Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Miljenko Jergović

Der kroatische Kampf um Vukovar

Denkmal für Franjo Tuđman.Denkmal für Franjo Tuđman, von 1991 bis 1999 Staatspräsident Kroatiens. (© Inka Schwand)

Und was hat das alles mit Vukovar und dem kroatischen Vukovar-Mythos zu tun?

Im Schatten dieses Mythos', in der demütigen Stimmung, die die Erzählung von hunderten und tausenden getöteten Menschen schafft, entsteht das Umfeld für Predigten über die Verderblichkeit von vorehelichem Sex, die verbrecherische Natur der serbischen Volks, den "Unabhängigen Staat Kroatien" der faschistischen Ustascha als Erfüllung jahrhundertealter kroatischer Träume, die Ustascha als Befreier und Recht-Schaffer, den teuflischen Charakter von Präservativen, den Juden, die das weltweite Bankgeschäft beherrschen und ehrliche Katholiken und Christen durch Wucherzinsen vernichten. All das also, was die kroatische, nationalistische Rechte heute predigt, angeführt von einer katholischen Kampf-Geistlichkeit und einer großen Mehrheit der kroatischen Bischöfe.

Vor dem "Opfer Vukovars", unter dem steinernen Kreuz mit dem eingemeißelten kroatischen Nationalsymbol, sind wir alle gezwungen, zu schweigen und zu Gott zu beten, während die Patrioten und Bischöfe sehr laut von Themen sprechen, die mit dem Krieg nichts, aber auch gar nichts zu tun haben.

Hoffnung Donau

Die Grenze zwischen Serbien und Kroatien ist, im Gegensatz zu den meisten inneren Grenzen auf dem Balkan, relativ neu. So wie sie nun verläuft, besteht sie zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg. Das längste Stück dieser Grenze bildet die Donau. Auf dem linken Ufer liegt – normalerweise – Kroatien, auf der rechten Serbien.

Weit, schiffbar und tief verläuft die Donau wie eine prächtige Autobahn und trennt zwei arme, geistig wie materiell verödete Länder. Sie trennt zwei Kulturen und zwei nationale Mythen, die zum größten Teil aus gegenseitiger Abneigung bestehen. Das gilt besonders für die kroatische Kultur, denn sie kommt aus dem kleineren, schwächeren Volk. Unter kroatischer Kultur versteht man das, was nicht serbische Kultur ist. Die kroatische Sprache ist die, die nicht serbisch ist. Wenn es Serbien und die Serben nicht gäbe, wäre es schwer zu definieren, was kroatische Kultur ist, und inwiefern sich die kroatische Sprache von der, sagen wir, chinesischen unterscheidet.

Die Donau aber ist weder bestimmt dazu, eine Grenze zu sein noch eine Waffenstillstandslinie. Ein so großer, friedlicher, mächtiger Fluss verbindet verschiedene, oft auch sehr entfernte Kulturen, Identitäten und Sprachen. Die Donau ist eine natürliche Verkehrsader, wahrscheinlich sogar die sicherste in Mittel- und Osteuropa. Die Donau, weit und schön, hat ihre Ufer immer verbunden und nicht geteilt.

Die Donau kann nicht die Grenze zwischen den Welten sein, selbst dann nicht, wenn sie Grenze zwischen zwei Staaten ist. Wenn die Donau Serben und Kroaten trennen würde, so wie die kroatischen und serbischen Nationalisten sich das wünschen, dann müsste sie sich in ein schmales, seichtes, verschmutzes Flüsschen verwandeln, in das sich von der linken Seite die kroatische, von der rechten die serbische Kanalisation ergießt, in dem sich im Namen des gemeinsamen Hasses serbische und kroatischen Fäkalien mischen. Und das wäre die einzige Verbindung zwischen den Völkern.

Aber vergebens: In Anbetracht aller Anstrengung und aller serbischen und kroatischen Beflissenheit kann man die Donau nicht in einen schmutzigen kleinen Rinnsal verwandeln. Und auch nicht in eine bloße Waffenstillstandslinie. Dieser Fluss wird für immer seine Ufer verbinden, wer auch immer auf der einen oder auf der anderen Seite leben mag. Städte kann man zerstören und erniedrigen, aber einen großen Fluss niemals.

Wann immer ich nach Vukovar komme – ich war dort in den vergangenen zehn Jahren nur drei oder vier Mal – vergesse ich die Traurigkeit, Beklemmung und Übelkeit, die ich beim Anblick des zerstörten Stadt empfinde, sobald ich mich an den großen Fluss begebe. Die Donau ist die Hoffnung Vukovars, das Versprechen der Zukunft, der Rettung und des Lebens. An der Donau ist Vukovar lebendig mit einem Blick auf die andere Seite, die auf einmal ebenfalls lebendig ist.

Übersetzung aus dem Kroatischen: Rüdiger Rossig


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)