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Griechenland hat alle Möglichkeiten

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Griechenland hat alle Möglichkeiten

Alexander Kritikos

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Für Alexander Kritikos waren viele Maßnahmen der Troika richtig, um das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. Allerdings hätten sie aus Sicht des Ökonomen von einer überzeugenden Innovationsstrategie begleitet werden sollen. Die Diskussion müsse nun weiterentwickelt werden – weg von den Defiziten, hin zu Griechenlands Potenzialen.

Alexander Kritikos (© DIW)

Griechenlands wirtschaftliche Entwicklung fiel noch im Jahr 2013 desaströs aus: Das Bruttoinlandsprodukt sank um weitere 4,2 Prozent. Insgesamt ist ein Rückgang von knapp 30 Prozent in den letzten fünf Jahren zu verzeichnen. Kein Wunder, dass die Staatsverschuldung in Relation zum BIP explodiert ist. Zeitgleich gibt es vor allem in Deutschland immer noch Stimmen, die Griechenland einen Austritt aus der Eurozone nahe legen. Ihre Begründung: Vor allem die dortigen Lohnkosten seien nach wie vor zu hoch. Die Chancen, sich zu regenerieren und wettbewerbsfähig zu werden, seien außerhalb des Euro-Raums größer, weil nach Rückkehr zu einer eigenen Währung – der Drachme – diese gegenüber dem Euro abwerten würde und die Lohnkosten weiter sänken.

So richtig die Diagnose über den wirtschaftlichen Zustand des Landes, so fragwürdig der Therapievorschlag. Deshalb ist es an der Zeit, Bedingungen zu diskutieren, unter denen für das Land selbst und für Europa ein Verbleib im Euroraum sinnvoll erscheint, Bedingungen, die bereits von der Troika – also der EU, Interner Link: Internationalem Währungsfonds und Interner Link: Europäischer Zentralbank – hätten gestaltet werden können.

"Griechenland investiert derzeit nur knapp 0,7 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung – und entwickelt sich nicht."

Die Griechen haben seit dem Einzug der Troika harte Reformen durchstehen müssen, die neben weiteren Sparmaßnahmen auch niedrigere Löhne in der Privatwirtschaft umfassten. Viele dieser Maßnahmen waren richtig, um Griechenland international wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Auch zählen die Lohnstückkosten inzwischen zu den niedrigsten im Euroraum – und dennoch ist die Wirtschaft nicht angesprungen.

Der Grund dafür ist einfach: Die Wirtschaftsstruktur ist kleinteilig und konzentriert sich auf wenig innovative Sektoren der Nahrungs-, Getränke- sowie der Tourismusindustrie. Zudem leidet das Land unter zu viel Bürokratie. Beim Weltbank-Indikator Externer Link: Ease of Doing Business, der Bürokratie für Unternehmer misst, nimmt Griechenland derzeit Platz 61 ein - zusammen mit Zypern, dem Schlusslicht in der Eurozone. Es gibt also nicht in erster Linie ein Kosten-, sondern vor allem ein Struktur-, ein Reform- und darüber hinaus ein Werteproblem im Umgang mit dem eigenen Gemeinwesen. Die Drachme hilft bei der Lösung der drei letzteren Probleme kaum – im Gegenteil.

Griechenland: Ökonomische Schlüsseldaten

Griechenland teilt sich einen Währungsraum mit ähnlich großen Staaten wie Finnland, Belgien oder der Niederlande. Diese Länder haben – wie auch Frankreich oder Deutschland – eines gemeinsam: Sie investieren seit langem rund drei Prozent ihres BIP in Forschung und Entwicklung – und damit in ihre Innovationssysteme. Was fast noch wichtiger ist: Es gibt einen politischen Konsens, dass diese Investitionen unantastbar sind, egal welche Regierung am Ruder ist. Folge der Investitionen: Alle Länder entwickeln sich permanent ökonomisch weiter. Griechenland investiert derzeit nur knapp 0,7 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung – und entwickelt sich nicht. Es wird daher auch nicht allein durch eine Umsetzung der von der Troika geforderten Reformen den Anschluss an diese Länder finden – so wichtig diese Reformen auch gewesen sein mögen. Vielmehr muss die griechische Regierung eine Investitionsstrategie entwickeln, die es dem Land erstmalig ermöglicht, mit den oben genannten Staaten Schritt zu halten.

"Konzentriert sich die Spezialisierung Griechenlands weiterhin auf Oliven, Retsina und Bettenburgen, ist die Mitgliedschaft in der Eurozone schwieriger zu begründen – außer alle sind sich einig, dass das Land auf unabsehbare Zeit am Transfertropf der EU hängen soll."

Ein Ausbau der Innovationsysteme könnte mittelfristig zu Industrien mit hoher Wertschöpfung und damit zu nachhaltigem Wachstum führen. Konzentriert sich die Spezialisierung Griechenlands weiterhin auf Oliven, Retsina und Bettenburgen, ist die Mitgliedschaft in der Eurozone schwieriger zu begründen – außer alle sind sich einig, dass das Land auf unabsehbare Zeit am Transfertropf der EU hängen soll.

Es gibt bereits Elemente einer innovationsgetriebenen Ökonomie – und damit einen guten Grund, den Weg in diese Richtung einzuschlagen. Griechenland verfügt über hervorragende Forschungseinrichtungen wie das Demokritos-Institut in Athen, das FORTH auf Kreta und das CERTH in Thessaloniki. Die EU hat mehrfach griechische Forschungsprojekte in den Bereichen Physik, Biologie, Nanotechnologie und Biotech ausgezeichnet. Zudem hat sich im Biotech- und im IT-Bereich eine dynamische Gründerszene in Athen entwickelt.

Wichtig wären nun erhebliche Investitionen in die unternehmensnahe Forschung, damit sich eine exportfähige Produktionsstruktur entwickelt. Was fehlt, sind anwendungsorientierte Institutionen, die die Forschungsansätze der Institute mit den Bedarfen der Start-Ups und innovativen Unternehmen verknüpfen – ähnlich den deutschen Fraunhofer-Instituten. Das ist zumindest einem Mitglied der Troika, der Europäischen Union, hinlänglich bekannt.

Eine neue siebenjährige Förderperiode der EU hat soeben begonnen. Brüssel hat die Erhöhung der Innovationsfähigkeit Europas zum wichtigsten Ziel erklärt. Ein gehöriger Anteil der EU-Mittel soll Investitionen in Innovationssysteme ermöglichen. Damit haben die Griechen eigentlich alle Möglichkeiten, die ohnehin notwendigen Reformen zur Verbesserung des Geschäftsklimas mit einer überzeugenden Innovationsstrategie zu begleiten, in die die derzeitigen EU-Mittel systematisch integriert werden.

Gleichzeitig hat die griechische Regierung die einmalige Chance, eine glaubwürdige Vision für ein prosperierendes Land zu entwickeln, wenn sie die EU-Mittel mit einem Investitionsprogramm für Forschung und Entwicklung kombiniert. Polen hat in jüngster Zeit vorgemacht, wie so etwas gehen kann. Wenn die Troika einen solchen Prozess aktiv unterstützt, kann sie die von Griechenland geforderten Reformen zu einem erfolgreichen Ende bringen. Die zwischen Troika und Griechenland geführte Diskussion muss dann allerdings weiterentwickelt werden – weg von den Defiziten und hin zu Griechenlands Potenzialen.

Rudolf Hickel (© F. Koch)

Standpunkt Rudolf Hickel:

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Prof. Dr. Alexander Kritikos, Jahrgang 1965, ist Forschungsdirektor der Querschnittsgruppe "Entrepreneurship" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er hat eine Professur für Industrie- und Institutionenökonomie an der Universität Potsdam und ist Research Fellow am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA).