Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Michael Bartsch

Elbfahrt vor Erinnerungslandschaft



Wie wir die weiße Flotte kaperten

Wie aber als Privatperson ein ganzes Schiff mieten, und sei es in friedlichster Absicht die zwischenzeitlich in "Weltfrieden" umbenannte "Pillnitz"? Wegscheider spielte sich ein bisschen in die Rolle des "Organisators einer Incognito-Kulturorganisation" hinein, wie er rückblickend scherzt. Und er spielte auf seine Weise mit dem "subjektiven Faktor" im System, mit dem Lavieren des an sich gutwilligen Subjekts in den Rastern des Apparats nämlich. Dem damaligen Chef der Weißen Flotte gegenüber trat er zunächst als ein Mann von der Komischen Oper Berlin auf, wo seine erste Frau Tänzerin war. Als der noch um eine amtliche Absicherung bat, beschaffte er sich beim Rat für Museumswesen im Ministerium für Kultur ein Schreiben, das die Fahrt einer Restauratorengruppe befürwortete. Zehn Restauratoren plus ungezählte Verwandtschaft, damit der Dampfer voll werde. Die Stasi kam zu spät dahinter.

Vier Fahrten gab es, die erste am Tag der Tschernobyl-Katastrophe 1986. Die zweite ein Jahr später bildete den Auftakt zu einer Fahrt mit der Weißeritztal-Kleinbahn am Folgetag, die ebenfalls unvergessen bleibt. An der Spechtritzmühle wurde ein Klavier in den Packwagen geladen. Dort gab´s Boogie-Woogie, in der Zugmitte spielte unsere Oldtime-Country-Band, im Salonwagen ein Streichquartett. In Obercarsdorf übefielen Indianer den Zug, und am Ziel in Kipsdorf tanzten wir auf Bahnsteigen und Gleisen zum Gebläse einer Feuerwehrkapelle. Diese "Kulturfahrten" kannten überhaupt nur Aktive und keine Konsumenten.

Im gleichen Jahr 1987 lud Wegscheider auch alle Orgelbauer der DDR auf einen Dampfer ein. Die eigentliche Sensation bestand in der Druckgenehmigung einschließlich Papierkontingent für eine vierzigseitige Broschüre, in der sich alle Firmen darstellen konnten. 1988 sollte es mit der überall dominierenden Farbe Lila und dem Lied von der "Lila Tilla" den sprichwörtlichen letzten Versuch geben. Danach wollte der Orgelbauer eigentlich in den Westen "abhauen". Trotz des frischen Gorbatschow-Windes und des spürbaren Aufbruchsgeistes eines bürgerschaftlichen Engagements, wie wir heute formulieren würden, der auch solche Privatfahrten auf der Elbe möglich machte. Wegscheider blieb und etablierte bald seine Firma in Hellerau. Geblieben sind Erinnerungen an heitere Kunst und selbstgemachten Jux auf höchstem Niveau. An eine Carmen-Parodie beispielsweise, die Wegscheider und die Altistin Britta Schwarz letztlich zusammenführte, an Peter Damm mit dem Alphorn, an ein Konzert unterwegs in der Wehlener Kirche, an Sinti-Swing auf dem Dampfer. Spätere Stars wie der Sänger René Pape oder der Dirigent Rainer Mühlbach brachten ihre außerordentlichen Fähigkeiten ein. Die Fahrtroute war wegen der Attraktionen am Ufer zeitlich sorgfältig geplant. "Nicht alle auf eine Seite – das Schaufelrad sitzt auf!" musste das Schiffspersonal deshalb die Schaulustigen auf dem Dampfer warnen.

Wer den Bogen über Jahrzehnte schlagen kann, sucht nach Konstanten. Das Blaue Wunder, unter dem die Cosel nun hindurchgleitet, assoziiert selbstverständlich "Blue Wonder", und von dieser neben den Elb Meadow Ramblers wohl dienstältesten Dresdner Jazzband ist es gedanklich nicht weit zu den nach wie vor stattfindenden Dixieland-Fahrten auf der Elbe. Die Reihe "Jazz auf der Elbe" entsprang einer studentischen Initiative zu einer Zeit, als der Jazz zwar nicht mehr als dem Sozialismus wesensfremd verteufelt wurde, aber immer noch als eine eher mäandernde denn linientreue musikalische Ausdrucksform galt. Hans-Peter Lühr erinnert daran, dass die Staatsmacht sogar hinter diesen Elbfahrten latente Aufsässigkeit vermutete. 1977 erlebte er bei der Ankunft einer dieser Fahrten am Terrassenufer, wie offensichtlich ein abschreckendes Exempel statuiert werden sollte. Polizei hatte mit Blaulicht an den Wagen die Straße abgesperrt und erwartete die Studenten. Vorwände für Festnahmen fanden sich dennoch nicht, weil der Bierhahn auf dem Dampfer schon in Pirna versiegte und sich jedermann soweit in der Gewalt hatte, um nicht auf Provokationen hereinzufallen. Erst später machte sich auf dem Rückmarsch in Höhe der Bautzner Straße die Wut mit einem Pfeifkonzert Luft.

Schloss Pillnitz war das Wasserpalais der sächsischen Könige.Schloss Pillnitz war das Wasserpalais der sächsischen Könige. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Kolossos; Wikimedia Commons)

Wiesen, Schlösser und Traktorenreifen

Lange hat sich das Auge weiden können an den unversehrten Elbwiesen zur Rechten, auf denen nun im energischen Winter die Ski-Langläufer ihren Auslauf haben, und an der Harmonie von Hang und Bebauung zur Linken. Das Geschaffene im Respekt vor dem Vorgefundenen, eine selten gewordene Eintracht, und man begreift, warum diese Landschaft einmal dem Welterbe zugerechnet wurde und ihm im Grunde weiterhin angehört. Die singulären Punkte sind seit vielen Jahren vertraut, und so pendelt man sinnierend zwischen der aktiven Uferzone und dem schwimmenden Auge des Betrachters. Altwachwitz, Elbterrasse, Niederpoyritz. Das Tal weitet sich gen Hosterwitz, und nach dem Wasserwerk kommt das Kirchlein "Maria am Wasser" ins Blickfeld, das seit 2002 treffender "Maria am Hochwasser" heißen sollte.

Pillnitz ist der Wendepunkt der winterlichen Schlösserfahrt und zugleich Ort einer weiteren ganz persönlichen Erinnerung. Es war Ende der neunziger Jahre, als unser selbstgebautes Floß auf Traktorreifenbasis am Himmelfahrtstag hier von der Wasserpolizei endgültig aufgebracht wurde. Von Rathen heranströmend, waren schon vor Pirna Warnungen und Aufforderungen an uns ergangen, das Gefährt aus dem Wasser zu nehmen. Nun, kurz nach dem Wasserpalais, kreisten uns Beamte zu Wasser und zu Lande ein. Der Hinweis auf unsere nachweisliche Seetüchtigkeit im Vergleich zu zahlreichen Volltrunkenen auf allerdings zugelassenen Schlauchbooten blieb unerhört. Das Ermittlungsverfahren wegen unbefugten Benutzens einer Bundeswasserstraße wurde aber erwartungsgemäß nach wenigen Wochen eingestellt.

"Früher war das die Elbe, jetzt ist es eine Bundeswasserstraße", giftete ich damals unter Hinweis auf die allerorts kreativitätslähmende Verrechtlichung. Zwänge haben gewechselt, aber der Reiz der legalen Elbdampferei blieb unbeeinträchtigt. Geht es bei Wehlen in den großen Elbe-Doppelbogen, werden andere großartige Erinnerungen geweckt. Hier leerte sich einst in den sechziger und siebziger Jahren am ersten Juliwochenende schlagartig der Konzertdampfer "Dresden". Die da lärmend von Bord gingen, hatten in den Dresdner Studentengemeinden so etwas wie eine zweite Familie gefunden. In selbstverständlicher ökumenischer Eintracht – man war darin schon einmal weiter als heute – feierten wir den Semesterabschluss mit einer an Ritualen reichen Dampferfahrt.

Das Problem einer offiziellen Anmeldung oder gar eines Charterschiffes umgingen wir, indem Strohmänner und -frauen morgens unmittelbar nach Kassenöffnung kurzerhand bis zu 250 Karten aufkauften. Der 9-Uhr-Konzertdampfer sollte es schon sein, wir legten Wert auf die Blaskapelle Hans Knoderer. In deren Pausen sangen wir selbst oder schwangen erste Reden. Von Wehlen kraxelten wir in der Regel über den Steinernen Tisch und die Schwedenlöcher zum Amselsee bei Rathen. Den Tageshöhepunkt bildete dort die kultische Taufe der Sprecher und Vertrauensstudenten. Drei Jahre trat ich dort als Wiedertäufer auf, und die wahrscheinlich prominentesten der von mir Beredeten und Übergossenen waren der spätere sächsische Innenminister Horst Rasch oder der Thüringer Minister und Staatskanzleichef Klaus Zeh.

Weil einige dieser Teilnehmer als Philister in der Dresdner Akademikerseelsorge aktiv blieben, muss auch ein Akademikerfasching erwähnt werden, der zwar auf dem Festland stattfand, aber ganz in Elbschifffahrtsromantik schwelgte. Die Jahrestagstagskampagnen der DDR parodierend, zogen wir 1979 ganz groß den außerordentlichen 142. Jahrestag der Oberelbischen Dampfschiffahrt auf. "142 Jahre Auf und Ab", lautete das Motto im Ratskeller Alttrachau. Die Einladung gab das Königliche Schifffahrts-Privileg von 1836 wieder. Jeder Tisch bildete eine Schiffsbesatzung, Kapitänspatente konnten an Ort und Stelle erworben werden. Neben dem Jux vermittelten Beiträge auch viel Informatives zu den Anfängen der Elbschifffahrt im Industriezeitalter.

Andererseits bleibt eine Dampferfahrt immer auch eine individuelle Gelegenheit, innezuhalten, still zu werden, gar zu träumen. Es gelingt vor der aus dieser Perspektive so narbenfrei und geglättet erscheinenden Kulisse der Stadt ebenso wie mit dem Raunen der bewaldeten Hänge des Elbsandsteingebirges im Ohr. Einstimmung auf eine kontemplative Wandertour oder auf inspirierenden Weingenuss in einer der Straußwirtschaften zwischen den nahen Weinbergen. Das Ufer, das man rückkehrend wieder betritt, ist nach einer Flussfahrt nie dasselbe.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.