Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Rüdiger Schacht

Amazonas an der Donau

Protest gegen die Wasserbaumaßnahmen KroatiensProtest gegen die Wasserbaumaßnahmen Kroatiens (© Rüdiger Schacht)

Die Gefahren des Wasserbaus

Aber wie sind die geplanten Bau- und Regulierungsmaßnahmen an den Flüssen aus EU-Sicht zu werten? "Flussbegradigungen waren klassische Maßnahmen im Deutschland der fünfziger Jahre und dienten insbesondere der Entwässerung eines Gebietes und der Erschließung neuen Ackerlandes", erläutert Georg Hörmann vom Institut für Wasserwirtschaft, Hydrologie und landwirtschaftlichen Wasserbau der Universität Kiel. "Bei einer Begradigung erhöht sich generell die Fließgeschwindigkeit eines Flusses, was dazu führt, dass große Wassermengen schnell abfließen und sich der Wasserspiegel des Flusses absenkt. Inwieweit auch großflächig der Grundwasserpegel davon betroffen ist, ist von den regionalen geologischen Gegebenheiten abhängig", so Hörmann.

Seit Mitte der siebziger Jahre ist mit zunehmender Aktivität der Umweltbewegung in der EU ein Trend weg von der Begradigung und hin zur Renaturierung der Gewässer zu beobachten. Heute gelten EU-weit die Vorschriften der im Jahr 2000 in Kraft getretenen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). In ihr finden sich neben Betrachtungen etwa zum Schadstoffeintrag auch Vorschriften zu wasserbaulichen Maßnahmen. Im Mittelpunkt steht die Forderung, dass alle EU-Länder bis 2015 einen "guten Gewässerzustand" erreichen sollen. "Im Einzelnen bedeutet das, dass alle Gewässer der EU bis 2015 in einem guten chemischen und ökologischen Zustand sein müssen", erläutert der Gewässerexperte Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt. Als Maßstab gelten vorgegebene Referenzzustände, die dann mit den Gewässern der EU-Länder verglichen werden. "Auch ein Beitrittskandidat sollte die WRRL kennen", so Rechenberg. "und es wäre geradezu vertrauenswidrig, wenn die zuständigen Behörden kurz vor einem Beitritt die einschlägigen Richtlinien der EU absichtlich ignorierten."

Hinzu kommt, dass ein etwaiger Rückbau von wasserbaulichen Maßnahmen zum Erreichen des guten Zustands meist viel teurer kommt, als wenn man sich von vornherein um eine Vereinbarkeit der ökologischen Belange und der Gewässernutzungen gekümmert hätte. "Vor Ort sind diese Belange immer gegeneinander abzuwägen. Aber wo es einen Gewinner gibt, wird es auch einen Verlierer geben", so Rechenberg. "Und je nach Sachlage ist mal die Ökologie der Gewinner, mal die Ökonomie. Wichtig ist aber, dass das Ergebnis in einem transparenten Prozess unter Beteiligung der Öffentlichkeit erzielt wurde. Auch dies verlangt die WRRL."

Doch neben allen Sorgen um die Zukunft des Gebietes gibt es auch bereits konkrete Erfolge zu verzeichnen. Nicht nur, dass vier geplante Wasserkraftwerke an der Mur aufgrund des Drucks von WWF und EURONATUR nicht gebaut wurden, gibt Grund zur Hoffnung. Möglich wurde dies durch massive Interventionen der Umweltschützer, die sich im Dezember 2010 mit einer offenen Beschwerde an die Europäische Union wandten, um auf die geplante Zerstörung der natürlichen Ufer der Drau aufmerksam zu machen.

Und das hatte Folgen: "Ein aktueller Bericht der EU-Kommission zeigt, dass Kroatien unter anderem im Bereich Umwelt noch nicht ausreichend auf den künftigen EU-Beitritt vorbereitet ist", meldete EURONATUR im November 2012 auf seiner Webseite. "Die Kommission forderte kürzlich, dass die Qualität der Umweltverträglichkeitsprüfungen signifikant erhöht werden müsse." Die Ermahnungen der EU-Kommission trugen Früchte und das kroatische Umweltministerium beschloss Ende 2012, die Zusammenflussregion der Drau und Mur nicht zu regulieren. "EURONATUR begrüßt, dass sich das kroatische Umweltministerium nun endlich gegen die Verbauung der Drau-Mur Mündung entschieden hat", sagt EURONATUR Geschäftsführer Gabriel Schwaderer. "Wir hoffen, dass diese Entscheidung ein Signal für den Stopp weiterer Eingriffe in bedeutende Flussökosysteme Kroatiens ist."

Selbst die "große" Politik der Anrainerstaaten zeigt derweil Interesse an einem "UNESCO-Bioshärenreservat Drau, Mur und Danube", und die Vertreter Österreichs, Ungarns, Kroatiens, Serbiens und Sloweniens verständigten sich bereits am 25.3.2011 auf die politische Unterstützung des Vorhabens. "Das ist doch immerhin schon einmal etwas", freut sich Mohl. "Nun bleibt abzuwarten, was an konkreten Taten folgt."

Dass das Problem der Naturzerstörung an den Balkanflüssen inzwischen auch seitens des EU-Parlaments wahrgenommen wird, verdeutlicht eine Anfrage bei der Hamburger EU-Parlamentarierin und Sprecherin der SPD-Europaabgeordneten für Landwirtschaft und ländliche Räume, Ulrike Rodust: "Zu den Zielen der Europäischen Union zählt nicht nur die Schaffung eines gemeinsamen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsraums, sondern auch die Bewahrung und Schaffung von Natur- und Kulturlandschaften", sagt Rodust. "Dazu gehören auch die kroatischen Flusslandschaften mit ihren Auenwäldern, die als einzigartig in Europa gelten. Deshalb haben in den vergangenen Jahren sowohl die Europäische Kommission im Rahmen ihrer Fortschrittsberichte als auch das Europäische Parlament die Umweltsituation in Kroatien kritisiert." Insbesondere, so Rodust, sei Kroatien aufgefordert worden, geltendes EU-Recht wie die Wasserrahmenrichtlinie bereits vor dem im Juli 2013 geplanten Beitritt anzuwenden."


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)