Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Momir Turudić

Ein versunkenes Paradies

Ansichtskarte von der Ada KalehAnsichtskarte von der Ada Kaleh Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Wikimedia Commons)

Der Plan vom Staudamm

Auf einem Treffen in der Moschee verlas der Imam Redžep Hodža 1963 zum ersten Mal die Bekanntmachung, dass Rumänien und Jugoslawien ein Kraftwerk am Eisernen Tor und einen Stausee bauen wollen und die Insel untergehen würde.

Es gab einen Plan, die Bevölkerung, die komplette Festung und den größten Teil der Gebäude auf die Insel Șimian, die ehemalige Ada Gubavać, umzusiedeln. Șimian liegt 18 Kilometer stromabwärts, in der Nähe von Turnu Severin, wo Emil Popesku 1968 sein Café eröffnete. An dem Ort hatte vor fast zweitausend Jahren der geniale Baumeister Apollodor von Damaskus für den römischen Kaiser Trajan eine Brücke über die Donau gebaut.

Der rumänische Dokumentarfilm Der letzte Frühling auf der Ada Kaleh aus dem Jahr 1968 zeigt, wie die Festung Stein für Stein markiert und abgebaut wurde, um nach Șimian gebracht zu werden. Tatsächlich wurde auf Șimian ein großer Teil der Festung wieder errichtet, aber die Menschen gingen nicht mit. Vielleicht, weil Rumänien beschloss, dass das ganze Unterfangen zu teuer sei. Vielleicht auch, weil der Premierminister der Türkei, Süleyman Demirel, anlässlich seines Besuchs in Rumänien im Jahre 1967 den Einwohnern versprach, die Türen der Türkei stünden ihnen offen. Vielleicht aber auch, weil es für sie unvorstellbar war, ihre geliebte Insel durch eine andere zu ersetzen.

Den Leuten von der Ada Kaleh wurde freigestellt, nach Rumänien, Jugoslawien oder in die Türkei zu ziehen. Von den 600 Bewohnern zogen die meisten in die Türkei, einige wählten Jugoslawien. Manche Familien wurden zerrissen, die einen gingen auf die eine, die anderen auf die andere Seite der Donau. Wo auch immer sie hingingen: Sie nahmen die Geschichten vom verschwundenen Paradies und die Trauer über die verlorene Heimat mit.

"Eine Familie zog hierher nach Kladovo um, später gingen sie irgendwo anders hin," erzählt Brankica Joković, während sie gegenüber von Turnu Severin am serbischen Donauufer sitzt. "Hier ist wenig von der Ada geblieben, fast alle, die sich erinnern, sind gestorben. Mein Großvater hat mir erzählt, dass er und einige seiner Freunde oft auf die Insel gingen, sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Heimlich, nachts, mit Booten. Dort war die Grenze, rumänische Wachposten standen an jedem der vier Tore der Festung, aber die kannten sie und ließen sie herein. Sie tauschten Blumen, Ratluk, Kuchen von der Insel, alles, was unsere Landsleute nicht zu machen wussten, gegen Getreide und Mais. Man musste Handel treiben. Hier an der Grenze gab es immer eine Tradition des Schmuggels."

Von den Einwohnern der Insel, die sich für Rumänien entschieden, gingen die meisten nach Constanța, Turnu Severin oder Orschowa. Ein Teppich aus der Moschee auf der Ada Kaleh wurde in die Moschee von Constanța gebracht, ein Geschenk des Sultans Abdülhamid II., 15 Meter lang und neun Meter breit.

Erinnerung an ein Paradies

Während draußen in der Sonne vom Herbst melancholische Hochzeitsgäste vorbeigleiten, erzählen Emil Popesku und sein Altersgenosse Viktor Rusu von der Insel, die ihr Leben geprägt hat. Zuerst verhalten, dann immer aufgeregter fällt der eine dem anderen ins Wort und korrigiert die Fehler in der Erinnerung. "Es gab ein Lied über eine Liebe zwischen einer jungen Türkin und einem rumänischen Flussschiffer, Ayşe und Dragomir, das wurde irgendwann in den Fünfzigern gesungen. Es hatte zwei Enden, ein glückliches und ein weniger glückliches. In einem Ende sind beide in die Donau gesprungen, weil die Familien nicht mit ihrer Liebe einverstanden waren. Beim Happy End blieben sie zusammen. Wenn rumänische Touristen mit dem Boot an der Insel vorbeifuhren, spielten wir dieses Lied immer am lautesten."

Als die Bewohner dann in die Wohnblocks umgesiedelt wurden, behielten sie vieles aus ihrem Leben bei. "Sie machten weiter das, was sie kannten", erinnert sich Rusu. "Die Blocks rochen nach Marmelade aus Rosen und Halva. Durgut, ein Freund, hat bei mir Süßigkeiten gemacht, dann ist seine Familie weggezogen. Ilmas Ombasi, ein anderer Freund, ist schon 1969 nach Istanbul gegangen."

"Vor dem Untergang wurden auch die Tiere umgesiedelt", sagt Popesku. "Es gab Schafe und Ziegen. Dann wurde alles mit Dynamit eingeebnet, wohl damit nichts stehen bleibt und die Schifffahrt gefährdet. Wir haben vom Ufer aus zugesehen, wie die Zypressen fielen und die Häuser. Es gibt eine Legende, nach der das Minarett übrig geblieben ist und immer dann zu sehen war, wenn die Donau wenig Wasser führte. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Ich habe gesehen, wie es fiel. Das letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass das Wasser über die Baumkronen stieg und tausende Vogelnester auf der Wasseroberfläche schwammen. Der Fluss trug sie sanft hinweg, hinter ihnen her flogen Schwärme verwirrter Vögel." Das Schmugglernest, die Oase der Freiheit, das Paradies, in dem Kulturen, Nationen, Religionen in Frieden lebten, ist für immer im Wasser der Donau untergegangen.

Dem Djerdap-Stausee am Eisernen Tor an der Donau fiel die Insel zum Opfer.Dem Djerdap-Stausee am Eisernen Tor an der Donau fiel die Insel zum Opfer. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Denis Barthel; Wikimedia Commons)

Was bleibt, sind die Gräber

Die Überlieferung besagt, dass die Einwohner der Ada Kaleh geschworen hatten, dass sie, wo auch immer sie sterben, auf einer Insel beerdigt werden sollen. Die, die in Turnu Severin blieben, ließen sich auf dem Friedhof "Fähre" begraben. Dorthin kommt man, wenn man an den Mietskasernen aus sozialistischen Zeiten in den Vororten von Turnu Severin vorbeigeht, mit Balkonen voller Wäsche und Satellitenantennen, und den Weg bergauf nimmt. Um den Zaun, der den Friedhof umgibt, liegt viel Müll, aber von diesem Platz fällt der Blick auf Donau.

Auf dem christlich-orthodoxen Friedhof ist ein Stück für Mitbürger anderen Glaubens reserviert. Einen Zaun zwischen diesen Teilen gibt es nicht. Das einzige, was sie unterscheidet, ist das Kreuz auf dem einen und der Halbmond auf dem anderen Grab. Auf manchen Gräbern der Türken sind Bilder der Verstorbenen. Das ist nicht eben üblich in der islamischen Welt, aber auf der Ada Kaleh gab es diese sinnlosen Grenzen zwischen den Welten ohnehin nicht. So hat sich der Geist der Insel bis auf den Friedhof gerettet.

Die Gräber von der Ada selbst wurden nach Șimian umgezogen. Unter ihnen ist auch das Grab von Misčo Baba, über dessen Leben schwer zu sagen ist, ob es eher Mythos oder Wahrheit ist, wie so vieles, das mit der Insel zusammenhängt. Die Erzählung besagt, dass Baba ein Prinz im fernen Buchara war, der im Jahr 1786 abdankte, weil er im Traum mit heiligen Worten geheißen wurde, auf eine Insel zu ziehen. Also kam der Prinz auf die Ada Kaleh, wo er bis zu seinem Tod blieb. Die Insulaner erinnerten sich an ihn wegen seiner Bescheidenheit, die Legende besagt, dass er Wunderheilungen vollbrachte und Wasser in Wein verwandeln konnte. Er starb im 95. Lebensjahr, sein Grab wurde eine Pilgerstätte für viele Muslime und Christen.

Eiserner Vorhang am Eisernen Tor

Viele Jahre konnten die Bewohner der Ada Kaleh ihre Toten auf Šimijan nicht besuchen. Bis 1989 durfte nur das Militär die Insel betreten. Die Donau war eine Grenze zwischen den Welten, über ihr lag der Eiserne Vorhang, der Rumänien vom Westen trennte, der zu dieser Zeit in Jugoslawien begann.

Davon erzählen die zahllosen namenlosen Gräber auf der jugoslawischen Seite, die Gräber derer, die erfolglos versucht hatten, von Rumänien nach Jugoslawien zu schwimmen. Manche sind ertrunken, manche wurden erschossen, bevor sie die erdachte Grenze in der Mitte des Flusses erreicht hatten. Aus dieser Zeit stammt auch die Legende vom "rumänischen Torpedo", einer Flasche mit komprimierter Luft und angeschweißten Griffen, die, wenn man sie an einer Seite durchstach, den Flüchtenden zur anderen Seite des Flusses tragen würde.

Die ersten Besucher, die nach der rumänischen Revolution Șimian besuchten, fanden eine Festung vor, die von Sträuchern und Unkraut bewachsen war. Viele Grabsteine waren von Kugeln beschädigt worden, die wohl die Grenzposten zum Spaß abgefeuert hatten.

Trauer um eine Insel

Diejenigen, die für immer das Land oder den Ort, an dem sie geboren wurden, verloren haben, haben etwas gemeinsam. Es ist nicht nur der Verlust der Kindheit und der Jugend, jener Zeit, als jedem das Gras grüner zu sein schien als später, als alles noch unschuldig war und unendlich schön. Eher ist es eine Behinderung der Seele, das Gefühl, das etwas fehlt, etwas, das noch da ist, obwohl man weiß, dass das falsch ist. Ein Phantomschmerz. "Als wäre auch dieses Land und dieses Belgrad, dass ich einmal kannte, von der Donau fortgetragen worden," schreibt aus weiter Ferne ein Freund, der vor langem weggegangen ist.

Dieser Schmerz entweicht aus jedem Wort der Geschichten von der Ada Kaleh. "Die Insel hatte einen besonderen Geruch, er war an jeder Seite anders. Vom Fluss kam der fast meerähnliche Geruch des Wassers, um die Häuser herum verbreitete sich der Geruch der Früchte oder der Marmelade, die zubereitet wurde. Ging man auf den Basar, traf einen der Geruch das Tabaks. Im Frühjahr ergrünte die ganze Insel, und am Abend, sobald die Dämmerung fiel, begann ein richtiges Orchester quakender Fröschen. Alle haben eine Heimat, jeder kann seinen Herkunftsort besuchen, jeder kann irgendwohin zurück. Ich kann den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, nicht meinem Mann und meinen Kindern zeigen", erzählt eine Frau.

Ein anderer trauert: "Für die Kinder war es besonders paradiesisch. Dort haben wir gelernt, mit anderen zu teilen. Die Feiertage waren besonders, in der Türkei haben wir eine solche Atmosphäre, solche Feiern nicht erlebt. Wir hatten einen Strand, aber wir konnten nicht weit vom Ufer fortschwimmen, wegen der Wirbel und Strudel. Die Leute lebten lang, sie aßen das, was sie selbst angebaut hatten, an der frischen Luft, es gab keine Automobile, keinen Stress. Ich danke Gott, dass ich meine Kindheit und Jugend in dieser paradiesischen Ecke der Welt erlebt habe. Wenn es irgendwo einen solchen Ort gäbe, ich würde alles aufgeben und dort leben."

Und noch ein anderer: "Ich habe die vier Ecken des Hauses geküsst, die Tür offen gelassen und bin mit Tränen in den Augen gegangen. Nachdem sie endgültig überschwemmt war, konnten die Leute noch lange Zeit Vögel sehen wie sie über der Donau flogen, dort, wo einmal die Ada Kaleh gewesen war."


Übersetzung aus dem Serbischen von Rüdiger Rossig



Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)