Der breite Dnipro brüllt und stöhnt,
Der böse Wind heult,
Er beugt die hohen Weiden bis zum Boden
Und hebt die Wellen berghoch.
Der Dnipro in der ukrainischen Gegenwartsliteratur
/ 13 Minuten zu lesen
Der größte Fluss der Ukraine ist aus der Literatur des Landes nicht wegzudenken. In vielen Texten wird der Dnipro als Fluss beschrieben, der die verschiedenen Welten der Ukraine miteinander verbindet.
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Dieser ikonische Anfang des Gedichtes „Die Behexte“ von Taras Schewtschenko ist mit dem Fluss Dnipro zu einer literarischen Einheit verschmolzen. Der Text wurde vielfach vertont, sodass die Melodie fast allen Ukrainerinnen und Ukrainern bekannt ist. In der Tat ist der Dnipro nicht nur eine der wichtigsten Wasserressourcen des Landes, ein Teil der Landschaft und eine Linie, die oft herangezogen wird, um einen Ost- und einen Westteil der Ukraine zu beschreiben. Er ist auch ein mächtiger Strom, der durch Raum, Zeit, Geschichte und Kultur fließt. Sein Wasser führt von den Warägern zu den Griechen, durch den Kosakenstaat und streift das Grab Schewtschenkos in Kaniw. Herodot, der den Fluss beschreibt, nannte ihn auf Griechisch Borysthenes, aber er hieß auch lateinisch Danapris, altslawisch Slavuta und Altruthenisch Дънѣпръ (Dnepr).
In zahlreichen fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten ist der Fluss präsent. Die Primärchronik, die Erzählung von Igors Feldzug und das Kyjiw-Pechersker Paterikon sind die bedeutendsten Beispiele der altukrainischen Literatur, in denen der Dnipro prominent vorkommt. Der Barockschriftsteller und Bischof Theophan Prokopowitsch glorifizierte den Fluss in seinem lateinischen Gedicht „Laudatio Boristhenis“ („Lob des Dnipro“) (1705).
Auch im 19. Jahrhundert ist der Fluss zentraler Teil literarischer Werke, sowohl bei Mykola Hohol als auch bei den Dichtern der ukrainischen Romantik, darunter Taras Schewtschenko oder Lewko Borowykowskyj. In der literarischen Moderne wird der Dnipro erneut aufgegriffen, etwa in Walerjan Pidmohylnyjs Bildungs- und Großstadtroman Die Stadt (1928). Im ausgehenden 20. Jahrhundert, in den ersten Jahren der ukrainischen Unabhängigkeit, wird der gefrorene Fluss in
Über Jahrhunderte hinweg hat die ukrainische Literatur den Fluss als symbolischen Kern, als Spiegel oder als Hintergrundrauschen ukrainischer nationaler Selbstbestimmung, Sprache, Kultur und Staatlichkeit skizziert. Doch wie sehen moderne Schriftsteller*innen den Dnipro und welche Rolle spielt der Fluss heute in ihren Werken? In diesem Artikel stelle ich eine Reihe aktueller ukrainischer Romane vor, die den Dnipro auf unterschiedliche Weise beschreiben, wobei ich mich auf Texte der letzten sechs Jahre konzentriere. Einige, aber nicht alle dieser Romane sind ins Deutsche übersetzt.
Maryna Hrymych, Klavka (2019)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Klavka" ("Клавка") von Maryna Hrymych. (© Нора-Друк)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Klavka" ("Клавка") von Maryna Hrymych. (© Нора-Друк)
Im Zentrum von Maryna Hrymychs Roman Klavka stehen die 1940er Jahre in der ukrainischen Literatur, das Schriftstellerwohnhaus Rolit (eine Abkürzung für „Robitnik Literaturu“ / „Робітник Літератури“, was als „Literaturarbeiter“ übersetzt werden kann) und der Nationale Schriftstellerverband der Ukraine, wo die Hauptfigur Klavka (eine Koseform des weiblichen Namens Klaudia/Klavdia) als Schreibkraft arbeitet. Hier wird sie zur Geliebten zweier Männer, vor allem aber zur Zeugin des so genannten Plenums zur Zerstörung der ukrainischen Literatur und von Stalins Verbrechen an kriegsversehrten Veteranen des Zweiten Weltkriegs, die unter dem zynischen Begriff „Stalins Samoware“ bekannt wurden.
Zweifellos handelt es sich um einen Kyjiw-Text. Die Schriftstellerin beschreibt die Hauptstadt interessant und liebevoll, erinnert an vertraute Stadtlandschaften und Orte, die es zum Teil nicht mehr gibt, wie zum Beispiel eine alte Kirche auf dem St. Wolodymyr-Hügel oder Jewbaz (Євбаз ist eine Abkürzung von „Jewrejskyj Basar“ / „єврейський базар“, „jüdischer Markt“). Die Erwähnung des Dnipro ist hier auf den ersten Blick sehr kurz und knapp, aber enorm aussagekräftig und eng mit der Dreiecksbeziehung der Protagonistin verbunden.
Klavka ist also eine junge Frau, die sich zwischen zwei Verehrern entscheiden muss. Keiner von beiden passt wirklich zu ihr: Der eine ist ein misstrauischer junger Schriftsteller und Frauenheld, der andere ein älterer Mitarbeiter des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine. Dieser hat ernste Pläne mit Klavka und verfolgt das Leben der jungen Frau über ein Jahr hinweg aufmerksam. Klavka wiederum begreift, dass die Heirat mit einem Mitglied des Zentralkomitees für sie eine sichere Zukunft bedeuten würde. Im Geheimen nennt sie ihn Hades, in Anspielung an den Gott der Unterwelt in der griechischen Mythologie. Dieser Name wird durch seinen Vorschlag, eine Verlobungsfahrt auf dem Dnipro zu unternehmen, noch verstärkt.
Die Lesenden verstehen, wer Persephone ist und was passieren wird. Der Dnipro wird hier im klassischen Topos als Fluss des Todes inszeniert, einer Art Styx. In Klavkas Fall bedeutet die Reise auf diesem Fluss die Metamorphose des Seins, ihre Verwandlung und ihr Erwachsenwerden unter spezifischen politischen Umständen und Zwängen.
Sofia Andruchowytsch, Amadoka (2020)
Zahlreiche Auszeichnungen, positive Kritiken, Übersetzungen ins Englische (2025 im Verlag Simon & Schuster) und ins Deutsche (von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck in drei Bücher aufgeteilt: Die Geschichte von Romana, Die Geschichte von Uljana und Die Geschichte der Sofia) – der Roman Amadoka von Sofia Andruchowytsch wurde zu einem strahlenden literarischen Ereignis des Jahres 2020.
Dieser barocke, wellenförmige Roman hat drei allgemeine Handlungsstränge. Der erste Handlungsstrang erzählt von der als „Anti-Terror-Operation“ bekannten Verteidigung der Ukraine im Osten des Landes gegen die russische Armee und von Russland unterstützte antiukrainische Milizen ab 2014. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der in diesem Krieg als Soldat und Verteidiger sein Gedächtnis und sein Gesicht verloren hat. Der zweite Handlungsstrang ist die Liebesgeschichte zwischen Uljana und dem jüdischen Jungen Pinkhas, die sich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts in einem galizischen Städtchen in den 1930er Jahren entfaltet.
Die dritte Linie in Amadoka spielt im Milieu der Intelligentsia im Kyjiw der 1920er Jahre und beschreibt die Geschichte der Beziehung zwischen Sofia Zerova, der Frau des ukrainischen Dichters Mykola Zerov, und dem ukrainischen Schriftsteller Wiktor Petrow, bekannt als W. Domontovych, der zugleich ein deutsch-sowjetischer Doppelagent ist. Vor dem Hintergrund des stärker werdenden Stalinismus fragt der Roman nach der Authentizität des Gedächtnisses: Wer hat uns unsere Erinnerungen gegeben? Wessen erinnern wir uns?
Cover der deutschen Ausgabe des Romans "Die Geschichte von Romana" aus der Trilogie "Das Amadoka-Epos" von Sofia Andruchowytsch.
Cover der deutschen Ausgabe des Romans "Die Geschichte von Uljana" aus der Trilogie "Das Amadoka-Epos" von Sofia Andruchowytsch.
Cover der deutschen Ausgabe des Romans "Die Geschichte von Sofia" aus der Trilogie "Das Amadoka-Epos" von Sofia Andruchowytsch.
Amadoka ist ein modern-kritisches Nationalepos, durchtränkt von Wasser aus mythischen und realen Reservoirs. Der Titel des Romans verweist auf den legendären größten See Europas, Amadoka, der in antiken Schriften an der Grenze zwischen Podillien und Wolhynien verortet wird, aber bislang als fiktiver Ort gilt. Er wird von Herodot erwähnt und ist auf mehreren mittelalterlichen Karten im Gebiet der Prypjat-Sümpfe in der Nordukraine im Einzugsgebiet des Dnipro abgebildet, eine exakte geografische Zuordnung ist allerdings bisher nicht möglich.
Dennoch durchdringt der mythische See die Geschichten nicht nur auf der Ebene der Emotionen, sondern auch als reales Wasser. Der Dnipro spielt in allen drei Teilen eine wichtige Rolle. Er ist die Hauptverkehrsader des Landes und ein grundlegender Teil der Stadtlandschaft. Als natürlicher Spiegel vervielfältigt er Licht oder Nebel. Das Flussufer erinnert an die Schritte der Helden von Amadoka. Der Dnipro ist Teil des Blicks vom Restaurant „Dynamo“, das im Stil des ukrainischen Konstruktivismus erbaut wurde und in dem sich Petrow und seine kreativen Freunde zum Mittagessen treffen; das Wasserkrankenhaus, in dem Zerov behandelt wurde, befindet sich oberhalb des Dnipro.
Der Dnipro übernimmt hier aber auch die Funktion eines historischen Gedächtnisses. So erwähnt die Autorin die von den Deutschen durchgeführten archäologischen Ausgrabungen, wie zum Beispiel historische Sehenswürdigkeiten aus dem 3. und 4. Jahrhundert in der Nähe der Stromschnellen zwischen den Städten Dnipro und Saporischschja. Diese Ausgrabungen waren erst nach einem ungeheuerlichen Verbrechen der Roten Armee möglich, die auf dem Rückzug das Wasserkraftwerk Dnipro in Saporischschja sprengte. Der Fluss war zuvor Zeuge einer tödlichen Hungersnot in Kyjiw in den 1930er Jahren. Später wurden sowohl der Dnipro als auch der kleine Zufluss Lybid im Kyjiwer Stadtgebiet infolge von Explosionen oder durch Abwässer verschmutzt. Er war Schauplatz der Zerstörung von Brücken oder lief bei Regen über – und beeinflusst damit immer auch die Handlung der Romanfiguren.
Nicht zuletzt ist der Dnipro in Amadoka ein Symbol für ein fernes, verlorenes Leben, ein Teil des golden glänzenden Eldorados für diejenigen, denen es nicht möglich ist, zurückzukehren. Tatsächlich war der Dnipro ein Sehnsuchtsort für viele Vertreter*innen der sogenannten „hingerichteten Wiedergeburt“, also jener ukrainischen Schriftsteller*innen, Publizist*innen und Künstler*innen, die in den 1920er Jahren eine ukrainische kulturelle Renaissance voranbrachten, aber in den 1930er Jahren genau deshalb dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen. Von Jewhen Pluschnyk (1898–1936), der im Gulag auf den Solowezki-Inseln starb, ist überliefert, dass er vor seinem Tod sagte: „Ich werde mein Gesicht waschen, mich an den Dnipro erinnern und sterben“. Der ukrainische Dichter, Literaturwissenschaftler und Übersetzer Mykhailo Drai-Khmara (1889–1939) war in einem Gulag am Oberlauf des Kolyma-Flusses an der Ostsibirischen See inhaftiert und starb dort.
In Sofia Andruchowytschs Roman finden sich im Teil über den Dichter Mykola Zerow und Sofia Zerowa zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die „hingerichtete Wiedergeburt“ der 1920er Jahre, auch mit Bezug zum Dnipro. Vor seiner Hinrichtung kreisen Mykola Zerows Gedanken und Träume stark um seine Frau Sofia und das verlorene Kyjiw der 1920er Jahre, in das der Dnipro als landschaftliche Kulisse untrennbar eingebettet ist: „Fast berührt er seine Frau, fast hört er die Stimme seiner Tochter, fast sieht er die Sonne über dem Dnipro untergehen“. Der Dnipro fungiert dabei als Sinnbild für die Kontinuität der ukrainischen Identität, die durch die stalinistischen Säuberungen ausgelöscht werden sollte. In ihrem Roman spürt Sofia Andruchowytsch dieser Beständigkeit nach, seziert und analysiert sie. Der Dnipro ist dabei einer der Fäden, die die Leinwände der verschiedenen Realitäten zusammenhalten.
Tetiana Kalytenko, Antero (2020)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Antero" ("Антеро") von Tetiana Kalytenko. (© Tempora Publishing House)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Antero" ("Антеро") von Tetiana Kalytenko. (© Tempora Publishing House)
Den nächsten Roman möchte ich nicht aus Eigenwerbung erwähnen, sondern um die Bandbreite der Darstellungen des Flusses in diesem Text zu erweitern. Meinen Debütroman könnte man als chimärenhaften Thriller über die irrationale Erfahrung des sowjetisch-finnischen Krieges bezeichnen. Erzählt wird diese Erfahrung aus der Perspektive einer Enkelin eines Kriegsteilnehmers auf Seiten des Aggressors, die als Wissenschaftlerin nach Finnland kam. Das zentrale Geschehen des Romans spielt in Helsinki, verwebt aber verschiedene Teile der ukrainischen Geschichte wie ein großes, buntes Puzzle miteinander.
Der Dnipro taucht hier während eines Traumes der Hauptfigur auf. Gedanklich war sie zur Zeit der frühen Rus unterwegs nach Kyjiw. Eine populäre Legende beschreibt den Sturz des hölzernen Götzenbildes des heidnischen Gottes Perun zur Zeit der Christianisierung der Rus. Das alte heidnische Bild wurde den Berg hinuntergeworfen, weggeschleift und in den Fluss Dnipro geworfen. Allerdings liefen die Bewohner*innen Kyjiws ihrem Gott hinterher und folgten ihm den Fluss entlang. Trauernd riefen sie Perum dabei zu: "Vydybai, bozhe, vydybai!" (zu Deutsch: Tauche auf, Gott, tauche auf!). Nach einiger Zeit tauchte das Idol tatsächlich aus dem Wasser auf, und der Legende nach wurde diese Gegend Vydubychi genannt – ein Teil des heutigen Kyjiws, im Süden der Stadt gelegen.
Während ihrer Vision wird die Hauptfigur selbst zum Götzenbild von Perun und spürt die Strömung und das Gewicht des Flusses, sowie historische Schichten und Zusammenhänge. Sie sinkt auf den Grund, aber die Stimmen der Kyjiwer helfen ihr, auszubrechen und sogar auf dem Wasser zu gehen. Der Dnipro in Antero existiert somit nur in historischen und mythologischen Räumen. Es gibt keine direkte Verbindung zur Realität, aber eine Welt der Legenden und Träume, die auf den Mythos Kyjiws zurückgeht und Fiktion und Realität miteinander verknüpft.
Artem Chapeye, Verwitterung (2021)
Cover der englischen Ausgabe von Artem Chapeyes Roman "Verwitterung" ("The Weathering"). (© Seven Stories Press)
Cover der englischen Ausgabe von Artem Chapeyes Roman "Verwitterung" ("The Weathering"). (© Seven Stories Press)
Der Roman von Artem Chapeye – ein ukrainischer Schriftsteller, Übersetzer, Reporter und Mitglied von PEN Ukraine, der seit 2022 die Ukraine im russischen Angriffskrieg verteidigt – erschien im Anschluss an die Coronapandemie und die Zeit der Isolation, was sich deutlich auf diesen postapokalyptischen Text auswirkte.
Nachdem sie ihr Sommerhaus in den Karpaten verlassen haben, müssen die Protagonist*innen des Romans, eine kleine Gruppe gewöhnlicher Kyjiwer Bürger*innen, schockiert feststellen, dass etwas passiert ist – alle anderen Bewohner*innen der Stadt sind verschwunden. Später stellt sich heraus, dass nur diejenigen, die auf den Inseln des Dnipro lebten, überlebt haben. Zu diesen Orten gehören die Insel Truchaniw im Zentrum Kyjiws und das Wohngebiet Rusaniwka, eine vom Dnipro umgebene künstliche Insel, die ebenfalls unversehrt blieb.
In diesem Roman kommen drei allgemeine Arten von Räumen mit unterschiedlichen Funktionen vor: Berg, Insel und Fluss – genauer gesagt der Dnipro, der hier eine mystische und übernatürliche Funktion hat. Chapeye beschreibt den Dnipro als große Kraft, als „einen schwarzen Fluss, der an der Insel vorbeifließt“. Im Winter gefriert das dunkle Wasser, und das dunkle Eis gerät in Bewegung. Der Fluss lässt sich als Teil der Stadtlandschaft sowohl als Retter als auch als etwas Tödliches und Unvermeidliches interpretieren. Auch der strömende Regen ist untrennbar mit dem Fluss verbunden, denn „Wasser wäscht alles weg“. Zugleich wirkt der Fluss als reinigende Kraft, die den Raum durch die Rettung einiger weniger Überlebender neu ordnet.
Die im Roman beschriebene Apokalypse trägt ihre Früchte, und die Natur wird gereinigt. Kyjiw wird vom Smog befreit, die Sterne in der Stadt werden heller, und der Dnipro wird von den Grünalgen befreit, die jeden August blühen. In dieser postapokalyptischen Geschichte wird einerseits traditionell die zerstörerische Natur der Menschheit thematisiert, die zum Autoritarismus neigt. Andererseits betont Chapeye die Rolle des Flusses: Er ist nicht nur Beschützer, sondern auch ein zeitloses Wesen, das vor uns existierte und nach uns und allen Autoritäten bestehen bleiben wird.
Sofia Andruchowytsch, Catananche (2024)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Catananche" ("Катананхе") von Sofia Andruchowytsch. (© Komubook)
Cover der ukrainischen Ausgabe des Romans "Catananche" ("Катананхе") von Sofia Andruchowytsch. (© Komubook)
Catananche ist ein kurzer Roman über das Leben nach dem Krieg und über Beziehungskrisen, sowohl innerhalb der Familie als auch zwischen Menschen im Allgemeinen. Der Fluss Dnipro erscheint in Catananche zwar nur sporadisch, entfaltet dabei jedoch eine große symbolische Dichte. Nach einer Party trifft die jugendliche Tochter der Hauptfiguren, Taia, auf wütende Hunde, die auf sie losgehen. Nach einiger Zeit findet sich die Heldin in einem U-Bahn-Wagen wieder, der den Dnipro überquert und dann in einen Tunnel einfährt.
Oberflächlich betrachtet scheint es, als sei die junge Frau den Hunden entkommen und in der Metro, die den Fluss überquert, in Sicherheit – aber es gibt ein interessantes Detail: Andruchowytschs Roman hat eine mythische Ebene, die mit der griechischen Mythologie um Aktaeon und den Hirsch zu tun hat. Die Handlung lehnt sich hier an den Mythos an, in dem die Hunde die reine Kreatur – den Hirsch – zerreißen. Insofern hat die junge Frau auf ihrer Flucht vor den Hunden den Fluss nicht einfach im profanen Sinne mit öffentlichen Verkehrsmitteln überquert, sondern auf einer mythologischen Ebene. Dabei entspricht die Metro einem Boot, das den Fluss Styx überquert und sich dabei auf die Welt der Toten zubewegt.
Der Dnipro ist hier nicht nur Teil der Romanhandlung, sondern auch über sie hinaus präsent. Während einer Präsentation des Buches erwähnte Sofia Andruchowytsch ihre morgendliche Joggingrunde in der Nähe des Dnipro-Damms. Sie sah zwei bekannte Frauen in der Nähe, mischte sich aber nicht in deren lebhaftes Gespräch ein. Es handelte sich um die ukrainische Menschenrechtsverteidigerin und Schriftstellerin Larysa Denysenko und die Dichterin und Schriftstellerin Victoria Amelina, die später durch eine russische Rakete getötet wurde. Obwohl ein Dialog zwischen den beiden Frauen und der Autorin in diesem Moment nicht stattfand, fand er doch seinen Weg in ein Buch und bleibt bestehen, solange der Text in den Händen der Leserin bleibt.
„Der Fluss fließt und verändert sich, bleibt aber über Jahrhunderte derselbe“
Auf den ersten Blick ist der Dnipro in der zeitgenössischen ukrainischen Literatur nur sporadisch präsent, ohne romantisches Pathos. Es ist eine moderne Vision eines Flusses ohne übermäßige Intentionalität – der Dnipro ist nicht länger eine unkontrollierbare Kraft mit Stromschnellen, sondern in seiner Stille so beredt wie im Sturm. Die moderne fiktionale Sicht auf den Dnipro hat sich gewandelt. Dies ist auf unvermeidliche Verschiebungen ästhetischer und historischer Perspektiven zeitgenössischer Autor*innen zurückzuführen. Der Fluss ist nach wie vor eng mit den Ukrainer*innen verbunden, doch sein symbolischer Ausdruck hat abgenommen. Gleichwohl bleibt der Dnipro auch dort, wo er äußerlich stillsteht, ein Bild fortdauernder Bewegung.
Heute ist es klarer denn je, dass der Fluss die Ukrainer*innen nicht spaltet und nicht voneinander trennt – ganz im Gegenteil. Eine gedachte Trennlinie der Ukraine entlang des Dnipro war schon immer spekulativ und imperial. Demgegenüber lenken zeitgenössische Schriftsteller*innen ihre Aufmerksamkeit auf die verbindende Symbolik der wichtigsten Verkehrsader des Landes.
Natürlich ist der Dnipro ein integraler Bestandteil jener Stadtlandschaften, die das Leben ihrer Bewohner*innen über Generationen hinweg geprägt haben, aber die meisten der hier vorgestellten Werke stellen den Dnipro als eine sanfte, tiefe und mächtige Kraft dar. In den meisten Fällen ist der Fluss nicht grell sichtbar, sondern zieht sich wie ein silberner Faden durch die Handlung und verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Der Fluss spielt eine traditionelle Rolle als Grenze zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Die Heldinnen von Klavka und Catananche müssen den Fluss überqueren, um eine neue Dimension der Existenz und der geistigen Verwandlung zu erreichen. Der Dnipro hat aber auch die Rolle eines starken Wächters, der die Geschichte der Ukrainer*innen beherbergt und schützt, vergleichbar mit den Riesen aus der Poetischen Edda oder mit der Antero Vipunen aus dem Roman Kalevala – Figuren, die selbst Teil der Welt geworden sind und uraltes Wissen bewahren. Der Fluss ist zudem immer wieder Zeuge von Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen. Mitunter ist er benutzt worden, um diese Verbrechen zu begehen und zu verbergen, nur um eines Tages die Geheimnisse der Täter vor der Welt zu enthüllen.
Der Dnipro ist damit nicht zuletzt auch ein Verteidiger. Er ist ein ukrainischer Traum – ein Eldorado voller Schätze und Selbstidentität, geformt durch Geschichte und Erinnerung. Quelle, Landschaft, Topos – der Fluss fließt und verändert sich, bleibt aber über Jahrhunderte derselbe. Wer weiß schon, wie Schriftsteller*innen und Lyriker*innen den Dnipro in fünf, zehn oder einhundert Jahren sehen werden oder welchen Namen der Fluss in tausend Jahren tragen wird. Der Dnipro wird dabei immer ein Geheimnis bleiben, das Leben spendet, den Tod verbirgt und auf Veränderungen verweist.
Übersetzung aus dem Ukrainischen von Galyna Spodarets.
Weitere Inhalte
Dr. Tetiana Kalytenko ist eine ukrainische Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Herausgeberin. Sie promovierte in Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität Kiew-Mohyla-Akademie (NaUKMA). Sie war Gastwissenschaftlerin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und später am Helsinki Collegium for Advanced Studies (HCAS) tätig.