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Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Andrzej Stasiuk

Der Donau entkommt man nicht

Europas Mitte, Europas Rand



Ich schaue auf die Landkarte und sehe, dass ich bis jetzt fast ausschließlich im unteren Lauf des Flusses herumgereist bin. Eben dort, wo man all das sehen kann, was bald verschwinden wird, all das, was wir als Anachronismus betrachten. Wie das herrenlose Vieh in der Walachischen Tiefebene oder im Delta. Denn die Donau ist für mich der Fluss der Erinnerung. Es geht nicht um persönliche Erinnerungen, sondern um das Gedächtnis unserer "europäischen Gattung". Ich bin hauptsächlich durch das Gebiet des unteren Laufs gefahren, denn dort kann ich dem "Alten" begegnen, das gleichzeitig das "Jüngere" ist, weil es den Weg der Zivilisation langsamer zurücklegt, mit Verzögerung, mit einer gewissen Trägheit, weil es seiner Bestimmung langsamer entgegengeht.

Vor einiger Zeit spazierte ich über die Uferpromenade in Passau. Am Kai lagen luxuriöse Ausflugsschiffe. Das ukrainische hieß "Odessa", das rumänische "Dunarea". Sogar ein russisches Schiff war da, obwohl die russische Anwesenheit an der Donau schon der Vergangenheit angehörte. Ich glaube, es hieß "Fürstin Anna". Durch die großen Fenster konnte man die dunkle Holztäfelung, weiße Tischdecken und Blumensträußchen sehen. Einige Ausflügler saßen in Sesseln auf dem offenen Deck und betrachteten die barocke Schönheit der Stadt. Sie hüllten sich in Decken, denn die Oktobersonne war nicht mehr sehr warm. Sie sahen aus wie reiche Rentner.

Die Schiffe lagen mit dem Bug stromaufwärts. Über das Fallreep wurden Kisten von Cola und Bier geliefert. Ich hätte schwören können, dass irgendwo aus der "Odessa" oder der "Dunarea" der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee kam. Ich beneidete die Rentner. Ich stellte mir die langsame Reise flussaufwärts vor, die irgendwo bei Braila, vielleicht sogar in Sulina, der letzten europäischen Stadt, begonnen haben mochte.

Dort, bei Sulina, sah ich einmal bei Sonnenuntergang ein türkisches Schiff, das aufs offene Meer hinausfuhr. Es transportierte auf verschiedenen Decks Schafe, Hunderte, vielleicht Tausende von Schafen. Es fuhr auf die sich im Wasser spiegelnde rote Scheibe zu, mit dem Geruch von Heu und dem Blöken der Schafe.

Ich spazierte auf der Promenade dieser barocken Stadt in der Mitte Europas, und Bilder von Europas Rand drängten sich mir auf. Von dort kamen die Schiffe. Dort lebte in einer Schilfhütte in den Sümpfen Mitka. In einem Schilfgehege quiekten Schweine. Sie liefen wie Hunde auf Mitka zu. Irgendwo im Morast weidete Vieh, um dessen Schicksal Mitka sich nur mäßig sorgte, wahrscheinlich kannte er nicht einmal seine genaue Zahl. Wir tranken rumänischen Slibowitz, Mitka holte ein Gewehr und schlug vor, wir könnten ein wenig schießen, unter der Voraussetzung, dass ich die Munition bezahle. Aber ich wollte die abendliche Stille nicht stören. Im Licht einer Petroleumlampe sah ich an der Wand ein verblasstes Zeitungsfoto von Ceauşescu.

Ich glaube, ich könnte mich ohne Ende an diese Donauepisoden erinnern. Der Gedanke ruht an diesem oder jenem Ort, und die Strömung reißt ihn immer wieder weg, treibt ihn in die Tiefe der Erinnerung, verschmelzt ihn mit den Strudeln früherer Ereignisse, die nach Jahren wundersamen Fantasien gleichen. Ja, die Donau trägt außer ihrem Wasser auch unsere Gedanken, unsere Wünsche und Träume; und sie werden zur Beute der tausendjährigen Welse, die im schlammigen Labyrinth des Deltas lauern.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)