Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Monika Stefanek

Schifffahrt ohne Grenzen

Fähre "Bez Granic" (Ohne Grenzen) zwischen Gozdowice und Güstebieser Loose.Fähre "Bez Granic" (Ohne Grenzen) zwischen Gozdowice und Güstebieser Loose. (© Inka Schwand)
Allerdings vergingen noch fast sieben Jahre, bis die Fähre die ersten Passagiere auf die andere Seite der Oder transportieren konnte. Noch war Polen kein Mitglied der Europäischen Union, von der Schengen-Zone ganz zu schweigen. Um die Idee einer grenzüberschreitenden Fähre zu verwirklichen, blieb nichts anderes übrig, als einen neuen Grenzübergang zu bauen. Doch auch hier stießen die Ideengeber wieder auf unzählige Hürden. Soll der Übergang den deutschen oder den polnischen Behörden unterordnet werden? Diese Frage blieb lange unbeantwortet. Zwei Jahre dauerte es, die nötigen Unterschriften unter die Dokumente zu bringen. Im Oktober 2007 war es dann soweit: Die Fähre zwischen Gozdowice und Güstebiese wurde feierlich in Betrieb genommen. Wie sich zwei Monate später herausstellte, war der frisch eingeweihte Grenzübergang gar nicht nötig gewesen – im Dezember 2007 trat Polen der Schengen-Zone bei.

Von Cigacice nach Berlin

Diese Probleme blieben den Ideengebern aus Nowa Sól gespart. Grenzübergänge und Grenzkontrollen gehören der Vergangenheit an. Der ehemalige Grenzfluss ist, zumindest für den Wassertourismus, wieder ein ganz normaler Strom. Das hat auch private Investoren ermutigt. Seit April 2010 ist Cigacice (Tschicherzig), ein kleiner Ort etwa 40 Km nördlich von Nowa Sól, um eine Attraktion reicher. Von Frühjahr bis Herbst kann man hier sich auf eine Oderfahrt mit einem Frachtkahn machen. Die auf historisch getrimmten Boote bestehen ausschließlich aus Holz.

"Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war Cigacice ein Luftkurort", erzählt Piotr Włoch, der die Idee mit dem "galar" hatte. "Galar", das ist die polnische Bezeichnung für einen Frachtkahn, auch wenn der "galar" von Piotr Włoch natürlich nachgebaut ist. "Tschicherzig war damals sehr populär. Ob es damals schon Frachtkähne gab, weiß ich nicht. Aber man konnte aber einen Ausflug mit Booten machen. So wie heute wieder."

Auch die Geschichte von Piotr Włoch ist eine Erfolgsgeschichte. Alleine im Jahr 2011 nahmen 6.000 Passagiere an den Ausflügen teil. Im Vergleich zu 2010 war das Interesse so groß, dass Piotr Włoch sich entschieden hat, ein drittes Boot bauen lassen. Die meisten Touristen kommen während des alljährlichen Weinfestes in Zielona Góra (Grünberg) – sie verbinden den Ausflug nach Cigacice mit dem Besuch der umliegenden Weinberge.

Auch in Deutschland finden Włochs "galary" an Zuspruch – und das ohne besondere Werbekampagnen. "Bis Ende Juni machten die Deutschen etwa 50 Prozent aller Touristen aus", sagt Piotr Włoch. Das hat ihn ermuntert. Ab 2012 plant er auch Ausflüge von Cigacice nach Berlin und zurück.

Einmal ist der junge Pole die Strecke mit seinem Frachtkahn schon gefahren. Drei Tage dauerte es, bis das kleine Boot über Oder und Spree die deutsche Hauptstadt erreichte. "Die Landschaft und die Erlebnisse waren unvergesslich", erinnert sich Piotr Włoch. "Unser Boot war die ganz große Attraktion. Sogar die Wasserpolizei hat von unserem "galar" Fotos gemacht."


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)