Dossierbild Geschichte im Fluss

1.11.2015 | Von:
Guido Hausmann

Treidler an der Wolga

Fischer an der WolgaFischer an der Wolga (© Archiv Guido Hausmann )

Moderne und Tradition



Hat sich die Tätigkeit der Wolgatreidler vom 17. Jahrhundert bis zu ihrem Niedergang durch das Aufkommen der Dampfschifffahrt wesentlich verändert? Es war wohl eher das Gegenteil der Fall. Sonst hätten Ilja Repin und andere die Treidlerei nicht bis in ihre Gegenwart hinein als archaisches Phänomen ansehen können. In dreierlei Hinsicht hat es aber doch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wichtige Veränderungen gegeben.

Erstens nahm in geografischer Hinsicht im Laufe des 18. Jahrhunderts der Gütertransport auf der oberen Wolga deutlich zu. Zwar wurden auch weiterhin viele Güter von Astrachan und Saratow sowie aus dem Ural die Kama und Wolga aufwärts und dann weiter über die Oka nach Moskau verschifft. Aber nach der Gründung von Sankt Petersburg musste die neue Residenz mit dem Hinterland verbunden werden, vor allem mit dem Wolga-Flusssystem, um ihre Versorgung sicherzustellen. Denn Petersburg hing vom Getreide, Holz, Eisen und anderen Gütern aus dem Hinterland ab.

So entstand in der Zeit von Zar Peter I. und von Katharina II. ein rudimentäres Kanalsystem, das die neue Hauptstadt mit der oberen Wolga verband. Städte wie Twer an der oberen Wolga blühten auf. Die vormals unbedeutende Stadt Rybnaja sloboda, jetzt Rybinsk, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur neuen "Treidlerkapitale", zu Russlands Chicago, und zum drittem Umschlagplatz neben Astrachan und Nischnij Nowgorod. Hier mussten die Waren von großen auf kleinere Kähne umgeladen werden, um sie über kleinere Flüsse und die Kanäle nach Sankt Petersburg zu bringen. Große Sandbänke an der oberen Wolga und ihren Zuflüssen sowie Wasserfälle und gefährliche Felsblöcke erschwerten die Treidlerarbeit erheblich und machten es nötig, vermehrt Pferde und Ochsen zum Ziehen der Kähne einzusetzen.

Zweitens nahm die Regulierung der Treidlerarbeit im Laufe des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich zu. Zwar blieben die Anordnungen aus der Hauptstadt häufig unbeachtet, aber es kam doch immer wieder – zum Beispiel in den 1740er Jahren – zu Überprüfungen der Dokumente der Treidler, um von Adelsgütern entlaufende Bauern aufzuspüren und zurückzuführen. Rigoros und kontinuierlich waren solche Überprüfungen aber nicht, da die Schiffsbesitzer die Treidler brauchten.

Katharina II. unternahm 1781 einen neuen Versuch, den Gütertransport auf Kaufmannskähnen zu regulieren und entwarf Modellverträge zwischen Schiffsbesitzern und Treidlern, die zum Beispiel disziplinarische Maßnahmen wie Körperstrafen gegenüber den Treidlern festlegten. Die Verträge bestimmten auch, wie mit kranken oder verletzten Treidlern umzugehen sei und welchen Vorschuss die Treidler bei Unterzeichnen des Vertrags bekommen sollten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand darüber hinaus eine Art Flusspolizei, eine Konfliktregulierungsstelle für Streitigkeiten zwischen Treidlern und Schiffsbesitzern. Orientierungspunkte im Fluss und am Ufer wurden geschaffen, um Schiffsunfälle zu vermeiden.

Die Treidler waren keineswegs so rückständig, wie sie die Zeitgenossen aus den mittleren und oberen Schichten sahen: Sie handelten äußerst rational, kalkulierten die Zeiten für Schiffsverbindungen genau durch, um bis zum Ende der Navigationsperiode im November möglichst viele Verträge und entsprechenden Lohn zu erhalten.

Niedergang der Treidler

Archiv Guido HausmannArchiv Guido Hausmann (© Archiv Guido Hausmann )
Drittens schließlich gab es immer wieder Versuche, auf der Wolga Menschenkraft durch Maschinenkraft zu ersetzen. In den 1750er und 60er Jahren sowie in den 1830er und 40er Jahren kam es zum Einsatz so genannter (pferdegetriebener) Maschinenschiffe auf der Wolga. Aber die Arbeitskraft leibeigener Bauern war billigerer als die Entwicklung und der Unterhalt von Maschinenschiffen. Erst mit dem Aufkommen von Dampfschiffen in den 1840er Jahren sowie ersten Eisenbahnverbindungen zwischen St. Petersburg und Moskau, die in Twer an der oberen Wolga stoppten, setzte schließlich der Niedergang des Treidlergewerbes ein. Es ist bekannt, dass viele Treidler das neue Dampfschiff als "teuflisch" ablehnten, denn es entzog ihnen ihre Lebensgrundlage.

Die Wolga war der erste Fluss Russlands, auf dem in größerem Ausmaß Dampfschiffe eingesetzt wurden, und der Fluss galt jetzt als sicher, es drohten keine Überfälle von Räuberbanden mehr. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fuhr deshalb eine wachsende Zahl an "Hauptstädtern" ins Innere Russlands, Abenteurer und Touristen aus dem modernen, hauptstädtischen Russland bereisten das alte, traditionelle Russland.

Innerhalb kurzer Zeit, bis in die 1880er Jahre, war die jahrhundertealte Treidlerei von der Wolga verschwunden, bisweilen war sie noch an einigen Nebenflüssen zu beobachten.

Die Jahrzehnte des Niedergangs in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren gleichzeitig die Zeit, in der Künstler und Schriftsteller die Treidler entdeckten. Zum Kontext dieser kulturellen Entdeckung gehörte der allgemeinere Wandel in Russlands Gesellschaft, zu dem die Aufwertung der "eigenen" Natur, das Aufkommen eines modernen Nationalismus und einer russischen Intelligenzia zählten.

Ein Thema für Künstler

Ilja Repin (1844-1930) stammte aus einer ukrainischen Kosakenfamilie, war also biografisch nicht mit der Wolga verbunden. Er hatte die Kaiserliche Kunstakademie in St. Petersburg absolviert. Sein Gemälde "Die Wolgatreidler" von 1870-73 war sein erstes großes Bild nach dem Besuch der Akademie. Dort hatte er zu einer jungen, renitenten Gruppe von Künstlern gehört, die die Hochschätzung europäisch-antiker Motive ablehnte und stattdessen realistisch malen wollte – die späteren Wanderer, russisch Peredwischniki.

Sie waren beeinflusst von radikalen Denkern, die von der Wolga stammten, wie Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski, einem Popensohn aus Saratow, oder von Nikolaj Nekrasow, der aus einer Adligenfamilie von der oberen Wolga stammte. Beide lebten wie Repin in St. Petersburg, hatten in den 1860er Jahren das Treidlerthema in ihren Schriften aufgenommen und Repin war mit ihren Texten vertraut.

Folgt man Repins Aufzeichnungen, hatte er Treidler an der Newa bei St. Petersburg beobachtet, Freunde hatten sie als "Gorillas" bezeichnet, also entmenschlicht, eher wilden Tieren ähnlich. Repin blieb aber an ihnen interessiert. Er erhielt die notwendige finanzielle Unterstützung, um auf Raten seiner Freunde an die untere Wolga zu fahren, dort einen Sommer zu verbringen, und ihr Leben näher zu studieren. Zwischen Samara und Saratow konnten Repin und seine Freunde dort zwei Sommer lang Treidler studieren, die die Kähne flussaufwärts über Sandbänke und das Niedrigwasser der Wolga zogen. Repin ging sogar einen Schritt weiter, sprach einige Treidler an und suchte sie im folgenden Sommer erneut auf.

Repin und die Rezeption

Sein aus vielen Detailstudien entstandenes Bild wurde 1873 in St. Petersburg ausgestellt. Es wurde alsbald Stadtgespräch und schied die Geister. Der Streit entzündete sich an der politischen Aussage des Gemäldes. Während der einflussreiche Kunstkritiker die Treidler als Symbol des unterdrückten Russlands deutete, sah der Schriftsteller Fjodor Dostojewski in ihnen Bauern, die im Einklang mit ihrem Schicksal lebten.

Unabhängig von der Deutung des Bildes ist jedoch unstrittig, dass Repin das Bild der Wolgatreidler auf eine ganz spezifische Weise geprägt hat. Er und seine Freunde waren Hunderte Kilometer gereist, um Treidler in einem Augenblick höchster Anstrengung zu zeichnen. Andere Künstler wie der Schriftsteller Maxim Gorki folgten ihm in dieser Tradition. Ohne die harte Arbeit und Ausbeutung der Treidler in irgendeiner Weise zu beschönigen, wurden sie doch von Repin und anderen instrumentalisiert.

Repins Bild mag uns mehr über seine Person sagen als über die Wolgatreidler. Das Gemälde zeigt sehr plastisch die Funktionsweise eines Arbeitsartels[1]. Die erfahrensten Treidler führten die Treidlergruppe an und hatten sie auch vom Ende im Blick, die jüngeren, unerfahreneren befanden sich in der Mitte.

Es gibt immerhin einige andere bildliche Darstellungen, die das Bild von den Treidlern differenzierter darstellten. Zur Zeit Repins malte auch Wassili Wereschtschagin (1842-1904) Treidler, wenn auch nicht von der Wolga. Bei ihm fällt ein besonderes Interesse an technischen Details auf. Ebenfalls dem Realismus verpflichtet war der herausragende Fotograf Maxim P. Dmitriew (1858-1948), der in Nischnij Nowgorod lebte und eine ganze Fotoserie über das Leben an der Wolga schuf. Unter ihnen sind auch einige große Fotos, die zeigen, wie ein großer Kahn von Pferden und Treidlern gezogen wird.

Solche Kähne stauten sich im Sommer bei Niedrigwasser vor den großen Sandbänken und mussten einer nach dem anderen freigezogen werden. Dagegen gibt es keine Treidler auf Postkarten, die seit dieser Zeit häufiger erschienen und die Wolga und Wolgalandschaft der hauptstädtischen Gesellschaft als einen Raum traditionellen provinziellen Lebens darstellten.

Bildliche Darstellungen der Wolgatreidler sind also selten, was dem berühmten Gemälde von Repin eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Heute ordnen wir es vor allem historisch ein. Es entstand in der Zeit des Niedergangs der Treidlerei als einer vormodernen, saisonalen Tätigkeit und zeigt seine Protagonisten mit einer bestimmten Absicht. Zusammen mit einigen Liedern wie der Dubinuschka ("Kleine Eiche") und "Die Mutter Wolga abwärts" schufen sie ein Bild von der Wolga als Inbegriff Russlands und den Treidlern als dem einfachen russischen Volk.

Fußnoten

1.
Als Arbeitsartele bezeichnete man im zaristischen Russland Zusammenschlüsse von Arbeitern, deren Mitglieder auf gemeinsame Rechnung und bei gleicher Haftung bestimmte Arbeiten verrichteten. Eine Satzung regelte die zu erbringenden Arbeitsbeiträge.

Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.