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Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt: Daten, Zahlen, Fakten

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Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt: Daten, Zahlen, Fakten

Frank Oschmiansky

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„Alles wird weniger.“ So könnte die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zusammengefasst werden. Die Zahl der Ausbildungsplätze sinkt ebenso wie die Zahl der Ausbildungssuchenden, der jungen Menschen im Übergangsbereich oder auch die Ausbildungsbetriebsquote. In 2020, dem Jahr der Corona-Pandemie, mangelte es aber vor allem an Ausbildungsplätzen.

Interessenten auf einer Jobmesse 2020 in Hamburg (picture-alliance/dpa) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

Datenbasis von Statistiken zur Lage auf dem Ausbildungsmarkt

In die Ausbildungsstellenmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) gehen nur die Personen ein, die im Laufe des Beratungsjahres mindestens einmal die Vermittlungsdienste einer Agentur für Arbeit oder eines Jobcenters in Anspruch genommen haben. Die Statistik bildet daher nur einen Ausschnitt des Gesamtgeschehens am Ausbildungsmarkt ab. Jugendliche, die von der Berufsberatung als nicht ausbildungsgeeignet eingeschätzt werden, werden somit ebenso nicht erfasst wie jene, die sich nicht bei der freiwilligen Berufsberatung melden, beispielsweise weil sie ohne Unterstützung der BA eine Ausbildung suchen oder die aktive Suche nach einer Ausbildungsstelle aufgegeben haben. Gleiches gilt für die Ausbildungsstellen. Auch hier erfasst die Bundesagentur für Arbeit nur jene, die ihnen von den betreffenden Arbeitgebern gemeldet wurden. Die amtliche Statistik zum Ausbildungsmarkt der Bundesagentur für Arbeit wird daher seit vielen Jahren dafür kritisiert, die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nur unzureichend widerzuspiegeln. Laut dem Berufsbildungsbericht werden etwa zwei Drittel aller institutionell erfassten Ausbildungsinteressierten als Bewerber bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern gemeldet.

Sobald ein Ausbildungsvertrag zu Stande gekommen ist, kann auf Daten des BIBB zurückgegriffen werden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bereitet im "Datensystem Auszubildende" (DAZUBI) Auszubildenden-, Vertrags- und Prüfungsdaten der dualen Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) bzw. Handwerksordnung (HwO) auf. Die Daten stammen aus der Berufsbildungsstatistik der statistischen Ämter des Bundes und der Länder (kurz: Berufsbildungsstatistik). Diese Totalerhebung erfolgt jährlich. Erfassungszeitraum ist jeweils das Kalenderjahr, wobei einige Zählgrößen auch stichtagsbezogen (31.12.) ermittelt werden. Die verschiedenen Daten sind daher nicht miteinander kompatibel und vergleichbar.

Wichtige Daten zur Situation auf dem Ausbildungsmarkt

Von den im Ausbildungsjahr 2018/2019 gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern hatte knapp die Hälfte (250.000 Bewerberinnen und Bewerber; 49 Prozent) eine geförderte oder ungeförderte Ausbildungsstelle gefunden. Rund fünf Prozent der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber waren am 30.09.2019 unversorgt. Der Verbleib der restlichen Bewerberinnen und Bewerber verteilt sich auf vielfältige Verbleibe.

Zum 30.09.2019 waren 53.100 (10 Prozent) aller gemeldeten Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben. Während im Handwerk 13 Prozent unbesetzt blieben, waren dies im Öffentlichen Dienst nur ein Prozent.

Die nachfolgende Tabelle zeigt einige zentrale Daten zur Situation auf dem Ausbildungsmarkt und ermöglicht durch die Zeitreihe, wichtige Tendenzen zu erkennen. Man sieht, dass die Zahl neuer Ausbildungsverträge seit einigen Jahren auf einem konstanten, aber im Vergleich zu früheren Jahren, niedrigem Niveau ist. Die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze, die lange Zeit stark rückläufig war, steigt wieder an und hat sich dem hohen Niveau von 1994 angenähert. Auch nimmt die Zahl unversorgter Bewerber wieder zu. Das Angebot an und die Nachfrage nach Ausbildungsstellen sind im letzten Jahrzehnt relativ konstant. Insbesondere das Angebot – aber auch die Nachfrage – liegt aber deutlich unter den Zahlen früherer Jahre. Aus der Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage nach Ausbildung errechnet sich die ANR (Angebots-Nachfrage-Relation). Sie gibt an, wie viel Ausbildungsangebote rein rechnerisch je Nachfragerin bzw. Nachfrager zur Verfügung stehen. 2019 betrug die ANR 105,2. Seit dem Jahr 2008 liegt das Angebot an Ausbildungsstellen höher als die Nachfrage, wobei es erhebliche Unterschiede nach Regionen und Branchen gibt. In manchen Regionen bieten Arbeitgeber deutlich mehr Ausbildungsplätze an, als Bewerber vorhanden sind. In anderen Regionen treffen die Ausbildungsbewerber auf einen sehr angespannten Ausbildungsmarkt, der ihnen nur wenig Perspektiven bietet. Auch bei bestimmten Berufen ist das Missverhältnis größer als bei anderen. Hier ergibt sich ein Mismatch aus den Präferenzen der potenziellen Auszubildenden, die sich häufig nicht mit der Angebotssituation decken. So liegt die Nachfrage in bestimmten Berufen regelmäßig über, in anderen regelmäßig unter dem Angebot.

Von einem Passungsproblem wird gesprochen, wenn es sowohl relativ viele unbesetzte Ausbildungsplatzangebote als auch relativ viele zum Bilanzierungsstichtag noch suchende Ausbildungsplatznachfrager gibt, d. h., wenn Besetzungs- und Versorgungsprobleme zusammenkommen. Quantitativ lässt sich das Ausmaß der Passungsprobleme durch Multiplikation der Erfolgslosenanteile auf den beiden Seiten des Ausbildungsmarktes abbilden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) berechnet den „Index Passungsprobleme“ (IP) als Produkt aus dem Prozentanteil der unbesetzten Stellen am betrieblichen Ausbildungsplatzangebot und dem Prozentanteil der noch suchenden Bewerber an der Ausbildungsplatznachfrage. Ihre Berechnungen zeigen, dass die Passungsprobleme zehn Jahre lang zunahmen, 2019 aber erstmals (allerdings nur auf das Niveau von 2017) sanken.

Ausbildende Betriebe

Laut den Erhebungen im Rahmen des IAB-Betriebspanels bilden 29 Prozent aller Betriebe aus. 46 Prozent aller Betriebe verfügen über keine Ausbildungsberechtigung. Ein Viertel der Betriebe sind zwar zur Ausbildung berechtigt, bilden aber nicht aus. Das IAB hat die Ausbildungsbeteiligung auch über einen längeren Zeitraum von sieben Jahren (2012-2018) betrachtet. Dabei zeigte sich, dass knapp die Hälfte (46 Prozent) aller ausbildungsberechtigten Betriebe in diesem Zeitraum kontinuierlich ausgebildet hat. Etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) hat sich zumindest in einzelnen Jahren an der Ausbildung beteiligt, und weniger als jeder fünfte Betrieb (18 Prozent) hat im Untersuchungszeitraum gar nicht ausgebildet.

Die Ausbildungsbetriebsquote bezeichnet den Anteil der Betriebe mit Auszubildenden an allen Betrieben mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einschließlich der Ausbildungsbetriebe. Hierbei wird nicht unterschieden, ob die Betriebe ausbildungsberechtigt sind oder nicht. Insofern unterscheidet sich die Ausbildungsbetriebsquote von der sogenannten Ausbildungsaktivität, die den Anteil der ausbildenden Betriebe an allen ausbildungsberechtigten Betrieben ausweist.

Betrachtet man die Entwicklung der Ausbildungsbetriebsquote insgesamt und differenziert nach Betriebsgrößen, zeigt sich zum einen, dass die Ausbildungsbetriebsquote im Zeitverlauf sinkend ist und dass sie sich nach Betriebsgrößen erheblich unterscheidet. Logischerweise liegt die Ausbildungsbetriebsgröße umso höher, je größer die betrachteten Betriebe sind.

Von den Betrieben, die 2018 Ausbildungsstellen angeboten haben, konnten 26 Prozent mindestens einen Ausbildungsplatz nicht besetzen. Im Zeitverlauf haben sich die Stellenbesetzungsprobleme deutlich verschärft.

Die Übernahmequote gibt an, wie hoch der Anteil der Auszubildenden ist, die vom Ausbildungsbetrieb übernommen werden. Im Jahr 2018 lag diese Quote bei 71 Prozent. Das heißt, fast drei von vier Auszubildenden werden von ihrem Ausbildungsbetrieb nach erfolgreicher Ausbildung übernommen. Die Übernahmequote liegt aktuell deutlich höher als noch in den 2000er Jahren, wo sie häufig unter 60 Prozent betrug. Die Übernahmequoten steigen mit der Betriebsgröße. Sie sind also in Großbetrieben (2018: 84 Prozent) deutlich höher als in Kleinstbetrieben (ein bis neun Beschäftigte; 2018: 57 Prozent).

Vertragslösungen / Ausbildungsabbrüche

Die Vertragslösungsquote steigt im letzten Jahrzehnt stetig an. Betrug sie 2008 noch 21,5 Prozent, so betrug sie 2018 bereits 26,5 Prozent. Fälschlich wird die Vertragslösungsquote oft mit der Ausbildungsabbruchquote gleichgesetzt. Allerdings ist bei weitem nicht jede Vertragslösung auch ein Ausbildungsabbruch. So gehen in die Statistik zu Vertragslösungen auch Jugendliche ein, die „nur“ ihren Arbeitgeber wechseln oder direkt in einen anderen Ausbildungsberuf wechseln. Bei Jugendlichen, die eine außerbetriebliche Ausbildung machen kann eine Vertragslösung positive Gründe haben, indem diese in eine „reguläre“ duale oder schulische Ausbildung übergegangen sind.

Das Übergangssystem

Zahlreiche nicht vermittelte Ausbildungsbewerber landen (gemeinsam mit den nicht ausbildungsreifen Jugendlichen) im so genannten Übergangssystem (oder Übergangsbereich). Es umfasst (Berufs-)Bildungsmaßnahmen für die Personen, die die allgemeine Schulpflicht beendet haben, aber (noch) nicht in eine Berufsausbildung übergehen konnten. Der Erfolg der Maßnahmen des Übergangssystems ist umstritten. Ihr Ziel ist es, die Chancen der Teilnehmer auf eine voll qualifizierende Berufsausbildung zu erhöhen. Die Betroffenen holen beispielsweise ihren Haupt- oder Realschulabschluss nach oder absolvieren Praktika in Betrieben. Ein Teil der Jugendlichen besucht eine Berufsfachschule, ohne einen Abschluss zu erhalten. Weitere, die auch nach einer berufsvorbereitenden Maßnahme keinen Ausbildungsplatz finden, können ohne Anbindung an einen Betrieb, in der Regel bei einem sozialen Träger, ausgebildet werden. Vertiefende Informationen zum Übergangssystem finden Sie hier . Insgesamt nimmt die Zahl der Anfängerinnen und Anfänger im Übergangsbereich kontinuierlich ab. Seit 2005 hat sich die Gesamtzahl um fast 40 Prozent verringert.

Weitere Inhalte

Frank Oschmiansky ist Diplom Politologe und Partner in der Partnerschaftsgesellschaft ZEP – Zentrum für Evaluation und Politikberatung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Implementation und Evaluation der Arbeitsmarktpolitik; Geschichte der Arbeitsmarktpolitik; atypische Beschäftigungen; Entwicklung der Sozialpolitik und Übergangssystem Schule-Beruf.