Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Eva-Maria Stolberg

Fluss und Überfluss

Die Frühe Neuzeit war die goldene Zeit der Weichsel. Ihre Städte wie Krakau, Warschau, Thorn und Danzig blühten auf. Die Weichsel der Kaufleute brachte europäisches Bewusstsein hervor. In Architektur und Kunst ist es wieder zu bewundern.

Der Wawel, die Königsburg in Krakau.Der Wawel, die Königsburg in Krakau. (© Wikimedia)

Prolog

Entlang der Weichsel, der Lebensader ostmitteleuropäischer Flusslandschaften, säumt sich eine Reihe historisch gewachsener Städte wie Danzig, Thorn, Warschau und Krakau. Sie markieren die Weichsel als wichtigen Handelsweg. Mehr noch: Sie gingen kooperierende wie auch rivalisierende Handelsbeziehungen ein. Dank eines selbstbewussten multiethnischen Bürgertums, das sich aus Deutschen, Polen und Juden zusammensetzte, entwickelte sich die Weichsel in der frühen Neuzeit zu einem Bild des "Überflusses".

Der als Teil der Natur zirkulierende Kreislauf eines Flusses galt in der Geschichte immer wieder als Metapher für eine florierende Wirtschaft. Seit dem 13. Jahrhundert wurden im europäischen Ost-Westhandel wichtige Handelsgüter wie Getreide, Holz, Fisch und Salz transportiert. Die Städte reihten sich wie eine Kette von Perlen entlang der Weichsel. Die Hanse bewirkte eine weitere Intensivierung des internationalen Austausches zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Auf den Märkten der Weichselstädte kamen die Einwohner mit Fremden zusammen. Fernhandel und interkulturelle Begegnungen bestimmten in der frühen Neuzeit das städtische Leben an der Weichsel. Gleichzeitig breitete sich im 14. Jahrhundert in den Städten entlang des Weichselbogens das deutsche Stadtrecht aus, das dem internationalen Handel eine verbindliche, einheitliche Rechtsstruktur verlieh und zudem das politische Bewusstsein der Weichselstädte stärkte.

Im Unterschied zum dörflich und agrarisch geprägten Umland entwickelten sich Danzig, Thorn, Warschau und Krakau zu Metropolen, das heißt zu in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht herausragenden Zentren – sie hatten nicht zuletzt ihr kosmopolitisches Ambiente dem Fluss zu verdanken. Stadt und Fluss gingen eine fruchtbare Symbiose ein.

Lebendiges Weltkulturerbe

Danzig, Thorn, Warschau und Krakau – und die Weichsel – sind mit ihrer Geschichte heute für jeden Reisenden ein prägendes Element der ostmitteleuropäischen Kulturlandschaft. Dass die Weichselstädte im wiedervereinigten Europa ihren alten Glanz zurückerhalten, lässt sich auch daran erkennen, dass die Metropole Krakau zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt wurde. Danzig wiederum ist der wichtige Schauplatz in den Werken Günter Grass, der den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Ein Blick auf die Architektur der Weichselstädte macht auch heute noch die ältere, frühneuzeitliche Geschichte für den europäischen Betrachter lebendig. Diese hat die nationalistischen Streitigkeiten zwischen Deutschen und Polen, wem nun die Städte an der Weichsel gehörten, überlebt. Der Nürnberger Meister Veit Stoß, der den berühmten Krakauer Marienaltar gestaltete, wird von deutschen und polnischen Katholiken verehrt. So schlägt die Architektur der Weichselstädte eine kulturelle Brücke zwischen Deutschen und Polen über die Jahrhunderte hinweg.

Mit dem Weizen fing es an



Über die Weichsel wurden Getreide und Holz zur Ostsee transportiert und von dort aus ins Ausland verschifft. Vor allem galt das Weichselland als Kornkammer Ostmitteleuropas. Das so genannte "Riesenkorn" wurde als Saatgut in Westeuropa (England, Frankreich, Niederlande), aber auch in Deutschland eingeführt und war dort unter dem Namen "Polnischer Weizen" bekannt. Eine andere Bezeichnung – "Korn aus Kairo" – deutet auf die biblische Fülle. Die wirtschaftliche Blütezeit dank des Handels mit Getreide und anderen Gütern ist in zahlreichen zeitgenössischen Kupferstichen festgehalten worden – wie etwa in dem Kupferstich von Ägidius Dickmann aus dem Jahr 1617.

Auch Holz gewann als Exportgut an zunehmender Bedeutung, da infolge der europäischen Überseeexpansion die große Nachfrage im Schiffsbau bedient werden musste. Auf den Wochenmärkten Danzigs, Thorns, Krakaus und Warschaus wurde mit Tuchen aus Flandern und Seide aus Persien gehandelt. Zu den Kunden gehörten nicht nur städtische Patrizier, sondern auch der polnische Hochadel. Im Übrigen schlossen sich städtisches und adliges Lebensgefühl in der polnischen Adelsrepublik nicht aus. Die lukrativen Geschäfte brachten aber schnell eine Rivalität zwischen den preußischen Weichselstädten und Krakau mit sich.

Das 15. Jahrhundert war eine Zeit der Ambivalenz: einerseits wirtschaftliche Prosperität, andererseits Kriege, oft aus ökonomischen Gründen geführt. Symbolisiert wird dies durch das Danziger Krantor, das in der Stadt für die Mittlerrolle zwischen See- und Flusshandel ebenso steht wie für die Wehrhaftigkeit. Das Krantor hatte zwei Geschütztürme mit 29 Schießluken, die den gesamten Binnenhafen abdeckten, und in der Mitte ein doppeltes Hebewerk, das von zwei großen Tretradpaaren betrieben wurde.

Hatte bisher der Deutsche Orden mit seinen Kähnen und Schiffsleuten die Weichsel beherrscht, so ging diese Rolle seit dem Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466) an Danzig über. Die Kriegslage war damals für einen ungestörten Weichselhandel aber wenig günstig. Thorn, Kulm und Danzig waren Gegner des Ordens. Nach den ersten Verlusten begann Danzig nach 1455 seinen Einfluss auf die Weichsel im Alleingang auszudehnen. Man schickte die Weichselkähne zu Geleitzügen von Thorn aus stromabwärts. Sie wurden von Weichselkriegsschiffen, den "schwimmenden Basteien" begleitet, die man bei Bedarf in Danzig anfordern konnte. Zehn Jahre lang hat dieses Konvoi-System bestanden und allein 1465 6.800 Tonnen Getreide nach Danzig befördert.

Das weichselaufwärts gelegene Krakau besaß durch seine Handelskontakte zum Schwarzen Meer einen wirtschaftlichen Vorteil. So hatten die Krakauer Kaufleute die Oberhand im Orienthandel, sie setzten ihre Orientwaren bis Brügge ab. Krakaus Mittlerrolle im Ost-West-Handel brach jedoch im ausgehenden 15. Jahrhundert ab, als der Vorstoß der Osmanen in die Schwarzmeerregion den Warenstrom unterband. Hinzu kamen wiederholte Beutezüge der Krimtataren bis vor die Tore Krakaus, so in den Jahren 1498/1499.

Krakau mit der Marienkirche am Marktplatz.Krakau mit der Marienkirche am Marktplatz. (© Uwe Rada)

Erster europäischer Binnenmarkt



In der Frühen Neuzeit stieg die Schicht der Kaufleute in den Weichselstädten schnell zur wirtschaftlichen Elite auf, die auch politisches Mitspracherecht in Anspruch nahm. Diese Entwicklung trug zugleich zum Entstehen eines europäischen Bewusstseins des Stadtbürgertums bei, das dem Geist des Merkantilismus verhaftet war. Die Lage an der Weichsel verstärkte die Anziehungskraft dieser Metropolen auf die ländlich geprägte Umgebung.

Das Bild der prosperierenden Stadt mit dem Fluss zu verbinden, liegt auf der Hand, da Metropolen selbst durch eine Vielzahl von wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen wie auch künstlerischen Strömungen beeinflusst werden. In den Weichselstädten formierte sich in der Frühen Neuzeit quasi ein europäisches Selbstverständnis. Charakteristisch darüber hinaus war, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten der Weichselstädte überlappten: Die Weichselstädte griffen einerseits – gemeinsam und konkurrierend – auf die Ressourcen Masowiens, Groß- und Kleinpolens, aber auch Podoliens, Teilen Litauens und der Ukraine aus. Andererseits vernetzten sie sich mit den europäischen Märkten Ostseeraum, Russland, Deutschland, Westeuropa (England, Niederlande). Die Weichselstädte trugen so zur Entstehung eines europäischen Binnenmarktes bei.

Kaufleute und Reeder bezogen in ihr Wirtschaften stets den Fluss mit ein, die wirtschaftliche Konjunktur hing dabei oft genug von den Launen der Weichsel ab, wie dies 1725 anschaulich Johann Theodor Jablonski über die Stadt Thorn schrieb:

"Die alten Nachrichten und beglaubte Briefschafften melden, daß im vierzehenden und funffzehenden Jahrhundert die Thorner nicht allein dem Hanseebund eine ansehnliche Stelle vertreten, sondern auch eine starcke Handlung in der Ostsee geführet, und grosse Schiffe auf dem Weichselstrom bis an die Stadt gelangen können. Aber der gewaltige Strom seine Ufer hin und wieder eingerissen, und mehr Raums in die Breite gewonnen, hat er an der Tieffe hinwieder abnehmen müssen, dergestalt, daß diese sich nach und nach so weit verlohren, daß sie dergleichen schwere Schiffe, womit das Meer befahren wird, zu tragen nicht mehr fähig ist, und diese auch zu Danzig anders nicht mehr, als mit halber Ladung, bis in die Stadt gelangen können."

In der späteren Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und 20. Jahrhunderts wurde das gemeinsame wirtschaftlich-kulturelle Band der Weichselstädte durch den deutschen und polnischen Nationalismus zerschnitten. Darüber hinaus kam noch der konfessionelle Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus zum Tragen. Dem erfolgreichen protestantischen Wirtschaftsethos im Königlichen Preußen wurde die polnische "Misswirtschaft" im südlichen Weichselland gegenübergestellt. Anders die Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts, die im Kontrast zum aufkommenden Nationalismus romantisierend an die goldene Vergangenheit der Frühen Neuzeit erinnerte.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).