Dossierbild Geschichte im Fluss

1.11.2015 | Von:
Uwe Rada

Welterbe an der Wolga

Neue Arbeit in alten Mauern

Langläufer auf der neuen Wolgapromenade in Jaroslawl.Langläufer auf der neuen Wolgapromenade in Jaroslawl. (© Inka Schwand)
Sergej Kremnev, Julias Mann, hat sich eine dicke Jacke übergezogen. Es ist kalt geworden an der Wolga, in der Nacht ist das Thermometer auf fast minus zwanzig Grad gefallen. Auf dem Hof vor dem Architektenbüro von Kremnev liegt Schnee. "Das war hier ein Nebentrakt der großen Fabrik", sagt er und erinnert daran, dass die Tradition der Textilproduktion in Jaroslawl auch im 19. Jahrhundert und in der Sowjetunion fortgesetzt wurde. "Die Fabrik Roter Perekop war zu Sowjetzeiten der größte Produzent von Handschuhen für den Wirtschaftsraum des RGW", so Kremnev. Bis heute produziert die Fabrik, an ihrem imposanten Turm hängt ein Plakat, das Lenin und die Oktoberrevolution würdigt."

Aus Jaroslawl, der Stadt am "orthodoxen Jordan", war in der Sowjetunion die Stadt der Industrie geworden. Ein sowjetischer Reiseführer aus den siebziger Jahren berichtete enthusiastisch:

"Jaroslawl kann auf ruhmreiche Traditionen seiner industriellen Entwicklung verweisen. Eben in dieser Stadt wurde 1925 der erste sowjetische Schwerlaster montiert. Später stellte man in Jaroslawl sowohl den ersten sowjetischen Großraumkipper her als auch den ersten O-Bus und den ersten Dieselmotor. Erstmals in der ganzen Welt fertigte man ebenfalls in Jaroslawl Autoreifen aus synthetischem Kautschuk an. Alle zehn "Planjahrfünfte" gehörte die Stadt zu den Siegern des landesweiten sozialistischen Wettbewerbs."

Heute stehen jedoch die meisten Fabriken leer, auch auf dem Gelände des Roten Perekop gibt es jede Menge Leerstand. "Über 10.000 Menschen haben hier gearbeitet, heute sind es noch 500", sagt Kremnev. "Die Stadt hat kein richtiges Konzept, wie sie mit dem Gelände umgehen soll. Also werden Flächen wahllos vermietet." Kremnev dagegen glaubt, dass die Fabrik nur eine Zukunft hat, wenn sie zu einem neuen Zentrum des sozialen Lebens im Jaroslawler Stadtteil Kotorosl wird. Ganz abwegig ist das nicht. Denn anders als viele Städte an der Wolga entwickelt sich Jaroslawl zu einer dynamischen Stadt. Schon mehrmals lag es in den Rankings unter den ersten zehn der wirtschaftsstärksten Städte Russlands.

Zusammen mit anderen Aktivisten hat Kremnev die Initiative "Textil" gegründet. Als Jaroslawl im Jahre 2010 sein 1000-jähriges Jubiläum feierte, hat sich auch "Textil" am Stadtjubiläum beteiligt. "Wir haben drei Touren durch die Geschichte der Stadt entwickelt", sagt Sergej. "Dafür gab es auch Geld von der Stadt und von der Regionalregierung. Wir versuchen immer wieder, uns mit den lokalen Behörden an einen Tisch zu setzen. Vieles wird hier immer noch von oben nach unten durchgestellt. Wir glauben aber, dass Partizipation und Kommunikation die richtigen Mittel sind, um die Entscheidungsprozesse transparenter zu machen und die Leute zu beteiligen."

Also hat die Initiative "Textil" Workshops organisiert, lädt zu Stadtteilfesten ein, fragt die Anwohner nach ihren Bedürfnissen für eine familiengerechte Quartiersentwicklung. "Wenn wir wissen, was der Stadtteil Kotorosl braucht, ist das ein wichtiger Schritt zur Entwicklung derjenigen Fabrikteile, die leer stehen", ist Sergej überzeugt. "Und es ist ein Beitrag dazu, dass die Menschen beginnen, sich mit ihrem Stadtteil zu identifizieren."

Dazu gehört auch die Geschichte des Industriestandorts. "Wo unser Büro steht, war früher einmal ein Baumwolllager", sagte Sergej. "Unter dem Asphalt findest du noch die Schienen, die das Lager mit den Produktionshallen verbanden. Die Baumwolle wurde mit dem Schiff angeliefert, erst über die Wolga, dann hinauf in den Kotorosl."

Welterbe an der Wolga

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von der Wolga und von Jaroslawl. Am frühen Morgen ist die Wolgapromenade noch menschenleer. Zum Stadtjubiläum wurde die Promenade hergerichtet. Sie kann sich tatsächlich sehen lassen mit ihrem Uferweg unterhalb des Steilufers, dem restaurierten Wolgapavillon, den Treppenanlagen hoch in die Altstadt. Am Nachmittag zuvor war hier trotz der Kälte zu sehen, dass die Jaroslawler ihr Ufer angenommen haben. Jogger waren unterwegs, Sportler mit Langkaufskiern, Mütter mit ihren Kinderwägen, Senioren auf einem kleinen Spaziergang.

Aber das Stadtjubiläum hat auch Spuren hinterlassen. Russlands Präsident Putin persönlich hat grünes Licht gegeben für eine monumentale Feier und für den Bau zweier Prestigeprojekte. Bei dem einen handelte es sich um eine moderne Veranstaltungshalle am Ufer des Kotorosl mitten in der Kulisse des Unesco-Welterbes. Beim anderen um ein umstrittenes Wiederaufbauprojekt: Die 1937 abgerissene Mariä-Entschlafens-Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert sollte aufs Neue errichtet werden – und zwar um einiges größer als das Original. Es ist jene Kirche mit ihren fünf goldenen Zwiebeltürmen, die vom anderen Wolgaufer die Silhouette der Stadt dominiert.
Eisangler auf der zugefrorenen Wolga bei Jaroslawl.Eisangler auf der zugefrorenen Wolga bei Jaroslawl. (© Inka Schwand)

Das Vorhaben rief das Unesco Welterbe-Komitee auf den Plan. Allerdings ohne Erfolg. Die Kirche wurde gebaut, freilich ohne den ebenfalls zerstörten Glockenturm. Auf seiner Sitzung 2012 in Sankt Petersburg hatte das Welterbe-Büro deutlich gemacht, dass Jaroslawl auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzt werde, falls der Turm und ein geplantes Hotel am Wolgaufer errichtet würden. Statt des Hotels wurde später eine schwimmende, angeblich temporäre, Hotelanlage gebaut.

Auch in der Altstadt gibt es immer wieder Bauvorhaben, die in das Unesco-Ensemble eingreifen. "Zum 1000-jährigen Jubiläum wollten wir auf die Gefahren hinweisen, die dadurch dem Welterbe drohen", sagte Julia zum Abschied. "Mit den Studenten der Universität haben wir eine Menschenkette um das Gebiet herum geplant, das durch die Unesco geschützt wird. Wir wollten so den Bürgern in Erinnerung rufen, wie groß die Fläche ist, die für die Welt ein historisches und kulturelles Erbe darstellt."

Die Menschenkette kam nicht zustande, weil die Polizei einschritt. Illegale Demonstrationen werden in Russland nicht gerne gesehen, und auch eine Menschenkette kann schnell zu einer illegalen Demonstration werden. "Dennoch gibt es bei unserer täglichen Arbeit keine Probleme", sagt Julia. "Inzwischen gibt es ähnliche NGOs wie unsere sogar in anderen Wolgastädten."


Zum Weiterlesen

Die Wolga

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag 2009. "Guido Hausmann ist eine großartige 'Flussgeschichte' gelungen, die auf viele Jahre Bestand haben wird." (hsozkult.de)

  • Karl Schlögel: Auf der Wolga, in: ders., Go East oder die zweite Entdeckung des Ostens, Siedler Verlag 1995, S. 101-116. Ein einführender Essay in die Geschichte der Wolga des 20. Jahrhunderts

  • Wassilij Rosanow/Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga. Rowohlt Verlag 1992. Zwei zeitgenössische Texte mit einer Einführung von Sonja Margolina

  • Merle Hilbk: Das schönste Dorf am schönsten Fluss der Erde. Erscheint im Herbst 2015. Eine abenteuerliche Geschichte einer Familie, die nach Russland auswandert und 200 Jahre später nach Deutschland zurückkehrt.