Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Rüdiger Schacht

Amazonas an der Donau

Wasserbauarbeiten der kroatischen Behörden an der Drau.Wasserbauarbeiten der kroatischen Behörden an der Drau. (© Rüdiger Schacht)

Der Mensch sperrte sich selbst aus

Was sich anhört wie eines der letzten Tier- und Pflanzenparadiese auf Erden, ist – so seltsam es auch zunächst anmutet – durch den Menschen bedroht und beschützt zugleich. Einerseits bedrohen Flussbegradigungen und Elektrizitätswerke die Natur. Andererseits hat sich der Mensch etwa aus dem Ried selbst ausgesperrt. Während des Jugoslawienkrieges lag die Baranja zwischen Donau und Drau mitten im Kampfgebiet der verfeindeten Parteien, und man versuchte sich gegenseitig durch Minengürtel am Durchqueren des Gebietes zu hindern.

Bis heute ist das Gelände großflächig mit den Hinterlassenschaften des Krieges belastet. Tausende von Antipersonen-Minen liegen noch im Boden und sind auch mehr als zehn Jahre nach dem Krieg so gefährlich wie damals. An den wenigen Zugangsstellen zum Ried weisen daher auch Schilder auf die Lebensgefahr abseits der Wege hin. "Es sind immer noch höchstgefährliche Waffen", erläutert der Flussexperte Arno Mohl vom WWF-Österreich. "Und ihre Sprengkraft ist so ausgelegt, dass ein Mensch, der auf sie tritt, nicht gleich stirbt, sondern dass er 'nur' schwer verletzt wird – denn in der Logik des Krieges gilt, dass Tote zunächst liegen gelassen werden. Verletzte werden hingegen geborgen – und binden dabei mehr Männer als ein Toter."

Was für eine morbide Welt, die da ein Kleinod der Natur vor der Zerstörung bewahrte. Doch wie geht es weiter mit dem Naturreservat und den Wasserbaumaßnahmen? "Insbesondere die geplanten und teilweise bereits angelaufenen Projekte der Flussbegradigung, -vertiefung und Elektrizitätsgewinnung beeinflussen den gesamten Bereich und können den hiesigen Lebensraum unwiederbringlich zerstören", sagt Schneider-Jacoby. Begradigte Flüsse erreichen eine höhere Fließgeschwindigkeit, erodieren stärker ihr Bett und der Wasserpegel im Fluss sinkt. Doch nicht nur innerhalb des Flusses sinkt der Pegel, sondern auch außerhalb des Flussbetts sinken die Grundwasserstände – ein Todesurteil für die benachbarte Tier- und Pflanzenwelt. "Daher auch die Forderung der beteiligten Organisationen nach einem insgesamt 8.000 Quadratkilometer großen Naturreservat, das neben den Auebereichen der Flüsse auch das Kopački Rit einschließt."

In die eigene Tasche wirtschaften

Gerade in der Veränderung des Flussbetts sieht der WWF die derzeit größte Gefahr für das Areal. "In der EU begann man daher schon vor Jahren, die Sünden der Vergangenheit zurückzubauen, weitere Flussbegradigung zu stoppen und die Auenbereiche zu renaturieren", führt Mohl aus. Die Planungen an der Mur und Drau umfassen derzeit rund 190 Baumaßnahmen, die unter anderem die Entnahme von Kies und Sand auf einer Länge von 111 Kilometern vorsehen. "Damit würden ökologisch wertvolle, ursprüngliche Flusslandschaften an Donau, Drau und Mur unwiederbringlich zerstört", sagt Mohl und ergänzt: "An vielen Orten haben die Arbeiten auch ohne gültige Umweltverträglichkeitsprüfung begonnen." Und das ohne erkennbaren Nutzen: "Diese Projekte bedeuten nichts als die Verschwendung öffentlicher Gelder, von der nur wenige Personen in Kroatien profitieren."

Auch den Anwohnern sind die Arbeiten suspekt: Am Strand der Mur treffen wir den Bauern Anton Lasef (Name von der Red. geändert). "Hier sehen Sie ein gutes Beispiel für Verschwendung von EU-Mitteln", sagt Lasef und deutet auf die gegenüberliegenden Seite der Mur. Seit gut einem Jahr arbeiten auf der einen Flussseite die Ungarn und auf der anderen Flussseite die Kroaten an der Uferbefestigung. Während die weitgehend identischen Arbeiten in Ungarn zwei bis fünf Millionen Euro kosten, schlagen sie in Kroatien mit siebzehn bis achtzehn Millionen Euro zu Buche. Nach dem möglichen Grund für diese Diskrepanz gefragt, sagt Jasef: "Hier in Kroatien kennen sich Auftraggeber und Auftragnehmer schon aus den Zeiten des Sozialismus und haben die besten Verbindungen zueinander. Bevor die strengeren EU-Gesetzte greifen, muss das Geld eben noch weg."

"Dass das EU-Geld weg ist, ist das eine Problem," ergänzt Schneider-Jacoby, "ein anderes ist, dass mit den Baumaßnahmen ein völlig veraltetes Wassermanagementsystem umgesetzt wird, das wirtschaftlich nur den beteiligten Baufirmen etwas bringt, aber die Umwelt aller zerstört."

Leben an und mit der Save

Eine ähnliche Landschaft findet sich südöstlich des Gebietes an den Save-Auen. Auch an der Save, dem größten Fluss Sloweniens und Kroatiens, haben sich noch weitgehend naturbelassene Landschaften mit Auwäldern und landwirtschaftlich extensiv genutzten Überflutungsflächen erhalten. Aber auch hier greift der Mensch ein und zerstört mit Wasserbaumaßnahmen die einmalige Natur. Auch hier hat die scheinbar allmächtige Wasserbaulobby bereits begonnen, ein Mammutprojekt umzusetzen, jeder Vernunft, jedem Naturschutzgedanken und jeder Mahnungen der EU-Kommission zum Trotz. So laufen auch an den Save-Auen bereits Begradigungsarbeiten, die das Bett des Flusses befestigen und einer angedachten Schiffsverbindung von Österreich bis zum Schwarzen Meer dienen. Auch hier wird wieder rücksichtslos Natur zerstört, um einer so gut wie nicht vorhandenen Schifffahrt einen imaginären Aufschwung zu bescheren.

Sind die Probleme und Methoden an der Save auch weitgehend die gleichen, so unterscheidet sich die Landschaft und das Leben in den Save-Auen doch von dem an der Mur und Drau. Die Save entspringt im Gebiet des Triglav nahe der Grenze zwischen Slowenien und Österreich und mündet nach 940 kmbei Belgrad in die Donau. Noch weitgehend ungestört durch großräumige Flussbegradigungen und -befestigungen verändert die Save im Bereich der kroatischen Save-Auen ihre Bahn noch frei und mäandriert durch die Ebene. Auch hier bilden die weitläufigen Auwälder einen idealen Lebensraum und Rastplatz für seltene Tierarten wie Kraniche, Moorenten, Wespenbussarde, Seidenreiher sowie Schwarzstörche und Seeadler – zumeist sogar in harmonischer Koexistenz mit dem Menschen.

Seit Jahrhunderten leben die Menschen an der Save mit und von dem Fluss, dessen periodisch auftretenden Überflutungen ebenso selbstverständlich zum Alltag gehören wie die Jahreszeiten. Entlang der Save-Ufer findet sich eine von Landwirtschaft und sanftem Tourismus lebende Gesellschaft, die immer noch eine Weidewirtschaft praktiziert, wie sie in Nordeuropa während des Mittelalters vorzufinden war. Im Gegensatz etwa zu Mitteleuropa haben die Menschen an der Save schon früh einen Weg gefunden, sich dem Rhythmus aus Überschwemmung und Trockenheit anzupassen. Das gilt für die Behausungen ebenso wie für die Art und Weise des Ackerbaus und der Viehzucht. Man lebt mit dem Fluss und den natürlichen Überschwemmungen.

So sind etwa die typischen, althergebrachten einstöckigen Eichenholzhäuser so gebaut, dass das Erdgeschoss bis auf Klein- und Gartenmaterial (wie z.B. Schubkarren und Spaten) leer ist und problemlos eine Überflutung übersteht. Der Wohnbereich der Menschen befindet sich im ersten Obergeschoss und im Dachgeschoss. Steht bei Hochwasser das Erdgeschoss unter Wasser, nutzen die Bewohner aus dem ersten Stock ein Boot, um ihren Alltagsgeschäften nachzukommen. Verlagerte die Save ihr Bett in Richtung auf die Häuser zu, wurden die Holzhäuser einfach mit Ochsenkraft aus dem Gefahrenbereich herausgezogen oder abgebaut, um einige Meter weiter erneut aufgestellt zu werden. Im Laufe der Jahrhunderte perfektionierten die Menschen die Auf- und Abbautechniken der Häuser soweit, dass sie keine Nägel oder ähnliches benutzten, sondern ein Stecksystem entwickelten, mit dem sich das Haus im Falle eines Falles schnell demontieren und wieder montieren ließ.

Ähnliches gilt für den Ackerbau: da Überschwemmungen nicht selten in die Erntezeit fielen und ganze Weizenernten vernichten konnten, baute man vorwiegend Mais an, dessen Kolben problemlos auch vom Boot aus geerntet werden können.

Auch die Viehzucht wurde an das Leben am Fluss adaptiert. So treiben die Bauern morgens ihre Tiere auf die so genannten Hutweiden (Hut von "hüten"), die dem gesamten Dorf gehören, und abends wieder zurück in den Stall. Auf den riesigen, zaunlosen Weiden bewegen sich die Tiere völlig frei und nutzen etwa den Wald als Unterstand und natürlichen Sonnenschutz. Auch die Hutweiden liegen im Überschwemmungsbereich der Save und stehen periodisch unter Wasser. Um nach einer Überschwemmung die vom Flusswasser abgelagerte Schlammschicht aufzubrechen und die Weiden wieder für Grasfresser benutzbar zu machen, treiben die Dorfbewohner als erste Tiergruppe Schweine auf die Weiden, die auf der Suche nach Essbarem den Boden umgraben und ihn für die Samen der Gräser bereiten, die später von Kühen und Pferden genutzt werden können. Um die Tiere auf den riesigen Weideflächen zusammenzuhalten, nutzen die Bauern seit Jahrhunderten das natürliche Sozialverhalten der Tiere aus, die sich selbstständig als kleine Herden und Grüppchen organisieren und – man lese und staune – auf Zuruf des Hirten abends wieder in den Stall ziehen.


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)