Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Beata Halicka

Auf der Suche nach dem Oderland

Die Oderkonferenz

Der Tourismus verbindet die beiden Ufer der Oder.Der Tourismus verbindet die beiden Ufer der Oder. (© Inka Schwand)
Das Ziel, den Oderraum nicht nur stärker, sondern auch bekannter zu machen, haben sich Forscher an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) mit dem Projekt "Odra-Oder. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines europäischen Kulturraumes" gestellt. Es wurde in den Jahren 2005-2009 unter Leitung von Prof. Karl Schlögel realisiert und begann mit einer internationalen Konferenz, deren Ergebnisse zum Stand der interdisziplinären Oderforschung in einer Publikation in deutscher und in polnischer Sprache vorgestellt wurden.

Im Rahmen des Projektes entstand darüber hinaus eine große Oder-Ausstellung mit dem Titel Oderpanorama/Panorama Odry. Seit 2006 wurde die Wanderausstellung in zahlreichen Oderstädten gezeigt. Sie ist der Grundstein für ein Oder-Museum, das einmal entstehen soll.

Im Rahmen der Oder-Forschung wurde an der Viadrina seit 2006 alljährlich die Oder-Akademie organisiert, eine Schiffsreise mit deutschen und polnischen Studenten und Dozenten sowie Gästen aus der Region, die als Plattform für den Austausch zu wichtigen Oder-Themen gedacht ist. Auch hier geht es darum, die Oder als Kulturraum durch Heranziehung von verschiedenen Disziplinen zu erschließen. Dabei sollte einem möglichst breiten Publikum eine Vergangenheit sichtbar gemacht werden, die jahrzehntelang ausgeblendet gewesen ist. Die historischen Regionen des Oderraumes haben schließlich nicht nur eine Vergangenheit, sie haben viele Vergangenheiten. Ein angemessenes Bild ergibt sich also nur, wenn man alle daran beteiligten Perspektiven zur Kenntnis nimmt und zu verstehen sucht.

Das ist nicht einfach, weil die Geschichte der Regionen, wie die Regionen selbst, ideologisch umkämpft war. Das 20. Jahrhundert hat das Oderland besonders hart getroffen, seine Reduzierung auf Grenze und Peripherie hat ihm geschadet. Dabei hat die Oder sehr viel mehr zu bieten: Sie steht für Reichtum der Kultur und ihren Verlust, für Zerstörung und Wiederaufbau, für Verlust der alten Heimat und dem Gewinn einer neuen Heimat, für die Exzesse des Nationalismus und für kulturelle und zivilisatorische Leistungen, die keine Grenzen kennen.

Allerdings würde es, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, in die Irre führen, von einem homogenen Oderraum zu sprechen. Viel eher ist der Oderraum die Summe sehr verschiedener Regionen und Städte mit stark ausgeprägter eigener Individualität. Der Reichtum der Region besteht – wie auch anderswo – in ihrer Polyphonie, und die Kunst einer Arbeit an einem Oderraum besteht darin, diese Polyphonie zum Klingen zu bringen.

Motor Wirtschaft

Der grenzüberschreitenden Begegnung von Menschen waren seit der Wende zahlreiche deutsch-polnische und internationale Projekte gewidmet. Inzwischen sind den Worten Taten gefolgt. Es wird kooperiert, zusammen gebaut, zusammen gehandelt. Nicht mehr Kennenlern- und Kunstprojekte sind der Motor der Begegnungskultur an Oder und Neiße, sondern Unternehmungen, die sich für beide Seiten rechnen – ideell, aber auch wirtschaftlich.

Dies konnte im Rahmen eines Projektes nachgewiesen werden, in dem grenzübergreifende Initiativen im Jahre 2009 entlang der beiden Grenzflüsse untersucht, ausgewertet und verglichen wurden. Die daraus entstandene Ausstellung "Grenze. Welche Grenze?" macht schon durch den Titel auf sich aufmerksam. Im Katalog der Ausstellung erklären die Autoren Tina Veihelmann, Steffen Schuhmann und Jeannette Merker, wer als Grenzgänger gemeint ist:

"(Es sind) Menschen, die sich darum kümmern, dass es wieder Fähren gibt, wo es einmal Fähren gab. Dass Kinder auch die Sprache des Nachbarlandes lernen. Dass polnische Feuerwehren auch deutsche Brände löschen dürfen. Dass Städte, die geteilt wurden, wieder eine gemeinsame Infrastruktur aufbauen. Wir haben keine Helden getroffen, sondern Menschen, die eine Aufgabe gefunden haben und versuchen, sich nützlich zu machen."

Wurzeln schlagen

Seit dem Beitritt Polens zur EU sind inzwischen viele Jahre vergangen. Viel ist damals spekuliert worden über die Bürde der Vergangenheit, über gegenseitige Stereotype und die Suche nach Sündenböcken für den Fall, dass die Region mehr noch als bisher als Verlierer aus dem globalen Standortwettbewerb hervorgeht. Uwe Rada, Buchautor, Journalist und Kenner des Oderlandes, ist der Meinung, dass nichts davon eingetreten ist. Nicht mehr zwischen Deutschen und Polen besteht heute die Kluft, sondern zwischen den Jüngeren, die abwandern, und denen, die bleiben.

Die Idee vom Europa der Regionen scheint im Oderraum also Fuß zu fassen. Die regionale Identität wird nicht zur Schau gestellt, sondern gelebt. Allerdings identifizieren sich die Menschen meistens nicht mit der Großregion eines "Oderlandes", sondern mit den historischen Teilregionen in denen sie leben: Schlesien, beziehungsweise Niederschlesien, Brandenburg, Pommern – und in letzter Zeit immer häufiger mit dem Lebuser Land. Es ist ein Zeichen dafür, dass nach Jahrzehnten der Bevölkerungsverschiebungen, der dramatischen Abschiede und schwierigen Ankünfte endlich die Zeit gekommen ist, Wurzeln zu schlagen.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)