Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Muharem Bazdulji

Donauland Bosnien

Die Neretwa verbindet die Herzegowina mit der Adria.Die Neretwa verbindet die Herzegowina mit der Adria. (© Inka Schwand)

Bosnische Pforten



Auf poetische Weise verbindet der Dichter in diesem Gedicht, das einem Kinderlied nicht unähnlich ist, Bosnien über die "vier Fäden" mit der Donau. Branko Ćopić verleiht den vier Flüssen, die der Save und der Donau entgegenstreben, Menschengestalt. Una, Bosna und Drina sind weiblich, bei Ćopić also Jungfrauen. Der Vrbas ist dagegen männlichen Geschlechts – und wird zum Burschen. So haben wir es als Kinder gelernt. Doch das ist nur die eine Wahrheit in diesem Land mit dem merkwürdigen, zweigeteilten Namen. Im Grunde erzählen Una, Bosna, Vrbas und Drina nur die bosnische Geschichte. Die Geschichte dreier Jungfrauen und eines Burschen, die sich auf den Weg zur Donau machen.

In der Herzegowina wird dagegen eine andere Geschichte erzählt. Denn neben den vier blauen Vertikalen, die in der Save enden, gibt es noch eine blaue Vertikale deren Lauf nicht von Süd nach Nord führt, sondern von Nord nach Süd. Ein Fluss, der nicht in die Save und in die Donau mündet, sondern ins Adriatische Meer. Nicht von einem rivière ist hier die Rede, sondern von einem fleuve, dem einzigen fleuve des Landes – der Neretva. Allerdings ist die Neretva keiner von Ćopićs bosnischen Läufern, denn sie ist ein herzegowinischer Läufer. Die bosnischen Flüsse gehören (über Save und Donau) zum Einzugsgebiet des Schwarzen Meers, die herzegowinische Neretva gehört zur Adria. Das ist ein bedeutender Unterschied. Balkanisch sind beide, Bosnien und die Herzegowina. Doch die Flüsse machen den Unterschied. Bosnien ist balkanisch und mitteleuropäisch. Die Herzegowina ist balkanisch und mediterran.

Inneres Land und Periferie

Historisch betrachtet war Bosnien die erste Bezeichnung für das ganze Gebiet, das heute als Bosnien-Herzegowina bezeichnet wird. Der Erste, der es erwähnte, war der byzantinische Kaiser Konstantin VII Porfirogenet in seiner Schrift De administrando imperio. Er nennt Bosnien dort das innere Land. Das hat natürlich mit der Perspektive seines eigenen Reichs zu tun, in dem Bosnien zu dieser Zeit keine periphere Provinz war, sondern tatsächlich eine innere.

Der südliche Teil Bosniens, der dem Adriatischen Meer zugewandt ist, erhielt den Namen Herzegowina erst im 15. Jahrhundert. Damals wurde der Herrscher Stjepan Vukčić Kosača zum Herzog ernannt – und sein Land wurde zur Herzegowina, dem Land des Herzogs.

Inneres Land oder Peripherie, das ist seitdem das Schicksal von Bosnien-Herzegowina. Zur Zeit des Osmanischen Reichs, als die Türken mehrere Male Wien belagerten und weiter im Osten an der Donau mächtige Städte wie Budapest und Belgrad hielten, war Bosnien ein inneres Land. Doch dann mussten sich die Türken zurückziehen. Mit dem Frieden von Karlowitz 1699 – also einem Frieden an der Donau! – wurde Bosnien zum peripheren Land. Dieser periphere Status am westlichen Rand des Osmanischen Reichs dauerte knapp zwei Jahrhunderte.

1878 schließlich, mit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch Österreich, änderte sich zwar die Herrschaft, nicht aber die geografische Lage. Bosnien-Herzegowina blieb Peripherie, nur keine westliche, sondern von nun an eine östliche. Dort blieb das Land bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang Österreich-Ungarns.

In Jugoslawien wiederum – sowohl im Königreich als auch in der sozialistischen Föderation – ist Bosnien ein klassisches inneres Land. Vor allem dann, wenn man es mit den anderen fünf Republiken in der jugoslawischen sozialistischen Föderation vergleicht: Slowenien grenzte an Österreich, Italien und Ungarn, Kroatien an Ungarn, Serbien an Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien, Montenegro an Albanien, Makedonien an Albanien, Bulgarien und Griechenland. Bosnien-Herzegowina war die einzige der sechs jugoslawischen Republiken, die keine einzige Außengrenze hatte, das einzige jugoslawische innere Land.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens wurden aus den innerjugoslawischen Verwaltungsgrenzen staatliche Grenzen, so dass Bosnien und Herzegowina heute an drei unabhängige Staaten grenzt: An Kroatien, Serbien und Montenegro. Dennoch besteht die Selbstwahrnehmung des Innen-Seins, der Eingeschlossenheit und der Klaustrophobie weiter fort. Umso wichtiger sind Neum und Brčko. Über seine zwanzig Kilometer Adriaküste und über seinen Hafen an der Save halten Bosnien und die Herzegowina Kontakt zur großen Welt da draußen.

Brčko, die donauischste Stadt Bosniens



Heute wissen wir, dass der Zerfall Jugoslawiens nicht friedlich verlief, sondern von einem blutigen Bürgerkrieg begleitet wurde, dessen blutigste Kapitel sich ausgerechnet in Bosnien und in der Herzegowina abspielten. Alle drei Nachbarstaaten nahmen an diesem Krieg teil. In der Kriegszeit, also von 1992 bis 1995, gehörten die Fragen des Zugangs zur Adria und und zum Hafen in Brčko zu den Schlüsselfragen aller Friedensbemühungen.

Brčko, der Hafen an der Save, ist die direkteste bosnische Verbindung zur Donau. Als es nach einer ganzen Serie gescheiterter Friedenskonferenzen in Dayton 1995 zum Friedensschluss kam, waren fast alle strittigen Fragen gelöst – außer die um Brčko. Tatsächlich wäre der Frieden fast an Brčko gescheitert. Also kam es zu einem sehr amerikanischen Kompromiss. Im Friedensvertrag von Dayton wurde Bosnien-Herzegowina formal-administrativ in zwei Teile geteilt: in die bosnisch-kroatische Föderation und in in die Republika Srpska. Die Stadt Brčko gehörte weder zur einen, noch zur anderen. Sie wurde zum Distrikt ernannt, wohl nach dem Vorbild von Washington DC. So hat der Zugang zur Donau Bosnien am Ende dreigeteilt.

Brčko, die wohl donauischste bosnische Stadt, ist heute die einzige Stadt, die unmittelbar zu Bosnien-Herzegowina gehört, ohne Teil einer ethnisch definierten Entität zu sein. Über Brčko öffnet sich Bosnien nach Europa. Nicht das eigene, das nach innen gerichtete, steht hier im Vordergrund, sondern der Weg nach draußen. Den bringt das große Wasser mit sich. Brčko ist die westlichste bosnisch-herzegowinische Stadt an der Save, dem größten jugoslawischen Zufluss zur Donau, unsere größte Donau-Stadt, und daher ist es ganz natürlich, dass nach dieser Stadt eine ganze Provinz benannt wurde. Über Brčko werden heute Bücher geschrieben, die es als freie Stadt auf dem Balkan beschreiben und damit auf eine Art an Triest erinnern. Damit wären wir wieder bei Claudio Magris, dem großen Essayisten der Donau und Sohn Triests.

Brčko symbolisiert gleichzeitig die Vergangenheit und die Zukunft Bosniens und der Herzegowina: Einerseits steht es für den Krieg und dessen Ende, andererseits für eine Vorstellung von einem Land, das weitaus mehr mit der Welt verbunden ist als das heutige Bosnien-Herzegowina. Diese Verbindung geht in verschiedene Richtungen, aber eine der wichtigsten ist eben die europäische, die Donau-Richtung. Die Donau ist das große Symbol Europas, und die Lage Bosnien-Herzegowinas an ihr scheint den Vers des Dichters Hamze Hume aus Mostar zu widerlegen, nach dem Bosnien "ein Land am Rand Europas" ist.

Donaustadt Sarajewo

Kehren wir an den Anfang zurück. Was verbindet heute, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, also fast hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajewo und dem Beginn des Ersten Weltkriegs, Bosnien mit der Donau? Weder sind Bosnien und die Herzegowina mehr Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, noch eine Teilrepublik Jugoslawiens, und noch, noch nicht, ist es Teil der Europäischen Union.

Ich möchte auf diese Frage eine sehr persönliche Antwort geben. Ich kann die bosnischen Flüsse, die ich am häufigsten sehe, die Miljacka und die Lašva, nicht mehr so betrachten, wie ich sie als Kind gesehen habe; mit der Vorstellung, dass das Schiffchen, das ich aus Papier gebaut und in die Lašva oder Miljacka gesetzt habe, vielleicht am Ende bis zum Schwarzen Meer schwimmen könnte. Ich kann es nicht, aber andere, die Kinder von heute, können das. Sie sehen diese Flüsse zum ersten Mal, während sie zum ersten Mal in den Fluss der Welt eintauchen. So wie ich vor dreißig Jahren, als ich mir selbst die ersten kindlichen metaphysischen Fragen stellte.

Viel hat sich inzwischen verändert: Es gibt eine neue Gesellschaftsordnung und neue Staaten – und die Welt ist nicht mehr nur analog, sondern auch digital. Und dennoch: Die Geografie ist dieselbe geblieben, die Flüsse fließen in dieselben Flüsse. Und die Kinder sind in diesen zarten, frühesten Jahren wie eh und je neugierig und begierig, dieselben ersten und letzten Fragen zu stellen.

Ich weiß, es ist merkwürdig, dass man sich der Kindheit manchmal leichter erinnert, wenn man außerhalb der Enge der Heimat ist, außerhalb des Ortes oder der Stadt, in der man aufgewachsen ist. Ich erinnere mich heute öfter der Kindheit, wenn ich die Donau sehe, als wenn ich auf die Lašva oder die Miljacka blicke. Ich erinnere mich an mich, wie ich auf die Wellen schaute, auf Wirbel und Stromschnellen, auf den Grund und auf Kaskaden, auf das schnelle, rauschende Wasser, das spritzt, wenn es auf einen Stein trifft. Ich frage mich, was mit diesem mächtigem Wasser wird. Als Kind denkt man, dass es auf alle Fragen eine Antwort gibt, und man freut sich, wenn man erfährt, dass die Antwort Donau heißt.

Aus dem Bosnischen von Rüdiger Rossig


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)