Dossierbild Geschichte im Fluss

1.11.2015 | Von:
Alexander Reiser

Zurück an der Wolga

Deportation nach Sibirien

Doch dann war alles jäh zu Ende. Im September 1941 wurde das ganze Dorf in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Einheiten der Geheimpolizei des NKWD umstellt und geräumt. Alle Einwohner wurden in Viehwagons gepfercht und nach Sibirien deportiert. Mein Großvater wurde noch im selben Herbst in das Arbeitslager der "Trudarmee" gesteckt, der Arbeitsarmee, in der man ihn noch im selben Winter, mit 28 Jahren (ich bin jetzt bald doppelt so alt wie er) verhungern ließ. So wurde meine Großmutter mit nicht einmal 27 Jahren Witwe, sie hatte vier Kinder zu versorgen (drei eigene und das ihrer Schwester, die sie auch ins Arbeitslager gesteckt haben). In einem mit Schilf gedeckten Erdloch in Sibirien kämpfte sie bis zum Ende der Lagerhaft ihren täglichen Kampf um das Überleben. Otto, ihr eigenes viertes Kind, hat die Deportation mit seinen anderthalb Jahren nicht überlebt; er wurde unterwegs in der Steppe verscharrt. Bis zum Ende ihres Lebens weinte meine Großmutter, dass ihr "kleiner Otto" nicht mal ein Grab habe. Und ich sollte jetzt auf dieser Reise für den "großen und genialen" Josef Stalin Verständnis aufbringen?

Die Straße nach Pfeifer war in einem desolaten Zustand. Der Bus musste riesige Löcher weit umfahren, weil Regen und Schnee nicht nur den Asphalt weggespült hatten, sondern ganze Straßenabschnitte.

Zu seiner Zeit war Pfeifer einmal ein wohlhabendes Dorf mit bald 3.000 Einwohnern gewesen, mit mehreren Mühlen und kleinen Handwerkerbetrieben. Jetzt näherten wir uns auf einer Anhebung am Fluss einer bescheidenen Siedlung mit ein paar Dutzend Häusern, in denen nur noch 300 Menschen lebten. Schon die Hauptstraße machte einen vernachlässigten und tristen Eindruck, der ehedem lebendige, geschäftige Dorfplatz war mit hohem Gras bewachsen. Einst gab es hier zwei Schulen, heute gibt es keine einzige mehr; es gab mehrere Geschäfte, heute nicht mal ein Laden für den alltäglichen Bedarf. Von der ehemaligen Welt meiner Großeltern war nichts außer ein paar bis zur Unkenntlichkeit umgebauten Kolonisten-Häuser und einem riesigen Holzspeicher an der Ortseinfahrt zu sehen. Ich lief durch die Straßen und spürte den Schmerz, weil hier nichts mehr an die Vergangenheit erinnerte.
Der ehemalige Dorfladen in PfeiferDer ehemalige Dorfladen in Pfeifer (© Alexander Reiser)

Meine mutige Großmutter

Und dann fand ich doch noch etwas aus der Welt, von der mir so viel erzählt worden war. Es war eine noch am Rande des Dorfplatzes stehende Ruine aus Ziegelstein, baufällig, arg von der Zeit gezeichnet: der ehemalige Dorfladen. Es war die für mich emotionalste Begegnung auf der Reise. Die einzige Brücke, die ich zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart schlagen konnte. Meine Großmutter hat im Dorfladen einmal als Nachtwächterin gearbeitet und sich öfters an diese Zeit erinnert. Wie sie auf diesen Treppen vor dem Gebäude saß, damals in den glücklichen Dreißigerjahren, und die Dorfjugend beobachtete, die sich auf dem Dorfplatz jeden Abend versammelte, um dann die ganze Nacht auf Geigen, Mandolinen und dem Knopf-Akkordeon zu spielen, zu tanzen, zu singen.

Von hier aus wurde sie in einer dieser Nächte vom NKWD abgeholt, weil angeblich jemand ein Witzlied über den "weisen" Josef Stalin gesungen hatte. Meine Großmutter war plötzlich ein Teil einer "antisozialistischen Verschwörung"; sie sollte andere "Verschwörer" verraten.

Zwei Wochen lang hat man sie Tag und Nacht verhört, nicht schlafen lassen, geschlagen. Aber meine Großmutter blieb standhaft – trotz all der Gewalt und Drohungen. Am Ende konnte man ihr nichts nachweisen, und man musste sie freilassen.

Ich ließ mich nieder auf die zerbröckelten Treppen der Ruine, dieser einzigen Verbindung zur Welt der Erzählungen meiner Großmutter. Einen Moment noch wollte ich diesen inneren Dialog mit ihr weiterführen, nun, da ich endlich hier war. An jenem Ort, vom dem sie bis zu ihrem Tod träumte. Wo sie die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbrachte. Noch bis 1956 stand sie unter Überwachung. Und auch danach war es den Wolgadeutschen verboten, in ihre Dörfer zurückzukehren. Erst 1978 wurde das Verbot aufgehoben, da war meine Großmutter schon ein Jahr tot.

Abends an der Wolga

Ich saß am Abend auf dem Balkon mit dem herrlichen Blick auf die zeitlos im Sonnenuntergang glänzende Wolga, aß eine Zuckermelone, die ich unterwegs gekauft hatte, und versuchte meine Eindrücke von dieser Reise zu ordnen. Die Melone schmeckte tatsächlich so gut, wie es meine Großmutter erzählt hatte. Es gab sie also, die Welt meiner Vorfahren an der Wolga. Ob sie tatsächlich so traumhaft und prächtig gewesen war, lässt sich nicht mehr feststellen. Außer einem Haufen Steine ist davon kaum etwas geblieben.


Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.