Dossierbild Geschichte im Fluss

8.11.2017 | Von:
Andrej Ivanji

Brücken der Erinnerung

Trotzreaktion: Feiern während der Bombenangriffe auf Belgrad.Trotzreaktion: Feiern während der Bombenangriffe auf Belgrad. (© Andrej Ivanji)

Die Geburt des Misstrauens aus dem Geiste der Luftangriffe

Am 3. April 1999 schrieb ich in mein Tagebuch:

Seit Tagen leitet das schauerliche Aufheulen der Sirenen die Nacht in Belgrad ein. Danach wird es totenstill. Mit dem Einbruch der Dunkelheit stirbt das vertraute Brummen der Großstadt. Ersetzt wird es durch das tiefe Brummen der Kampfjets hoch über den Wolken. Die Straßen sind menschenleer. Kaum jemand wagt sich über die Brücken. Der Stadtverkehr wird um zwanzig Uhr eingestellt. Eine bedrückende Ungewissheit zerreißt die Menschen. Wo wird die NATO heute zuschlagen? Eine Rakete ist mitten in der Stadt nur wenige Meter von einer Entbindungsanstalt entfernt explodiert. Sind die wirklich so treffsicher? Man sieht im Zentrum Belgrads viele mit breiten Bändern verklebte Fensterscheiben: Wegen der Wucht der Explosionen können Glasscherben tödlich werden.

4. April:

Es wird dunkel. Bald werden die Sirenen aufheulen. Die Menschen in Belgrad eilen nach Hause. Vor allem um rechtzeitig die Brücken zu überqueren. Seit Tagen spricht man darüber, dass diese das nächste Ziel der NATO sein werden: Die vier Brücken über die Save, die die Innenstadt mit den Wohnsiedlungen in Neubelgrad verbinden.

6. April:

Tag an der Save verbracht. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete auch während des Luftalarms eine Brücke trifft, gerade wenn ich mich auf ihr befinde, ist sehr gering. Verbringe Nacht bei meiner Freundin in Neubelgrad. Um 4.30 Uhr höre ich dieses zischende Geräusch der ferngelenkten Marschflugkörper. Dann die Detonationen. Einmal, zweimal, dreimal. Wie ein Erdbeben. Durch das Fenster sieht man eine haushohe Feuerflamme. Asche fliegt durch die Luft. Im kristallklaren Morgengrauen ist der Mond durch die riesige, pechschwarze Rauchwolke kaum zu erkennen. Die Reflexion des Feuers kann man kilometerweit sehen. Dann folgen weitere schwächere Detonationen. Die NATO hat diesmal ein Erdöllager getroffen. Erstaunlich, wie schnell solche Szenen zum Alltagsleben werden. Um die Mittagszeit gehe ich an die Save Kaffee trinken: Der Weg entlang des Flusses ist von Asche bedeckt.

14. April:

Wie üblich heulen die Sirenen kurz nach 20.00 Uhr auf. Belgrader verfluchen das schöne Frühlingswetter: Es ist ideal für Luftangriffe. Ich befinde mich auf dem Dach eines Hochhauses in Zemun mit wunderschönem Blick auf die Donau. Hier versammeln sich jede Nacht vorwiegend junge Menschen. Auf die stickigen Luftschutzbunker haben sie keinen Bock mehr. Sie grillen, trinken Bier und schauen live dem Krieg zu. Ihrem eigenen Krieg. Bald hört man das schon bekannte Brummen der Flugzeuge. Dann die ersten dumpfen Detonationen. Aus verschiedenen Richtungen knattert nervös die jugoslawische Flak. Ab und zu hört man das Donnern der schweren Artillerie. Es ist die heftigste Reaktion der jugoslawischen Flugabwehr seit dem Beginn des Krieges. Eine Luftschlacht über Belgrad. Zwischendurch das helle Zischen der Marschflugkörper. Sie fliegen manchmal nur 50 bis 100 Meter über der Erde. Auf dem Dach herrscht in den frühen Morgenstunden eine Stimmung, wie auf einem lokalen Fußballderby. "Gebt es den Schweinen!", schreien die jungen Leute, wenn die jugoslawische Flak intensiver feuert. Es sieht wie ein Feuerwerk aus. Ich denke an Europa.

28. April:

Es geht wieder los. Unglaublich starke Detonationen erschüttern Belgrad. Wie kleine Erdbeben. Immer wieder. Fensterscheiben klirren. Der Boden zittert. Bunte, leuchtende Kugeln der jugoslawischen Flak zerreißen den pechschwarzen Himmel. Ab und zu sieht man Feuerzungen auf der Erde, denen mit einer sekundenlangen Verspätung ein in Belgrad bisher unerhört starkes Donnern folgt. Die Explosionen kommen aus allen Stadtteilen: Batajnica, Rakovica, dem Residenz- und Botschaftsviertel Dedinje. Der seit dem Beginn des Krieges schwerste Luftangriff der NATO auf Belgrad dauert stundenlang. In einer Fernsehansprache sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder: "Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen." Was sagt denn da Schröder? Der Sozialdemokrat. Kein Krieg?! Glaubt das jemand in Deutschland? Ob Regimekritiker, Opposition, proeuropäische Parteien, oder überzeugte Europäer: Solange einem NATO-Bomben auf den Kopf fallen, herrscht eine antiwestliche Stimmung. Ich frage mich, was Kinder, die heute in Luftschutzbunkern hocken, über Europa denken werden, wenn sie erwachsen sind.

Anhalten auf der Brücke als Trotzreaktion

Es muss Mai gewesen sein. Ich war in Pančevo, einem Belgrader Vorort auf der anderen Donauseite, mittagessen. Es wurde Nacht, als ich mich auf den Weg nach Hause begab. Es war eine dieser Nächte: Luftalarm, Lichtstreifen der Flak im Himmel, irgendetwas brannte am Belgrader Ufer. Ich hielt vor der Brücke. Ich war völlig allein in der Dunkelheit. Kein Auto, keine Menschenseele. Na schön, dachte ich, das sind nur 1,5 Kilometer. Ich drückte aufs Gas. Und dann, mitten auf der Brücke, hatte ich auf einmal keine Lust mehr zu rasen. Ich hielt an. Stieg aus dem Auto. Es war eine blöde Trotzreaktion. Die Donau unter, der Luftkrieg über mir. Ist das alles wirklich? Ich schaute flussaufwärts. Nach Novi Sad, Budapest, Wien, Schwarzwald.

Ich schaute in die Donau. Jede Welle wie ein Atemzug der Geschichte. Seit jeher schwammen Leichen in diesem Wasser. Nur wenige Wochen vor dieser Nacht, in der ich auf der Pančevo-Brücke stand, entdeckte ein Fischer beim Ort Tekija einen Kühlwagen in der Donau. Über 80 Leichen waren drinnen. Leichen von im Kosovo getöteten albanischen Zivilisten. Man begrub sie heimlich im Belgrader Vorort Batajnica. Die serbische Polizei wollte ein Massaker verheimlichen. Das erfuhr ich alles später.

Die Pančevo-Brücke verbindet Belgrad mit dem Banat. Ihr Bau beruht auf deutschen Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke wurde 1935 für den Verkehr freigegeben und "Brücke König Peter II" getauft. Am 6. April 1941 bombardierte die deutsche Luftwaffe Belgrad. Die jugoslawische Königsarmee sprengte die Pančevo-Brücke in der Nacht auf den 11. April. Deutsche Ingenieure im besetzten Serbien flickten die strategisch wichtige Brücke wieder zusammen. Allierte zerbombten sie erneut am 3. September 1944, deutsche Truppen gaben ihr während ihres Rückzuges den Rest. Schon im November 1946 wurde sie wieder für den Verkehr freigegeben, erst 1965 jedoch richtig repariert.

Während der NATO-Luftangriffe sind die Belgrader Brücken verschont geblieben. Angeblich wollte sie das Pentagon, wie die Brücken in Novi Sad, zerstören, doch die französische Regierung verhinderte das, mit der Drohung, ihre Truppen dem "Barmherzigen Engel" zu versagen. Wegen dem wachsenden Unmut in Europa war es für die NATO-Führung wichtig, dass sich alle 19 Mitgliedstaaten an der Aktion beteiligen.

Zurück in die Zukunft

Ich denke an meine Töchter. Ich will glauben, dass sie einen Reisepass der Europäischen Union haben werden. Ich will glauben, dass der Donauraum zwischen Kroatien und Rumänien kein schwarzes Loch bleiben wird. Dass Brücken der Erinnerung gebaut werden, die in die Zukunft führen.

Jede Brücke wird für die Ewigkeit gebaut. Gewiss auch die Prachtbrücke über die Sava-Insel Ada Ciganlija in Belgrad. Über dem Donauzufluss. Sie ist ein Markenzeichen der Stadt geworden, 996 Meter lang, 45 Meter breit, mit sechs Fahrspuren und zwei Eisenbahngleisen. Ihr 200 Meter hoher Pylon leuchtet in der Nacht. Sie ist das Sinnbild einer modernen Stadt, die sich der Zukunft zudreht. Die Ada-Brücke wurde in der Silvesternacht 2012 feierlich eröffnet. Mit einem richtigen Feuerwerk.


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)