Dossierbild Geschichte im Fluss

21.1.2019 | Von:
Neşe Özgen

In Enez

Vom Meer des Friedens zum Meer des Todes

Als ich in Enez 2010 meine Studien über Flüchtlinge durchführte, hatten nach den offiziellen Angaben der Grenzpolizei im Jahr zuvor 839 Menschen versucht, über die Stadt nach Griechenland zu fliehen. Weitere 1.200 kamen über Edirne an den Meriç. Schon 2010 waren es deutlich mehr. EU-Angaben zufolge betrug die Zahl der Menschen, die 2010 nach Griechenland flüchteten, 45.000. Nach einem Rückgang in den vergangenen Jahren steigen sie inzwischen wieder an. Laut einem Bericht von Spiegelonline sind allein im April 2018 3.000 Menschen, die über den Fluss flohen, von der griechischen Polizei aufgegriffen worden.

Im Juli und August 2010 führte ich Gespräche mit vier Menschenschmugglern. Mit zweien von ihnen sprach ich über die Grenze von Enez. Alle vier erzählten von drei grundlegenden Techniken, mit denen die illegalen Grenzüberschreitungen duchgeführt werden. Sie nennen sie die “Taschenmethode, die “Schüttelmethode” und die “Trittmethode”.

Die “Taschenmethode” verspricht den Migranten, sie wie “Vögel fliegen zu lassen”, beziehungsweise, sie bis an die Haustür zu liefern”, sagt C. Er war damals 45 Jahre alt und arbeitete als Schlepper. 2010 wurde er an der Grenze zu Bulgarien verhaftet und musste dort eine Haftstrafe verbüßen. Für den illegalen Übertritt in die EU-Länder werden die Migranten mit gefälschten Pässen ausgestattet. Sie bekommen also eine andere Idetität, die es ihnen erlaubt, als politisch Verfolgte aufgenommen zu werden. Mit dieser Technik können die Migranten hoffen, im Aufnahmeland eine halblegale Daseinsberechtigung zu erhalten. Doch die “Taschenmethode” ist teuer, sie füllt vor allem die Taschen der Schlepper.

Die zweite Methode, die “Schleudertechnik”, ist für jeden Flüchtenden der Beginn des Migrantendaseins, so erzählen es die Schlepper. Die Menschenschmuggler sagen ihnen, dass nun die zweite Phase für die Flüchtenden anbreche: Die Schleuser schaffen sie aus dem Land, bringen sie in die Transitländer, sorgen für Übernachtungen und bereiten sich darauf vor, sie an irgendeiner einer Stelle zu verpfeifen. In dieser Phase wird der Fluchtweg länger und länger – und für die Schlepper immer einträglicher. Die Fluchthelfer finden stets einen Weg, um sie “deportieren zu lassen”, wie sie es nennen. Oder sie verstehen es, sie mit einer Anzeige bei der Polizei im Transitland in große Schwierigkeiten zu bringen. Und jedes Mal werden sie gezwungen, ihnen mehr und noch mehr Geld zu geben. Während meiner Recherchen habe ich mit Flüchtenden gesprochen, die den gleichen Weg fünf, sechs sieben Mal auf sich nahmen.

Die Fluchthelfer wissen ganz genau, wer wann zu welchem Zeitpunkt kein Geld mehr übrig hat. Sie wissen auch, wer bereits in der Verfassung ist, nichts mehr verkaufen zu können – dies schließt Familienmitglieder ein. Dan tritt nämlich die dritte Phase in Kraft, der “Tritt”.

Bei der “Trittmethode” nehmen ihnen die Menschenschmuggler vor der Flucht weniger Geld ab als den anderen Flüchtenden. Sie bringen sie an die Grenze und zeigen auf einen Punkt: ”Schau, dort drüben ist es schon. Du kannst schwimmen oder mit dem Boot übersetzen.” Die Leichen, die man jeden Morgen aus dem Meriç fischt und die zu Tausenden an den ägäischen Ufern aufschlagen, sind das Abbild derjenigen, die von dieser Methode Gebrauch machten. Sie sind die mit den billigsten Seelen.

Enez und die “Taschenmethode

In Enez wären sie auf die “Taschenmethode” spezialisiert. Bei der “Tasche” werden die Absprachen vor Ort getroffen. Die Schleuser berichten, dass die Verhandlungen schon lange zuvor mit der Mafia aus Istanbul oder Trabzon geführt wurden. “Wenn Sie ein bekannter oder einflußreicher Mensch sind, wenn sie also Bedeutung ausstrahlen, dann wird alles in ihrem Namen gedeichselt. Wir stellen keine Fragen. Mal ist es ein großer Patron, mal ein VIP. Auch wenn wir wissen, wen wir da vor uns haben, ist unsere Arbeit eben nur Arbeit.” So sagte es C. in dem Gespräch, das ich mit ihm 2010 in Edirne geführt habe.

Und weiter: “In Enez bietet man diesen Service etwas teurer an als an anderen Orten. Denn ihre Reiseroute ist wirklich luxuriös.” Ein anderer Gesprächspartner berichtet von Überfahrten nach Griechenland mit dem Speedboot. Dabei sind es offenbar nicht nur Flüchtlinge, die fliehen. “Wann immer eine Bombe hochging oder ein Attentat verübt wurde, haben wir den Tatverdächigen dann ein zwei Tage später auf den Speedbooten gesehen.” Er zählt anschließend die Namen wichtiger Personen auf, die die Türkei auf illegalem Weg verließen.

Dann erzählten die Fluchthelfer, dass die “Schleudermethode” hier kaum verbreitet sei, da sie für die Schlepper viel zu hohe Kosten verursache. Der Gewässerschutz sei hier agressiver, zudem seien die Fischer weitaus wachsamer.
Enez von SüdenEnez von Süden (© Tanju Koray Ucar, Panoramio)

An beiden Ufern des Wassers stehen

In vielen mythologischen Erzählungen taucht eine Geschichte von zwei Liebenden auf, die sich an den beiden Ufern eines Gewässers am Schluss vereinen. Vom Mädchenturm in Üsküdar bis nach Thrakien, zu den beiden Ufern des Aras und Euphrat erzählen Volkslieder von der Sehnsucht nach dem Geliebten am anderen Ufer und der vereinigenden Begegnung. Enez dagegen ist ein stiller Zeuge dessen, dass die beiden Ufer sich niemals vereinen werden. Es erzählt aber auch die Geschichte, dass diejenigen, die ausreichend Geld haben, hinübersetzen können.

Enez zeigt zudem, dass natürliche, geografische Grenzen, an denen einst die Grenzen der Nationalstaaten gezogen wurden, nun Orte der Bestechung geworden sind und der politischen Heuchelei. Enez erkennt das Wasser als Teil seines Seins nicht an. Es weiß, dass es nun denen gehört, die sich einen Vorteil aus dem Leid verschaffen und von denen benutzt wird, denen ein Menschenleben nichts zählt.

Vermutlich ist das ein Grund, dass die anmutigen Aale verstimmt sind. Sie bleiben den hiesigen Gewässern fern.

Dieser Text wude vor dem EU-Türkei-Abkommen geschrieben

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Evros - Meriç - Maritsa

Evros heißt er auf Griechisch, Meriç auf Türkisch und Maritsa auf Bulgarisch. Einst war dieser nur 515 Kilometer lange Fluss die Verbindung Europas zum Osmanischen Reich. Davon kündet zum Beispiel die Architektur im bulgarischen Plovdiv. Heute aber ist der Fluss vor allem eines: die Außengrenze der Europäischen Union.

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