durch das Recht der Niederlage, das die Stadt seit unvordenklicher Zeit besaß. Alle Waren, die den Oderstrom passierten, oder die längs des Flusses sich hinziehenden königlichen Handelsstraßen per Achse benutzten, mussten drei volle Tage hierorts anhalten, zum Verkauf auslegen und eine Gebühr entrichten, in die sich Stadt und Landherr teilten."


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)