Dossierbild Geschichte im Fluss

1.11.2015 | Von:
Wassili Golowanow

Moskaus Weg zur Wolga

128 Kilometer lang ist der Moskau-Wolga-Kanal, der die Moskwa mit Europas größtem Strom verbindet. Er war neben dem Belomor-Kanal das zweite Prestigeprojekt der Stalin-Ära. In seiner Geschichte verbinden sich Terror und Fortschritt.

Erste Erinnerungen

Medaille zu Ehren des Baus des Moskwa-Wolga-Kanals.Medaille zu Ehren des Baus des Moskwa-Wolga-Kanals. (© Andrej Schemaschko)
An meinen ersten Eindruck vom Kanal erinnere ich mich noch genau: Unsere ganze Familie geht durch den dünn mit jungem Grün überzogenen Park zum Flussbahnhof mit seiner hohen Turmspitze. Wir sind festlich gestimmt. Aus den Lautsprechern ertönt Musik, und entlang der Parkalleen gibt es Sprudelwasser mit Sirup zu kaufen. Fahnen flattern, und vorne zeichnet sich schon die große, stählerne Wasseroberfläche ab, mit den weißen Schiffsrümpfen der Wolgadampfer "Bagration", "Michail Lomonossow", "Lermontow". Ich gehe an Luftkissenbootes "Rakete" und schaue zu, wie die von Unterwasserflügeln hochgehobene Nase Schleppen aus silbrigen Spritzern zur Seite schleudert, schaue auf das mir entgegen fliegende Wäldchen, auf die Eisenbahnbrücke über meinem Kopf und auf die sich plötzlich öffnende Weite des großen Wasserreservoirs – die Talsperre von Chimki – getüpfelt mit weißen Yachtsegeln.

Ein Gruß an die Toten

Wer auch immer über den Moskwa-Wolga-Kanal schreibt, muss anerkennen: Von seinen Dimensionen her ist dieses Bauwerk bis heute in jeder Hinsicht einzigartig. Auch wenn es sich nach dem Weißmeer-Kanal "Belomor" um das zweite Großbauprojekt handelte, das ausschließlich aus Straflagern heraus entstand, so war in der Endetappe doch das gesamte Land beteiligt an der Herstellung und Montage der Einzelteile für die Schleusen und Kraftwerke. Noch heute sind am ganzen Kanal die technischen Anlagen aus der Sowjetzeit in Gebrauch. Und so merkwürdig es klingen mag: Die existierenden modernen Betriebe können nichts Derartiges produzieren. Der Kanal versorgte die Hauptstadt mit Wasser und elektrischem Strom, daneben ermöglichte er komplett neue Industriezweige. Für seine aufwändige Gestaltung wurden die besten Architekten und Künstler herangezogen.

In gewissem Sinne wurde der Kanal zum "Triumph" der Stalinschen "Lagerökonomie", und die bei seinem Bau entwickelten Methoden hätte man wohl auch in Zukunft angewandt, um globale Aufgaben des "sozialistischen Aufbaus" zu bewältigen. Doch eine neue Katastrophe – nämlich der Zweite Weltkrieg – beendete die massenhafte Ausbeutung von Sträflingsarbeit; die menschlichen Ressourcen waren erschöpft. Wenn wir also vom Moskwa-Wolga-Kanal als großer Errungenschaft des Volkes sprechen, sollten wir – ebenso wie am Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg – das Gedenken jener Menschen ehren, die unter dem Fundament unserer "lichten Zukunft" begraben liegen.

Anfang der 1930er Jahre, als der Bau des Kanals begann, ging gerade die Kollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin zu Ende. Sie hatte Massen von Bauern, die an schwere körperliche Arbeit gewöhnt waren, in die Straflager geliefert. Viele Neuerungen in der Produktion waren Folgen dieses Kanalbaus und erlaubten es der UdSSR später, mit einem Sprung in die Reihe der industrialisierten Länder vorzurücken. Das alles beruhte auf der zuvor nie dagewesenen Arbeitsproduktivität in diesem Lagerkomplex. Dieser Widerspruch durchdringt unsere neuere Geschichte, und daran können wir nichts korrigieren oder ändern. Wir können dessen nur gedenken. Für das Gedenken aber ist Wissen unverzichtbar.

Ein neuer Kanal

Arbeiter beim Bau des Moskwa-Wolga-Kanals.Arbeiter beim Bau des Moskwa-Wolga-Kanals. (© Andrej Schemaschko)
Die Stadt New York verbrauchte zu Beginn der 1930er Jahre pro Einwohner in 24 Stunden 484 Liter Wasser, in Paris waren es 460, in London 200, Wien brauchte 148, Moskau 128 Liter. Moskau konnte sich so weder als Stadt weiterentwickeln noch als industrielles Zentrum, geschweige denn als das neue und ehrgeizige politische Projekt: als rote Welthauptstadt. Ohne einen guten Schluck frischen Wassers hätte Moskau nicht überlebt. Alle diese Ursachen führten dazu, dass man im Jahre 1931 drei Varianten des Moskwa-Wolga-Kanals technisch ausarbeitete und schon 1932 die Kanalbauverwaltung gründete. Ausgeführt werden sollte der eigentliche Bau mit der Kraft der "Kanalarmisten", schlicht gesagt der Häftlinge des größten Lagers der Stalinzeit: Dmitlag, benannt nach dem stillen Städtchen Dmitrow auf halbem Wege zwischen Moskau und der Wolga.

Am besten geeignet war die von dem jungen Ingenieur Iwan Semjonow vorgeschlagene Kanalvariante. Sie beinhaltete den Bau von elf Schleusen, drei Eisenbahndämmen, sieben Wasserableitungsvorrichtungen, sechs Erdwällen und acht Wasserkraftwerken. Die gesamte Strecke war in 13 Bauabschnitte eingeteilt, an denen die Arbeiten unverzüglich begannen. Anfangs sollte der Kanal schon 1934 übergeben werden, das heißt nach zwei Jahren. Sowohl der Chef des Dmitlag, Semjon Firin, als auch der Chef der Baubehörde Moskwa-Wolgostroj, Lasar Kogan, wie auch der Hauptingenieur des Baus, Sergej Schuk – sie alle hatten die Schule des Belomor-Kanal absolviert und wussten folglich, wie man einen Kanal in zwei Jahren bauen konnte, bloß mit Hilfe von Sprengstoff, Schubkarren, Sägen, mechanischen Pumpen und hölzernen Kränen. Gerade dies aber erwies sich bei dem neuen Kanal als nicht so einfach. Die in dem Projekt vorgesehenen komplizierten und kolossalen hydrotechnischen Anlagen machten es unmöglich, die Aufgabe "von Hand" zu lösen.

Schon der erste Bauabschnitt, die vorgesehene Mündung des Kanals in die Wolga bei dem Dorf Iwankowo, erwies sich als sehr kompliziert. Im wilden Dickicht musste man hier ein erstrangiges strategisches Objekt errichten: den heute als Kraftwerk von Iwankowo bekannten Staudamm an der Wolga. Schließlich schlugen die Ingenieure eine originelle Lösung vor: das Eisenbetonwehr auf dem Trockenen zu bauen und erst danach die Wolga mit Hilfe aufgeschütteter Deiche in ein neues Flussbett umzuleiten. Vom Gelingen dieses Plans hing die ganze Zukunft des Kanals ab. Doch von der Idee für dieses Projekt bis zu ihrer Realisierung vergingen Jahre, in denen man zunächst bloß Voraussetzungen schuf. Der Staudamm blieb eine Zeichnung auf dem Papier, ehe man nicht Wasserwerfer zum Anschwemmen der Deiche einsetzte, eine Stichbahn in den "Iwankowsker Hinterwald" zog und schließlich, im Jahre 1935, dort eine Zementfabrik fertigstellte, die künftig größte der UdSSR.

So verhielt es sich auch an einem anderen komplizierten Kanalabschnitt, an der so genannten "Tiefen Senke", einem sechs Kilometer langen Teil der Moskau-Dmitrowsker Hügelkette, durch die man einen 23 Meter tiefen Einschnitt schaffen und dafür zehn Millionen Kubikmeter Erde bewegen musste. Diese Aufgabe wurde erst lösbar, als die (wiederum im Jahre 1935) erbaute Kowrowsker Baggerfabrik für den Kanal 171 Bagger lieferte. An der tiefen Senke arbeiteten 30 Bagger gleichzeitig, Tag und Nacht fuhren mit Erde beladene Züge aus ihr heraus.

Für die Lösung aller Aufgaben am Kanal gab es die ganze Zeit über eine gleichbleibende, zusätzliche Voraussetzung – wieder und wieder neue Massen frischer Arbeitskräfte. Im Oktober 1934 trafen im Dmitlag die ersten Gefangenenstaffeln aus anderen Lagern ein. In den Jahren 1934 bis 1936 wuchs die Anzahl der Häftlinge, die sich gleichzeitig im Dmitlag befanden, von 88.500 auf 192.000 an. Um eine derartige Menschenmasse effektiv zu verwalten, bedurfte es mehr als nackter Gewalt. Die Namen der damals am Reißbrett geplanten Siedlungen – Tempy (russisch: Tempo), Sorewnowanie (Wettbewerb) – liefern uns die Schlüssel für die psychologische Mobilisierung für den Kanalbau.

Die Umschmiedung

Die Worte "Umschmiedung" wie auch das stolze "Kanalarmist" (statt der erniedrigenden Abkürzung S/K für Häftling) hatte man schon am Belomor-Kanal erfunden. Umschmiedung konnte sich nur im Kollektiv vollziehen, und zwar in einem avantgardistischen. Nur wenn man die Norm um 120 Prozent übererfüllte, konnte man "seine Vergangenheit auf dem Kanalgrund ertränken" und sich gleichzeitig eine mehr oder weniger erträgliche Lebensmittelration und vorzeitige Freilassung verdienen.

Am 25. August 1933 fand in dem extra in die Hauptstadt des Kanalbaus, nach Dmitrow, verlegten Klub "Belomorkanal" die berühmte "Blitzkonferenz der Stoßarbeiter" statt. Die Teilnehmer waren Tschekisten (so genannt nach der Tscheka, einer Vorläuferorganisation des Staatssicherheitsministeriums NKWD), dazu Vertreter von berühmten Kollektiven aus dem Baukomplex "Belomorstroj" und Sowjetschriftsteller, die unermüdlich verfolgt hatten, wie sich dort Menschen, die als "Auswurf" angesehen wurden, in von ihrem Werk beflügelte Arbeitswütige verwandelten. Das Wort ergriff der Lagerchef Semjon Firin. "Was ist im Belomorstroj passiert? Zehntausende von Häftlingen wurden einer Handvoll Tschekisten übergeben. Wir waren 37 Menschen. Und diese Häftlinge sollten wir umerziehen." Der im Saale anwesende Maxim Gorki konnte sich eine Träne nicht verkneifen: "Ihr begreift ja selbst nicht mal, was ihr vollbracht habt, ihr Teufelskerle!" Die Tschekisten lächelten. Der Saal antwortete mit einer Ovation.

Bei der allgemein verbreiteten Vorstellung von den Stalinschen Lagern als Todesfabriken nimmt sich das Leben im Dmitlag bei näherem Hinsehen merkwürdig aus. So waren bei seiner Errichtung auch ein eigenes Orchester vorgesehen, eine Fußballmannschaft, ein Agit-Prop-Theater und Künstlerateliers, eigene Presseorgane und in dem Abschnitt am nördlichen Rand der Stadt Dmitrov Musterbaracken. Im Lager arbeiteten Künstler, komponierten Lagerkomponisten. Spezialisten von der Kulturpädagogischen Abteilung überwachten ständig das Schaffen der Laienkünstler. Die Avantgardisten dieser Sphäre bekamen als Lohn sogar Bons, die sie gegen Waren aus den Lagerkiosken eintauschen konnten.

Semjon Firin, der Chef des Dmitlag, war kein gewöhnlicher Tschekist. Ihm fehlte die Engstirnigkeit und hinterhältige Bosheit anderer NKWDler. Das Leben hatte ihn bereits ins Ausland geführt. Er war in Deutschland und Frankreich gewesen, verstand mehrere europäische Sprachen. Er war belesen. Im Dmitlag fungierte er als Mäzen der Künste. Die Kommunikation mit den Lagerkünstlern, Dichtern und Musikern wurde ihm zum ständigen Bedürfnis. Auch für die gewöhnlichen Häftlinge versuchte er menschlichere Bedingungen zu schaffen. Oft sagte er: "Wir sollten hier Bedingungen schaffen, angesichts derer die Häftlinge begreifen: In der Freiheit ist es schlimmer als im Lager."

Für alle Presseorgane des Lagers zeichnete Firin als verantwortlicher Chefredakteur. Die Lagerzeitung Die Umschmiedung verfügte über 6.000 Korrespondenten entlang der gesamten Kanaltrasse. Permanent erschienen Zeitungen wie der Kanal Sarbdary für turksprachige Insassen, die Zeitung zum Lesenlernen Nieder mit dem Analphabetentum sowie die Frauenzeitung Die Kanalarmistin. Zwei Jahre lang kamen am Kanal die Literaturzeitschrift Zum Sturm auf die Trasse (insgesamt 28 Nummern) und die Buchreihe Bibliothek der Umschmiedung heraus. Dies alles druckte die eigene Druckerei des Dmitlag. Als der Kanal fertig war und das folgende "versteinerte" GULAG-System derartige Romantik nicht mehr benötigte, wurde Semjon Firin erschossen. Jede Handlung am Kanal konnte vom Staatsapparat zu deinen Gunsten oder Ungunsten ausgelegt werden. Wahrscheinlich ist nur Alexander Solschenizyn mit seiner Darstellung im Archipel Gulag dem Phänomen der "Umschmiedung" und der Massenbewegung der Stoßarbeiter gerecht geworden.

Es gab Wettbewerbe für die Kanalarmisten um das rote Wanderbanner des Zentralstabes. Des Bezirksstabes. Des Abteilungsstabes. Einen Wettbewerb zwischen den Außenstellen, einen um die Ausrüstungen, einen zwischen den Brigaden. "Jetzt wird das Rote Banner übergeben und man vernimmt ein Blasorchester!", hieß es in einem Zeitungsbericht: "Es spielt den Siegern tagelang auf – während der Arbeit und während des leckeren Essens." Das leckere Essen ist auf den Aufnahmen nicht zu erkennen, dafür aber ein Scheinwerfer. Für die Nachtarbeit. Der Wolga-Kanal wurde rund um die Uhr gebaut. In jeder Gefangenenbrigade berieten sich drei Wettbewerbsbeauftragte. Danach gab es eine Bilanz – und Resolutionen. Resolutionen – und wieder eine Bilanz. Die Bilanz der Stürmung des Verbindungsdammes für den ersten Fünftagesplan. Für den zweiten Fünftagesplan. Die Zeitung des gesamten Lagers Die Umschmiedung druckt einen Aufruf: "Arbeiten ohne Ruhetage!" Allgemeines Entzücken! Allgemeine Zustimmung! Nicht krank werden und sich von nichts befreien lassen!

Rote Bretter. Schwarze Bretter. Ehrenbüchlein. In jeder Baracke hängen Ehrenurkunden, Umschmiede-Fenster (Plakate mit Fotos oder politischen Karikaturen), Grafiken, Diagramme. Erneuter Aufruf: "Jeder Häftling muss die Produktionspläne kennen! Und jeder Häftling muss sich im politischen Leben des gesamten Landes auskennen." Ununterbrochenes Arbeiten, ununterbrochen wachsende Hysterie, keine freie Minute, keine Klage. Oh Wunder! Oh Umgestaltung!

Die wichtigste Erfindung im Baukomplex Moskwa-Wolgostroj waren Brigaden-Kontrakte, eine Art kollektiver Haftung, bei der die Brigade wegen des vermeintlichen Fehlverhaltens eines Häftlings ihrer Nahrungsprämie verlustig gehen konnte, manchmal den ganzen Hirsebrei und hundert Gramm Brot verlor. Unter solchen Bedingungen bedeutete das Kollektiv alles. Nicht einmal sterben durfte hier ein Mensch aus eigener Entscheidung. Und dennoch erhöhte es das Prestige, zu einem Arbeitskollektiv zu gehören: Die Hälfte der Häftlinge im Dmitlag wurden in solche Kollektive gar nicht erst aufgenommen. Den Arbeitskollektiven grundsätzlich nicht angehören durften Geistliche, Sektierer, überhaupt Gläubige – und die "Politischen".

Haupthelden der Umschmiedung wurden gewöhnlich die den Tschekisten sozial nahe stehenden "Ganoven". Manche dieser Kriminellen kannte das ganze Land aus den Zeitungen: Einer von ihnen war Anuschewan Lasarjew, der es schaffte, eine 450 Mann starke Brigade zu leiten. In seiner "Beichte" schrieb er: "Ich weiß nicht, wie alt ich bin, kenne nicht einmal meinen richtigen Familiennamen. Aus meiner Kindheit ist mir nur der Vorname geblieben, Anuschewan oder Anusch. Ich habe mir zweiunddreißig Gerichtsurteile eingehandelt, alle wohlverdient. Ich will all das Alte vergessen. Warum den Schmutz und die Gemeinheiten vom Grunde der Vergangenheit aufrühren, ich habe das alles hinter mir gelassen."


Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.