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Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Andrzej Stasiuk

Der Donau entkommt man nicht

Erst kommt Wien, dann kommen die Leichen

Blick auf die Donau von ZemunBlick auf die Donau von Zemun (© Uwe Rada)

Ich weiß nicht, wie viele Male ich die Donau schon gesehen habe. Sicher Dutzende Male. Von den großen Flüssen habe ich nur meine heimatliche Weichsel öfter gesehen. Der Donau entkommt man nicht. Um das zu schaffen, müsste ich aufhören, nach Süden zu reisen, aber ich kann nicht in eine andere Himmelsrichtung fahren. Ich überschreite die Wasserscheide der Karpaten und trudele ins Donaugebiet hinunter. Manchmal bleibe ich auf der Seite der linken Zuflüsse, aber wenn ich mehr Zeit habe, fahre ich ans rechte, balkanische Ufer. Auf diese Art kommt mir sogar Buda ein bisschen wie Balkan vor. Es ist etwas dran, denn wenn man im Sommer über die Hügel von Buda spaziert, ist es schwer zu glauben, dass da unten nicht die Adria rauscht. Aber das ist meine ganz private Ansicht, die Ansicht eines Menschen von der anderen, nördlichen Seite der Karpaten. Die Budapester haben in der "Balkanfrage" eine etwas andere Meinung.

Jedenfalls ist es, wenn man auf die andere Seite will, am bequemsten, in Budapest über eine der fünf oder sechs Brücken zu fahren. Dann nur noch drei bis vier Stunden, Grenzübergang Udvar-Kneževo, und wir sind in Baranja. Der kroatische Schriftsteller Mirko Hunyadi behauptet, "der Vater von Baranja ist die Donau, die Mutter die Drau". Das Gebiet liegt am Zusammenfluss der beiden Flüsse.

Vergangenen Winter machte ich dort zwei Tage halt, als ich nach Bosnien fuhr. Es gab keinen Schnee, die Sümpfe waren nicht vereist. In dem Wassergebiet waren Kolonien von Kormoranen. Die Landschaft war vollkommen flach. Die schmale Straße verlief auf einem Damm, und von dieser Höhe aus konnte man den unendlich fernen Horizont sehen. An die Donau kam man jedoch nicht heran. Morast und endlose Felder trockenen Schilfs trennten sie von mir. Ich wusste, dass sie im Osten war, dort, wo der Himmel die Farbe wechselte und die Wolken die Form.

Wenn man das Auto stehen ließ und an den Rand der Sümpfe heranging, lagen überall Exkremente von Hirschen. Bestimmt gab es in dieser Gegend mehr Tiere als Menschen. In Kopačevo, einem Dorf an einem toten Flussarm, standen Kriegsruinen. Zwischen den Mauern wuchsen schon junge Bäume. Niemand kümmerte sich darum. Die Lehmmauern, der Dächer beraubt, wurden von Feuchtigkeit zersetzt. Jemand hatte all das verlassen, um nie mehr zurückzukehren. Dreißig Kilometer weiter war Vukovar. Ich konnte mir mühelos die Leichen im seichten Wasser vorstellen. So ist die Donau: Sie entspringt im Schwarzwald, wälzt ihr Wasser durch Wien, und dann führt sie Leichen. Am nächsten Tag verließ ich sie, weil ich weiter in den Süden fuhr.

Aber selbst in Bosnien kann man nicht aufhören, an sie zu denken, denn die Mehrzahl der Gewässer dieses Landes fließen in den Flussbetten von Sava, Vrbas, Bosna und Drina Richtung Donau. Den gleichen Weg floss das Blut. Und so sollten unsere Gedanken fließen, wann immer wir in Budapest, Bratislava oder Wien eine Brücke überqueren. Zumindest das können wir tun.

Im Unterbewussten des Kontinents

Die Save in Belgrad vor der Mündung in die DonauDie Save in Belgrad vor der Mündung in die Donau (© Uwe Rada)
Denn die Donau ist ein Fluss des Nachdenkens, der Meditation: Sie führt Dinge mit sich, die unvereinbar scheinen. Wir steigen in ein Boot in einer von Wohlstand und Frieden gesegneten liberalen Demokratie, um einige Zeit später in eine Gegend zu gelangen, wo noch vor kurzem die blutigste Gewalt herrschte, wo Brutalität, Rache, Brandruinen und Armut am helllichten Tag schamlos umhergingen.

So ist die Donau. Wenn wir an ihrer Quelle stehen, denken wir an ihre Mündung; während wir noch schauen, wie sie im Meer versinkt, gehen wir in Gedanken flussaufwärts. Denn sie ist der europäischste aller Flüsse, sie ist die tiefsinnigste, klügste Erzählung, die uns die Geografie unseres Kontinents bietet.

Ja, 2.850 Kilometer Länge und 817 Quadratkilometer Einzugsgebiet – das ist genug zum Nachdenken. Für unseren kleinen Taschenkontinent ist das eine reife Leistung. Wir sollten einmal im Jahr an den Wassern der Donau einen alten, heidnischen Brauch abhalten. Wir sollten uns am Ufer aufstellen, uns an den Händen nehmen und ins Unterbewusstsein des Kontinents blicken.

Wir sollten direkt ans Wasser gehen und eintauchen. Wir sollten uns mit Schlamm beschmieren. Vielleicht irgendwo in Rumänien, irgendwo in der Walachischen Tiefebene, wo auf den flachen Wiesen Viehherden weiden, wo die Kühe bis zu den Knien im Wasser stehen, zum bulgarischen Ufer hinüber schauen, den Schwanz heben und in die grüne Strömung scheißen. Wie vor Jahrhunderten. Vielleicht sollten wir uns dort treffen, um nicht den mit Schlammgeruch gemischten Gestank der Tiere zu vergessen, um nicht zu vergessen, woher wir kommen.


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)