Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Winfried Lücking

Zeit für die Oder

Umweltschützer aus Polen und Deutschland wehren sich gegen den Ausbau.Umweltschützer aus Polen und Deutschland wehren sich gegen den Ausbau. (© Inka Schwand)
In Polen hatte sich zu dieser Zeit bereits das Aktionsbündnis "Koalicja - Czas na Odrę" (Bündnis Zeit für die Oder) gegründet. Hervorgegangen war es auf Initiative der Niederschlesischen Stiftung für ökologische Entwicklung in Breslau und des polnischen WWF. Die Umweltbewegung in der aufstrebenden Stadt Breslau mit ihrer großen Universität war recht stark. Außerdem waren dank der Projektarbeit des WWF zur Erstellung des Oder-Auenatlas schon viele Umweltorganisationen und einzelne Naturschützer an der polnischen Oder eingebunden worden.

Unser Kontakt zum polnischen Bündnis kam zustande, als sich die drei Umweltverbände BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), die DUH (Deutsche Umwelthilfe) und die Grüne Liga auf Grund der bedrohlichen Ausbausituation der Oder an die in Breslau sitzende "Internationale Kommission zum Schutz der Oder vor Verunreinigung" (IKSO) mit der Bitte wandten, in diese Kommission aufgenommen zu werden. Was am Rhein schon seit langem eine Selbstverständlichkeit war, stieß in Polen aber auf zahlreiche Widerstände. Umweltverbände, zumal deutsche, die in einer übergreifenden staatlichen Kommission dabei sein wollten? Das war für die Behörden aus der ehemaligen Planwirtschaft keine Selbstverständlichkeit – und führte offensichtlich zur Verunsicherung. Was wollten deutsche Umweltverbände an der polnischen Oder?

Das Bündnis Zeit für die Oder

Unabhängig davon gründeten wir 2001 die deutsche Sektion des Aktionbündnisses "Zeit für die Oder". Im gleichen Jahr wurde dann das internationale deutsch-polnisch-tschechische Aktionsbündnis "Zeit für die Oder" mit dreißig Organisationen aus der Taufe gehoben.

Auch eine Professionalisierung der Arbeit war nun möglich. Mit Hilfe von Fördermitteln der Deutschen Bundesstiftung Umwelt konnte der Landesverband Berlin des BUND für zwei Jahre eine internationale Servicestelle bereitstellen. In Abstimmung mit den nationalen Koordinationsstellen des Bündnisses an der 860 Kilometer langen Oder konnten wir so die Kommunikation gewährleisten und die Aktionen koordinieren.

Die Stärke des Bündnisses war wie erwartet die gemeinsame Präsenz in der gesamten Oderregion. Wir informierten und mobilisierten die Öffentlichkeit über Presse, Radio, Fernsehen und Internet und überraschten damit Ausbaubefürworter und Behörden auf beiden Seiten der Grenze. Diese Form des Widerstandes war für alle Beteiligten neu, was uns natürlich freute. Sie zeigte, dass es nicht um eine deutsche und eine polnische Oderdiskussion ging, sondern dass deutsche und polnische Umweltschütze gegen deutsche und polnische Ausbaupläne kämpften.

Sehr zur Verblüffung der polnischen Wasserwirtschaft gelang es uns, nach illegalen Ausbaumaßnahmen auf der polnischen Seite der Grenzoder bei Hohensaaten die Europäische Union einzuschalten. Das Bündnis zeigte den Wasserbauern also Grenzen auf, denn die Oder war seit Polens EU-Beitritt 2004 auch ein europäischer Fluss, der der Gesetzgebung der EU unterlag. Die Politik konnte das grenzüberschreitende Bündnis der Umweltschützer nicht mehr ignorieren und musste öffentlich Stellung beziehen – die Wogen gingen bis Berlin, Warschau und Brüssel. Das Ergebnis: Bislang wurden weder die HoFriWa, noch die Stromoder ausgebaut. Nicht überall war das Bündnis so erfolgreich: der natürliche Hochwasserschutz durch Rückdeichungen konnte nicht durchgesetzt werden, obwohl nach der großen Jahrhundertflut 1997 das Wort: "Gebt den Flüssen ihren Raum" in aller Munde war.

Und die nächste Herausforderung steht bereits bevor. Nun planen deutsche und polnische Wasserbaubehörden die Vertiefung der Grenzoder, angeblich um einen besseren Einsatz der großen polnischen Eisbrecher zu gewährleisten. Wiederum ein weiterer verdeckter Ausbauversuch für die großen Rheinschiffe.

Aber das Bündnis schläft nur.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)