Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Uwe Rada

Deutscher Fluss, tschechischer Fluss

Die nationale Variante des 19. Jahrhunderts

Zweifel am Mythos Moldau sind durchaus abgebracht. In ihrer heutigen Form geht die Sage vom Urvater Tschech weniger auf die Chronik des Cosmas zurück als auf eine Nachdichtung von Alois Jirašek aus dem 19. Jahrhundert. Jirašek, ein tschechischer Volksschriftsteller, veröffentlichte die Geschichte in seinen Alttschechischen Sagen, die ebenfalls zu der Zeit erschienen, als in Prag das Nationaltheater und das Nationalmuseum eröffnet wurden. Wie sehr die Sage im Sinne der tschechischen Geschichtspolitik niedergeschrieben wurde, zeigt schon der Name des Helden. Von einem "Praotec Čech" ist bei Cosmas keine Rede, vielmehr nennt der Chronist Böhmens den Urvater beim lateinischen Namen "Bohem". Ein tschechisches Wort für Böhmen gibt es aber bis heute nicht. Ist in Tschechien von Böhmen die Rede, wird es, wie bei Jirašek, mit Česko übersetzt. Dass dabei die anderen Landesteile des historischen Böhmens – Mähren und Schlesien – unterschlagen werden, stört die Tschechen offenbar nicht.

Viel entscheidender für das Verhältnis zwischen Elbe und Moldau ist aber die Tatsache, das der Berg Říp und das ihm zu Füßen liegende Land, "wo Milch und Honig fließen", geologisch nicht dem Jungsiedelland an der Moldau, sondern dem Altsiedelland an der Elbe angehört, die nur fünfzehn Kilometer entfernt bei Roudnice nad Labem vorbeifließt. So schlugen, selbst der Sage nach, nicht nur Kelten und Germanen, sondern auch die slawischen Einwanderer Böhmens ihre Zelte zunächst an der oberen Elbe auf.

Zur Hauptstadt wurde Prag und mit ihm der "nationale Fluss Moldau" erst später, als sich die Přemysliden in einem slawischen Bruderkrieg gegen die an der Elbe siedelnden Slavnikiden durchgesetzt hatten. Ganz so, wie es in der allegorischen Darstellung von Antonín Pavel Wagner zu Füßen der Bohemia in Prag zu sehen ist: Die Elbe als Greis (mit den älteren Rechten) und die Moldau als junge Mutter (und ihre Nachfolgerin).

Die Tschechen und die Elbe



Wer heute in Prag durch die Buchhandlungen streift und Literatur über die Elbe sucht, wird enttäuscht sein. Eine tschechische Monografie über diesen Strom, der immerhin auf einer Strecke von 367 Kilometern durch das Land fließt, gibt es nicht, wohl aber Dutzende von Büchern über die Moldau und ihre Nebenflüsse Šárka, Berounka, Sázava. Man muss das wohl so deuten, dass die böhmische Flüssekonkurrenz, entstanden im 19. Jahrhundert mit der Zuschreibung der Moldau als tschechischem und der Elbe als deutschem Fluss, noch immer Bestand hat.

Doch nicht immer haben die Tschechen die Elbe als "deutschen Fluss" missachtet. Bis zum 17. Jahrhundert war die Elbe ganz selbstverständlich der Hauptfluss Böhmens. Das verdeutlicht eine Karte aus dem 16. Jahrhundert mit dem Titel Europa prima pars terrae in forma virginis (Die Karte Europas in Form einer Jungfrau). Auf dieser damals weit verbreiteten Darstellung ist die "Jungfrau Europa" – wegen der bereits üblichen Nordung der Karten – in der Waagerechten zu sehen. Europa wird in dieser Allegorie begrenzt vom Oceanus Germanicus, der Nordsee, dem Oceanus Sarmaticus, der Ostsee und dem Mare Mediterraneum genannten Mittelmeer.

Interessant ist vor allem das Zentrum des so umrissenen Kontinents. Das weit nach Westen reichende, gekrönte Haupt symbolisiert die Iberische Halbinsel. Das Herz des Kontinents dagegen schlägt in Böhmen. Und von den Kuppeln der Türme in Prag führt ein Fluss geradewegs zur Nordsee. Es ist der Albis f., also die Elbe, die Verbindung Böhmens mit dem Meer. Bis heute liegt ein Original dieser "Europa-Virgo"-Karte aus dem Jahre 1592 in der Klosterbibliothek von Strahov in Prag. Sie entstammt Heinrich Büntings vielgelesenem Reiseführer Itinerarium Sacrae Scripturae.

Knapp dreißig Jahre nachdem Erscheinen des Reiseführers brach der Dreißigjährige Krieg über Böhmen herein. Der zweite Prager Fenstersturz, der Auslöser des Krieges, war der Versuch, die katholische Herrschaft im seit 1526 zu Habsburg gehörenden Böhmen abzuschütteln. Doch der Aufstand der protestantischen Stände Böhmens scheiterte. Mit der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 misslang auch der Versuch, sich von Österreich loszusagen und die Tradition einer eigenständigen böhmischen Krone wiederzubeleben. Das temno, das "Dunkel" in der tschechischen Geschichte, das der Niederlage folgte, war die Zeit der Gegenreformation. Nirgendwo in Europa fand die Rekatholisierung mit solcher Wucht statt wie in Böhmen. Österreichs König Ferdinand II., der die Gegenreformation an der oberen Elbe und der Moldau energisch vorantrieb, wurde für seine Politik ausdrücklich belohnt. 1619 wurde er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

Die Elbe spielte im temno für die Unterlegenen eine wichtige Rolle. Aus Preußen wurden protestantische Schriften, die im rekatholisierten Böhmen verboten waren, ins Land geschmuggelt. Der Weg, den die Bücherschmuggler nahmen, führte über Schlesien und den Riesengebirgskamm zur Elbquelle und von dort stromabwärts über Königgrätz nach Prag. In die entgegengesetzte Richtung zog es die Flüchtlinge. Johann Amos Comenius, der Gründer der protestantischen Brüdergemeinde und Begründer der modernen Pädagogik, floh über die Elbe nach Schlesien und schließlich nach Preußen. Ihm folgten die böhmischen Glaubensflüchtlinge, die in Berlin aufgenommen wurden und in Rixdorf, heute Neukölln, das Böhmische Dorf gründeten. Es gibt also durchaus eine nationale Erzählung der Tschechen über die Elbe.
Tangermünde war einst die zweite Residenz von Kaiser Karl IV. Für ihn verband die Elbe Prag mit der Welt.Tangermünde war einst die zweite Residenz von Kaiser Karl IV. Für ihn verband die Elbe Prag mit der Welt. Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Matthäus Merian der Ältere; Wikimedia Commons)

Böhmens europäischer Fluss



Und es gibt eine europäische. Jährlich im September findet in Mĕlník das große Weinfest statt. Bei dem Umzug durch die Stadt darf natürlich auch Karl IV., der große Kaiser Europas, nicht fehlen. Die Tschechen verehren den Luxemburger, der fließend deutsch und tschechisch sprach, weil er Prag in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zum unumstrittenen Zentrum des Reiches und zur – nach Paris, Gent und Brügge – viertgrößten europäischen Stadt nördlich der Alpen gemacht hat.

Das Wirken Karls in Prag ist tatsächlich ohnegleichen: Schon vor seiner Krönung zum römisch-deutschen König 1346 und zum König von Böhmen 1347 hatte Karl 1333 die abgebrannte Burg am Hradschin wieder aufbauen lassen. Nachdem Prag zum Erzbistum erhoben worden war, begann der Bau der Sankt-Veits-Kathedrale als Zeichen der neuen Unabhängigkeit vom Erzbistum in Mainz. Zu seinem Antritt als böhmischer König gründete Karl 1348 die Alma Mater Carolina, die erste Universität Mitteleuropas.

Seine wohl berühmteste Hinterlassenschaft ist die nach ihm benannte Brücke. Zwei Jahre nach der Krönung zum Kaiser 1355 ließ er die prächtige, 500 Meter lange Karlsbrücke an der Stelle einer alten, ebenfalls schon steinernen Vorgängerbrücke errichten. Es folgte die Gründung der Neustadt, so dass Prag bald auf 40.000 Einwohner wuchs. Praga caput regni – Prag, die Hauptstadt des Reichs – so lautet eine Inschrift am Altstädter Rathaus.

Karl IV., den der Historiker Ferdinand Seibt in seiner großen Biografie als einen Wegbereiter der Politik in die Neuzeit bezeichnete, war ein Freund der Elbe – und von Mĕlník, wo Moldau und Elbe zusammenfließen. Immer wieder hat er die im 9. Jahrhundert gegründete Stadt besucht, die 1274 vom böhmischen König Ottokar II. Přemysl zur Königstadt mit Magdeburger Stadtrecht erklärt worden war. Seine Ehre erwies der Kaiser Mĕlník mit der Anlage eines Weinbergs, den man schon von weitem sieht, wenn man mit der Eisenbahn von Prag nach Dresden fährt. "Vinohrady Karla IV." steht auf einer Tafel am Weg zum Burgberg. Es waren Burgunderreben, die Karl an dieser Stelle pflanzen ließ. Er begründete damit eine große Tradition, denn bis heute ist Mĕlník das größte Weinanbaugebiet Böhmens.

Beim Blick hinab auf den Zusammenfluss von Elbe und Moldau wäre Karl nie in den Sinn gekommen, von einem "tragischen Fatum" oder einer "geografischen Sünde" zu sprechen. Für Karl war die Moldau der Strom Prags, die Elbe hingegen war die Verbindung Böhmens zu Europa und zum Meer. Auch deshalb hat er 1373 die Burg Tangermünde an der mittleren Elbe zu seiner Nebenresidenz erkoren. Nach dem Aussterben der Askanier war die Landesherrschaft über Brandenburg vakant geworden, eine Gelegenheit, die sich der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches nicht entgehen ließ. Im kaiserlichen Lager zu Fürstenwalde wurde Karl am 15. August 1373 mit der Mark Brandenburg belehnt. Am 7. September ritt er mit Gefolge in Tangermünde ein, wo die Bevölkerung ihm huldigte. Nachdem ihm Brandenburg zugefallen war, lag der gesamte obere und mittlere Lauf der Elbe im Blick des Kaisers. Doch Karl wollte den Einfluss Böhmens bis Hamburg ausdehnen. Also ordnete er an, in der Hafenstadt alljährlich einen Pfingstmarkt abzuhalten. Dort sollten Waren aus allen Elbanrainerstaaten feilgeboten werden. Die Elbe war also nicht erst in der Karte von Heinrich Bünting aus dem 16. Jahrhundert die Nabelschnur des Reiches, sondern bereits im 14. Jahrhundert.

Prag, Moldau und Elbe, das hätte eine böhmische und europäische Erfolgsgeschichte werden können. Doch in den Hussitenkriegen des 15. Jahrhunderts, nach dem Prager Fenstersturz und der Niederlage am Weißen Berg, nach der Gegenreformation und der Unterordnung der böhmischen Krone unter Wien, war das historische Wissen über die Elbe in Böhmen und später in Tschechien verloren gegangen.

Verloren gegangen ist auch das Wissen um die Benennung der Flüsse. Bis heute streiten Hydrologen, Kulturwissenschaftler, Namensforscher und Historiker darüber, warum die Aare beim Zusammenfluss mit dem Rhein ihren Namen verliert. Wie die Moldau in Mĕlník hat auch sie mehr Kilometer auf dem Buckel und Wasser im Gepäck. Gleiches gilt für die Warthe und die Oder oder die Havel und die Spree. Doch das hydrologische Argument, so die neueste Forschung, ist nicht das entscheidende. Viel wichtiger ist die Siedlungsgeschichte und die Bedeutung eines Flusslaufs für Handel und Wirtschaft. Vor allem aber wurden die bis heute gängigen Namen der Flüsse in der Antike von der Mündung stromaufwärts vergeben.

So sollten sich die, die bis heute in Mĕlník über das "tragische Fatum" klagen, vornehm zurückhalten. Denn die "geografische Sünde" könnte schnell zur "geografischen Katastrophe" werden. Würden die Karten in Mělník nämlich neu gemischt, läge nicht Hamburg an der Moldau, sondern Prag an der Elbe.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.