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Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Stadt am Wasser

Der Hafen von Berlin

Das barocke Königstor in Szczecin - StettinDas barocke Königstor in Szczecin - Stettin (© Inka Schwand)
Unweit des Jazzcafés im barocken Königstor befinden sich die Redaktionsräume der Tageszeitung Kurier Szczeciński. Hier arbeitet Bogdan Twardochleb, einer der besten Deutschlandkenner seiner Stadt. Auch er kennt die Geschichten der Vorläufigkeit, die Stettin bis heute als Provisorium wirken lassen. "Bis in die fünfziger Jahre haben die Polen, die nach dem Krieg nach Stettin kamen, die Bäume im Stadtpark abgeholzt ", erzählt er. "Warum haben sie nicht begriffen, dass das ihr Park ist? Warum hat ihnen das niemand erzählt? Warum hat sie keiner daran gehindert, den eigenen Park abzuholzen?"

So weit, den Stettinern einen Minderwertigkeitskomplex zu unterstellen, wie es manche in der Stadt inzwischen tun, würde Bogdan Twardochleb nicht gehen. Aber auch er weiß um das schwierige Verhältnis zu den Deutschen, das die Stadt bis heute daran gehindert hat, ihren Platz zwischen Deutschland und Polen und damit in Europa zu finden. "Vielleicht liegt Stettin zu nahe an Berlin", meint er und spielt auf die Tatsache an, dass nirgendwo sonst in Westpolen antideutsche Parolen solange Anklang fanden. Doch eine Alternative zur Zusammenarbeit, davon ist Twardochleb überzeugt, gibt es nicht. Inzwischen gibt es für diese Zusammenarbeit auch eine ebenso griffige wie pragmatische Formel. "Stettin muss wieder der Hafen für Berlin werden."

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Wiederaufbau der Altstadt

Also doch wieder ans Wasser. Von den Redaktionsräumen des Kurier Szczeciński und dem Königstor führt der Weg zur Oder über das Schloss der Pommerschen Herzöge. Der am Steilufer der Oder entstandene Schlossbau stammt aus dem 15. Jahrhundert, als der Greifenherzog Bogislaw der Große Pommern vereint und Stettin zu seiner Hauptstadt gemacht hatte. Unterhalb des Schlosses, in dem sich die auch bei den Deutschen beliebte Oper befindet, lag einst die Altstadt Stettins. Im Krieg zerstört, war sie nach 1945 nicht wieder aufgebaut worden, weil das polnische Szczecin den Brückenschlag aufs östliche, soll heißen polnische Oderufer suchte. Neu aufgebaute Altstadtgiebel hätten da, so die Sicht der Ideologen, nur den Blick auf das Pommernschloss verstellt, dessen Blüte in der Zeit lag, bevor Preußen 1720 die Geschicke Stettins bestimmte. Im jungen Szczecin war das preußische Deutschland städtebaulich so dominant, dass der Blick auf den polnischen Charakter der Stadt die einzige Chance bot, eine neue Identität zu erproben.

Heute stehen sie wieder, die Häuser der Altstadt, selbst wenn die meisten Stettiner meinen, der Wiederaufbau aus den neunziger Jahren sei ein Flop. Doch das hat nicht nur mit den postmodernen und viel zu bunten Fassaden der "jüngsten Altstadt Polens" zu tun. Die autobahnähnliche Trasse entlang der Oder und über den Fluss schneidet Stettin nach wie vor vom Wasser ab. Anders als die alte endet die neue Altstadt nicht am Oderufer, sondern an der Arteria nadodrzańska, der vierspurigen Oderarterie. Bogdan Twardochleb, der Deutschlandkenner vom Kurier Szczeciński, erinnert seine Leser gerne an das Stettin vor dem Krieg. Vor allem an das so genannte "Bollwerk", die Oderpromenade mit ihren Schiffsanlegern, Märkten, Buden und der dicht aneinander gereihten Häuserzeile. Die ist für die Stettiner heute der Inbegriff einer Stadt am Wasser— und natürlich des Mythos von der Stadt am Meer. "Das gegenwärtige Szczecin aber", sagt Twardochleb, "ist eine Stadt ohne Mitte." Erst wenn sich die Stadt wieder dem Fluss zuwende, könne ihr Herz wieder zu schlagen beginnen.

Vorbild Hamburg

Das meinen inzwischen auch die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung. "Stettin liegt auf beiden Seiten der Oder", meint Stadtarchitekt Jan Łukaszewski. "Seine Mitte aber muss, wie in Breslau, auf den Oderinseln liegen." Łukaszewskis Objekt der Begierde ist die Łasztownia gegenüber den Hakenterrassen. Nach Hamburger Vorbild soll dort eine neue Hafen-City entstehen, mit Wohnungen, Lofts, Hotels und vielleicht sogar einer Philharmonie. Die Erweiterung des Meeresmuseums von den Hakenterrassen auf die Halbinsel ist bereits beschlossene Sache. So rückt Stettin nun auch im Denken wieder dorthin, von wo aus es einst seine Entwicklung nahm.

Und es rückt, all den Verunsicherungen zum Trotz, ein bisschen näher heran an die Deutschen. Woher er die Hoffnung nehme, dass die neuen Pläne für das Herz von Stettin realistisch sind, lautet eine der Fragen, die Lukaszewski immer wieder beantworten muss. Er antwortet nicht: weil Stettin am Meer liegt. Er sagt: weil Berlin so nahe liegt wie keine andere Stadt.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)