Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Michał Olszewski

Ein Fluss ohne Boden

Die Politik hat keinen Plan

Die Veränderungen sind also gewaltig. Nur wurde die Hochwasserschutzpolitik der letzten Jahre in dieser Region nicht den veränderten klimatischen Bedingungen angepasst. Der Großteil der Maßnahmen bewährt sich nur bei kleineren oder mittleren Niederschlägen. Bei intensiven Niederschlägen werden sie zur Gefahrenquelle.

In den Schlesischen Beskiden rauscht der Starkregen infolge des Klimawandels immer schneller die Täler hinab.In den Schlesischen Beskiden rauscht der Starkregen infolge des Klimawandels immer schneller die Täler hinab. Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Dawidbernard~commonswiki; Wikimedia Commons)
Doch diese Starkregenereignisse werden zunehmen. Dafür ist aber weder Südpolen noch das ganze Land vorbereitet, obwohl schon 2009 ein vom Umweltministerium in Auftrag gegebener Bericht Projekt einer Nationalen Strategie der Wasserwirtschaft 2030 das Problem erwähnt. Warum der Bericht in der Schublade versank, wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag. Es heißt darin unter anderem: "Angesichts der Klimaveränderungsprognosen lässt sich ein stärkeres Aufkommen vor allem kurzer Niederschläge voraussagen, deren Höhe im mittleren und südlichen Teil des Landes sogar um 50-75mm wachsen kann. (…) In Anbetracht des Risikos von anderen Arten von Hochwassern (mit regionaler oder nationaler Dimension) sollte mit einer wachsenden Hochwassergefahr in Bezug auf Größe und Frequenz gerechnet werden“.

In Jeleśnia wurden diese Prognosen bereits Realität. Der Ort veranschaulicht auch ein riesiges Problem der polnischen Hochwasserschutzpolitik: Im betreffenden Gebiet existiert kein effizientes, die Rechte der Umwelt respektierendes Retentionsprogramm. Höher gelegene Teile der Schlesischen Beskiden können das Wasser in Zeiten, in denen es viel davon gibt, nicht zurückhalten, um es in Zeiten des Wassermangels parat zu haben. Das Jahr 2010, das die Gegend von Czechowice-Dziedzice verwüstete, war auch für die Einwohner von Jeleśnia eine Katastrophe. Im Mai, Juni und September erlebte man Hochwasser, im Juli herrschte Dürre.

Der Wahnsinn hat System

Bezüglich des Hochwasserschutzes lässt sich niemandem mangelnder Wille vorwerfen. Die katastrophalen Folgen resultieren eher aus einer Verkettung verschiedener Umstände. Jahrelang fehlte es im Einzugsgebiet der oberen Weichsel an einem ganzheitlichen Denken, was immer wieder zu solchen Geschichten wie im kleinpolnischen Ciężkowice, am Flüsschen Biała gelegen, führt. Die großen Hochwasser von 1997 und 2001 richteten dort keine größeren Schäden an. Diese kamen erst 2006, als es in den Beskiden mehrere Tage lang regnete. Wie es der Zufall wollte, wurde der Fluss kurz zuvor von der Regionalen Wasserverwaltung reguliert, und im höher gelegenen Grybów wurden neue Dämme gebaut. Die Konsequenzen hatten diejenigen Ortschaften zu tragen, in denen es keine Deiche gab. Außerdem wurden in diesen Jahren nahe am Fluss neue Wohnhäuser errichtet, was den Wasserabfluss erschwerte und die Flutwelle ansteigen ließen.

Gleiches ließ sich am kleinpolnischen Flüsschen Raba beobachten, das ebenfalls stark begradigt wurde. Infolge dieser Arbeiten am Oberlauf wird die Stadt Myślenice regelmäßig überflutet.

Weitere Beispiele für sinnlose Maßnahmen gibt es zuhauf. So wurde in der Biała auf Initiative von Umweltschützern und des WWF der Lachs wieder angesiedelt, an einer ausgewählten Stelle mit steinigem Flussboden, so dass der Fisch nach Jahren der Wanderung zu den Laichgründen zurückkehren kann. Kurze Zeit später wurde der Flussgrund durch Wasserbauarbeiten zerstört.

Immer mehr Versiegelung

Man muss allerdings einräumen, dass die Regionale Wasserverwaltung in Kleinpolen in einer schwierigen Lage ist. Das Einzugsgebiet der oberen Weichsel ist durch eine dynamisch wachsende Bevölkerung gekennzeichnet. Das hat zur Folge, dass der Druck von Anwohnern, Investoren und der lokalen Politik sehr groß ist. Die neuen Lebensstile führen dazu, dass die Wojewodschaften Schlesien und Kleinpolen intensiv nach Flächen für den Eigenheimbau suchen. Es liegt nicht im kurzfristigen Interesse einer Gemeinde, bebauungsfreie Flächen auszuweisen, denn das bedeutet Konflikte und geringere Steuereinnahmen. Deshalb wird trotz Expertenwarnungen auf Überschwemmungsflächen gebaut. Die Schwäche der lokalen Verwaltung führt dazu, dass dort Häuser entstehen, die nach ein paar Regentagen evakuiert werden müssen.

Doch damit nicht genug. Die Bewohner der am Fluss gelegenen Orte behandeln diese wie ein unerschöpfliches Reservoir. Ein aktuelles Beispiel stammt aus dem Karpatenvorland, vom Flüsschen Białka, einer einzigartigen Gegend, der einzigen polnischen Wasserregion mit alpinem Charakter. Ein Teil der Bewohner will zum Hochwasserschutz die Vertiefung und Veränderung des Flusslaufs erreichen. Die lokale Politik fordert darüber hinaus rechtliche Änderungen, um nicht nur die Białka, sondern auch andere Flüsse und Bäche der Region regulieren zu können. Schließlich fordert die Wirtschaft noch das Recht auf Kiesförderung. Dafür sollen bis zu 30 Prozent des Flusslaufs für den Einsatz schweren Geräts frei gegeben werden. Eine Gruppe Krakauer Umweltschützer, die Ende April 2013 ein Happening an der Białka vorbereitet hatte, wurde offen angefeindet. Für die Einwohner ist die Angelegenheit einfach: Die Białka sollte begradigt und vertieft werden, denn nur diese Maßnahmen führen zu effizientem Hochwasserschutz.

Der sinnvolle Plan der Regionalen Wasserverwaltung hatte zuvor vorgesehen, Deiche außerhalb des geschützten Bereichs, also auf den Feldern am Dorfrand zu bauen, und die Wege um einen Meter zu erhöhen, so dass auch sie im Hochwasserfall eine Barriere darstellen. Das wurde von der lokalen Bevölkerung abgelehnt, als Eingriff in privates Eigentum. Anders gesagt: Vor die Wahl gestellt, die Umwelt zu zerstören oder auf privatem Gelände Maßnahmen zu ergreifen, entschieden sie sich ohne zu zögern für Ersteres.

Wer ist hier verantwortlich?

Eine weitere Frage betrifft die Verteilung der Kompetenzen. Die Nationale Wasserbauverwaltung und ihre regionalen Ableger ist nur eine der verantwortlichen Institutionen. Eine andere sind die Wasserbau- und Meliorationsverwaltungen, die bei den Wojewodschaften angesiedelt, aber für Aufgaben der Zentralregierung zuständig sind. Beide Einrichtungen konkurrieren miteinander, und manchmal führen sie gar Maßnahmen durch, die sich gegenseitig ausschließen. Die Regionale Wasserbauverwaltung führt beispielsweise Arbeiten im Flussbett durch, während die Meliorateure Deich errichten. Zu Abstimmungen kommt es selten.

Trotz riesiger Investitionssummen klagen die Wasserbauer über fehlende finanzielle Mittel. Allein in der Wojewodschaft Kleinpolen werden für die Modernisierung der Deiche zwei Milliarden Złoty benötigt.

In den letzten Jahren beobachtet man allerdings Anzeichen eines Umdenkens der Wasserbauer in Bezug auf die Hochwasserschutzpolitik. In der Wojewodschaft Heiligkreuz soll der Fluss Nida renaturiert werden, das Projekt wurde von der Regionalen Wasserbauverwaltung auf den Weg gebracht. Die Zusammenarbeit zwischen Umweltschutzverbänden und für Wasserbau zuständigen Verwaltungen entwickelt sich. Reicht das aus, um die großen Fehler der letzten Jahre rückgängig zu machen?

Hoffen auf Brüssel

Es scheint, dass die Geduld der Europäischen Kommission, die seit Jahren das Treiben an polnischen Flüssen beobachtet, langsam zu Ende geht. Ende April bestätigte eine sogenannte "mit Gründen versehenen Stellungnahme" (eine Art politische "gelbe Karte"), dass die Kommission das polnische Hochwasserschutzprogramm für das Einzugsgebiet der oberen Weichsel sehr kritisch bewertet, insbesondere seine Auswirkungen auf die Schutzgebiete des "Natura 2000"-Programms. Obwohl die geplanten und durchgeführten Maßnahmen Einfluss auf den Zustand vieler geschützter Seen und Gelände haben, wurden keine Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt. Laut der EU-Kommission können von den 410 umgesetzten Projekten etwa 120 massive Auswirkungen auf 50 verschiedene "Natura 2000"-Gebiete haben. Die Hochwasserschutzpolitik wird vermutlich gegen die Bestimmungen der Wasserrahmen- und der Habitatrichtlinie geführt. Obwohl im November 2012 die Kommission offiziell verlangte, den Fehler zu beheben, blieb das Schreiben ohne Antwort. Die "mit Gründen versehenen Stellungnahme" erfordert eine Reaktion binnen zwei Monate, kommt diese nicht, kann die Kommission den Europäischen Gerichtshof anrufen. Sollte es dazu kommen, wäre es wahrlich eine schöne Pointe der Hochwasserschutzpolitik der letzten 15 Jahre.

Man hätte das zumindest teilweise vermeiden können. Seit der Jahrhundertflut von 1997 warnen die Umweltschützer vor riesigen Investitionen in zweifelhafte Wasserbauvorhaben. Sie schlagen im Gegenzug weniger starke Eingriffe und gesunden Menschenverstand vor. Es hat aber keinen Sinn, landwirtschaftliche Flächen vor Überschwemmungen zu schützen, und den Deichbau werden die Einwohner flussabwärts gelegener Ortschaften schmerzlich zu spüren bekommen. Nur sind die Gesetze der Physik und des logischen Denkens in Polen anscheinend zu wenig bekannt.

Aus dem Polnischen von Mateusz Hartwich


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).