Dossierbild Geschichte im Fluss

21.1.2019 | Von:
Christian Jakob

Der Zaun am Fluss

Griechischer Grenzzaun nahe der türkischen Grenze in der Region Evros.Griechischer Grenzzaun nahe der türkischen Grenze in der Region Evros. (© dpa, ANA-MPA )

Der Fluss des Todes

Hunderte sollen es sein, die im Evros bis heute ertrunken oder auf einem der Minenfelder gestorben sind, als sie versuchten nach Europa zu gelangen. Genau weiß das niemand. Nur manche Unglücke sind dokumentiert, von vielen der irregulären Migranten aber verliert sich die Spur. Am 25. Juni 2010 etwa ertrinken im Evros 19 Menschen in einer Nacht, als sie versuchen, die Grenze zu überwinden. Eine afghanische Frau und ihre drei Kinder gehören zu denen, die das Unglück überleben. Ihr Mann und zwei seiner Freunde verschwinden im Wasser. Auf verschlungenen Wegen schafft die Afghanin es bis in ein Asylbewerberwohnheim im schleswig-holsteinischen Neumünster. Dort erfährt die Hamburger Fotografin Marily Stroux von der verzweifelten Suche der Frau nach ihrem vermissten Mann.

Stroux entscheidet, ihr zu helfen. In Athen erfährt sie von einer Beratungsstelle, dass die Afghanin mit ihren Kindern dort angekommen war. Wir bekamen die Namen der Vermissten, Fotos und Beschreibungen ihrer Kleidung und der Ringe, die sie trugen. Die Frau setze große Hoffnung darauf, dass wir die Vermissten finden.“ Ihre Suche führt Stroux in die Gerichtsmedizin der griechischen Stadt Alexandropoulos, nahe Orestiada. Alle am Evros Gestorbenen werden dort in der Gerichtsmedizin untersucht. Da die meisten toten Flüchtlinge ertrunken sind, sind sie nur selten identifizierbar. Daher werden DNA-Proben genommen, damit sie mit denen von möglichen Verwandten verglichen werden können. Die Leichen kommen ja nicht mit einem Pass zwischen den Zähnen zu uns“, sagte ein Gerichtsmediziner zu Stroux.

Und er gibt ihnen einen Hinweis, der sie schließlich in die Berge nahe des Ortes Sidero führt, wo der griechische Staat die toten Papierlosen in einem anonymen Massengrab verscharrt. 14 der 19 der Leichen aus jener Nacht werden auf der griechischen Seite angespült und von einem Beerdigungsunternehmer aus Orestiada aus der Gerichtsmedizin nach Souflí gebracht. Statt auf dem muslimischen Dorffriedhof aber werden die Leichname in einem Massengrab in unzugänglichem Gelände bestattet. Am Rand steht ein Schild: Friedhof der illegalen Einwanderer – Muftia von Evros“. Bulldozer haben Erdlöcher ausgehoben, je zehn Leichen kommen hinein. Wir standen da und trauten unseren Augen nicht“, sagt Stroux. Wir wollten ein respektvolles Grab finden und dies der Familie zeigen können. Stattdessen kamen wir zu einem Massengrab, das noch nicht einmal ein Friedhof ist. Und dann haben auch noch irgendwelche Idioten das rassistische Schild beschossen. Wie oft kann man Menschen umbringen?“ fragt Stroux.

Der Friedhof der Flüchtlinge

Über den Verbleib des Afghanen können sie nichts herausfinden. Doch ihre Recherchen ergeben, dass die toten Migranten schon seit Jahren so begraben werden. Der Beerdigungsunternehmer hat zu diesem Zeitpunkt schon rund 200 Tote in dem Massengrab verscharrt. Obwohl der Auftrag der Bezirksregierung eine Waschung und Beerdigung nach muslimischen Gebräuchen beinhaltete, um den Toten jedenfalls auf diese Weise eine Art letzte Ehre zu erweisen, werden die Verstorbenen ohne jeden Respekt vor ihnen und ihren Angehörigen verscharrt“, sagt Stroux. Eine Exhumierung sei so nicht mehr möglich, falls Angehörige die Leichname ihrer Toten an einem anderen Ort beerdigen wollen.

Kurz nachdem Stroux die unwürdige Grabstätte im August 2010 publik macht, erklärt der damalige Vizepräfekt der Region, Jannis Papaioannou, Anfang 2011 dem Spiegel-Reporter Manfred Ertel, das Massengrab sei nun legalisiert“. Papaioannou lässt einen hohen Drahtzaun um das Gelände ziehen und es mit einem Eisengatter versperren. Notdürftig verscharrt liegen dort die Toten, in Sichtweite der Moschee von Sidero, aufgeschüttete Sandhügel bedecken die Grabstätten, kein Hinweis auf einen Friedhof, kein Schild. Es sehe aus wie auf einer Sondermülldeponie“, befindet Ertel. Grabsteine werde es auch in Zukunft nicht geben, sagt Mehmet Serifdamatoglou, 56, der Mufti von Sidero. Was sollen wir denn darauf schreiben? Ende der 1980er Jahre habe Serifdamatoglou die ersten Toten begraben, Kurden aus der Türkei. Die Kurden hätten Ausweise gehabt, so sei ihre Identität zu klären gewesen. Nun hätten die Toten keine Papiere mehr. Über 400 Flüchtlinge habe er in mehr als 20 Jahren beerdigt. Bei jedem bete er, es möge der letzte sein, sagt der Mufti. Das ist nun sieben Jahre her.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Interaktive Karte

Evros - Meriç - Maritsa

Evros heißt er auf Griechisch, Meriç auf Türkisch und Maritsa auf Bulgarisch. Einst war dieser nur 515 Kilometer lange Fluss die Verbindung Europas zum Osmanischen Reich. Davon kündet zum Beispiel die Architektur im bulgarischen Plovdiv. Heute aber ist der Fluss vor allem eines: die Außengrenze der Europäischen Union.

Mehr lesen auf bpb.de