Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Beata Halicka

Wie ein Fluss zum Mythos wurde

Die Weichsel in der Literatur



Dem Zeitgeist der Romantik entsprechend wurde die Weichsel auch zur Protagonistin im literarischen Schaffen der Polen. Ihre literarischen Beschreibungen hatten eine Tradition, die älter als die anderer Flüsse ist. Bereits mittelalterliche Chronisten begründeten eine eigene Weichselthematik, die viele Autoren – unter ihnen so herausragende wie beispielsweise Jan Kochanowski, Wacław Potocki, Adam Naruszewicz und Ignacy Krasicki – fortführten.

Die Festung in Modlin am Zufluss der Narew.Die Festung in Modlin am Zufluss der Narew. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Wojsyl; Wikimedia Commons)
An der Schwelle des 17. Jahrhunderts entstand das erste Poem über polnische Flüsse, das berühmte Werk von Sebastian Klonowic unter dem Titel Flis, to jest spuszczanie statków Wisłą i inszymi rzekami do niej przypadającymi (Die Flößerei auf der Weichsel und den angrenzenden Flüssen, Krakau 1595). Von den Vertretern späterer Schriftstellergenerationen wurde die Weichsel als die "Königin der polnischen Flüsse" bezeichnet. Werke widmeten ihr zum Beispiel Maria Konopnicka, Wacław Rolicz-Lieder, Stanisław Wyspiański, Leopold Staff.

In dem Roman Wierna rzeka (Der getreue Strom) von Stefan Żeromski aus dem Jahr 1912 findet sich das Motiv der Flusslandschaft als Ort des polnischen Märtyrertums wieder. Darin wird der Aufstand von 1863 im Weichselland gegen die russische Besatzungsmacht thematisiert und das Trauma der Teilungen aufgezeigt, das sich in der Flusslandschaft widerspiegelt. Żeromski lässt den Fluss als Titelhelden zum stummen Zeugen der Geschichte werden. Mit schweren Verletzungen nach der Schlacht bei Małogoszcz kehrt Fürst Józef Odrowąż hinkend nach Hause. Als er an den Fluss kommt, sieht er sich gezwungen, ihn trotz der winterlichen Kälte schwimmend zu überqueren. Überraschend mildert aber das eiskalte Wasser die Schmerzen des Aufständischen:

"Das dunkle Wasser um ihn herum verfärbte sich rot, es brodelte, der Strom schien aufzustöhnen aus seinen Tiefen. Zärtlich umströmte ihn das Wasser, spritzte in Tausend Tropfen und wusch seine Wunden, eine nach der anderen, wie eine Mutter, die mit ihren eigenen Lippen grimmigen Schmerz wegküssen möchte. Der uralte und ewig neue Fluss nahm das reich vergossene Blut des Aufständischen in sich auf, nahm es mit in seine Tiefe, löste jeden Tropfen in sich auf und führte es hinweg."

Diese Personifizierung des Flusses in Gestalt einer Mutter, die am besten weiß, wie ihr verwundeter Sohn zu pflegen ist, erklärt wohl den Titel dieses Romans: Der getreue Strom. An einer anderen Stelle nimmt der Fluss eine wertvolle Aktentasche entgegen. Der Offizier Hubert Ołbromski wird von russischen Soldaten gejagt, und als er keinen Ausweg mehr sieht, entscheidet er sich, geheime Dokumente lieber in den Strom zu werfen als sie dem Feind preiszugeben. Der Fluss wird damit zum getreuen Komplizen, dem man einen Schatz anvertrauen kann.

In vielen Werken des 19. Jahrhunderts, die dem größten polnischen Fluss gewidmet sind, wird ein anderes Bild der Weichsel präsentiert: vom Eis bedeckt und in Bewegungslosigkeit erstarrt. Der Fluss erscheint dort meist als unschuldiges Mädchen, voller Hoffnung, dass das Eis im Frühjahr schmelzen und es von den aufgezwungenen Fesseln befreit werde. Eine politische Botschaft gegen die Fremdherrschaft.

Ähnliche Motive tauchen in zahlreichen zu jener Zeit entstandenen patriotischen Liedern auf, wie etwa in Pieśń flisaków (Lied der Flößer) oder in einem populären Lied, das mit den Worten beginnt: "Płynie Wisła, płynie po polskiej krainie, a dopóki płynie, Polska nie zaginie." ("Es fließt die Weichsel durch polnisches Land, und solange sie fließt, wird Polen nicht verloren sein.") Jenes symbolische Denken an den Fluss hat gerade in den Liedern die Zeit bis heute überdauert.

Am Ende des Mythos

Bis heute findet man an der Ufern der Weichselstädte Gedenksteine oder Obelisken, die an die Geschichte der Polen erinnern und damit auch die Geschichte des Flusses als nationales Symbol. Doch scheint es seit dem Ende des 20. Jahrhunderts eine neue kulturelle Akzentuierung des Stromes zu geben. Entscheidend dabei sind das gewachsene ökologische Bewusstsein und die Tatsache, dass die heutige Weichsel einer der längsten wild fließenden Flüsse Europas ist.

Im gemeinsamen Europa von heute knüpft man wieder an das unmittelbare Verhältnis von Mensch und Fluss an. Zwar leben die Mythen weiter, sie bleiben Teil der Flussgeschichte und wichtiger Bestandteil des Kulturraumes. Die nationale Ideologie steht für den Großteil der polnischen Gesellschaft jedoch nicht mehr im Vordergrund. So wird auch die Weichsel säkularisiert, ihr national-mythologisches Potenzial lässt nach. Vielmehr werden andere, eher profane Eigenschaften des Flusses betont.

Das lässt sich sehr gut am 1980 gegründeten Weichselmuseum in Tczew/Dirschau beobachten. Viele Jahre lang wurde dort eine Ausstellung gezeigt, die der Bedeutung der Weichsel in der Zivilisations-, Wirtschafts-, Politik- und Kulturgeschichte Polens gewidmet war. Vor kurzem aber wurde sie durch eine neue Dauerausstellung über die Geschichte der Weichselschifffahrt ersetzt.

Die Erzählung der neuen Schau basiert auf dem Poem von Sebastian Klonowic Die Flößerei auf der Weichsel und den angrenzenden Flüssen vom Ende des 16. Jahrhundert. Sie gibt daher vor allem ein Bild des Flusses aus dem "Goldenen Zeitalter" der Adelsrepublik wieder. Die Festlegung des Narrativs dieser Ausstellung auf die Frühe Neuzeit ermöglichte, die nationale Mythologie zu umgehen und den Schwerpunkt auf die Lebenswelt des Einzugsgebietes der Weichsel zu setzten.

So konnte man wieder an das unmittelbare Verhältnis von Mensch und Fluss anknüpfen. Zwar ist damit die Komplexität des Themas Weichsel längst nicht erschöpft, die neue Ausstellung ist aber ein guter Anfang, ein Gerüst, das mit der Zeit erweitert werden soll. Möge dieses Museum zu einem Knotenpunkt werden, an dem ein Netzwerk von Historikern, Kulturwissenschaftlern und Vertretern von Bürgerinitiativen zusammen an einer Weichselgeschichte arbeiten, die nicht mehr ideologisch determiniert werden muss, sondern konkrete Spurensuche bedeutet. Eine Spurensuche, die verschiedene Stimmen zusammenfügt zu einer kollektiven Erzählung von einem europäischen Fluss Mythos – und als Lebenswelt.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).