Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Mateusz Hartwich

Quellen des Polentums

Polnische Ausbaupläne

Als Polen in den Friedensverhandlungen von Versailles und den nachfolgenden Kriegen wiedererstanden und militärisch abgesichert war, machte es sich an die praktische Arbeit. Der in Woodrow Wilsons 14-Punkte-Plan zugesicherte Zugang zur Ostsee konnte allerdings nur bedingt umgesetzt werden. Zwar erhielt Polen ein Stück Pommerellen mit der Helahalbinsel, aber Danzig selbst wurde zur Freien Stadt. Immerhin hat man die von deutscher Seite angedachte Internationalisierung der Weichsel, wie sie teilweise an der Oder und Memel durchgeführt wurde, verhindern können.

Erst mit dem Ausbau des Fischerdörfchens Gdynia zum großen Ostseehafen Mitte der 1920er Jahre konnte ein unabhängiger Meereszugang gesichert werden, jedoch auf Kosten der Weichsel. Die Warentransporte nach Gdynia (und zum großen Teil auch nach Danzig) wurden nun zum größten Teil mit der Eisenbahn getätigt. Die Folge waren Vorwürfe, Polen wolle die Weichsel als Wasserstraße schädigen und Danzig boykottieren.

An ehrgeizigen Ausbauplänen hat es nicht gemangelt. Wiederholt wurden in der Zwischenkriegszeit Regulierungspläne vorgelegt, die freilich alle an fehlenden Finanzmitteln des jungen Staates scheiterten. Noch Ende der 1930er Jahre plante man eine Reihe von Stauseen, von denen nur einer teilweise umgesetzt und dann während des Krieges von den deutschen Besatzern zu Ende gebaut wurde. Auch nach 1945 versuchte man den Spagat zwischen Größenwahn und Realisierungsmöglichkeiten zu meistern. In wiederkehrenden Abständen wurden Pläne erarbeitet, wie die gesamte Weichsel oder einzelne Abschnitte zum Zwecke der Schifffahrt und des Hochwasserschutzes ausgebaut werden könnten.

Tatsächlich gebaut wurden aber nur ein paar Staustufen, etwa in Włocławek, die teilweise als Trinkwasserreservoir und/oder Wasserkraftwerk dienen. Polen steuerte zu der Zeit, auch aufgrund missglückter, mit westlichen Krediten finanzierter Großprojekte, sehenden Auges in eine große Wirtschaftskrise. Die führte dann auch zu Arbeiterunruhen und Streiks und bereitete den Nährboden für die Entstehung der "Solidarność" 1980, so dass alle hochfliegenden Pläne ad acta gelegt werden mussten.

Nation building im Fluss



Und so erfüllt die Weichsel ihre Rolle als nationales Geschichtssymbol auf paradoxe Weise: An ihrem Zustand lässt sich ablesen, wie das geteilte Land zusammenwuchs und immer noch zusammenzuwachsen versucht. Während die Weichsel nie die Funktion einer politischen Grenze hatte, lassen sich die Regulierung im Oberlauf, der Ausbau im Unterlauf und der frei fließende Strom zwischen Warschau und der ehemaligen preußischen Grenze bei Silno als Zeugnisse der Teilungen lesen.

Übrigens kann man auch knapp einhundert Jahre nach der Herstellung der staatlichen Einheit die früheren Teilungsgrenzen an den Wahlergebnissen in Polen ablesen. Der Osten wählt konservativ und europaskeptisch, der Westen liberal und europafreundlich. Das ist auch ein Hinweis auf die Beständigkeit alter kultureller und wirtschaftlich-gesellschaftlicher Trennlinien.

Was uns das sagt? Der Ausbau der Weichsel – und im übertragenen Sinne auch der nationalen Zusammengehörigkeit – lässt sich nicht im Hauruckverfahren herstellen. Vielleicht bleibt die vielfach beschworene identitätsstiftende und verbindende Rolle der Weichsel vorerst ein literarischer und künstlerischer Topos.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).