Der afroamerikanische Autor Frederick Douglass fragte bei einem Kongress von Gegnerinnen der Sklaverei am 5. Juli 1852: “Was bedeutet der 4. Juli für den amerikanischen Sklaven?” Der US-amerikanische Unabhängigkeitstag markiere die Freiheit weißer Amerikaner/-innen, mahnte Douglass, offenbare aber zugleich die “schwerwiegende Ungerechtigkeit und Grausamkeit” afroamerikanischer Versklavung und mache das Feiern somit heuchlerisch.
Frederick Douglass, ca. 1879. (© picture alliance/Newscom/National Archives Gift Collection)
Frederick Douglass, ca. 1879. (© picture alliance/Newscom/National Archives Gift Collection)
Das 250-jährige Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung lädt dazu ein, die historische und aktuelle Situation von Afroamerikaner/-innen zu reflektieren. Die 1787 verabschiedete Verfassung der Vereinigten Staaten war nicht nur ein einzigartiges, demokratisch ausgelegtes Dokument seiner Zeit, sondern kodifizierte zugleich die Unterwerfung versklavter Schwarzer Menschen in den USA. Doch entgegen der dramatischen Ablehnung Garrisons verstand die Mehrheit afroamerikanischer Aktivisten/-innen seither die postulierten
Die Gründungsphase (1774-1797)
Als Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung entwarf, beklagte er in einer ursprünglichen Version die britische Versklavung von Afrikanern/-innen – doch versklavte Jefferson selbst über 600 Menschen, und der Zweite Kontinentalkongress entfernte später den Absatz. Die Delegierten der dreizehn Kolonien verglichen stattdessen ihren eigenen Status unter britischer Herrschaft mit Versklavung – ein rhetorisches Stilmittel, das die Legitimität britischer Herrschaft grundsätzlich in Frage stellen sollte und doch die eigene, tatsächliche Versklavung von mehr als 500 000 Schwarzen Menschen in den Kolonien ignorierte.
Die Gründungsphase der USA gibt Aufschluss über den fortbestehenden Widerspruch zwischen Gleichheits- und Gerechtigkeitsrhetorik und andauernder Diskriminierung marginalisierter sozialer Gruppen, insbesondere von Afroamerikanern/-innen. Die Versklavung Schwarzer Menschen war legal in allen Kolonien, als die Amerikanische Revolution ausbrach: In den Südstaaten der entstehenden Nation konstituierten Versklavte zwischen 30 und 60 Prozent aller Einwohner/-innen; selbst New York hatte einen Versklavtenanteil von 10 Prozent.
Das Wort „Sklaverei“ kommt in der US-Verfassung nicht vor, und doch sind das Dokument und sein Entstehungsprozess durch die Sklaverei geprägt. Als 1787 das US-Verfassungskonvent zusammentrat, hatten bereits sechs nördliche Bundesstaaten begonnen, Sklaverei abzuschaffen. Die Debatte um Versklavung, mit ihr verwobene sozioökonomische Interessen, die Rolle des Föderalismus, sowie die moralische Dimension beeinflusste die gesetzgebende Versammlung stark. Befürworter der Sklaverei gewannen drei zentrale Bestimmungen in der Verfassung. Wenn in jener von „anderen“ oder „solchen Personen“ die Rede ist, sind damit Schwarze Versklavte gemeint.
Externer Link: Artikel 1, Absatz 2 bestimmt die Zusammensetzung des Kongresses. Hier galt bis nach Ende des Bürgerkrieges (1861-1865) der sogenannte „Drei-Fünftel-Kompromiss“, der festlegte, dass Versklavte beim Zensus zu Drei-Fünfteln einer freien Person in der Bevölkerung gezählt wurden. Bis heute wird anhand des US-Zensus der einzelstaatliche Steueranteil und die Anzahl der Mitglieder pro Staat im Repräsentantenhaus und damit auch in der Wahlversammlung (electoral college) zur Präsidentschaft bestimmt. Der Kompromiss bewirkte, dass Versklavte das politische Gewicht der Südstaaten erhöhten, obwohl sie selbst von politischer Teilhabe ausgeschlossen blieben. Der Externer Link: neunte Absatz des gleichen Artikels ordnete an, dass „Einwanderung oder Hereinholung solcher Personen, deren Zulassung einer der derzeit bestehenden Einzelstaaten für angebracht hält,“ zwanzig Jahre lang nicht vom Kongress verboten werden konnte. Diese Klausel legitimierte den transnationalen Sklavenhandel bis zu seiner Abschaffung im Jahr 1808. Zudem wurde eine Klausel in die Verfassung aufgenommen, die auf „entflohene Versklavte“ zielte und bestimmte, dass diese grundsätzlich an ihre Versklaver/-innen ausgeliefert werden müssten – unabhängig davon, ob sie in einen freien Staat geflohen waren (Externer Link: Artikel 4, Absatz 2; Fugitive Slave Acts wurden bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges außerdem kontinuierlich verschärft).
Die grundlegende Kontroverse des Verfassungskonvents, welche Funktionen und Macht
Das Erbe der Wahlversammlung führt heute noch zu einer strukturellen Benachteiligung von Bevölkerungsminderheiten im Wahlrecht. Bei der Präsidentschaftswahl werden in 48 der 50 Staaten Wahlmännerstimmen (electoral votes) nicht proportional, sondern alle an den Kandidaten oder die Kandidatin mit den meisten Stimmen in diesem Staat vergeben (the winner takes all). Gerade in Staaten mit einem signifikanten Schwarzen Bevölkerungsanteil führt das dazu, dass Millionen Schwarze Stimmen durch das Block-Wahlverhalten der weißen Mehrheit effektiv neutralisiert werden. Auch die Formierung des Senats – in dem jeder Bundesstaat mit zwei Senatoren/-innen vertreten ist, unabhängig von der Bevölkerungszahl – führt zu einer systematischen Unterrepräsentation von US-Amerikaner/-innen in bevölkerungsreichen Staaten, die aufgrund von internen und externen Migrationsbewegungen oft diverser sind. So repräsentieren momentan Demokratische Senatoren/-innen – die öfter in solchen Staaten gewählt werden – über 40 Millionen mehr Menschen als Republikanische, obwohl letztere sechs Sitze mehr sowie die Mehrheit im Senat innehaben.
Die erste Reconstruction und konservativer Widerstand
Viele juristische und politische Verhandlungen grundlegender Fragen von Antidiskriminierung und sozialer Gerechtigkeit in den USA beruhen noch heute auf drei Verfassungszusätzen, den sogenannten Reconstruction Amendments. Diese wurden nach Ende des
Die ersten afroamerikanischen US-Senatoren und -Repräsentanten. Von links nach rechts: Hiram Rhodes Revels, Benjamin Sterling Turner, Robert Carlos De Large, Josiah Thomas Walls, Jefferson Franklin Long, Joseph Hayne Rainy und Robert Brown Elliot. (© picture alliance/Newscom/Picture History)
Die ersten afroamerikanischen US-Senatoren und -Repräsentanten. Von links nach rechts: Hiram Rhodes Revels, Benjamin Sterling Turner, Robert Carlos De Large, Josiah Thomas Walls, Jefferson Franklin Long, Joseph Hayne Rainy und Robert Brown Elliot. (© picture alliance/Newscom/Picture History)
Die Auswirkungen waren revolutionär. Jahrzehntelang hatten Afroamerikaner/-innen sich für volle politische und soziale Rechte engagiert, und über 180 000 Afroamerikaner hatten im Bürgerkrieg auf Seite der Union der Nordstaaten gekämpft. Nach Verabschiedung des Wahlrechts für Afroamerikaner wurden während der Reconstruction fast 2000 Schwarze Männer in öffentliche Ämter gewählt,
Mit der starken Rolle des Bundes in der Durchsetzung der Grundrechte für Afroamerikaner/-innen legte die erste Reconstruction den Grundstein für die Taktik Schwarzer Bürgerrechtsaktivisten/-innen, Bündnisse und Unterstützung auf nationaler statt regionaler Ebene zu suchen, die sich im 20. Jahrhundert fortsetzte. Insbesondere bei weißen Konservativen sind Vorgaben des Bundes hingegen bis heute negativ belegt.
Waren diese Entwicklungen revolutionär für afroamerikanische Gleichstellung, führten rassistischer Terror, der Rückzug der Unions-Armee aus dem Süden im Jahr 1878 sowie eine Reihe an Urteilen des
Im März 1965, während der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, marschieren Protestierende für die freie Ausübung des Wahlrechts von Afroamerikanern/-innen von Selma nach Montgomery, Alabama. (© picture alliance/Glasshouse Images/Circa Images)
Im März 1965, während der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, marschieren Protestierende für die freie Ausübung des Wahlrechts von Afroamerikanern/-innen von Selma nach Montgomery, Alabama. (© picture alliance/Glasshouse Images/Circa Images)
Die zweite Reconstruction
Nach jahrzehntelangem Aktivismus erreichte die Schwarze Befreiungsbewegung des 20. Jahrhunderts, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren ihren Höhepunkt erlebte, bahnbrechende Erfolge mit der Verabschiedung dreier Bürgerrechtsgesetze. Von Historiker/-innen als zweite Reconstruction bezeichnet, verbot der Externer Link: Civil Rights Act des Jahres 1964 die rassifizierte Trennung öffentlicher und privatgeschäftlicher Räume sowie rassistische und sexistische Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Ein Jahr später folgte der Externer Link: Voting Rights Act, der die 15. (Wahlrecht für Schwarze Männer) und 19. (Wahlrecht für Frauen) Verfassungszusätze stärkte und Einschränkungen demokratischer Teilhabe verbot. Der Externer Link: Fair Housing Act des Jahres 1968 ging gegen Diskriminierung auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt vor.
Der Voting Rights Act (VRA) war tiefgreifend und effektiv. Sektion 2 verbot jedwede Einschränkung des Wahlrechts aus rassifizierten Gründen; Sektionen 4 und 5 etablierten, dass (und welche) Wahlkreise mit einer langen Geschichte rassistischer Wahlrechtseinschränkungen Änderungen ihres Wahlrechts durch das Bundesjustizministerium oder ein Bundesgericht in Washington, D.C., genehmigen lassen mussten; Sektionen 6-10 schafften Wahlsteuern ab und autorisierten den Generalbundesanwalt sowie nationale Wahlbeobachter/-innen, bei Unregelmäßigkeiten einzuschreiten. In den kommenden Jahrzehnten stieg der Anteil Schwarzer Wähler/-innen und Amtsträger/-innen, insbesondere in den Südstaaten, exponentiell an, vor allem bei Regionalwahlen.