Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Die Wiederentdeckung der Oder

Die preußische Oder

Ist der "Geist der Oder" also der einer fortgesetzten Zerrissenheit? Ihr Lied eine unvollendete Komposition ohne innere Harmonie und ohne ein Publikum, das ihr – zumindest verhalten – applaudiert hätte? Es war Preußens König Friedrich II., der die politische wie wirtschaftliche Fragmentierung des Oderraums im 18. Jahrhundert beenden und aus der Oder einen nunmehr preußischen Strom machen sollte. Einen ersten Schritt in diese Richtung hatte bereits Friedrichs Vater, Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., unternommen. Vier Jahre vor seinem Tod hatte er als Reaktion auf die Hochwasserkatastrophe von 1736 den niederländischen Deichbaumeister Simon Leonhard nach Preußen geholt. Der sollte nicht nur Deiche nach holländischem Vorbild bauen, sondern auch die Teilung des Flusses beenden und ihn zur modernen Wasserstraße ausbauen. Nach Friedrich Wilhelms Tod 1740 sollte Friedrich II. das Werk des Vaters fortsetzen – und verlieh ihm zugleich den Rang eines staatlichen Programms. Die Oder, so wollte es Friedrich, sollte zur "Beförderung des Comercii" und zur "Facilitierung der Schifffahrt" "recht navigabel" gemacht werden. So begann ein gewaltiges Werk von Menschenhand. Die Oder wurde begradigt und eingedeicht, ihre Sumpfregionen wie das Oderbruch wurden trockengelegt, um Land für Neusiedler zu schaffen. All dies zusammen, meint der Oderhistoriker Kurt Hermann, war ein "Siegeszug des menschlichen Geistes, der den Naturstrom zu einem Kulturstrom umgestaltet hat".

Friedrichs Modernisierungsprojekt wäre freilich nicht möglich gewesen ohne den preußischen Griff auf den übrigen Oderraum. Kaum hatte der Kronprinz 1740 den Thron bestiegen, ließ er seine Truppen in Schlesien einmarschieren. Damit begann 1741 der erste von insgesamt drei Schlesischen Kriegen mit Habsburg, in deren Folge Preußen sein Staatsgebiet um das wirtschaftlich prosperierende Schlesien erweiterte. Das pommersche Stettin war bereits 1720 preußisch geworden. Damit lag im 18. Jahrhundert nahezu der gesamte Oderlauf in preußischer Hand.

Das Modernisierungsprojekt, das die Preußen im 18. Jahrhundert begonnen hatten, sollte bis ins 20. Jahrhundert dauern. Zwischen Cosel, das zum zweitgrößten Binnenhafen des Deutschen Reichs wurde, und der schlesischen Metropole Breslau wurden 26 Staustufen gebaut. Die Kanäle nach Berlin wurden dem modernen Schiffsverkehr angepasst. Der Klodnitzkanal verband die Oder mit dem oberschlesischen Industrierevier. 1913 wurden 15 Millionen Tonnen Güter auf der Schifffahrtsstraße transportiert, zu der die Oder geworden war. Jedes fünfte deutsche Binnenschiff war damals auf der Oder unterwegs. Die Oder, so schien es, sollte endlich ihren Platz finden, wenn schon nicht im Mythenschatz der Deutschen, so doch als wichtige Wasserstraße auf der europäischen Landkarte.

Dass es auch damit nichts wurde, ist ebenfalls ein Ergebnis der Zeitläufte im 20. Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg, dem Vertrag von Versailles und der "Wiedergeburt" des polnischen Staates, wurde vor allem die schlesische Oder zum "gefühlten" Grenzfluss zwischen Deutschen und Polen. Ihre Städte waren plötzlich "Brückenköpfe" und "Ausfallstore", der Fluss selbst wurde von den Nationalisten zum "Fluss des deutschen Ostens" und zum "Träger des deutschen Geistes" stilisiert. An seinen Ufern entstanden die Bunker und Schützengräben der "Oderstellung". Später dann, als jener "deutsche Geist" in den Krieg zog, an dessen Ende der "Fluss des deutschen Ostens" polnisch wurde, versuchten sich andere an einer Ideologie des Flusses. Nun galt es für polnische Historiker und Archäologen nachzuweisen, dass die Oder schon immer Polens Grenze zum Westen war, slawische Muttererde also, die wieder ihren rechtmäßigen Besitzern anheim fiel. Knapp zweihundert Jahre nach dem Beginn ihres Ausbaus wurde die Oder zu einem "Gewässer am Kartenrand", zum Niemandsland mitten in Europa, zum vergessenen Fluss, aus dem Kulturstrom wurde wieder ein Naturstrom.

Das verbindende Band

Um so faszinierender ist es, dass wir seit einiger Zeit Zeugen einer Wiederentdeckung dieses europäischen Flussraumes sein können. Überall wenden sich die Städte wieder ihrem Fluss und seinen Ufern zu, so als gelte es, eine über Jahrzehnte hinweg gewahrte Distanz zu überwinden. Man nimmt plötzlich Verbindung auf zu den anderen Städten, die an der Oder liegen und nun ein gemeinsames Band bilden, ein Oderband. Auf den Oderinseln in Breslau, dieser beschaulichen Idylle inmitten des pulsierenden Großstadtlebens, hat man Uferwege und Fußgängerbrücken neu gebaut. Stadt und Fluss, noch nie schienen sie so gut miteinander zu harmonieren wie heute. In Leubus, das nun Lubiąż heißt, hat man mit der schrittweisen Renovierung des prächtigen Zisterzienserklosters begonnen. Wo einst die Schifffahrt auf der Oder ihren Lauf nahm, ist ein neues, kulturelles Zentrum für die Oderregion entstanden.

In Glogau, das zum Ende des Krieges fast vollständig zerstört war, setzen polnische Architekten und Städtebauer den in den achtziger Jahren begonnenen Wiederaufbau der Altstadt fort und erfinden ihre Stadt neu. Am Oderufer soll in Zukunft ein Ort der Erholung und des Tourismus entstehen. In Crossen, wo Joseph von Eichendorff 1809 so grandios gescheitert war, ist ein neuer Fähranleger fertiggestellt und das Oderufer zur Promenade geworden. Wer auf ihr flaniert, hat einen wunderbaren Blick auf die Oderberge am anderen Ufer, auf denen die Villen und Bürgerhäuser in der Sonne erstrahlen.

Auch in Frankfurt, das sich mit dem Wiederaufbau der Innenstadt nach dem Krieg um die eigene Achse gedreht und dem Fluss wie dem polnischen Słubice den Rücken zugewandt hatte, kann man wieder an der Oder promenieren. Gleichzeitig wurde mit der Wiedergründung der Europa-Universität Viadrina, die dem Namen nach ja nichts anderes ist als eine Oderuniversität, ein Zeichen gesetzt für das Zusammenwachsen Europas. Der Oder wurde neben Breslau und Stettin ein drittes geistiges Zentrum geschaffen.

In Stettin hat der Wiederaufbau der Altstadt mit ihren Cafés die Stadt wieder an den Fluss geführt. Die Neuentdeckung der Oder feiert man auch auf den Hakenterrassen mit ihrem prächtigen Blick auf den Fluss. Ihren Erbauer Hermann Haken, der von 1878 bis 1907 Oberbürgermeister war, haben die Stettiner unlängst sogar zum zweitbeliebtesten "Stettiner des Jahrhunderts" gewählt. Vor ihm lag nur noch der erste Nachkriegsstadtpräsident des polnischen Szczecin, Piotr Zaremba.

Die OderDie Oder ist heute kein politischer Fluss mehr, sondern eine Naturschönheit. (© Inka Schwand)
Die Wiederentdeckung der Oder ist aber nicht nur das Werk von Städtebauern und Flaneuren. Sie ist auch den Umwelt- und Naturschützern zu verdanken. "Zeit für die Oder" heißt ein Bündnis, in dem sich mehr als dreißig Umweltinitiativen aus Deutschland, Polen und Tschechien zusammengeschlossen haben. Ihre Leistung besteht nicht nur darin, den Schutz der Auenwälder und die Schaffung natürlicher Überschwemmungsflächen auf die politische Agenda gesetzt zu haben. Sie haben die Oder auch als zusammenhängenden Fluss, von der Quelle bis zur Mündung, gezeichnet. Kartographisch ist damit gleichfalls der Anfang vom Ende der Teilung der Oder gemacht worden. Nun kann man sie vor sich ausbreiten, diese "Enzyklopädie" der mitteleuropäischen Kulturgeschichte, wie sie Karl Schlögel genannt hat. Auf den neuen Landkarten der Oder findet man Camillo Sittes Planungen für Ostrau ebenso wie Mendelssohns Kaufhaus in Breslau oder die Amazonas-Landschaft am Unterlauf des Flusses.

So ist es nicht erstaunlich, dass die Oder auch für die Touristiker wieder interessant wird. Mittlerweile gibt es sogar ein Ereignis, auf das die Oderstädte regelmäßig hinfiebern: Jedes Jahr im Juni macht sich das Flis Odrzański, das Oderfloß, auf den Weg von Brzeg (Brieg) nach Szczecin (Stettin). 16 Tage lang sind Flößer, Begleitschiffe, Tourismusmanager, Fotografen und Journalisten auf der Oder unterwegs und berichten über die Veranstaltungen und Feste, die anlässlich des "Flis" in jedem noch so kleinen Oderdorf abgehalten werden.

Am nachhaltigsten ist freilich die Wiederentdeckung der ehedem Geschichte der Oder. In zahlreichen Orten und Städten haben sich Hobbyhistoriker und engagierte Bürger in den vergangenen Jahren um die Neuentdeckung und Bewahrung des kulturellen Erbes bemüht. In Wrocław, Głogów oder Krosno Odrzańskie ist die deutsche Geschichte von Breslau, Glogau und Crossen längst kein Tabu mehr, sondern auch Verpflichtung. Auf der deutschen Seite sind die Enkel der Vertriebenen zu engagierten Verfechtern einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geworden. Was sie eint, ist die Überzeugung: Mit der Vergangenheit in die Zukunft. Nur so kann das Vorhaben gelingen, sich den Fluss zu teilen, der selbst so lange teilte und geteilt war. Und nur so kann ein neuer "Geist der Oder" geschaffen werden. Nicht mehr die Oder als Grenzfluss, sondern die Oder als ein narrativer Raum, in dem sich die Menschen ihre Geschichten erzählen – die von Krieg und Vertreibung, die von den Koffern, die man schließlich ausgepackt hat, die der Wünsche an die Zukunft.

Denn das wäre ja auch ein Einzugsgebiet eines Stromes – zu erfahren, woher und warum die Menschen, die vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert woanders gelebt haben, an diesen Strom gekommen sind. Und hier, mitten in Europa, eine neue Heimat gefunden haben.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)