Als die dreizehn britischen Kolonien an der Atlantikküste Nordamerikas südlich von Nova Scotia vor 250 Jahren die Vereinigten Staaten gründeten, entstanden zwei Dokumente, die im Laufe der Geschichte zu wesentlichen Ankerpunkten US-amerikanischer Selbstverständigungsdebatten wurden. Das erste ist die Unabhängigkeitserklärung von
Die historischen Hintergründe der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) eskalierte ein politischer Streit um Steuern, die notwendige Neuordnung des British Empire und um die Grundlagen legitimer Herrschaft zwischen den 13 Kolonien und dem britischen Mutterland zu einem militärischen Konflikt. Daraufhin entschied der Zweite Kontinentalkongress, in dem Vertreter der 13 rebellierenden Kolonien versammelt waren, am 2. Juli 1776, sich von Großbritannien loszusagen. Zwei Tage später nahmen sie dann den maßgeblich von Thomas Jefferson aus Virginia verfassten Text, der diesen Schritt erklärte und als Unabhängigkeitserklärung bekannt wurde, an.
Abdruck der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776. (© picture alliance/United Archives/WHA)
Abdruck der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776. (© picture alliance/United Archives/WHA)
Nach einer kurzen Einleitung, in der verkündet wird, dass es in dem Text um die Frage der Unabhängigkeit der Kolonien geht, werden in einer Präambel die allgemeinen naturrechtlich begründeten Prinzipien genannt, die die Loslösung von Großbritannien rechtfertigen. In diesem Teil findet sich das berühmte und für die damalige Zeit bemerkenswerte Diktum, dass alle Menschen gleich geboren seien und unveräußerliche Rechte wie jene auf „life, liberty, and the pursuit of happiness“ („Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“) besäßen und dass der Zweck von Regierungen sei, diese Rechte zu schützen. Der anschließende Hauptteil besteht aus den vielen überspitzten Anklagen an den König, die belegen sollen, dass er eine „absolute Tyrannei“ über die nordamerikanischen Kolonien habe errichten wollen und damit das Recht verloren habe, über die Amerikaner zu regieren, die sich lange vergeblich um eine Entschärfung des Konflikts bemüht hätten. Schließlich endet das Dokument mit der Schlussfolgerung, dass die 13 Kolonien hiermit unabhängig und von der Treueverpflichtung gegenüber dem König entbunden seien.
Zwei Gründe motivierten die Abfassung dieser Unabhängigkeitserklärung, die den vorherigen Entschluss zur Trennung von Großbritannien rechtfertigte: Zum einen musste das amerikanische Volk für die Sache der Revolution gewonnen werden, da die Frage der Unabhängigkeit innerhalb der Kolonien äußerst umstritten war und die Delegierten deshalb nicht einfach davon ausgehen konnten, dass ihre Entscheidung wohlwollend aufgenommen würde.
Zum anderen mussten die europäischen Regierungen von der Legitimität der Amerikanischen Revolution überzeugt werden. Denn um den Krieg gegen das mächtige Großbritannien zu gewinnen, war man auf die Unterstützung europäischer Verbündeter angewiesen – besonders auf den Beistand Frankreichs, des Erzrivalen Großbritanniens. Frankreich, von einem König regiert und selbst Kolonialmacht, konnte aber kein Interesse daran haben, die Amerikaner zu unterstützen, wenn ihre Revolution als ein illegitimer Aufstand gegen Kolonialismus und die monarchische Staatsform an sich erschien.
Beide Gründe erklären, warum die Attacken in der Unabhängigkeitserklärung sich ausschließlich auf konkrete ‚Vergehen‘ des britischen Königs bezogen, aber nicht die Monarchie als solche zum Ziel hatten und warum sie bei der Frage der legitimen Staatsform vage blieb. Im Dokument ist lediglich allgemein vom „consent of the governed“ („der Zustimmung der Regierten“) die Rede, aber weder von Republik noch von Demokratie. In Zukunft würde diese politische Unbestimmtheit die
Die Verfassung als zweiter Gründungsakt
Nachdem die 13 Kolonien im Revolutionskrieg ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten, war der ursprüngliche Zweck ihres Zusammenschlusses erfüllt. Daraufhin traten politische Divergenzen zwischen ihnen immer offener zutage, etwa was Fragen des Handels und der Finanzierung der Union anging. Zugleich wurde die Machtlosigkeit des Kongresses, die vor allem an fehlenden Besteuerungs- und Erzwingungskompetenzen lag, offensichtlich. Daran änderten auch die von allen 13 Staaten bis 1781 ratifizierten Konföderationsartikel, die ihre Zusammenarbeit auf eine rechtliche Basis stellten, nichts. In diesem Kontext drängte eine Gruppe von sogenannten Föderalisten, die einen Zusammenbruch der Union fürchteten, darauf, einen neuen Vertrag zwischen den Staaten zustande zu bringen. Dieser sollte zum einen die Macht des Bundes auf Kosten der Einzelstaaten vergrößern, um den innen- und außenpolitischen Herausforderungen der USA besser begegnen zu können. Zum anderen sollte er sicherstellen, dass Konflikte zwischen den Einzelstaaten in Zukunft nicht gewaltsam, sondern durch ein verfassungsrechtlich geregeltes, friedliches Prozedere gelöst würden.
Das Ergebnis war die Verfassung, die nacheinander von allen 13 Staaten ratifiziert wurde und die USA von einem losen Staatenbund in einen kraftvollen republikanischen Bundesstaat transformierte, aus dem sich die erste moderne liberale Demokratie auf der Welt entwickelte. Das tat sie auf zweierlei Art und Weise. Erstens transferierten die zuvor souveränen Einzelstaaten mit der Verfassung eine Liste von wichtigen Kompetenzen – etwa Steuern zu erheben, den Innen- und Außenhandel zu regeln und ein stehendes Heer zu unterhalten – auf die Bundesregierung. Zweitens schuf die Verfassung die Institutionen, die die neue Bundesregierung umfassen und sich gegenseitig
Die Bedeutung von Gründungsmythen für die US-amerikanische Nation
Beide Gründungsdokumente wurden schon nach kurzer Zeit mythologisch überhöht und zu definitiven Grundlagen der nationalen Identität der USA verklärt. Da die neu gegründeten USA keine Geschichte jenseits von der, die sie mit Großbritannien verband, hatten, sie weder über eine eigene Sprache noch über eine eigene Kultur verfügten und rund drei Viertel der weißen Bevölkerung zur Zeit der Revolution britische Vorfahren hatten,
Das Fresko "Die Apotheose Washingtons" befindet sich in der Spitze der Kuppel der Rotunde des US-Kapitols. (© picture alliance/Zoonar/Offenberg)
Das Fresko "Die Apotheose Washingtons" befindet sich in der Spitze der Kuppel der Rotunde des US-Kapitols. (© picture alliance/Zoonar/Offenberg)
Je diverser die US-Nation im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts dann durch Einwanderung wurde, umso größer schien die Notwendigkeit, die Gründungsdokumente zu geradezu heiligen Schriften zu erhöhen, um ein Auseinanderfallen dieser heterogenen Nation zu verhindern. Diese Zivilreligion, die aus der Sphäre des Religiösen stammende Symbole, Rituale und Begriffe auf die eigene Nation bezieht und nationale Phänomene mit sakraler Bedeutung ausstattet, ist seitdem Kernbestand des US-amerikanischen Nationalismus.
Politische Deutungskämpfe um die Gründungsdokumente der USA
Da die Gründungsdokumente eine solche Bedeutung für
Naturrechtsliberalismus
Der Naturrechtsliberalismus ist eine philosophische Strömung aus dem Zeitalter der Aufklärung. Sie vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch angeborene, aus der menschlichen Natur bzw. Vernunft herleitbare Rechte wie etwa jene auf freie Meinungsäußerung oder Privateigentum hat, und weist dem Staat die primäre Aufgabe zu, die Ausübung dieser individuellen Rechte zu schützen. Ein führender Vertreter dieser Denkschule war John Locke.
Andersherum bemühten Gegner dieser Emanzipationsbewegungen die Verfassung, um ihre Sicht zu legitimieren. Zum einen führten sie an, dass diese die Institution der Sklaverei zumindest indirekt anerkannte, etwa über die Fugitive Slave Clause (Externer Link: Art. IV, Sektion 2) und den Three-Fifths Compromise (Externer Link: Art. I, Sektion 2). Zum anderen argumentierten Sklavenbesitzer, dass Sklaven beweglicher Besitz ihrer Eigentümer seien und die Verfassung
Three-Fifths Compromise u. Fugitive Slave Clause
Artikel 1, Sektion 2 der US-Verfassung bestimmt die Zusammensetzung des Kongresses. Hier galt bis nach Ende des Bürgerkrieges (1861-1865) der sogenannte Three-Fifths Compromise oder „Drei-Fünftel-Kompromiss“, der festlegte, dass Versklavte beim Zensus zu Drei-Fünfteln einer freien Person in der Bevölkerung gezählt wurden. Bis heute wird anhand des US-Zensus der einzelstaatliche Steueranteil und die Anzahl der Mitglieder pro Staat im Repräsentantenhaus und damit auch in der Wahlversammlung (electoral college) zur Präsidentschaft bestimmt. Der Kompromiss bewirkte, dass Versklavte das politische Gewicht der Südstaaten erhöhten, obwohl sie selbst von politischer Teilhabe ausgeschlossen blieben.
In Artikel 4, Sektion 2 der US-Verfassung wurde zudem die sogenannte Fugitive Slave Clause aufgenommen, die auf „entflohene Versklavte“ zielte und bestimmte, dass diese grundsätzlich an ihre Versklaver/-innen ausgeliefert werden müssten – unabhängig davon, ob sie in einen freien Staat geflohen waren. Fugitive Slave Acts wurden bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges außerdem kontinuierlich verschärft.
Quelle:
Rebecca Brückmann, "Die unvollendete Verfassung: Systemischer Rassismus und der Kampf um demokratische Teilhabe in den USA", in bpb.de, 03.07.2026.
Die Geschichte der Amerikanischen Revolution als Gegenstand gegenwärtiger Kulturkämpfe
Protest der Tea-Party-Bewegung in St. Louis im September 2010. (© picture alliance/Associated Press/Whitney Curtis)
Protest der Tea-Party-Bewegung in St. Louis im September 2010. (© picture alliance/Associated Press/Whitney Curtis)
Auch in jüngster Zeit wurde heftig um die Erinnerung an die Amerikanische Revolution gerungen. Während der Präsidentschaft Barack Obamas (2009-2017) formierte sich die Tea Party-Bewegung, deren Mitglieder gegen seine Gesundheitsreform demonstrierten. Dabei gaben sie sich als Erben der Revolutionäre aus, die aus Protest gegen britische Steuern Tee der East India Company in den Hafen Bostons geworfen hatten. Für sie war die Einführung einer Krankenversicherungspflicht ein Verrat an der Amerikanischen Revolution, die doch ein Aufstand gegen einen übergriffigen Staat gewesen sei.
Auf der anderen Seite forderten Aktivisten im Umfeld der
Im ersteren Fall der geschichtspolitischen Instrumentalisierung der Amerikanischen Revolution geht es um die angemessene Rolle des Staates. Steht die Amerikanische Revolution für eine Abwehr gegen staatliche Bevormundung durch selbstbewusste und für ihre Freiheitsrechte eintretende Individuen? Oder weist sie dem Staat die Aufgabe zu, aktiv für die Realisierung der in der Unabhängigkeitserklärung proklamierten Ideale von „Leben, Freiheit und dem
Im letzteren Fall geht es um die Schattenseiten der Amerikanischen Revolution. Sollten diese in den Vordergrund gestellt werden, um das Bewusstsein für langanhaltende strukturelle Ungerechtigkeiten in der US-Geschichte zu schärfen? Oder würde eine
Wissenschaftlich betrachtet sind beide Arten der Instrumentalisierung der Geschichte hoch problematisch: Sie blenden die Komplexität der Amerikanischen Revolution aus und beurteilen die Motivationen der damals handelnden Akteure einseitig und aus heutigen Interessenlagen heraus. Da die Frage, was die USA sind beziehungsweise sein wollen, aber so eng mit den Gründungsdokumenten und den mit ihnen verbundenen Mythen verknüpft ist, erscheint es fast unvermeidlich, dass die Erinnerung an die Amerikanische Revolution auch 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung so politisiert und ein zentraler Schauplatz der gegenwärtigen Kulturkämpfe ist.