Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Ivan Ivanji

Meine Donau

Das Massaker von Novi Sad

Das war im Sommer. Im Herbst ging ich zur Schule, ich besuchte das ungarische Gymnasium und hatte nur noch wenig mit der Donau zu tun. Wir wohnten nahe an der im Krieg gesprengten Donaubrücke, und manchmal ging ich hin, um dieses nutzlose Eisengebälk, das in das Wasser gestürzt war, zu beobachten. Es zog mich irgendwie an.

Der Donau schien das nichts anzuhaben. Wie gesagt, es war September 1941. Oktober, November. Wer konnte ahnen, dass die nach dem Krieg aufgebaute Brücke im Frühjahr 1999 wieder - in Stücke zerbombt - in die Donau stürzen würde? Nicht von faschistischen Bomben. Auch die Bomben der NATO, die friedliche Brücken zerschlagen, gehören zur Geschichte über der Donau, wie sie durch serbisches Land strömt, aber nicht zum Bericht, den ich jetzt schreibe.

Das Denkmal zu Ehren der Ermordeten während des Massakers in Novi Sad vom Januar 1942.Das Denkmal zu Ehren der Ermordeten während des Massakers in Novi Sad vom Januar 1942. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Pokrajac; Wikimedia Commons)

Dann folgte der Winter, diesmal ein besonders strenger Winter. Die Donau trug viel Eis und fror an den Rändern sogar ganz zu. Dezember. Weihnachten. Silvester. Krapfen. In einen Krapfen hatte meine Tante ein Goldstück gebacken und fand es zufällig selber. Es gibt seltsame Zufälle. Mehrmals würde es bald Zufall sein, dass ich am Leben geblieben bin.

Am 21. Januar 1942 gingen die beiden Söhne meines jüdischen Onkels und meiner deutschen Tante, Ötschi und der jüngste, Sascha, und ich wie jeden Tag pünktlich um viertel vor acht in die Schule. Unser Weg führte durch eine Grünanlage. Krähen. Hoher Schnee. Sehr kalt. Ein Plakat: Razzia! Jedermann habe in seiner Wohnung zu bleiben. Also schulfrei. Hurra! Zurück nach Hause. Mensch ärgere dich nicht haben wir gespielt. Oder Halma. Schach oder Mühle. Zweimal kamen Polizisten vorbei. "Wer wohnt hier? Ausweise bitte!" Die Schulausweise genügten. Mehr ordnungshalber, als interessiert, öffneten sie einige Schränke und Schubladen und verabschiedeten sich höflich.

Ich kann mich nicht erinnern, wie sich mein Onkel damals verhalten hatte, wie viel er vom Massaker, vom Mord an Hunderten, Tausenden von Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft wusste. Hat er es überhaupt schon gewusst, als Polizisten an der Tür klopften? Wie hatte er es erfahren? Wir Kinder wussten nicht, dass man einige hundert Meter weiter von uns Juden, Serben und Zigeuner aus den Häusern gejagt, auf der Straße erschossen oder zum wunderbaren Strand getrieben hat.

Vor dem modernen Palast der Regierung am Boulevard, der direkt zur Donau führt, fand jeden Abend ein feierlicher Zapfenstreich statt. Ich mochte den Klang der hellen Trompeten und habe mit anderen Leuten und Kindern da herumgestanden, obwohl es doch eine Feier der verhassten Besatzungsmacht war. Vor und nach dem Massenmord. Fast jeden Abend.

Nach dem Krieg habe ich erfahren, dass der Kommandeur des Massakers einen wunderschönen, magyarischen Namen hatte: Generalmajor Ferenc Feketehalmy-Czeydner. Im Laufe des Krieges wurde er zum Generaloberst befördert. Am Ende trat er der SS bei. Er fiel in amerikanische Gefangenschaft, wurde aber an Ungarn und von Ungarn an Jugoslawien ausgeliefert. Seine Tat nannte er eine berechtigte Vergeltungsaktion. Während des Prozesses gegen ihn und einige seiner Kumpanen saß ich im Publikum. Als ehemaliger KZ-Häftling hätte ich seiner Hinrichtung beiwohnen können, aber das mochte ich dann doch nicht. Er wurde am 5. November 1946 im Dorf Žabalj, wo die Razzia begonnen hatte, gehenkt. Žabalj ist etwa dreißig Kilometer von der Donau entfernt.

Es sind ungefähr 1.300 Namen Ermordeter aus Novi Sad bekannt geworden, aber man hat nach dem Krieg von bis zu 4.500 gesprochen. Die Namen vieler, sehr vieler getöteter Menschen blieben unbekannt, entweder weil niemand aus ihrer Familie überlebt hatte oder weil es Juden aus anderen Teilen des Landes waren, die sich in der Großstadt versteckten, Menschen, die fast niemand kannte. Ich persönlich kann nur bezeugen, dass ich überlebt habe und dass die Razzia an meinem dreizehnten Geburtstag, am 24. Januar, beendet wurde. Das wäre mein Bar Mizwa gewesen, wenn jemand von uns daran gedacht hätte.

Warum nicht ich?

Nicht erinnern kann ich mich, wie ich Einzelheiten über den Massenmord erfahren habe. Ich glaube: nach und nach. Erst nach dem Krieg, als ich aus dem Konzentrationslager in Deutschland zurückgekommen war. Was war geschehen? In der Nähe von Novi Sad waren Freiheitskämpfer aufgetaucht. Die ungarischen Sicherheitskräfte suchten nicht sehr eifrig nach den etwaigen Verbündeten der Aufständischen, vielleicht hatten sie Angst vor ihnen. Anstatt dessen begannen sie Juden, Serben und Zigeuner zu morden. Willkürlich wurden einige Stadtteile ausgesondert, andere blieben verschont. Mein Onkel wohnte in so einer guten Gegend, in der man wenig Übles anrichtete. Ungarische Gendarmen mit Federn auf ihren schwarzen Hüten und Bajonetten auf den Gewehren trieben anderswo, unweit von uns, ihre Opfer aus ihren Wohnungen in die Kälte hinaus. "Nichts mitnehmen! Los! Los!"

Man führte die erschrockenen Menschen zum selben Donaustrand, an dem sie vor einigen Monaten noch fröhlich badeten und in der Sonne lagen. Sie mussten sich am Ufer der zugefrorenen Donau aufstellen, Männer mit Äxten Löcher in das Eis schlagen. Kaum jemand hatte die Kraft zu wimmern oder zu beten. Auf den kahlen Ästen der Pappeln Krähen, keine Möwen schwangen wie vor kurzem im Sommer ihre Flügel über dem Fluss. Es war keine schöne, blaue, es war das Eisbett einer hässlichen, dunklen, schmutziggrauen Donau.

Ich habe in Novi Sad eine Frau Doktor gekannt. Ärztin, wie meine Mutter. Sie hätte meine Mutter sein können, ich ihr Sohn. Diese Frau war nie eine besonders zärtliche Mutter gewesen, zumindest hatte sie es nie verstanden, ihre Liebe in Gesten auszudrücken, aber jetzt umarmte sie ihre beiden Kinder so fest, dass ihre Tochter Laura aufschrie, weil es ihr weh tat. Ihr Sohn Leo hörte ein Gespräch auf Ungarisch. Es klang nicht aufgeregt, keineswegs gereizt, fast geschäftlich, ein wenig eintönig, wirkte auf ihn irgendwie beruhigend, obwohl er den Sinn genau verstand: "Müssen wir tatsächlich auch die Kinder?" "Aber sicher! Was sollten wir denn sonst mit ihnen anfangen? Als Erwachsene würden sie zu Rächern werden…"

"Macht die Augen zu!" sagte Frau Doktor. Laura war folgsam, Leo nicht, er sah, wie vor ihnen Menschen mit Gewehrkolben und Äxten erschlagen und in die Löcher im Eis der Donau geworfen wurden. Man wollte Gewehrkugeln sparen – und so viele Leichen begraben hätte zu viel Aufwand gefordert. Ich glaube, Leo hatte keine Angst. Dann kamen sie an die Reihe.

Wenn meine Mutter mit nach Novi Sad gekommen wäre, hätten wir sicher nicht beim Onkel gewohnt, Leos Schicksal wäre das meine geworden, und hier würde jemand anderes über die Razzia von Novi Sad schreiben.

Das mit der Frau Doktor und ihren Kindern mag wie eine Erfindung wirken, ist aber hundert- und tausendmal so, oder so ähnlich, geschehen. Am Sandufer der Donau. Versichern kann ich, dass wir, meine Cousins und ich und viele, viele brave Bürger im Sommer 1942 wieder ruhig und unbekümmert am selben Strand gebadet haben, wo einige Monate vorher andere Menschen ihr Leben ließen.

Die flinken Wellen der Donau tragen recht schnell alles weg, was zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer ihre Beute wird. Unsere Abfälle. Und unsere Leichen auch.

Wirklich ewig sind nicht einmal so riesige Flüsse wie die Donau. Wo sich heute und seit Jahrtausenden der Strom durch Ungarn und Jugoslawien wälzt, gab es vor Zeiten, die für uns unermesslich sind, für die Geschichte dieser Erdkugel, die wir bewohnen dürfen, jedoch nur ein Augenblinzeln, anstatt der Krähen und Möwen neugierige Fische, auch Haie mit Säbelzähnen, die durch das Pannonische Meer geschwommen sind. Immer wieder muss ich, alt geworden, daran denken, was für ein Nichts von einem Staubkorn wir doch vor dem Antlitz der Geschichte sind und was für ein Nichts die Menschheit im Vergleich zum Bestand der Donau, und sie wieder ein Nichts verglichen mit der Lebenszeit unseres Planeten. Ein Nichts für den Weg der Donau vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer sind die drei Tage vom 21. bis zum 24. Januar 1941 am Strand in Novi Sad. Das alles ist genauso unbeschreiblich wie das, was die Blätter der Pappeln tun oder Menschen, wenn sie andere Menschen morden.

Auschwitz statt Donaustrand

Im Laufe der Sommer 44 und 45 konnte ich leider nicht zum Strand gehen. Nicht weil mich der Gedanke an den Massenmord gestört hätte, sondern weil ich aus anderen Gründen verhindert war. 1944 war ich in Auschwitz und Buchenwald. 1945 wartete ich auf die Heimfahrt am Ufer eines anderen Stroms, der in Europa in die entgegengesetzte Richtung, nämlich nach Norden, fließt, die Mündung in ein ganz anderes Meer sucht, an der Elbe. Die Russen und Amerikaner begegneten einander an diesem Fluss, und ich musste mich gedulden, bis sie sich einigten, wer von ihnen für meinen Transport nach Hause zuständig war. Das dauerte bis zum Herbst.

Zurück aus dem Konzentrationslager habe ich in Novi Sad eine technische Oberschule besucht und im Sommer 1946 wieder in der Donau bei Novi Sad gebadet. Ich bin den Sandstrand hinaufspaziert und habe mich bequem flussabwärts treiben lassen. Warm die Sommerluft, kühl der Strom. Das Lichtgefunkel der Sonne auf dem Rücken der im Sommer trägen, grauen Donau war dasselbe, wie früher. Wie immer…

Sandburgen habe ich keine mehr gebaut, und nicht an das Massaker gedacht, nicht einmal an meine toten Eltern. Ich bereitete mich auf erfreulichere Geschichten vor. Im Sand lagen junge Mädchen in sehr knappen Badeanzügen. Dort lagen sie bestimmt auch im Verlauf der früheren Sommer, aber ich hatte sie nicht zur Kenntnis genommen. Da waren sie nun, reglos, aber sehr lebendig.

Am Ufer der Donau in Novi Sad wurde ein Denkmal des Bildhauers Jovan Soldatović errichtet. Es sind drei magere Gestalten in Bronze – Mann, Frau und Kind – die sich an den Händen halten. Tafeln auf Serbisch und Hebräisch. Jedes Jahr finden an dieser Stelle im Januar Gedenkfeiern statt, aber man kann sich nicht auf ein gemeinsames Zeremoniell einigen. Die Serbische Orthodoxe Kirche besteht auf ihrer Totenmesse, die Nachfahren der Kommunisten wollen ihre eigene Reden halten und nicht den Popen zuhören. Die Juden, die die meisten Opfer zu beklagen haben, nehmen an beiden Trauerfeiern teil. Am Ende werden Kränze und Blumen in das Wasser geworfen. Die Donau hält auch das stoisch aus.

Über die Donaubrücken in Novi Sad bin ich im Laufe des letzten halben Jahrhunderts im Auto oder im Eisenbahnzug mehrere dutzendmal gefahren und habe dabei nicht immer an die Razzia im Januar 1942 gedacht. Nicht immer, aber oft.

Einmal war ich mit meinem Sohn in Novi Sad und habe ihm alles noch einmal erzählt und gezeigt, wo was war, und er hat "Aha!" gesagt. Hätte er mehr sagen sollen?

Goethe hat recht und Tucholsky auch, wenn er ihn zitiert: "Was man nicht sagen kann, bleibt unerhört!"



Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)