Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Miljenko Jergović

Der kroatische Kampf um Vukovar

Neues Bankgebäude neben ein zerstörtem Gebäude.Die Zerstörungen sollen sichtbar bleiben, auch wenn daneben neue Bankgebäude entstehen. (© Inka Schwand)

Eine tote Stadt

Die andere Seite des Vukovar-Mythos ist die Vernachlässigung der realen Stadt und ihrer Einwohner seit nunmehr 22 Jahren. Auch wenn ein großer Teil der Gebäude wieder aufgebaut wurde, ist die Stadt im eigentlichen Sinn tot. Von Zagreb aus gesehen scheint es manchmal, als seien in Vukovar einzig die Friedhöfe und die Orte, unter denen die Massengräber liegen, lebendig. Nur dort geschieht etwas: Gedenkveranstaltungen werden abgehalten, Jahrestage begangen, Kriegsveteranen kommen mit nationalen Symbolen und ihren Kriegsfahnen, die aus irgendeinem Grund immer schwarz sind.

Die Mütter gefallener Märtyrer zünden Kerzen an, die Mütter derer, deren Körper nie gefunden wurden, schluchzen an den Gräbern ihrer Söhne, politische Delegationen haben sich in billige Konfektionsanzüge geworfen und legen Kränze nieder, auf denen das kroatische Nationalwappen aus roten und weißen Nelken prangt. Kinder und Enkel weinen an den Gräbern ihrer Väter, Bischöfe und die niedere Geistlichkeit beten öffentlich in reichem Ornament zu Gott, Kessel schwenkend, aus deren Glas der Geruch von Weihrauch entweicht. Dann halten sie Predigten, die sich bald in politische Reden verwandeln. Bei diesen politischen Reden auf den Vukovarer Friedhöfen, an den Gräbern, lassen sie sich nicht die Gelegenheit nehmen, auch der kroatischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu gedenken, die die jugoslawischen Partisanen und Antifaschisten 1945 aus Rache und Vergeltung ermordet hätten.

Keiner dagegen erinnert in Vukovar an die Partisanen und an die Opfer, die sie im Zweiten Weltkrieg gebracht haben. Auch nicht an den Holocaust erinnern sie sich und den Völkermord an den Serben, der in diesem Krieg begangen wurde. Wenn Sie fragen, warum in Vukovar nie die Partisanen erwähnt werden, wohl aber die Toten der faschistischen Ustascha, wird man Ihnen wütend entgegenschleudern, warum die selben Partisanen wie 1941 auch 1991 Kroaten getötet haben? So ist das, wenn es um einen Mythos geht.

Das Kreuz als Denkmal

Am Flüsschen Vuka, das bei Vukovar in die Donau mündet, befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an die Verteidiger der Stadt. In der Form eines großen, massiven Kreuzes, in dessen Seite ein kroatisches Nationalsymbol gemeißelt wurde, wurde es zu einem der neuen Symbole der Stadt. Niemand in Kroatien empfindet als unangemessen, dass die Gedenkstätte die Form eines Kreuzes hat. Als wären alle diese Leute in den Kreuzzügen des Mittelalters gefallen, im Kampf gegen Sarazenen und Häretiker, als hätte sie im Sommer 1991 Papst Johannes Paul II. in den Krieg geschickt, nachdem er sie zu Mönchen geweiht hat: Dieses Denkmal stellt, genauso wie der ganze kroatische Vukovar-Mythos, eine solide und unzerbrechliche Verbindung des weltlichen und des himmlischen Kroatiens dar, in der Einheit der kollektiven Idee vom Staat und der kollektiven Idee von Gott.

Ist es überhaupt möglich, vor dieses Denkmal zu treten und sich nicht zu bekreuzigen und nicht zu Gott zu beten, alles nach katholischem Ritus? Wirst du nicht, wenn du das unterlässt, als Feind oder feindlicher Spion verdächtigt werden?

Das waren die Fragen, die ich mir stellte, als ich vor einigen Jahren an einem spätherbstlichen Vorabend vor diesem Kreuz stand. Ich habe nicht gebetet und mich auch nicht bekreuzigt, obwohl ich das Gefühl hatte, dass mich jemand von irgendwo aus beobachtet. Denkmäler wie diese sind in Vukovar keine Erinnerungsorte, sondern Mittel der Repression.

Aus Nachbarn wurden Feinde

Das Kreuz ist noch aus einem weiteren Grund unpassend. Der Krieg in Jugoslawien begann schlagartig und ohne großes Vorspiel. Noch einige Monate zuvor, im Frühjahr 1991, lebten alle ganz normal in Vukovar. Sie gingen zur Arbeit, spielten am Samstag Nachmittag Fußball mit den Arbeitskollegen, sie lebten den Alltag des entwickelten jugoslawischen Sozialismus. Die Mehrheit der jungen Männer, die im Verlauf der sechziger Jahre geboren wurden, war weder getauft, noch gingen sie in die Kirche. Sie konnten nicht einmal ein Gebet aufsagen.

Ein halbes Jahr später waren diese jungen Leute bereits tote Helden, getötet bei der Verteidigung der Stadt oder, nachdem die Stadt gefallen war, ermordet und in Massengräber gergraben. Ist es ihnen in diesen paar Monaten gelungen, das Vaterunser auswendig zu lernen, erlebten sie im Krieg eine Bekehrung oder sind sie – was wahrscheinlicher ist – bei der Verteidigung ihrer Häuser und ihrer Stadt gegen den Angriff der Jugoslawischen Volksarmee gefallen und dabei nicht wirklich dazu gekommen, an Gott und die Kirche zu denken?

Zudem: Was bedeutet dieses Kreuz, dass auch von manchem Ort in Serbien gesehen werden kann, wenn auf der anderen Seite, am östlichen Ufer der Donau, ein weiteres, etwas anders gestaltetes Steinkreuz steht, sichtbar von Kroatien aus und für die errichtet, die Vukovar angegriffen oder irgendwo um die Stadt herum ihre serbischen Dörfer gegen die Kroaten verteidigt haben? Was geschieht eigentlich, wenn man mit einem katholischem Kreuz auf ein orthodoxes Kreuz schießt und umgekehrt?

Theokratische Wende

Der Einsatz des Kreuzes im Krieg gegen das Kreuz – das ist nur auf den ersten Blick unsinnig. Kreuzförmige Denkmäler wie auch die Anbindung nationaler und nationalistischer Motive an Kreuzrittertum und religiöse Motivationen, haben ihren Sinn im Kampf um die Transformation einer säkularen Gesellschaft, wie sie in ganz Europa besteht, zu einem Glaubensstaat, einer Art europäischem Iran, in dem Bischöfe und Erzbischöfe auftreten wie staatliche Glaubensführer. Ihre Ansichten sollen künftig entscheidend sein bei allen Frage, die die Gemeinschaft betreffen: vom Sex vor der Ehe über Abtreibung und Nacktheit am Strand bis hin zu Außenpolitik und wirtschaftlicher Entwicklung.

Kroatien ist in diesem Sinne weit mehr als Serbien auf gutem Weg, eine getarnte Theokratie zu werden, denn in Kroatien äußern Bischöfe tatsächlich ihre Gedanken zu allen gesellschaftlichen Fragen verbindlich – und wenn jemand aus der Regierung es wagt, zu widersprechen, wie es Erziehungsminister Željko Jovanović getan hat, indem er die kirchliche Haltung zur Gesundheitserziehung ablehnte, kann es schon vorkommen, dass ein Bischof das Volk zum Aufstand aufruft, von der "Säuberung" Kroatiens durch eine neue "Aktion Sturm" spricht und der Zagreber Weihbischof Valentin Pozaić sich öffentlich in seinen über die elektronischen Medien verbreiteten Predigten fragt, "ob Ministar Jovanović eine Vagina hat"?


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)