Dossierbild Geschichte im Fluss

1.11.2015 | Von:
Wassili Golowanow

Moskaus Weg zur Wolga

Leninstatue und Angler am Moskwa-Wolga-Kanal bei Dubna am Iwankowoer Stausee.Leninstatue und Angler am Moskwa-Wolga-Kanal bei Dubna am Iwankowoer Stausee. (© Andrej Schemaschko)
Die Rechenschaftsberichte der Stoßarbeiter vom Kanalbau klingen bisweilen rührend unwahrscheinlich: "Der Kanalarmist Serych in Karamyschew hat den Umschlag um 400-500 Prozent gesteigert, indem er die Schubkarre umrüstete (offenbar hatte er die Wände erhöht). Der Aktivist Tarassow aus dem Südbezirk geht dazu über, an drei Elektroschweißer-Werkbänken gleichzeitig zu arbeiten."

"Den Umfang der geleisteten Arbeit 'aufzublasen', das gehörte zu jeder Bilanz unbedingt dazu, anders hätten die Häftlinge nicht überleben können", schrieb der Augenzeuge des Bauprojektes, der Chauffeur Nikolaj Fjodorow: "Dieses System erstreckte sich auf die gesamte staatliche Rechnungsführung, in der Presse aber wurden nur die 'Supersiege' aufgeblasen. In Wirklichkeit misslang es permanent, die für den Bau gesetzten Fristen einzuhalten, dabei wurden häufiger und unnachsichtiger Gesamtkollektive mobilisiert und hastige Nachbesserungsarbeiten angesetzt. Gleichzeitig erlitten immer mehr Häftlinge Unfälle oder kamen bei Erdrutschen an den hohen, steilen Hängen um, beim Einbruch von Verschalungen und beim Betonieren."

Das Dmitlag wurde zum größten "Lagerunternehmen" in der Geschichte der UdSSR, nach den Einschätzungen verschiedener Experten durchliefen es zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Menschen. Wie viele von ihnen darin umkamen, wissen wir nicht. Im Wesentlichen waren das der Entkulakisierung zum Opfer gefallene Bauernburschen, ausgezeichnete Leute, die, wie sich später während des Zweiten Weltkriegs herausstellen sollte, niemand ersetzen konnte. Die noch heute verbreitetste Schätzung spricht von 22.885 Todesopfern. Erstmals genannt wurde diese Zahl offenbar schon in den 1930er Jahren. Nach dem Motto: Wie viele sind beim Bau des Panama-Kanals umgekommen? 25.000? Na, dann sind es bei uns wohl etwa genauso viele gewesen. Das Archiv des Dmitlag wurde im Jahre 1941 in Begleitung zweier Personen auf der Wolga nach Uljanowsk geschafft und dort gleich am Anleger von bereits wartenden NKWD-Mitarbeitern verbrannt. Die wichtigsten Dokumente wurden vernichtet. Die übrigen sind bis heute nicht zugänglich.

Puschkins hundertster Todestag

Gegen Ende des Kanalbaus, im Februar 1937, jährte sich der Todestag des Dichters Alexander Puschkin zum hundertsten Male. Einem Befehl zufolge sollten in allen Unterlagern am Kanal Puschkin-Wettbewerbe stattfinden, um den Dichter als aktiven Kämpfer gegen die zaristische Herrschaft darzustellen. Jede kulturpädagogische Abteilung musste dazu eine Maßnahmenliste vorlegen. Die Künstler malten Puschkin-Porträts, die Agitatoren lasen den Häftlingen Puschkins Biografie vor, und um die Angehörigen auch jeder nationalen Minderheit zu erreichen, übersetzte man Puschkin sogar ins Tatarische. Es gab Gedichtlesungen, Theateraufführungen. Doch die Auseinandersetzung mit Puschkins Poesie führte nicht ganz zu dem Resultat, das sich die GULAG-Leitung erhofft hatte: die Verse drangen in den Alltag des Dmitlag wie frischer Wind aus einem freien, ungenormten Leben. In den Häftlingen erweckten sie Hoffnung.

Die Inbetriebnahme

Seit dem Frühjahr des Jahres 1937 bereitete sich die Kanalverwaltung auf seine Eröffnung vor. Zu diesem Termin baute man eine Motorschiff-Flotille. Das Flagschiff hieß natürlich "Jossif Stalin", danach kamen "Wjatscheslaw Molotow", "Klim Woroschilow", "Michajl Kalinin".

Am 23. März 1937 gab Sergej Schuk in Anwesenheit aller Hauptverwaltungsleiter des Moskwa-Wolgostroj den Befehl, die Trennwände am Staudamm von Iwankowo herunterzufahren und ihn damit zu schließen. Von diesem Moment an begann sich die Talsperre dort mit Wasser zu füllen. Neben Dörfern, Wäldern und Auen ging auch die alte Stadt Kortschewa im Wasser unter. Einige ihrer Bewohner wollten die Gräber ihrer Vorfahren nicht im Stich lassen und erwarteten ihre Todesstunde in ihren Häusern.

Am 17. April war der Kanal ganz mit Wasser gefüllt. Am 22. April besuchten Stalin, Molotow, Woroschilow und der neue Chef des NKWD, Nikolaj Jeschow, den Knotenpunkt bei Ikschinsk. Sie machten sich mit der Pumpstation und der Arbeit der Schleusen vertraut. Am 28. April verhaftete man den Chef des Dmitlag, Semjon Firin, und den Personalchef, Sergej Puschizki. Kurz nach ihnen wurden weitere 219 Menschen verhaftet, von denen man viele noch vor Ende des Jahres 1937 erschoss. Am 20. Mai des Jahres 1937 kam Befehl Nr. 00266 des NKWD der UdSSR heraus, ihm zufolge mussten alle Arbeiten am Kanal zum 20. Juni abgeschlossen und das Lager so gut wie abgewickelt sein.

Die große Baustelle war verschwunden. Es blieb der Kanal. Das Denkmal für eine unbeschreibliche Heldentat des Volkes. Den Staat kam er sehr billig zu stehen – alles in allem bloß 1,5 Milliarden Rubel – kein Preis für eine Strecke von 128 Kilometern und einige Dutzend einzigartiger hydrotechnologischer Anlagen. Der Großteil des Kanalbaus war nicht mit Geld bezahlt worden, sondern mit Menschenleben. Aber der Kanal war nicht nur die Heldentat hunderttausender gefangener Kanalarmisten gewesen, das ganze Land hatte für ihn gearbeitet. Ein Land, das zu Beginn des Kanalbaus in industrieller Hinsicht noch sehr rückständig war und aller Logik nach nicht imstande, ein derart kompliziertes Ensemble hydrotechnischer Anlagen zu erschaffen. Und dennoch wurde genau das vollbracht.

Entlang des Moskwa-Wolga-Kanals entstehen wie hier in Moskau neue Wohntürme für wohlhabende Russen.Entlang des Moskwa-Wolga-Kanals entstehen wie hier in Moskau neue Wohntürme für wohlhabende Russen. (© Andrej Schemaschko)

Meilenstein der Industriegeschichte

Es war eine Sache gewesen, den Kanal auszuheben, eine ganz andere aber, ihn auszurüsten. Umso mehr, als dafür riesige, nie gesehene Anlagen nötig waren, die man nicht einmal in allen hochindustrialisierten Ländern hätte produzieren können.

Nehmen wir die Turbinen für das Wasserkraftwerk bei Iwankowo. Mit den ersten Planungen auf dem Gebiet des Wasserturbinenbaus hatte man in der UdSSR im Jahre 1923 begonnen, nach dem Plan für die Elektrifizierung Russlands. Nun ist aber eine Turbine in der Realität keine Zeichnung. Sie bedeutet ein ganzes Elektrowerk. Sie bedeutet Ausmaße und Tonnagen. Sie ist eine Vorrichtung von höllischer Gewalt. Am Wasserkraftwerk von Iwankowo quälte man sich mit der ersten Turbine monatelang ab. Dafür wurden diejenigen in den folgenden Einrichtungen binnen weniger Wochen montiert.

Nehmen wir eine Wasserpumpe, eigentlich ein kleines Ding. Traditionell waren sie wirklich klein; denn sie dienten meist der Bewässerung von Feldern. Die Sowjetindustrie stellte damals keine Pumpen von mehr als 500 Pferdestärken her. Aber jetzt brauchte man welche von 4.000-5.000 PS. Das bedeutete, dass sie 24 Tonnen Wasser pro Sekunde pumpen können mussten. Es dauerte zwei Jahre, bis man eine Pumpe von der benötigten Kraft geschaffen hatte. So etwas gab es nirgendwo auf der Welt. Die Aggregate wogen zusammen 90 Tonnen, der Durchmesser des Schaufelrades betrug 2,5 Meter, in das Zuleitungsrohr konnte ein Lastwagen hineinfahren.

Der Presse jener Jahre ist immer wieder Verwunderung über diese Superlative anzumerken: Länge und Breite der Schleusen, die automatischen Steueranlagen – all dies wirkte wie ein wahres Wunder im Zeitalter der "Schubkarrenökonomie". Der Kanal verlangte neuartige, schwerere Lastwagen, hier tauchten die ersten Kipplaster auf, die ersten Portalkräne mit einer Kapazität von 150 Tonnen, entlang des Kanals wurden Dutzende von Fabriken gebaut.

Natürlich stammten die Entwürfe für das größte Bauvorhaben der UdSSR auch von den führenden Architekten jener Zeit. "Nirgendwo in der kapitalistischen Welt haben sich Kanalbauer um die Architektur ihrer Anlagen gekümmert", schrieb Iossif Fridljand, Chefarchitekt des Moskwa-Wolgostroj, "bei uns hingegen, sieht das ganz anders aus. Wir wollen das Leben der Werktätigen mit Schönheit sättigen, damit jeder von uns inmitten der vortrefflichsten Kunstwerke aufwächst, arbeitet und sich erholt." Fridljand hielt die Moskauer Metro für das beste Beispiel einer sich organisch mit dem Leben vereinigenden Kunst.

Um das Leben zu beschreiben, braucht man immer mehr als eine Farbe. Und sogar in der schrecklichen Geschichte des Moskwa-Wolga-Kanals gab es Platz für ehrlichen Enthusiasmus, vielleicht aus einem eigentümlichen, von den Maßstäben des großen Bauvorhabens erzeugten Rausch heraus. Es war eine dramatische Zeit: Im Jahre 1917 hatte Russlands Geschichte mit der Oktoberrevolution ihr natürliches Flussbett verlassen, und im Jahre 1937 war sie noch nicht wieder dorthin zurückgekehrt. Unser Geschichtsbild allerdings entsteht nicht daraus, wie wir einmal gewesen sind. Sondern daraus, wie wir heute sind.

Warum schreibe ich das?

Ich muss daran denken, wie ich einmal in Dmitrow ans Kanalufer gefahren bin, um das Gedenkkreuz zu fotografieren, das man dort an der Uferterrasse für jene aufstellte, deren Namen wir nie mehr erfahren werden. Dafür gesammelt hatte ein Professor der Moskauer Staatlichen Universität, Michail Golizyn.

Plötzlich hielt mich etwas mit Gewalt zurück: Blechdosen, Flaschen, Präservative am Ufer – und dieses Kreuz. Ich weiß nicht, was mit unserem Bewusstsein los ist: es stumpft ganz offensichtlich ab, wenn sich Leute auf den Gebeinen der namenlosen Erbauer des Kanals betrinken und hier Liebe machen. Darin liegt eine gefährliche Unzurechnungsfähigkeit. Das ist schlimmer als Blindheit. Schlimmer als das Zubetonieren des von dem Künstlers Ljew Bruni an der Schleuse Nr. 6 geschaffenen Panneaus, welches man im Jahre 1937 für "schädlich" hielt. Darauf waren vor dem Hintergrund der hochwachsenden Anlagen Leute mit Schubkarren abgebildet, sie stellten die Erbauer dar. Das Volk.

Manchmal werde ich gefragt: Was willst du eigentlich noch? Ich antworte: Dass wir jedes Mal, wenn wir an dieses Ufer kommen, in Gedanken still für sie beten.



Aus dem Russischen von Barbara Kerneck


Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.