Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Jürgen Peters

Die Zukunft des Oderbruchs

Hochwassergefahr und kulturelles Erbe

Blick auf das Niederoderbruch und den Oderberger See.Blick auf das Niederoderbruch und den Oderberger See. (© Inka Schwand)
Nach wie vor ist die bedrohliche Wucht des Wassers im Oderbruch erfahrbar, zuletzt in den Jahren 1997 und 2010. Jährlich ein- bis zweimal kommt es zu Hochwasserereignissen – im Frühjahr und im Sommer oder Herbst. Hier zeigt sich, dass insbesondere neuere Siedlungen, die in der DDR- oder Nachwendezeit errichtet worden sind, auf Standorten erbaut wurden, die stark hochwassergefährdet sind. Wie soll man zukünftig mit solchen Gebieten umgehen? Hat es Sinn, durch Hochwasser zerstörte Siedlungsbereiche immer wieder neu aufzubauen? Soll man die Deiche von Jahr zu Jahr erhöhen, um auf künftige Starkregenereignisse vorbereitet zu sein? Oder sollte man nicht besser eine langfristige Strategie verfolgen, die Teile des Oderbruchs der Natur zurückgibt und dem Fluss wieder mehr Raum lässt? Dies sind die entscheidenden Zukunftsfragen für das Oderbruch.

Eine weitere, wesentliche Frage stellt sich zum Umgang mit dem kulturellen Erbe, wie den historischen Siedlungsstrukturen, den Relikten der Entwässerung unter Friedrich dem Großen und dem Netz alter Eichen- und Apfelalleen. Diese Landschaftselemente machen als „geronnene Geschichte” die kulturelle Aneignung des Oderbruchs erlebbar. Es gibt die Idee, das Oderbruch als Weltkulturerbe auszuweisen. Auch wenn es zweifelhaft ist, ob dieses Ansinnen realistisch ist, ist doch der Grundgedanke bedenkenswert, mit der geschichtlichen Entwicklung dieser Landschaft sorgfältig umzugehen. Es gibt nicht mehr viele Landschaften in Deutschland, in denen die historischen baulichen Strukturen noch so authentisch erlebbar sind: Mittelflurhäuser in den Dorfkernen, Deichalleen mit jahrhundealten knorrigen Eichen, Loosegehöfte, die seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren als Inseln in der Agrarlandschaft den gesellschaftlichen Umbrüchen trotzen.

Wesentlich sind daher heute noch die landschaftsprägenden Zeugnisse der wasserbaulichen Maßnahmen, die unter der Regentschaft Friedrichs II. und der fachlichen Leitung des niederländischen Wasserbauingenieurs Haerlem im Jahre 1747 eingeleitet worden sind. Ein Netz von Entwässerungsgräben und Kanälen mit Schöpfwerken gliedert die Landschaft. Mit den begleitenden Kopfweidenreihen und Apfelalleen geben sie ihr ein harmonisches kulturelles Gepräge. Deichanlagen in einer Länge von 80 Kilometern begleiten den Hauptstrom und die Altgewässer. 250 Jahre alte Eichen, ehemals zur Deichbefestigung gepflanzt, sind Ausdruck der Symbiose zwischen Ingenieurbau und Landschaftsgestaltung.

Zurück an die Natur

Der heute ausgetragene Streit um die Zukunft der Deichalleen steht beispielhaft für den Konflikt zwischen historisch wie landschaftsästhetisch gleichermaßen wertvollen Landschaftsstrukturen und einem Hochwasserschutz, der primär auf Deicherhöhung und -ertüchtigung setzt. Dabei wird ein wichtiges Ziel außer Acht gelassen, das angesichts der Hochwasserkatastrophe von 1997 beinahe schon politikfähig geworden ist: der Oder wieder mehr Raum zu geben. Dies würde allerdings voraussetzen, Flächen, die der Natur vor 250 Jahren abgerungen wurden, an den Fluss zurückzugeben. Eine zukunftsweisende ganzheitliche Strategie der Flächennutzung und Bewirtschaftung im hydrogeologischen Einzugsbereich von Warthe und Oder sollte das Ziel verfolgen, Hochwasserspitzen zu minimieren, indem Überschwemmungsflächen bereitgestellt werden. Hierbei wären durchaus einige Fehlentwicklung der Siedlungsentwicklung zu korrigieren. Dies setzt auch länderübergreifende Abstimmungen voraus, wenn man die Flusssysteme der Warthe und Oder als Gesamtheit begreift.

Bemerkenswert am Oderbruch ist auch heute noch der erlebbare Gegensatz zwischen kulturräumlich geprägten Räumen, die im Wesentlichen landwirtschaftlich genutzt werden, und naturnahen Bereichen, die auf den Zustand der Landschaft vor der Besiedlung unter Friedrich dem Großen hinweisen.

Alles zusammen macht die Eigentümlichkeit dieses Landschaftsraumes aus. Die Geschichtlichkeit der Landschaft in zukünftigen Szenarien zu berücksichtigen, bedeutet, die wechselseitige Bedingtheit zwischen Natur- und Kulturraum neu zu entdecken.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)