Dossierbild Geschichte im Fluss

21.1.2019 | Von:
Andreas Kunz

Plovdiv und die Maritsa

Romafamilie an den Ufern der MaritsaRomafamilie an den Ufern der Maritsa (© Andreas Kunz)

Stolipinovo – eine Stadt in der Stadt

Mit den Osmanen kam auch das Volk der Roma nach Bulgarien. Sie sind heute mit etwa 80.000 Angehörigen die größte ethnische Minderheit in der Stadt. Aber während das armenische Viertel, das orientalisch anmutende Leben rund um die Schumaja-Moschee und das alte türkische Handwerkerviertel im Stadtzentrum viele Besucher anziehen und zum besonderen Reiz Plovdivs beitragen, liegt die Welt der Roma fast unsichtbar an den Rändern der Stadt.

So geht es weiter unten an der Maritsa, wo sie die Stadt zwischen Industriebrachen und unter einer verrosteten Eisenbahnbrücke hindurch unspektakulär verlässt, viel lebhafter zu als im Zentrum. Hier liegt Stolipinovo, das größte Roma-Viertel auf der Balkanhalbinsel. Die Vorfahren der Roma kamen als Hilfssoldaten, Hufschmiede und Kanonenkugelgießer im Gefolge der osmanischen Truppen nach Plovdiv. Bis in die 1930er Jahre lebten sie im Stadtzentrum, dann wurden sie in die Sümpfe an der Maritsa vertrieben. Heute leben in Stolipinovo mehr als 45.000 Menschen in heruntergekommenen Wohnblocks und improvisierten Häusern, die meisten von ihnen in bitterer Armut. Die Bevölkerungsdichte ist hier sechs Mal so hoch wie in der übrigen Stadt.

Auch in Stolipinovo wird geangelt, allerdings weniger zum Zeitvertreib, sondern um den schmalen Geldbeutel oder den eigenen Speiseplan ein wenig aufzubessern. Im Sommer verwandelt sich die Maritsa trotz Badeverbot zu einer Art Freibad, denn für einen Schwimmbadbesuch in der Stadt fehlt den meisten Familien das Geld. Und einmal im Jahr, am 6. Mai, feiern die Roma am Fluss. Sie begehen hier ihren wichtigsten Feiertag, das Frühlingsfest Ederlezi. Wer es sich leisten kann, schlachtet ein Schaf und lädt Verwandte und Nachbarn ein, Menschen und Häuser werden mit frischem Grün geschmückt, man segnet einander mit Wasser aus dem Fluss.

Vergangener Reichtum und "Nationale Wiedergeburt"

Doch vom Leben und von der Armut der Roma flussabwärts hören die Menschen im Stadtzentrum nicht sehr gerne, man sieht sich lieber als Hort der bulgarischen Kultur und der ruhmreichen "Nationalen Wiedergeburt" - in der auch der Fluss eine grundlegende Rolle spielt.

Ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich die Maritsa zur wichtigsten Verkehrsader für Thrakien. Fast alles wurde über das Wasser transportiert: Weizen aus der fruchtbaren Thrakischen Ebene, Reis, Milch und Käse aus dem Umland von Plovdiv, Bauholz und Eisen aus den Bergen für das schon damals boomende Istanbul. Gespanne aus zehn oder mehr flachen Kähnen konnten ein Vielfaches dessen transportieren, was die Kamelkarawanen zwischen Plovdiv und Edirne bewältigten.

Im 19. Jahrhundert schickten Plovdiver Kaufleute jährlich 200.000 Tonnen Waren flussabwärts nach Edirne und weiter nach Enez an der Mündung, wo Schiffe aus Westeuropa warteten, um Ladungen von Fellen, Baumwollballen und Tabak zu übernehmen. Vom Reichtum dieser Epoche zeugen die prächtigen Kaufmannshäuser in der Altstadt. Auch Bulgaren konnten es unter dem "türkischen Joch" zu großem Wohlstand bringen und damit das erwachende bulgarische Nationalbewusstsein fördern; sie bauten Schulen, unterstützten Schriftsteller, Volkskünstler und Studenten.

Plovdiv wurde ein Zentrum der "Nationalen Wiedergeburt" und - wenn auch nur für wenige Monate im Sommer 1878 - zur ersten Hauptstadt des unabhängigen Bulgarien. Der Fluss selbst kam im Lied "Es rauscht die Maritsa" zu Ehren, der ersten Nationalhymne des Landes. Gleichzeitig aber machte der Eisenbahnbau nach Istanbul die Schifffahrt unrentabel, die Abholzung der Bergwälder und die Bewässerungskanäle für die Reisfelder trockneten die Maritsa aus. Anfang des 20. Jahrhunderts verschwanden die letzten Flusskähne.

Neuverortung, Neuentdeckung

So riss die einst enge Verbindung zu den Nachbarländern über den Fluss ab, und als sich der Eiserne Vorhang schloss, war für die Bulgaren 150 Kilometer flussabwärts buchstäblich die Welt zu Ende. Heute liegt dort die EU-Außengrenze. Trotz dieser Nähe empfindet man sich in Plovdiv weniger als im Grenzland liegend, sondern eng der europäischen Kultur und Lebensweise verbunden. Nicht zufällig wird Plovdiv 2019 die erste Europäische Kulturhauptstadt auf bulgarischem Boden.

Im Verhältnis zu den beiden anderen Flussanrainern Türkei und Griechenland spielt die Maritsa als Verkehrsweg inzwischen keine Rolle mehr und auch von den Flüchtlingsschicksalen weiter unten am Fluss und im bulgarisch-türkischen Grenzland bleibt Plovdiv unberührt; ein Flüchtlingsheim gibt es hier nicht und das berüchtigte Lager in Charmanli ist 100 Kilometer entfernt.

Den griechischen Namen "Philippopolis" hört man heute wieder häufig im Gedränge der zentralen Einkaufsstraße. Die südlichen Nachbarn kommen als Kurzbesucher und – seit der Wirtschaftskrise in Griechenland – in großer Zahl als Firmeninhaber ins unternehmerfreundliche Bulgarien. Auch das osmanische "Filibe" ist allen Stadtbewohnern geläufig. Die gemeinsame Sprache erleichtert den alteingesessenen Plovdiver Türkinnen und Türken den Handel mit der Türkei, aus der ein Großteil dessen importiert wird, was in der Stadt an Kleidern, Haushaltswaren und Südfrüchten verkauft wird.

Der Maritsa sieht man ihre historische Bedeutung für Plovdiv heute nicht mehr an. Der Fremdenverkehr spielt sich im Stadtkern ab. Die Einheimischen verbringen ihre Freizeit anderswo. Eine erste Rückbesinnung auf den Fluss erfolgte 2015 während der jährlichen Architekturwoche, die sich ganz dem Verhältnis zum Fluss widmete. Architekten, Künstlerinnen und Künstler schufen zahlreiche Projekte: sie errichteten ein temporäres Strandbad mit Kultur-Bühne, sammelten Erzählungen von Maritsa-Anwohnern, bauten Pavillons am Fluss, luden zum Gärtnern am Ufer und zur Erkundung der verwilderten Flussinsel Adata ein.

Eine besonders anschauliche Idee hatten Studierende der örtlichen Universität: sie fertigten eine Karte vom alten Flussbett und Gebäuden an, die einst am Fluss lagen, und machten den früheren Flussverlauf mit Installationen in der Stadt sichtbar. Erste zaghafte Schritte sind also getan, um den "vergessenen Fluss" wieder ins kollektive Gedächtnis Plovdivs zurück zu holen und sich seiner vielfältigen Rolle in der Stadtgeschichte zu erinnern.

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Autor: Andreas Kunz für bpb.de
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Interaktive Karte

Evros - Meriç - Maritsa

Evros heißt er auf Griechisch, Meriç auf Türkisch und Maritsa auf Bulgarisch. Einst war dieser nur 515 Kilometer lange Fluss die Verbindung Europas zum Osmanischen Reich. Davon kündet zum Beispiel die Architektur im bulgarischen Plovdiv. Heute aber ist der Fluss vor allem eines: die Außengrenze der Europäischen Union.

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