Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Dragan Velikić

Vukovar und die Serben

Die Donau bei Ilok ist die Grenze zwischen Kroatien und Serbien.Die Donau bei Ilok ist die Grenze zwischen Kroatien und Serbien. (© Inka Schwand)

Vukovar in den Schulbüchern

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, hilft ein Blick in die Schulbücher. Vor zehn Jahren wurde Vukovar in den serbischen Schulbüchern nicht einmal erwähnt. Drei Jahre später stand im Geschichtsbuch für die achte Klasse der Grundschule: "Auch die Jugoslawische Volksarmee hat, meist im Laufe der Befreiung der eigenen Kasernen und Soldaten, die in ihnen waren, zur Zerstörung vieler Städte und dem Leid vieler Zivilisten beigetragen. Die Folgen dieser Konflikte waren katastrophal für alle Einwohner, ohne Rücksicht auf ihre nationale und religiöse Zugehörigkeit. Die Pogrome von Zivilisten, Serben, Kroaten und Moslems hinterließen Massengräber."

Vor zwei Jahren wurde im Schulbuch für Geschichte für die achte Klasse der Grundschule endlich auch Vukovar beim Namen genannt: "Die neue Phase des Krieges kennzeichneten massenhafte Angriffe kroatischer paramilitärischer Einheiten auf die Jugoslawische Volksarmee, die Belagerung von Kasernen und der Aufruf an kroatische Offiziere und Soldaten, sich Kroatien zur Verfügung zu stellen. Heftige Kämpfe wurden um Vukovar geführt. Nach der internationalen Anerkennung Kroatiens, wobei der Vatikan und Deutschland führend waren, zog sich die Jugoslawische Volksarmee Anfang Januar 1992 aus dem Raum Kroatiens zurück".

Das ist alles. Nirgendwo ein Foto, nirgendwo wird erwähnt, was in Vukovar tatsächlich geschehen ist. In allen Schulbüchern findet man die Interpretation Slobodan Miloševićs von den Ursachen und Ereignissen des Krieges.

Und in Europa? Ich kann mich gut daran erinnern, wie die Franzosen während der Belagerung von Vukovar eine U-Bahn-Station nach dieser Stadt benannten. Heute gibt es diesen Bahnhof nicht mehr.

Vukovar blieb also im Schatten der Geschichte zurück. Nicht einmal in Kroatien redet man viel von dieser Stadt, obwohl sie das mächtigste Symbol des Leidens aus dem Vaterländischen Krieg ist. Im Laufe der drei Kampfmonate im Herbst 1991 wurden in Vukovar Tausende unschuldige Zivilisten getötet, in Kroatien spricht man von 4.000. Nie wurde die genaue Anzahl der gefallenen Soldaten auf beiden Seiten festgestellt.

Das Gedächtnis des Wassers

Es gibt das Gedächtnis des Wassers. Die Unzerstörbarkeit des Wassers als Archiv. Auch der menschliche Körper ist ein solcher Erinnerungsspeicher. Alles, was es irgendwo irgendeinmal gegeben hat, bleibt für immer in ihm eingeschrieben. Das Wasser speichert Informationen. Es hat ein Erinnerungsvermögen und prägt sich alles ein, was es umringt: Betonsiedlungen, Wälder, Felder, Autobahnen, lärmende Arenen, das Geschrei der Verkäufer auf den Marktplätzen, Straßenmusikanten, die eisige Stille der Gletscher.

Die leise und passive Macht des Wassers ist vielleicht die größte Macht, die wir kennen, sie weicht den härtesten Stein auf, findet immer den Weg zu ihrer vorgegebenen Mündung. Wenn das Wasser sich unter die Erde begeben muss, wie in den Karstgebieten, wird es zum unterirdischen Strom. Aber es erinnert sich weiterhin.

Das ist die Lehre der Natur. Vukovar ist das Symbol der Unsinnigkeit des menschlichen Leides. Die Donau – ein Fluss, der in der Ebene nicht geradeaus strömt, sondern mäandert und sich auf Flussarme aufteilt – könnte als ein Fluss des gescheiterterten Zusammenlebens der Kulturen bezeichnet werden. Zusammenleben der Kulturen: ein Wort, das auf beiden Ufern auf Missbilligung stößt.

Vom Augenblick an, als Kroatien ein unabhängiger Staat wurde, begann das Problem der Grenzfestlegung. Auch nach zwanzig Jahren gelang es den Behörden Serbiens und Kroatiens nicht, sich darüber zu einigen, wo die Grenze zwischen den beiden Ländern verlaufen soll. Während Serbien die Mitte der Donau als Grenzlinie betrachtet, wie es das Völkerrecht vorsieht, beruft sich Kroatien auf die Katasterkarten von 1878. Auf ihnen ist der ganze Fluss kroatisch.

Die Donau mäandert. Jetzt liegt es an den Experten Serbiens und Kroatiens, Lösungen für das Mäandern der Donau zu finden, das plötzlich die Territorien durcheinander gebracht hat. Bauernhöfe wachten eines Morgens im Nachbarland auf. Die Donau mäandert. So wie das Leben.

Aus dem Serbischen von Andrej Ivanji


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)