Dossierbild Geschichte im Fluss

27.8.2012

Die Memel im Lauf der Geschichte

Sprachkarte von Ost- und Westpreußen von 1880. Im Memelland wurde Deutsch und Litauisch gesprochen.Sprachkarte von Ost- und Westpreußen von 1880. Im Memelland wurde Deutsch und Litauisch gesprochen. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Wikimedia, Andrées Weltatlas 1880, Wikimedia Commons)
Juni 1802: Erste Begegnung von Preußens König Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise mit dem russischen Zaren Alexander I. in Memel.

Oktober 1806: Napoleon besetzt Berlin. Das preußische Königshaus flieht nach Königsberg in Ostpreußen.

Januar 1807-Januar 1808: Das preußische Königshaus residiert in Memel.

25. und 26. Juni 1807: Friedensverhandlungen auf der Memel in Tilsit zwischen Napoleon und Zar Alexander I.

6. Juli 1807: Bittgang der preußischen Königin Luise zu Napoleon.

7. Juli 1807: Tilsiter Friedensschluss zwischen Frankreich und Russland. Gründung des Herzogtums Warschau.

9. Juli 1807: Frieden von Tilsit zwischen Frankreich und Preußen. Preußen verliert die Hälfte seines Gebietes.

9. Oktober 1807: Freiherr vom Stein verkündet von Memel aus im Oktoberedikt die Bauernbefreiung. Beginn der preußischen "Reformen von oben".

24. Juni 1812: Napoleons Grande Armée überschreitet in Panemunė bei Kaunas die Memel und zieht gegen Russland.

13. Dezember 1812: Rückkehr der napoleonischen Truppen über die Memel. Nur noch 30.000 Soldaten sind am Leben.

Juni 1815: Auf dem Wiener Kongress wird die Memel als Grenze zwischen dem Russischen Reich und dem Königreich Polen festgelegt. Südlich und westlich des Stroms gilt der julianische Kalender, östlich und nördlich der gregorianische.

29. November 1830: Beginn des polnisch-litauischen Novemberaufstands gegen die Zarenherrschaft. Nach der Kapitulation Warschaus am 8. September 1831 wird die Universität Wilna geschlossen.

Juni 1834: In Paris erscheint das Versepos Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz. Das polnische Nationalepos des im heutigen Belarus geborenen Dichters beginnt mit den Worten "Litauen, mein Vaterland".

1857: Fertigstellung der Ostbahn zwischen Berlin und Königsberg. Drei Jahre später wird die Strecke über Insterburg und Eydtkuhnen nach Sankt Petersburg verlängert.

1861: Inbetriebnahme der Eisenbahn von Kaunas nach Preußen. Zwei Jahre später verbindet die Bahn die größte Memelstadt mit Wilna.

22. Januar 1863: Beginn des Januaraufstandes gegen die russische Fremdherrschaft, der im April 1864 niedergeschlagen wird.

1865: Druckverbot für litauische Bücher im Zarenreich und Beginn des mehr als 40 Jahre währenden Bücherschmuggels von Preußisch Litauen nach Großlitauen.

1871: Gründung des Deutschen Reiches mit Ostpreußen als der nordöstlichsten Provinz.

1888: In Polen erscheint der berühmte Roman Nad Niemnem (An der Memel) von Eliza Orzeszkowa. Die Schriftstellerin wird 1904 und 1909 für den Literaturnobelpreis nominiert. Sie starb 1910 in Grodno.

Juli 1907: Einweihung der Königin-Luise-Brücke über die Memel in Tilsit anlässlich des 100sten Jahrestages des Tilsiter Friedens.

1904: Aufhebung des Druckverbots für litauische Bücher in Russland.

1914: Beginn des Ersten Weltkriegs. Ostpreußen wird von russischen Truppen besetzt. Im September 1914 siegen die Deutschen und Hindenburg in der Schlacht von Tannenberg.

1915-1918: Deutsche Besatzungsherrschaft an der Memel unter Ludendorff. Die Region bekommt den Namen "Ober Ost".

1918: Frieden von Versailles. Polen und Litauen werden eigene Nationalstaaten. Das Memelgebiet wird dem Völkerbund unterstellt. Weißrussland wird als Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion.

1920: Polnisch-sowjetischer Krieg. Polen besetzt das Wilnaer Gebiet und sperrt die Memel für den Schiffsverkehr. Kaunas wird provisorische Hauptstadt Litauens.

1922: Polen gliedert das besetzte so genannte "Mittellitauen" mit Wilna als Zentrum in das polnische Staatsgebiet ein.

1923: Litauen besetzt das Memelgebiet. Die Memel wird die Grenze zwischen Litauen und dem Deutschen Reich.

1924: In der Memelkonvention werden den Deutschen im Memelgebiet Autonomierechte zugestanden.

1926: Antonas Smetona putscht sich in Litauen an die Regierung. Ende der parlamentarischen Demokratie. Im gleichen Jahr putscht in Polen Marschall Józef Piłsudski.

1929: Thomas Mann verbringt seinen Urlaub in Rauschen und besucht die Kurische Nehrung. Zwei Jahre später bezieht er in Nidden, das damals zu Litauen gehörte, sein Sommerhaus.

1938: Die Nazis benennen mehr als die Hälfte aller ostpreußischen Ortsnamen um, weil sie nicht deutsch genug klingen.

23. März 1939: Besetzung des Memelgebiets durch die Nationalsozialisten. Hitler wird in Memel freudig begrüßt. Zahlreiche Juden flüchten ins nicht besetzte Litauen.

1.September 1939. Hitler überfällt Polen. Beginn des Zweiten Weltkriegs.

17.September 1939. Stalin marschiert in Ostpolen und im Wilnaer Gebiet ein.

15.Juni 1940. Stalin marschiert in Litauen ein und verleibt das Land der Sowjetunion ein.

22. Juni 1941. Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Deutsche Truppen marschieren in Litauen und Weißrussland ein. Zehntausende Juden werden schon in den ersten Tagen getötet. Viele von ihnen auch durch litauische Kollaborateure.


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.