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Die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung | USA | bpb.de

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Die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung Sowie ihre Bedeutung für die politische Kultur der USA

Jasper Trautsch

/ 10 Minuten zu lesen

Die Frage der US-Identität ist eng mit den Gründungsdokumenten und -mythen verknüpft. Auch 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung bleiben sie Gegenstand heftiger politischer Kontroversen.

Das Gemälde "Declaration of Independence" ("Die Unabhängigkeitserklärung") von John Trumbull stellt die Übergabe des Entwurfs der Unabhängigkeitserklärung an den Kontinentalkongress dar und hängt im US-Kapitol. (© picture alliance/akg-images)

Als die dreizehn britischen Kolonien an der Atlantikküste Nordamerikas südlich von Nova Scotia vor 250 Jahren die Vereinigten Staaten gründeten, entstanden zwei Dokumente, die im Laufe der Geschichte zu wesentlichen Ankerpunkten US-amerikanischer Selbstverständigungsdebatten wurden. Das erste ist die Unabhängigkeitserklärung von Interner Link: 1776, mit der sich die Kolonien von der britischen Herrschaft lossagten. Das zweite ist die Verfassung von 1787, die den zunächst losen Staatenbund der nun unabhängig gewordenen Kolonien in einen handlungsfähigen Bundesstaat umformte. Beide Dokumente sind bis heute Gegenstand heftiger politischer Kontroversen, wie sich nicht zuletzt in den gegenwärtigen Interner Link: erinnerungspolitischen Diskussionen rund um die Feiern zum 250-jährigen Bestehen der USA (semiquincentennial) zeigt.

Die historischen Hintergründe der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung

Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) eskalierte ein politischer Streit um Steuern, die notwendige Neuordnung des British Empire und um die Grundlagen legitimer Herrschaft zwischen den 13 Kolonien und dem britischen Mutterland zu einem militärischen Konflikt. Daraufhin entschied der Zweite Kontinentalkongress, in dem Vertreter der 13 rebellierenden Kolonien versammelt waren, am 2. Juli 1776, sich von Großbritannien loszusagen. Zwei Tage später nahmen sie dann den maßgeblich von Thomas Jefferson aus Virginia verfassten Text, der diesen Schritt erklärte und als Unabhängigkeitserklärung bekannt wurde, an.

Abdruck der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776. (© picture alliance/United Archives/WHA)

Nach einer kurzen Einleitung, in der verkündet wird, dass es in dem Text um die Frage der Unabhängigkeit der Kolonien geht, werden in einer Präambel die allgemeinen naturrechtlich begründeten Prinzipien genannt, die die Loslösung von Großbritannien rechtfertigen. In diesem Teil findet sich das berühmte und für die damalige Zeit bemerkenswerte Diktum, dass alle Menschen gleich geboren seien und unveräußerliche Rechte wie jene auf „life, liberty, and the pursuit of happiness“ („Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“) besäßen und dass der Zweck von Regierungen sei, diese Rechte zu schützen. Der anschließende Hauptteil besteht aus den vielen überspitzten Anklagen an den König, die belegen sollen, dass er eine „absolute Tyrannei“ über die nordamerikanischen Kolonien habe errichten wollen und damit das Recht verloren habe, über die Amerikaner zu regieren, die sich lange vergeblich um eine Entschärfung des Konflikts bemüht hätten. Schließlich endet das Dokument mit der Schlussfolgerung, dass die 13 Kolonien hiermit unabhängig und von der Treueverpflichtung gegenüber dem König entbunden seien.

Zwei Gründe motivierten die Abfassung dieser Unabhängigkeitserklärung, die den vorherigen Entschluss zur Trennung von Großbritannien rechtfertigte: Zum einen musste das amerikanische Volk für die Sache der Revolution gewonnen werden, da die Frage der Unabhängigkeit innerhalb der Kolonien äußerst umstritten war und die Delegierten deshalb nicht einfach davon ausgehen konnten, dass ihre Entscheidung wohlwollend aufgenommen würde.

Zum anderen mussten die europäischen Regierungen von der Legitimität der Amerikanischen Revolution überzeugt werden. Denn um den Krieg gegen das mächtige Großbritannien zu gewinnen, war man auf die Unterstützung europäischer Verbündeter angewiesen – besonders auf den Beistand Frankreichs, des Erzrivalen Großbritanniens. Frankreich, von einem König regiert und selbst Kolonialmacht, konnte aber kein Interesse daran haben, die Amerikaner zu unterstützen, wenn ihre Revolution als ein illegitimer Aufstand gegen Kolonialismus und die monarchische Staatsform an sich erschien.

Beide Gründe erklären, warum die Attacken in der Unabhängigkeitserklärung sich ausschließlich auf konkrete ‚Vergehen‘ des britischen Königs bezogen, aber nicht die Monarchie als solche zum Ziel hatten und warum sie bei der Frage der legitimen Staatsform vage blieb. Im Dokument ist lediglich allgemein vom „consent of the governed“ („der Zustimmung der Regierten“) die Rede, aber weder von Republik noch von Demokratie. In Zukunft würde diese politische Unbestimmtheit die Interner Link: Unabhängigkeitserklärung anschlussfähig an ganz verschiedene politische Bewegungen im Innern, aber auch in anderen Teilen der Welt machen. Nicht nur demokratische Revolutionäre in Europa und Lateinamerika ließen sich im späten 18. und 19. Jahrhundert vom US-amerikanischen Beispiel inspirieren; auch koloniale Befreiungsbewegungen in Afrika und Asien konnten sich im 20. Jahrhundert auf die allgemeinen Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung beziehen, ohne viel mit den konkreten Bedingungen und Zielsetzungen der Amerikanischen Revolution gemein zu haben.

Die Verfassung als zweiter Gründungsakt

Nachdem die 13 Kolonien im Revolutionskrieg ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten, war der ursprüngliche Zweck ihres Zusammenschlusses erfüllt. Daraufhin traten politische Divergenzen zwischen ihnen immer offener zutage, etwa was Fragen des Handels und der Finanzierung der Union anging. Zugleich wurde die Machtlosigkeit des Kongresses, die vor allem an fehlenden Besteuerungs- und Erzwingungskompetenzen lag, offensichtlich. Daran änderten auch die von allen 13 Staaten bis 1781 ratifizierten Konföderationsartikel, die ihre Zusammenarbeit auf eine rechtliche Basis stellten, nichts. In diesem Kontext drängte eine Gruppe von sogenannten Föderalisten, die einen Zusammenbruch der Union fürchteten, darauf, einen neuen Vertrag zwischen den Staaten zustande zu bringen. Dieser sollte zum einen die Macht des Bundes auf Kosten der Einzelstaaten vergrößern, um den innen- und außenpolitischen Herausforderungen der USA besser begegnen zu können. Zum anderen sollte er sicherstellen, dass Konflikte zwischen den Einzelstaaten in Zukunft nicht gewaltsam, sondern durch ein verfassungsrechtlich geregeltes, friedliches Prozedere gelöst würden.

Das Ergebnis war die Verfassung, die nacheinander von allen 13 Staaten ratifiziert wurde und die USA von einem losen Staatenbund in einen kraftvollen republikanischen Bundesstaat transformierte, aus dem sich die erste moderne liberale Demokratie auf der Welt entwickelte. Das tat sie auf zweierlei Art und Weise. Erstens transferierten die zuvor souveränen Einzelstaaten mit der Verfassung eine Liste von wichtigen Kompetenzen – etwa Steuern zu erheben, den Innen- und Außenhandel zu regeln und ein stehendes Heer zu unterhalten – auf die Bundesregierung. Zweitens schuf die Verfassung die Institutionen, die die neue Bundesregierung umfassen und sich gegenseitig Interner Link: in ihrer Machtausübung kontrollieren sollten: den aus Senat und Repräsentantenhaus bestehenden Kongress, den Interner Link: Präsidenten sowie den Interner Link: Supreme Court (Obersten Gerichtshof). Als älteste bis heute gültige Verfassung hatte auch dieses zweite Gründungsdokument der USA weltweiten Einfluss und prägte die Schaffung konstitutioneller Ordnungen in vielen anderen Ländern, vor allem was die Gewaltenteilung, die Grundrechte und den Interner Link: Föderalismus angeht.

Die Bedeutung von Gründungsmythen für die US-amerikanische Nation

Beide Gründungsdokumente wurden schon nach kurzer Zeit mythologisch überhöht und zu definitiven Grundlagen der nationalen Identität der USA verklärt. Da die neu gegründeten USA keine Geschichte jenseits von der, die sie mit Großbritannien verband, hatten, sie weder über eine eigene Sprache noch über eine eigene Kultur verfügten und rund drei Viertel der weißen Bevölkerung zur Zeit der Revolution britische Vorfahren hatten, war eine separate US-amerikanische Identität nur über die politische Abgrenzung zu Europa zu begründen. So wurden die universellen Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung amerikanisiert, also zum Kern dessen deklariert, was Amerika im Besonderen ausmache. Die Verfassung, inklusive der Bill of Rights (ein Katalog an Grundrechten, die der Verfassung unmittelbar nach deren Inkrafttreten hinzugefügt wurden), wiederum, die ja angesichts des Fehlens einer spezifischen US-amerikanischen Ethnie, Sprache, Kultur oder Religion das einzige Band zu sein schien, das die Einzelstaaten zusammenhielt, wurde zum nicht mehr zu hinterfragenden Dokument der Weisheit der Gründerväter erklärt, die es 1787 geschafft hätten, die divergierenden Interessen der Einzelstaaten durch weitsichtige Kompromisse auszugleichen.

Das Fresko "Die Apotheose Washingtons" befindet sich in der Spitze der Kuppel der Rotunde des US-Kapitols. (© picture alliance/Zoonar/Offenberg)

Je diverser die US-Nation im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts dann durch Einwanderung wurde, umso größer schien die Notwendigkeit, die Gründungsdokumente zu geradezu heiligen Schriften zu erhöhen, um ein Auseinanderfallen dieser heterogenen Nation zu verhindern. Diese Zivilreligion, die aus der Sphäre des Religiösen stammende Symbole, Rituale und Begriffe auf die eigene Nation bezieht und nationale Phänomene mit sakraler Bedeutung ausstattet, ist seitdem Kernbestand des US-amerikanischen Nationalismus. Neben der religiösen Aufladung der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung gehört hierzu auch die Erhebung der Gründerväter zu geradezu göttlichen Propheten, wie etwa in der Apotheose George Washingtons im US-Kapitol.

Politische Deutungskämpfe um die Gründungsdokumente der USA

Da die Gründungsdokumente eine solche Bedeutung für Interner Link: die nationale Identität der USA haben, waren sie von Beginn an Gegenstand politischer Deutungskämpfe. Ganz unterschiedliche Akteure instrumentalisierten die sich an diesen beiden Texten festmachende usable past (nutzbare Vergangenheit), um aktuelle politische Agenden zu befördern oder zu diskreditieren. Unabhängig von den spezifischen parteipolitischen Interessen und konkreten Ereignissen, die diese Auseinandersetzungen jeweils auslösten und prägten, lässt sich dabei vereinfachend festhalten: Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren es eher emanzipatorische Bewegungen, die sich auf die allgemeinen Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung beriefen, und konservative Strömungen, die zur Legitimation ihrer Positionen den konkreten Verfassungstext und die Absichten von dessen Autoren ins Felde führten.

Interner Link: Gruppen, die zunächst von der US-amerikanischen Nation ausgeschlossen wurden beziehungsweise nicht dieselben Bürgerrechte erhielten, beschworen die aus dem Naturrechtsliberalismus abgeleiteten und für universell deklarierten Werte der Unabhängigkeitserklärung, um eine gleichberechtigte Integration in die US-amerikanische Gesellschaft zu fordern. Abolitionistische Gruppen etwa bezogen sich im 19. Jahrhundert ganz explizit auf dieses Gründungsdokument, um auf ein Ende der Sklaverei zu bestehen, die in krassem Widerspruch zu den Idealen der Revolution stünde. Auch die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre bekämpfte erfolgreich die gesetzliche Fortschreibung rassistischer Formen der Interner Link: Diskriminierung in den Südstaaten, indem sie immer wieder darauf verwies, sie seien nicht im Einklang mit der nationalen Identität der USA, wie sie durch die aufklärerischen Ideale der Unabhängigkeitserklärung definiert sei.

Naturrechtsliberalismus

Der Naturrechtsliberalismus ist eine philosophische Strömung aus dem Zeitalter der Aufklärung. Sie vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch angeborene, aus der menschlichen Natur bzw. Vernunft herleitbare Rechte wie etwa jene auf freie Meinungsäußerung oder Privateigentum hat, und weist dem Staat die primäre Aufgabe zu, die Ausübung dieser individuellen Rechte zu schützen. Ein führender Vertreter dieser Denkschule war John Locke.

Andersherum bemühten Gegner dieser Emanzipationsbewegungen die Verfassung, um ihre Sicht zu legitimieren. Zum einen führten sie an, dass diese die Institution der Sklaverei zumindest indirekt anerkannte, etwa über die Fugitive Slave Clause (Externer Link: Art. IV, Sektion 2) und den Three-Fifths Compromise (Externer Link: Art. I, Sektion 2). Zum anderen argumentierten Sklavenbesitzer, dass Sklaven beweglicher Besitz ihrer Eigentümer seien und die Verfassung Interner Link: Eigentumsrechte schütze (Externer Link: Art. I, Sektion 10 sowie Externer Link: 5. Verfassungszusatz). Ganz grundsätzlich wiesen sie darüber hinaus darauf hin, dass die Verfassung von souveränen Einzelstaaten ratifiziert worden sei und die Bundesregierung nur jene Befugnisse habe, die ihr darin ausdrücklich zugestanden worden seien, wozu das Recht, die Sklaverei in den Einzelstaaten zu verbieten, eben nicht gehöre. Im 20. Jahrhundert wurde dieses Argument auch bemüht, um die Legalität von Bemühungen der Bundesregierung, die Rassentrennung in den Südstaaten aufzuheben, in Zweifel zu ziehen.

Three-Fifths Compromise u. Fugitive Slave Clause

Artikel 1, Sektion 2 der US-Verfassung bestimmt die Zusammensetzung des Kongresses. Hier galt bis nach Ende des Bürgerkrieges (1861-1865) der sogenannte Three-Fifths Compromise oder „Drei-Fünftel-Kompromiss“, der festlegte, dass Versklavte beim Zensus zu Drei-Fünfteln einer freien Person in der Bevölkerung gezählt wurden. Bis heute wird anhand des US-Zensus der einzelstaatliche Steueranteil und die Anzahl der Mitglieder pro Staat im Repräsentantenhaus und damit auch in der Wahlversammlung (electoral college) zur Präsidentschaft bestimmt. Der Kompromiss bewirkte, dass Versklavte das politische Gewicht der Südstaaten erhöhten, obwohl sie selbst von politischer Teilhabe ausgeschlossen blieben.

In Artikel 4, Sektion 2 der US-Verfassung wurde zudem die sogenannte Fugitive Slave Clause aufgenommen, die auf „entflohene Versklavte“ zielte und bestimmte, dass diese grundsätzlich an ihre Versklaver/-innen ausgeliefert werden müssten – unabhängig davon, ob sie in einen freien Staat geflohen waren. Fugitive Slave Acts wurden bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges außerdem kontinuierlich verschärft.

Quelle:
Rebecca Brückmann, "Die unvollendete Verfassung: Systemischer Rassismus und der Kampf um demokratische Teilhabe in den USA", in bpb.de, 03.07.2026. Interner Link: www.bpb.de/themen/nordamerika/usa/579270/die-unvollendete-verfassung/

Die Geschichte der Amerikanischen Revolution als Gegenstand gegenwärtiger Kulturkämpfe

Protest der Tea-Party-Bewegung in St. Louis im September 2010. (© picture alliance/Associated Press/Whitney Curtis)

Auch in jüngster Zeit wurde heftig um die Erinnerung an die Amerikanische Revolution gerungen. Während der Präsidentschaft Barack Obamas (2009-2017) formierte sich die Tea Party-Bewegung, deren Mitglieder gegen seine Gesundheitsreform demonstrierten. Dabei gaben sie sich als Erben der Revolutionäre aus, die aus Protest gegen britische Steuern Tee der East India Company in den Hafen Bostons geworfen hatten. Für sie war die Einführung einer Krankenversicherungspflicht ein Verrat an der Amerikanischen Revolution, die doch ein Aufstand gegen einen übergriffigen Staat gewesen sei.

Auf der anderen Seite forderten Aktivisten im Umfeld der Interner Link: Black Lives Matter-Bewegung, die Amerikanische Revolution angesichts anhaltender rassistischer Diskriminierungen – wie sie sich etwa in Polizeigewalt gegen Minderheiten manifestierten – einer viel kritischeren Neuinterpretation zu unterziehen. So stellen die Autoren des 1619 Project, eine von der New York Times initiierte journalistische Aufklärungs- und Bildungskampagne, die Ankunft der ersten aus Afrika zwangsverschleppten schwarzen Sklaven auf dem Territorium der späteren USA an den Anfang ihrer Geschichte des Landes. In ihrer Lesart sei diese von Beginn an und bis zum heutigen Tage in allererster Linie von einem strukturellen Rassismus geprägt gewesen. Die Amerikanische Revolution sei in dieser Interpretation vor allem von dem Ziel, die Institution der Sklaverei vor angeblichen abolitionistischen Bestrebungen der britischen Kolonialmacht zu schützen, motiviert gewesen.

Im ersteren Fall der geschichtspolitischen Instrumentalisierung der Amerikanischen Revolution geht es um die angemessene Rolle des Staates. Steht die Amerikanische Revolution für eine Abwehr gegen staatliche Bevormundung durch selbstbewusste und für ihre Freiheitsrechte eintretende Individuen? Oder weist sie dem Staat die Aufgabe zu, aktiv für die Realisierung der in der Unabhängigkeitserklärung proklamierten Ideale von „Leben, Freiheit und dem Interner Link: Streben nach Glück“ zu sorgen?

Im letzteren Fall geht es um die Schattenseiten der Amerikanischen Revolution. Sollten diese in den Vordergrund gestellt werden, um das Bewusstsein für langanhaltende strukturelle Ungerechtigkeiten in der US-Geschichte zu schärfen? Oder würde eine Interner Link: Erinnerungspolitik, die die Gründungsmythen der USA infrage stellt, eine positive Identifikation mit dem eigenen Land untergraben und damit den Zusammenhalt der US-amerikanischen Gesellschaft gefährden?

Wissenschaftlich betrachtet sind beide Arten der Instrumentalisierung der Geschichte hoch problematisch: Sie blenden die Komplexität der Amerikanischen Revolution aus und beurteilen die Motivationen der damals handelnden Akteure einseitig und aus heutigen Interessenlagen heraus. Da die Frage, was die USA sind beziehungsweise sein wollen, aber so eng mit den Gründungsdokumenten und den mit ihnen verbundenen Mythen verknüpft ist, erscheint es fast unvermeidlich, dass die Erinnerung an die Amerikanische Revolution auch 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung so politisiert und ein zentraler Schauplatz der gegenwärtigen Kulturkämpfe ist.

Quellen / Literatur

  • Armitage, David, The Declaration of Independence: A Global History (Cambridge: Harvard University Press, 2007).

  • Depkat, Volker, Die amerikanische Revolution (München: Beck, 2026).

  • Hochgeschwender, Michael, Die amerikanische Revolution: Geburt einer Nation, 1763-1815 (München: Beck, 2016).

  • Lepore, Jill, We the People: A History of the U.S. Constitution (New York: W. W. Norton, 2025).

  • Taylor, Alan, American Revolutions: A Continental History, 1750-1804 (New York: W. W. Norton, 2016).

Fussnoten

Fußnoten

  1. Eric Kaufmann, „American Exceptionalism Reconsidered: Anglo-Saxon Ethnogenesis in the ‚Universal‘ Nation, 1776-1850,“ in: Journal of American Studies, Jg. 33, H. 3 (1999), S. 437-457, hier: S. 440.

  2. Robert N. Bellah, „Civil Religion in America,“ in: Daedalus, Jg. 96, H. 1 (1967), S. 1-21.

  3. siehe bspw. Frederick Douglass, „What to the Slave is the Fourth of July“, 5. Juli 1852, in: Frederick Douglass, Selected Speeches and Writings, hrsg. von Philip S. Foner (Chicago: Lawrence Hill, 1999), S. 188-205.

  4. Martin Luther King, Jr., „I have a dream,“ 28. August 1963, in: Negro History Bulletin, Jg. 31, H. 5 (1968), S. 16-17.

  5. Jill Lepore, The Whites of Their Eyes: The Tea Party's Revolution and the Battle over American History (Princeton: Princeton University Press, 2010).

  6. Nikole Hannah-Jones, „The Idea of America“, in New York Times Magazine, 18. August 2019, S. 14-26., hier: S. 18.

Lizenz

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Apl.-Prof. Dr. Jasper Trautsch wurde 2011 an der Freien Universität Berlin promoviert und 2019 an der Universität Regensburg habilitiert. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der USA und die transatlantischen Beziehungen. Er ist als akademischer Oberrat im Nordamerikastudienprogramm der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tätig.