Trotz seines heute bis weit nach Zentral- und Ostasien reichenden Territoriums ist Russland seit dem Mittelalter vor allem mit dem europäischen Wirtschaftsraum verbunden gewesen.
Was bleibt von den Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Russland?
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Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert einen Bruch in den Wirtschaftsbeziehungen zu Europa. Langfristig machen das erhöhte Sicherheitsbedürfnis gegenüber Russland sowie die EU-Dekarbonisierungsstrategie eine Wiederherstellung umfangreicher Handelsbeziehungen unwahrscheinlich, meint der Politologe Sebastian Hoppe.
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Durch die seit 2022 von westlichen Staaten verhängten Sanktionen sowie den unilateralen Stopp von Gaslieferungen seitens des Kremls kam es zu einer umfassenden wirtschaftlichen Entflechtung zwischen der EU und Russland, die bis heute anhält. Wie gestalten sich die europäisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen unter den Bedingungen von Krieg und Sanktionen? In welchen Sektoren bestehen nach wie vor Handelsbeziehungen? Welche Sektoren sind am härtesten von den Sanktionen betroffen? Und: Kann Russland jemals wieder ein Wirtschaftspartner Europas werden?
Energiepolitische und technologische Entflechtung
Im Zuge ihrer mehrstufigen Sanktionspolitik hat die EU beschlossen, spätestens ab 2028 kein russisches Öl und Gas mehr zu beziehen. Bereits im Laufe des Jahres 2022 entschied sich die EU zum vollständigen Stopp des Kohleimports aus Russland – dem nach Öl und Gas drittwichtigsten Rohstoff des Landes. Gleiches gilt für den Import von russischem Aluminium, dem mittlerweile der Weg auf den europäischen Markt versperrt ist.
Durch die massive Reduzierung des Imports von fossilen Energieträgern in die EU ist die tragende Säule der europäisch-russischen Handelsbeziehungen zerfallen. Von 2022 bis 2024 konnte Russland die verringerten Handelsvolumina im Energiehandel zwar durch explodierende Weltmarktpreise kompensieren. Doch bereits 2025 normalisierten sich die globalen Ölpreise stark, sodass Russlands Erlöse aus dem Rohstoffexport stark sanken. Der Anteil der Öl- und Gaseinnahmen am russischen Staatshaushalt bleibt zwar zentral für die Finanzierung zahlreicher staatlicher Ausgaben, ist mittlerweile (Stand: März 2026) jedoch auf etwa ein Viertel gesunken. Diese Verluste können auch durch anhaltende Ölexporte nach China und Indien nicht kompensiert werden. Denn beide Länder haben Russlands Mangel an europäischen Abnehmern geschickt genutzt, um für sich selbst verringerte Preise zu verhandeln. Pro Barrel Öl musste Russland beiden Ländern zwischenzeitlich einen Rabatt von bis zu 20 Dollar gewähren.
Die Schließung der Meerenge von Hormus im Zuge des US-amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran im März 2026 hat die globalen Öl- und Gaspreise erneut in die Höhe schießen lassen und zeigt die ambivalente Rolle, die Russland im Falle unvorhergesehener geopolitischer Krisen als Energielieferant zwischen Europa und Asien einnimmt. Auf der einen Seite sieht sich Russland mit dem Aufstieg neuer Produzenten von Flüssiggas (liquified natural gas, kurz LNG) wie Katar, Australien und den USA und mit einer nominell ausreichend hohen globalen Öl-Produktion konfrontiert. Beides drückt strukturell den Preis für die zwei wichtigsten fossilen Exportgüter Russlands. Nicht zuletzt ist zudem der Großteil der in der Sowjetunion angelegten Energieinfrastruktur des Landes auf Energieexporte nach Europa ausgerichtet.
Auf der anderen Seite eröffnen die geopolitisch bedingten Unterbrechungen von Rohstofflieferketten der Gegenwart und dadurch verursachte Knappheiten und Preissprünge Russland auch neue Möglichkeiten: So bringt sich Moskau bereits jetzt durch selektive Lieferangebote und politische Offerten erneut als Energielieferant für europäische Staaten ins Spiel. Asiatische Länder wiederum könnten zu dem Schluss kommen, als Reaktion auf die Krisen im Nahen und Mittleren Osten neue Öl- und Gasdeals mit Russland zu schließen, die die Erhöhung der russischen Exportkapazitäten gen Osten umfassen, etwa durch neue Pipelines oder Schienen- und Hafeninfrastruktur.
Unabhängig vom temporären, kriegsbedingten Ausfall der Golfregion für globale Energiemärkte und der damit einhergehenden Aufwertung Russlands als Energielieferant haben westliche Sanktionen nachhaltig den Technologieimport aus Europa für Russland erschwert. Dieser hatte in der Vergangenheit immer wieder Phasen der Modernisierung in einigen Sektoren der russischen Wirtschaft ermöglicht – nicht zuletzt im Energiesektor selbst.
Dem Zusammenbruch des europäisch-russischen Handels im Energie- und Technologiebereich stehen nur wenige Verflechtungen gegenüber, die die Zäsur von 2022 überstanden haben. Hierzu zählt der Pharmasektor, in dem nach wie vor zahlreiche europäische Unternehmen aktiv sind und der aus humanitären Gründen von Sanktionen ausgenommen ist. Auch im Agrar- und Bausektor findet man immer noch europäische Firmen, die auf dem russischen Markt aktiv sind.
Nicht zu vernachlässigen sind aus Sicht der EU zudem nach wie vor bestehende Abhängigkeiten bei einzelnen, kritischen Rohstoffen, die aus Russland bezogen werden. Zuvorderst ist hier LNG zu nennen, das – im Gegensatz zu Pipeline-Gas – die EU von 2022 bis 2025 in hohem Umfang aus Russland importiert hat. Zugleich versucht Russland weiter, die EU-Sanktionen zu umgehen. So wird russisches Rohöl teils in Indien, der Türkei oder Georgien raffiniert und anschließend als Kerosin oder Diesel in die EU (etwa nach Externer Link: Zypern, Spanien und Frankreich) weiterverkauft. Die sogenannte
Ungleiche Abhängigkeiten
Das Beispiel der Abhängigkeit Europas von russischem Uran verdeutlicht zudem, dass sich sowohl die Kosten der europäisch-russischen Wirtschaftsentflechtung seit 2022 als auch die nach wie vor bestehenden Handelsverflechtungen ungleich auf die jeweiligen Mitgliedstaaten der EU verteilen. Die Uran-Abhängigkeit etwa betrifft vor allem Länder wie Frankreich, die große Teile ihres Energiebedarfs durch Atomstrom decken. Zwar versucht die EU, den Uranimport zu diversifizieren. Doch nach wie vor werden in der EU 19 Nuklearreaktoren sowjetischer Bauart betrieben, was Bestrebungen erschwert, sich auf diesem Gebiet unabhängiger von Russland zu machen.
Gleichzeitig war Frankreich weniger als beispielsweise Deutschland vom Lieferstopp russischen Gases betroffen. Deutschland bezog noch 2021 mehr als die Hälfte seiner Gasimporte (55 Prozent) aus Russland. Bis zum Angriff auf die Ukraine war Russland ebenfalls ein bedeutender Player in der Energieinfrastruktur – so gehörten 20 bis 25 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten Tochtergesellschaften des Staatskonzerns Gazprom. Im April 2022 wurde der deutsche Gazprom-Ableger durch die Bundesregierung unter Treuhandverwaltung gestellt, im November übernahm das Bundeswirtschaftsministerium 100 Prozent der Firmenanteile – seither ist das in „Sefe – Securing Energy for Europe“ umbenannte Unternehmen in deutschem Staatsbesitz. Auch kleinere EU-Mitgliedstaaten wie Ungarn und die Slowakei waren und sind in hohem Maße von Öl- und Gaseinfuhren aus Russland abhängig. Während jedoch Deutschland in enger Abstimmung mit der EU vergleichsweise schnell seine Energieabhängigkeiten reduziert hat, fehlen in Budapest und Bratislava sowohl der politische Wille als auch zum Teil die finanziellen Mittel zur Diversifizierung. Entgegen dem EU-Trend haben beide Länder ihre Import-Abhängigkeit bei Öl und Gas sogar noch vergrößert.
Blickt man insgesamt auf die heute noch bestehenden Wirtschaftsaktivitäten europäischer Unternehmen in Russland, so ist es wiederum Deutschland, das mit zahlreichen Pharmaunternehmen auf dem russischen Markt vertreten ist. Die Association of European Business (AEB), der größte Interessenverband europäischer Unternehmen in Russland, hatte im Jahr 2025 mehr als 400 Mitglieder, unter denen Chemie- und Pharmaunternehmen eine herausgehobene Stellung einnehmen.
Langfristige Weichenstellungen
Mit dem Bau eines umfassenden Pipeline-Netzwerkes seit den 1970er Jahren und dem Schließen entsprechender Verträge ging die Hoffnung einher, durch energiepolitische Verflechtungen die autoritär regierte Sowjetunion, später das sich teilweise demokratisierende Russland friedlich in eine europäische Wirtschafts- und Sicherheitsarchitektur einbinden zu können. Spätestens mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 und dem Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine im Jahr 2022 haben sich die Annahmen dieser Strategie als illusionär erwiesen. So wurde massiv unterschätzt, dass die durch den Export fossiler Energieträger erzielten Renten nicht automatisch in die Modernisierung der russischen Wirtschaft investiert wurden, wie es die zwischenzeitliche, insbesondere von Deutschland geförderte „Modernisierungspartnerschaft“ zwischen Europa und Russland vorgesehen hatte. Stattdessen stabilisierten die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft das von Putin etablierte, personalistische Regime.
Nach der Zäsur 2022 haben die meisten EU-Mitgliedstaaten die Lehre gezogen, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik stärker zusammen zu denken. Wirtschaftliche Verflechtung wird nicht mehr als Instrument der Annäherung, sondern als Verwundbarkeit verstanden, die vom Gegenüber instrumentalisiert werden kann (weaponized interdependence).
Auch jenseits von Russlands Kriegshandlungen gegen die Ukraine und den verhängten Sanktionen machen es die umfassenden Dekarbonisierungsbestrebungen der EU unwahrscheinlich, dass sich Russland in Zukunft erneut als wichtiger Akteur auf dem europäischen Energiemarkt platzieren kann. Mit ihrer im Mai 2022 verabschiedeten "REPowerEU"-Strategie verknüpft die EU das langfristige Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, mit einer beschleunigten Abkehr vom Import fossiler Energieträger aus Russland, die bereits bis Ende 2027 abgeschlossen sein soll.
Ungeachtet des russischen Militarismus, der Sicherheitsimplikationen einer zu großen Energieabhängigkeit von Russland und der klimatisch und vertraglich gebotenen Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft fordern dennoch einige politische Akteure, Öl- und Gasimporte aus Russland wiederaufzunehmen. Entsprechende Forderungen werden unter Verweis auf die in Europa vergleichsweise hohen Energiekosten vor allem von rechtspopulistischen Parteien, einigen energieintensiven Industriebetrieben sowie den Regierungen Ungarns und der Slowakei formuliert. Eine Mehrheitsmeinung stellen sie jedoch nicht dar. Sollten Parteien mit entsprechenden Forderungen jedoch zukünftig Regierungsmehrheiten in EU-Mitgliedstaaten erzielen und nationale Alleingänge in der Energiepolitik forcieren, könnten sich für Russland neue Möglichkeiten des Öl- und Gasexports nach Europa eröffnen. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund geopolitisch bedingter Knappheiten auf den globalen Energiemärkten und damit einhergehenden Preisexplosionen.
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Dr. Sebastian Hoppe ist seit März 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Politische Ökonomie und Integration des Zentrumd für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS).