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Vermittlungswege und Marktanteile

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Vermittlungswege und Marktanteile

Tim Obermeier Frank Oschmiansky

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Stellenbesetzungsprozesse laufen unterschiedlich ab. Der Anteil der öffentlichen Arbeitsvermittlung hierbei fällt eher gering aus. Im Vordergrund stehen andere Such- und Rekrutierungswege wie informelle Kontakte und Netzwerke, Stelleninserate und Initiativbewerbungen. Dennoch erhöht die öffentliche Arbeitsvermittlung mit ihren Angeboten die Transparenz über die Arbeitsmärkte und reduziert damit Informationsasymmetrien. Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über Marktanteile der Vermittlungsakteure und die erfolgreichsten Vermittlungswege.

Der Vermittlungsweg über die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter unterschiedet sich nach Qualifikationsanforderung der Stellen. Vergleichsweise am höchsten ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung bei Stellen mit Berufsabschluss. Bei Stellen für Ungelernte ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung schon seltener. Bei Akademikern spielt die öffentliche Arbeitsvermittlung kaum eine Rolle. (© picture-alliance/dpa)

Es ist nicht einfach, Vermittlungswege und Marktanteile der Vermittlungsakteure zu erheben. Im Wesentlichen beruhen die Erkenntnisse auf Befragungen. Die Bundesagentur für Arbeit verzichtet seit dem sog. "Vermittlungsskandal" (Näheres dazu im Text Interner Link: Die öffentliche Arbeitsvermittlung) weitgehend darauf, ihren Marktanteil statistisch zu erfassen. In ihren Analytikreports beziffert die Bundesagentur für Arbeit ihren Einschaltungsgrad bei Besetzungsprozessen bei rund 20 Prozent. Der Einschaltungsgrad misst den Anteil der Abgänge von gemeldeten Arbeitsstellen an allen begonnenen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen und ist ein Näherungswert für die Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung am Vermittlungsgeschehen. Bei der Messung werden nur die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter in gemeinsamen Einrichtungen berücksichtigt, die Jobcenter in kommunaler Trägerschaft hingegen nicht.

Arbeitsagenturen und Jobcenter können selbst keine Stellen schaffen, sondern nur auf unterschiedlichste Art und Weise bei der Stellensuche und -besetzung unterstützen und Förderungen anbieten. Es ist deswegen sehr schwierig, die Bedeutung der Arbeitsvermittlung vollständig und isoliert zu erfassen, da bei der erfolgreichen Arbeitssuche häufig unterschiedlichste Faktoren zusammenspielen.

Im § 35 SGB III wird das Vermittlungsangebot konkretisiert. Darin heißt es, dass die Agentur für Arbeit Ausbildungssuchenden, Arbeitsuchenden und Arbeitgebern Ausbildungsvermittlung und Arbeitsvermittlung (Vermittlung) anzubieten hat. Die Vermittlung umfasst alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Ausbildungssuchende mit Arbeitgebern zur Begründung eines Ausbildungsverhältnisses und Arbeitsuchende mit Arbeitgebern zur Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses zusammenzuführen. Die Agentur für Arbeit stellt sicher, dass Ausbildungssuchende und Arbeitslose, deren berufliche Eingliederung voraussichtlich erschwert sein wird, eine verstärkte vermittlerische Unterstützung erhalten.

Über die Inanspruchnahme von Vermittlungs- und Förderleistungen bei ihrem erfolgreichen Übergang in Erwerbstätigkeit gibt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Arbeitsmarktstatistik Auskunft. Für den letzten 12-Monats-Zyklus (März 2019 bis Februar 2020), der noch nicht von der Corona-Pandemie beeinflusst war, zeigt sich folgendes Bild:

Bei der Vermittlung nach Auswahl und Vorschlag schlägt die Agentur für Arbeit bzw. das Jobcenter einem Bewerber und dem Arbeitgeber die Besetzung einer konkreten Stelle vor und der Bewerber wird für diese Stelle eingestellt. Dabei kann es dann zusätzlich Unterstützung in Form einer begleitenden Förderung, wie zum Beispiel durch einen Eingliederungszuschuss, geben. Wenn in den drei Monaten vor Beschäftigungsaufnahme eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme durchgeführt wurde, wird der Übergang in diese Kategorie gezählt. Eine geringere Beteiligung der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters wäre es, wenn mit dem Arbeitslosen nur eine Eingliederungsvereinbarung (§ 37 SGB III, § 15 SGB II) abgeschlossen wurde und er danach ohne weitere Unterstützung, wie durch eine Maßnahme, eine Beschäftigung aufgenommen hat. Während die Vermittlung nach Auswahl und Vorschlag mit einer zusätzlichen Förderung die höchste Beteiligung an der erfolgreichen Arbeitsuche wäre, ist die Beschäftigungsaufnahme nach dem Erstkontakt der Arbeitslosen in der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter ohne eine förmliche Eingliederungsvereinbarung und nur durch Hilfe von Informationen wie der JOBBÖRSE die geringste Form der Beteiligung.

Die Zahlen zeigen die doch großen Unterschiede zwischen den Rechtskreisen SGB III und SGB II. In der Grundsicherung (SGB II) werden verhältnismäßig deutlich mehr Abgänge mit Unterstützung durch arbeitsmarktpolitische Instrumente erzielt.

Persönliche Kontakte

Bereits 1974 hat der Soziologe Mark Granovetter seine These zur Stärke schwacher Bindungen veröffentlicht ("strength of weak ties"), die u.a. besagt, dass eine erfolgreiche Stellensuche vornehmlich über persönliche Kontakte gelingt. Er wies daraufhin, dass vor allem viele schwache soziale Bindungen (weak ties) hilfreich bei der Stellensuche sind, während enge Bindungen (strong ties) weniger erfolgsversprechend sind. Flüchtige Bekannte (weak ties) bewegen sich häufig in anderen sozialen Zusammenhängen und bieten Informationen über vakante Stellen aus ansonsten unbekannten Bereichen. Enge Bekannte (strong ties) können auch hilfreich sein, jedoch halten sie eher Informationen bereit, die der Stellensuchende aufgrund der engen Bindung bereits selber kennt.

Die große Bedeutung der informellen Suche bei der Einstellung neuen Personals zeigen auch seit Jahren regelmäßig Betriebsbefragungen des IAB. Im Jahr 2016 wurden danach jeder dritte neu Eingestellte über persönliche Kontakte oder Empfehlungen von Mitarbeitern gefunden. Die Vermittlungsdienste der BA wurden zwar bei 34 Prozent aller Neueinstellungen in Anspruch genommen. Aber nur bei fünf Prozent der Neueinstellungen war die Vermittlung durch die BA auch der erfolgreiche Besetzungsweg.

Info

Die IAB-Stellenerhebung, eine repräsentative Betriebsbefragung des IAB, gibt regelmäßig Auskunft über das gesamte Stellenangebot am deutschen Arbeitsmarkt. Sie zeigt unter anderem, wie Betriebe neue Mitarbeiter rekrutieren. Die Ergebnisse der Betriebsbefragung werden regelmäßig in den verschiedensten Publikationsreihen des IAB veröffentlicht. Auf einige dieser Veröffentlichungen wird am Ende dieses Textes unter „Zum Weiterlesen“ verwiesen.

Insgesamt beträgt die Summe aller Suchkanäle 340, das heißt im Durchschnitt wurden bei einer Neueinstellung 3,4 Suchwege genutzt. Die Tabelle zeigt auch, wie unterschiedlich und vielfältig die unternommenen und erfolgreichen Wege sind.

Abbildung: Such- und Besetzungswege bei Neueinstellungen nach Betriebsgröße

Persönliche Netzwerke spielen vor allem bei der Besetzung von Stellen eine Rolle, für die kein Berufsabschluss benötigt wird. Bei Stellen für Fachhochschul- oder Hochschulabsolventen ist die Bedeutung wesentlich geringer. Hier sind es vor allem Stellenangebote im Internet, die bei der Suche der Betriebe nach Akademikern zum Erfolg führen. Auch der Vermittlungsweg über die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter unterschiedet sich nach Qualifikationsanforderung der Stellen. Vergleichsweise am höchsten ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung bei Stellen mit Berufsabschluss. Bei Stellen für Ungelernte ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung schon seltener. Bei Akademikern spielt die öffentliche Arbeitsvermittlung kaum eine Rolle. Auf betrieblicher Ebene besetzen Kleinbetriebe ihre Stellen insbesondere über persönliche Kontakte, während dieser Vermittlungsweg bei Großbetrieben ein deutlich unwichtiger ist.

Informelle Netzwerke über persönliche Kontakte sind also der entscheidende Vermittlungsweg bei der Besetzung von Stellen. Auf diesem Weg können Betriebe häufig schon vorab wichtige Informationen wie Teamfähigkeit oder Pünktlichkeit über den Bewerber einholen. Gerade bei Kleinbetrieben entfällt durch die persönlichen Kontakte der Mitarbeiter ein aufwändiger Stellenbesetzungsprozess. Damit werden auch die Theorien von Mark Granovetter bestätigt, der schon früh auf die Bedeutung dieses Weges hingewiesen hat.

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Tim Obermeier ist als Geschäftsführer und Projektleiter am Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) Hochschule Koblenz beschäftigt. Zuvor arbeitete der bei zoom - Gesellschaft für prospektive Entwicklung e.V. und am Soziologischen Forschungsinstitut e.V. (SOFI) Göttingen in verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Projekten. Er studierte Sozialwissenschaften an den Universität Göttingen und Córdoba/Spanien.

Frank Oschmiansky ist Diplom Politologe und Partner in der Partnerschaftsgesellschaft ZEP – Zentrum für Evaluation und Politikberatung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Implementation und Evaluation der Arbeitsmarktpolitik; Geschichte der Arbeitsmarktpolitik; atypische Beschäftigungen; Entwicklung der Sozialpolitik und Übergangssystem Schule-Beruf.