Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Oliver Loew

Danzig in der Literatur

Die Weichsel nur am Rande: Danzig und der Fluss

Wenn man in Danzig ist, bekommt man von der Weichsel nur wenig mit, denn die historische Innenstadt, das Ensemble aus Rechtstadt (Główne Miasto), Altstadt (Stare Miasto), Speicherinsel (Wyspa Spichrzów), Vorstadt (Stare Przedmieście) und Langgarten (Długie Ogrody), liegt beiderseits des Flusses Mottlau, der kurz hinter dem alten Siedlungszentrum – nach einer Flussbiegung – in die Weichsel mündet.

Auf der Mottlau ankerten jahrhundertelang die Segelschiffe, die zwischen Frühjahr und Herbst in großer Zahl nach Danzig kamen, um einzuladen, was das östliche Europa zu bieten hatte: Getreide und Holz, die über die Weichsel bis Danzig herabgeschifft und geflößt wurden; auch Produkte der Stadt selbst nahmen sie mit, nicht zuletzt Bernstein und Bernsteinschmuck. Aus dem Westen brachten die Schiffe Heringe, Salz, Tuche, Südfrüchte, Wein und vieles andere mehr.

Auch wenn man also die Weichsel auf den ersten Blick nicht sieht in Danzig, so hat sie den Aufstieg der Handels- und Handwerkerstadt erst möglich gemacht, einen Aufstieg, der sie in der Mitte des 17. Jahrhunderts zur größten Stadt zwischen Moskau und Amsterdam werden ließ und zur größten deutschsprachigen Stadt überhaupt. Dieses urbane Zentrum am Rande der osteuropäischen Weiten war Umschlagplatz für Waren, aber auch für Nachrichten und Neuigkeiten. Wer in Polen wissen wollte, was in der Welt vor sich ging, erfuhr es in Danzig, wo man über politisches Leben und künstlerische Moden bestens informiert war.

Doch die schönen Zeiten, von denen viele lokale Dichter noch lange singen sollten, endeten, als sich im 17. und 18. Jahrhundert Polen mit Schweden und Russland bekriegte, der Weichselhandel immer häufiger gestört wurde und Danzig mehrfach vom Hinterland abgeschnitten war. 1793 wurde die Stadt, die seit 1454 zu Polen gehört hatte, schließlich von Preußen annektiert, verlor nach dem Glanz nun auch noch ihre Privilegien als quasi autonome Bürgerrepublik im großen polnisch-litauischen Adelsreich und wurde für mehr als ein Jahrhundert zu einer preußischen Garnisons- und Beamtenstadt. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte sie einen gewissen Aufschwung, als nämlich der Hafenbereich auf den Unterlauf der Weichsel ausgedehnt wurde und hier auch mehrere große Werften entstanden, in denen die preußische, später kaiserliche Kriegsmarine viele ihrer Stahlkolosse montieren ließ.

Auch wenn man sie also in der Regel nicht sah, machte sich die Weichsel immer wieder bemerkbar in der Stadt – nicht nur, indem sie die Schätze Preußens und Polens herbeibrachte, sondern auch, indem sie ihre Fluten schickte: Bei Schneeschmelze am Ende des Winters trat der Fluss häufig über die Ufer, was selbst dann, wenn dies weit vor der Stadt geschah, große Konsequenzen für Danzig hatte. Und so wurde das Weichselhochwasser auch zu einem wichtigen Topos der regionalen Literatur: Theodor Storms Novelle Schimmelreiter basiert auf einer Sage vom Unterlauf der Weichsel, die 1838 erstmals in einer Danziger Zeitung veröffentlich wurde, und Max Halbe (1865-1944) schrieb einige seiner größten Dramenerfolge über das Hochwasser an seinem heimatlichen Fluss, so sein 1903 am Wiener Burgtheater triumphal uraufgeführtes Schauspiel Der Strom:

Jakob: […] Da hat der Strom so ruhig dagelegen, das Eis ganz fest, ein vierspänniger Heuwagen hat drüberfahren können. Wie ist es da nun weitergegangen? Ist das Wasser dann so mit einem Mal dagewesen?
Ulrichs: Mit einem Mal! Auf den Abend um fünf hat sich das Eis noch nicht gerührt, und in der Nacht um drei, da hat das Hochwasser schon bis zum Boden in den Häusern gestanden. Ich sag dir, Menschenskind, das Wasser ist gestiegen, gestiegen, schneller als wie 'ne Gans tauchen kann!
Jakob: Da war der Damm durchgerissen, nicht?
Ulrichs: Durchgerissen! Ja! Ein Stück, wie von hier bis zur Wachtbude da drüben! Und der ganze Strom mitsamt Eis und allem ist durch das Loch durch und grad auf unsern Hof los. Die Eisschollen sind angerückt wie im Sturm. Die haben alles kahl abrasiert. Die dicksten Weidenstümpfe glatt weggeschnitten. Wer das mal gesehen hat, vergißt's seiner Lebtag nicht!

Die solcherart entfesselten Weichselfluten ergossen sich oft bis nach Danzig hinein und überschwemmten die ärmeren östlichen Stadtteile. Der in Danzig aufgewachsene Aaron Bernstein (1812-1884) lässt seine Erzählung Die Kinder (1840) folgendermaßen beginnen:

Danzig mit den wiederaufgebauten Fassaden der Bürgerhäuser.Danzig mit den wiederaufgebauten Fassaden der Bürgerhäuser. (© Inka Schwand)
Die verhängnißvolle Nacht, welche Danzig mit einer Überschwemmung bedroht hatte, war vorüber. Aus den niedriger gelegenen Vorstädten war gerettet worden, was nur zu retten war. Die ganze Nacht hindurch, auch schon einige Tage vorher sah man fortwährend Rettungsböte in der zum Theil schon überschwemmten Vorstadt Langgarten anlangen. Kinder, Greise, Säuglinge, Kranke, was sich nur in Noth befand, und der Selbsthülfe unfähig war, wurde eingeführt, und so sammelte sich daselbst eine unzählige Menge Unglücklicher, die fast alle ihre Wohnungen, bis zur Hälfte im Wasser stehend, verlassen hatten […].

Nachdem die Weichsel im 19. Jahrhundert eine neue Mündung erhielt und ihr Hauptlauf mit Schleusen von dem nach Danzig führenden, nunmehr "Tote Weichsel" (Martwa Wisła) genannten Flussstück abgetrennt wurde, ließ die Hochwassergefahr nach. Dann konnte es hier auch idyllisch werden, so wie es Max Kiesewetter (1854-1914) in seinen Weichselgedichten schildert:

Sacht steigt empor der Mond in weißer Pracht,
Sacht zieht der Strom nun durch die Sommernacht.

Von einem Schiff erschallt Matrosensang
Zu der Harmonika gedämpftem Klang

Und mählich sinkt die Stadt in Schlaf und Traum...
Die Sterne funkeln licht im Weltenraum.


Trotz aller Idylle spielte die Weichsel auch weiterhin eine wichtige Rolle für die Ökonomie der Stadt, denn nach wie vor war sie eine wichtige Transportader, vor allem für Holz, das in viele hundert Meter langen Flößen bis nach Danzig gebracht wurde. Günter Grass lässt gleich zu Beginn der Blechtrommel den Brandstifter Koljaiczek, der das Holz von der Ukraine her flussabwärts begleitet hat, nahe Danzig reißaus nehmen vor der Polizei in ihren Barkassen …

… und floh, floh über die Flöße, floh über weite, schwankende Flächen, barfuß über ein ungehobeltes Parkett, von Langholz zu Langholz Schichau entgegen, wo die Fahnen lustig im Winde, über Hölzer vorwärts, wo etwas auf Stapel lag […] von Floß zu Floß […] und steht ganz einsam auf einem Floß und sieht schon Amerika, da sind die Barkassen längsseits, da muß er sich abstoßen – und schwimmen sah man meinen Großvater, auf ein Floß schwamm er zu, das in die Mottlau glitt. Und mußte tauchen wegen Barkassen und unten bleiben wegen Barkassen, und das Floß schob sich über ihn und wollte nicht mehr aufhören, gebar immer ein neues Floß: Floß von deinem Floß, in alle Ewigkeit: Floß.

Wenn man die Weichsel heute betrachten möchte, kann man vom Mottlauhafen aus mit dem Ausflugsdampfer zur Westerplatte fahren, jener schicksalträchtigen Halbinsel direkt an ihrer Mündung in die Ostsee: Hier hatte Polen zwischen den Kriegen, als Danzig und Umgebung als "Freie Stadt" unter Obhut des Völkerbundes stand, ein Munitionsdurchgangslager, mit dessen Beschuss am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Wenn man den Hügel erklimmt, der hier in den 1970er Jahren für ein großes Denkmal aufgeschüttet wurde, sieht man den Fluss in seinen letzten Windungen vor sich liegen. Oder man begibt sich auf einen der westlich des historischen Stadtzentrums gelegenen Hügel, auf den Hagelsberg (Grodzisko) oder den Bischofsberg (Biskupia Góra), und lässt den Blick schweifen: Leuchtend liegt hinter den Kirch-, Rathaus- und Stadttürmen, hinter eng verstellten Straßenzügen, einigen Hochhäusern und Werftkränen die Weichsel.

Übrigens die Werft – auch sie hätte es ohne die Weichsel natürlich nicht gegeben, und somit auch einen Schauplatz der Weltgeschichte weniger: Denn was sich aus der alten Schiffsbautradition der Stadt entwickelte, was zu Königlich/Kaiserlicher Werft und Schichau-Werft wurde, was zahllose Kreuzer, U-Boote und Handelsschiffe vom Stapel ließ, wurde nach 1945 zur "Lenin-Werft", 1970 zum Schauplatz blutiger Streiks und 1980 schließlich zur Geburtsstätte der Gewerkschaft "Solidarność", jener Arbeiterbewegung, die von Danzig aus das gesamte kommunistische System erschütterte.

Schließlich hätte es ohne Weichsel auch einen weiteren Markstein nicht gegeben, den Danzig in die Geschichte Europas setzte – die Freie Stadt Danzig: 1920 vom Völkerbund geschaffen, um einerseits Polen einen freien Zugang zur Ostsee und einen Hafen zu geben, andererseits aber die Rechte der fast durchweg deutschen Bevölkerung der Stadt zu wahren, wurde dieses kleine, als Kompromiss geborene Staatswesen zu einer Sollbruchstelle des mit dem Versailler Vertrag geschaffenen Systems: Immer wieder schien die Existenz des wirtschaftlich kaum lebensfähigen Stadtstaates bedroht durch deutschen Revisionseifer, polnischen Wunsch nach Besitzstandswahrung, das Unverständnis der internationalen Politik und das Unvermögen der deutschen Danziger, einen modus vivendi mit dem neuen polnischen Staat zu finden.

Und so war es kein Zufall, dass der Zweite Weltkrieg genau hier ausbrach, mit der Beschießung der Westerplatte durch das in die Weichsel eingelaufene Linienschiff Schleswig-Holstein im Morgengrauen des 1. September 1939.

Bruch und Kontinuität

Die Langegasse ist der Markt von Danzig.Die Langegasse ist der Markt von Danzig. (© Inka Schwand)

1945 veränderte die Stadt ihr Antlitz. Aus Danzig wurde Gdańsk, aus einer zu mehr als 95 Prozent von Deutschen bewohnten Stadt eine zu mehr als 95 Prozent von Polen bewohnte Stadt. Zwischendurch war die historische Danziger Innenstadt ein Trümmerhaufen, zerstört im Zuge der Eroberung durch die Rote Armee. Wie Mahnmale ragten die ausgebrannten Kirchenruinen über den Schutt der Jahrhunderte. Es war fast ein Wunder, dass es nach Flucht und Vertreibung der deutschen Danziger und Ansiedlung der aus allen Gegenden Polens eintreffenden Neubürger gelang, diese historische Innenstadt zumindest in Teilen wieder aufzubauen, in einem Ausmaß zumal, wie er in Mitteleuropa einzigartig war. Zugestanden, das Ganze geschah unter ideologischen und politischen Vorzeichen, man wollte die einstige Bürgerstadt als Arbeiterstadt wiederentstehen lassen, "schöner als je zuvor", und man dachte, damit die polnischen Ansprüche auf Danzig bestens begründen zu können. Zugestanden, man mogelte auch ein wenig und baute eine ideale Stadtlandschaft des 17. und 18. Jahrhunderts wieder auf, wie sie in dieser Geschlossenheit nie bestanden hatte. Viele Hausfassaden kamen zwar im Barockgewand daher, waren aber standardisiert und verbargen normierte Zwei- und Dreizimmerwohnungen.

Dennoch war das Straßenbild der Rechtstadt schon bald so hervorragend in Szene gesetzt, dass sich selbst die deutschen Danziger, wenn sie ihre alte Heimat besuchten, oft die Augen rieben: Irgendwie schien es, als sei diese Stadt nie zerstört worden. Wenn sie in die Vororte weiterfuhren, nach Langfuhr, Oliva (Oliwa) oder in die Niederstadt (Dolne Miasto), dann fühlten sie sich umso mehr wie auf einer Zeitreise, denn hier hatte der Krieg vielfach gar keine Spuren hinterlassen.

Für die neue polnische Bevölkerung war es nicht einfach gewesen, sich in Danzig ein neues Zuhause zu schaffen: Fremd kamen ihr die Stadt vor, und zerstört war sie zumal. Verwirrt und überwältigt nahmen manche die unbeschädigten und voll eingerichteten deutschen Wohnungen in Besitz, die ihnen zugewiesen worden waren. Über Jahrzehnte hin sollten sie nun in einer deutsch geprägten Umgebung leben, die erst langsam den Ruch des Fremden verlor, zu etwas Eigenem wurde. Der Romancier Stefan Chwin hat diesen Prozess in seinem Roman Tod in Danzig (1995) beschrieben.

Dieser Roman hat zusammen mit den Werken von Paweł Huelle und Günter Grass etwas Außerordentliches vollbracht: Sie haben die Vorstellung der heutigen Danziger von ihrer Stadt entscheidend beeinflusst. Es waren ihre Bilder und Geschichten, die der lokalen Stadtgesellschaft besonders in den 1990er Jahren Mut und neuen Halt gaben. Die Art und Weise, wie man in den letzten beiden Jahrzehnten über die Stadt Danzig denkt, ist in ganz wesentlicher Weise von diesen Texten geprägt. Fiktion hat Wirklichkeit entstehen lassen.

Heute sind nicht nur die Danziger selbst stolz auf ihre literarischen Größen, sondern auch viele Besucher lassen sich begeistern: Sommer für Sommer reisen Hunderttausende, Millionen von Polen und Ausländern in die Großstadt an der Ostsee, angezogen von den nahen Stränden, dem bewaldeten kaschubischen Hügelland mit seinen verträumten Seen, aber auch der Geschichte der alten Hansestadt, ihrer großartigen Architektur und ihren Mythen: Freie Stadt, Kriegsausbruch, Zerstörung und Solidarność sind wirkmächtige Bilder im heutigen Europa – und zwei neue Museen, die in den nächsten Jahren eröffnet werden sollen, werden noch mehr Aufmerksamkeit auf Danzig lenken: Das Internationale Solidarność-Zentrum sowie das Museum des Zweiten Weltkriegs.

Beide liegen übrigens relativ dicht an der Weichsel, an die Danzig durch den in Planung befindlichen neuen Stadtteil Jungstadt (Młode Miasto), der auf einstigem Werftgelände entstehen soll, direkt rücken wird. Vielleicht wird der Fluss dann endlich auf Anhieb sichtbar in einer Stadt, die ohne ihn kaum denkbar wäre.


Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).