30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Dossierbild Geschichte im Fluss

2.7.2013 | Von:
Ludwig Passarge

Aus dem Weichseldelta

1857, im selben Jahr, in dem die Eisenbahnbrücken über die Weichsel und die Nogat fertiggestellt wurden, veröffentlichte Ludwig Passarge seinen Erstling "Aus dem Weichseldelta". In diesen Reiseerzählungen verneigt sich der Schrifsteller und Jurist vor der gewaltigen Macht der Weichsel, aber auch vor deutscher Ingenieursbaukunst.

Die neue Bahnbrücke wurde 1891 gebaut und war zweispurig.Die neue Bahnbrücke wurde 1891 gebaut und war zweispurig. Lizenz: cc by/3.0/de (Aktron; Wikimedia Commons)

Warten auf die Eisenbahnbrücke

Dirschau! - Welcher Bewohner des westlichem Deutschlands hätte vor vielleicht nur noch wenigen Jahren etwas von Dirschau gewußt? Höchstens würde einer oder der andere Reisende sich voll Schrecken jener einsam verlebten Tage erinnert haben, da er bei einer Reise in die östlichste Provinz des preußischen Staates Tage lang auf den günstigen Moment über die Weichsel zu gelangen warten mußte.

Einem dritten wäre es vielleicht beigefallen, daß Dirschau den Knotenpunkt der Berlin-Königsberger und Danzig-Bromberger Chaussee bilde, zur Hälfte von einer polnisch redenden Bevölkerung bewohnt werde und nichts von "Merkwürdigkeiten" besitze. Ein Gelehrter hätte sich wohl gar dahin geäußert, daß der ursprüngliche Name Dersowe, Trsow gelautet, daß die Stadt durch den Pommerellensehen Fürsten Sambor schon 1207 eine Burg erhalten und etwa ein Jahrhundert später unter die Herrschaft des Deutschen Ordens gekommen; alle würden sich aber in dem Urtheile vereinigt haben, daß es ein ganz abscheulicher Ort sei, den man so schnell als möglich verlassen müsse, um entweder der "Stadt der reinen Vernunft" oder dem "Venedig des Nordens" zuzueilen.

So war es früher, und jetzt? – Wir nennen Dirschau, wenn wir von der Göltzschthalbrücke, der Sömmeringbahn, den Ueberbrückungen des Conway und der Menaistraße reden. Es ist diesem Orte gegangen wie manchen Völkern, von denen Niemand etwas weiß, die mit einem Male in der Geschichte auftreten und die Welt mit dem Rufe ihrer Thaten erfüllen. Auch mancher Mensch lebt so still für sich hin, in geräuschlosem Wirken Andere meidend, sein eigenes Selbst entwickelnd; Niemand kennt ihn; vielleicht ahnt er selber nichts von seiner Bestimmung; und plötzlich ist die Samenkapsel aufgesprungen und streut ihren Inhalt in alle Winde.

Wie manchen sonst weltverlassenen Ort hat nicht die Eisenbahn berühmt gemacht, wie manches traumverlorne Thal durchirrt nicht der schrille Pfiff der Lokomotive! Ihr Bewohner schaute die neuen sonderbaren Erscheinungen erst mit demselben stupiden Erstaunen an, wie der Eingeborne Amerikas die ersten Schiffe der Spanier oder der alte Preuße die stahlgepanzerten Ordensritter, um bald an dem allgemeinen Treiben und Jagen Theil zu nehmen und dem Gewinne nachzugehen.

Ein eigentlich unmögliches Vorhaben

Den ungeheuren Bauten und Zurüstungen gegenüber, welche die Errichtung der Weichselbrücke bei Dirschau und der Nogatbrücke bei Marienburg ins Leben rief, vermag beim ersten Anschauen selber der Gebildete kaum etwas Anderes als ein begriffsloses Verwundern entgegensetzen. Das Horazische nil admirari mag da seine Anwendung finden, wo sich uns Vergleichungen, Analogieen darbieten, wo uns zwar etwas Neues aber nichts Unerhörtes entgegentritt. Bei jedem Bewohner des Weichselthales, jedem Kenner der Natur dieses Stromes war aber die Vorstellung von einer Unmöglichkeit seiner Ueberbrückung eine so unumstößliche geworden, daß das wirkliche und sichere Gelingen des verspotteten Projektes meist nur ungläubig vernommen und das leibliche Schauen die vorgefaßte Meinung zu überwinden kaum im Stande gewesen ist. Ein bloßes Staunen über die Ausführung dieses Riesenwerkes mag wohl bei den meisten der Weichselbewohner der Bewunderung und dem Verständniß der genialen Schöpfung vorhergegangen sein.

Woher die Vorstellung von dem Mißlingen dieses Werkes?

Die alte Bahnbrücke über die Weichsel von 1857 ist heute noch als Straßen- und Fußgängerbrücke in Betrieb.Die alte Bahnbrücke über die Weichsel von 1857 ist heute noch als Straßen- und Fußgängerbrücke in Betrieb. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Topory; Wikimedia Commons)
Der Mensch im Kampfe mit der Natur und ihren vernichtenden Kräften ist von jeher der Gegenstand einer staunenden Bewunderung gewesen; aber nur, wenn er siegreich diesen Kampf besteht. Das Unterliegen macht ihn lächerlich; es ist wie ein Kampf mit dem Schicksal. Keinem Elemente gegenüber kann der Mensch eher auf einen Triumph rechnen, als beim Wasser. Wir verweilen in der Geschichte daher gerne bei solchen Nachrichten, welche von einer Bändigung, einem Jochauflegen reißender Ströme, bewegter Fluthen reden, von der scythischen Isterbrücke des Darius, dem ruthengepeitschten Hellespont, der Rheinbrücke Cäsars bis zu dem "Brucken" des Prinz Eugenius.

Aber die meisten dieser Ueberbrückungen dienten nur provisorischen Zwecken, sie bedeuteten nicht viel mehr, als unsere heutigen Pontonbrücken. Von festen und bleibenden Brücken großer und mächtiger Ströme weiß die Geschichte selten zu erzählen, und wo es geschehn, da zeigen die unter dem Wasser hervorragenden Trümmer, daß der Strom sein Joch bald unwillig abgeschüttelt hat. Erst die neueste Zeit hat den Versuch gemacht, auch die unbändigsten Ströme zu bändigen, die störrigsten zu zäh- men, dem unwilligsten Nacken das Joch aufzulegen. Haben sie doch den Niagara überbrückt, den Menai-Hellespont überbaut, und – was mehr sagen will – wird doch in Kurzem die Lokomotive über die Weichselbrücke brausen.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).