Soziale Schere, Kluft zwischen Arm und Reich
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Caption: Soziale Schere, Kluft zwischen Arm und Reich

1.10.2021 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Selbstständigkeit - ein komplexes Feld

Die Umsätze bzw. Honorare, die z. B. Ärzte oder Kioskbesitzer etc. erzielen, sind nicht mit dem persönlichen Bruttoeinkommen identisch. Abzuziehen sind die Betriebsausgaben: z. B. Kosten für die Sprechstundenhilfe, die Miete oder Investitionen bzw. Abschreibungen in medizinische Geräte/Ausstattung.

Ein Arzt befüllt seinen Arztkoffer. Die Umsätze bzw. Honorare, die z. B. Ärzte erzielen, sind nicht mit dem persönlichen Bruttoeinkommen identisch. Abzuziehen sind die Betriebsausgaben: z. B. Kosten für die Sprechstundenhilfe, die Miete oder Investitionen bzw. Abschreibungen in medizinische Geräte/Ausstattung.Ein Arzt befüllt seinen Arztkoffer. Die Umsätze bzw. Honorare, die z. B. Ärzte erzielen, sind nicht mit dem persönlichen Bruttoeinkommen identisch. Abzuziehen sind die Betriebsausgaben: z. B. Kosten für die Sprechstundenhilfe, die Miete oder Investitionen bzw. Abschreibungen in medizinische Geräte/Ausstattung. (© picture-alliance/dpa)

Selbstständige Tätigkeiten und die daraus erzielten Einkommen umfassen ein breites Spektrum [1]. Gemeinsam ist den Selbstständigen lediglich, dass sie eine wirtschaftliche Tätigkeit auf eigene Rechnung ausüben, also nicht auf Rechnung eines Arbeitgebers arbeiten. Die nachstehende Liste ist dabei noch nicht einmal vollständig. Allerdings sind Überschneidungen zwischen den einzelnen Gruppen zu berücksichtigen:
  • Inhaber von Einzelunternehmen, Gewerbetreibende,
  • (Mit)Inhaber von Personenunternehmen (OHG, KG usw.),
  • Landwirte,
  • Handwerker (geregelt in der Handwerksordnung),
  • Kammerfähige freie Berufe wie Ärzte, Rechtsanwälte, Notare, Architekten
  • andere Freiberufler wie Künstler, Schriftsteller, Erzieher, Physiotherapeuten, Hebammen,
  • Werkvertragsnehmer,
  • Solo-Selbstständige,
  • mithelfende Familienangehörige.
Von den Umsätzen bzw. Honoraren, die diese Personen erzielen, sind die Betriebsausgaben abzuziehen (vor allem Personalkosten, Mieten, Investitionen bzw. Abschreibungen). Die verbleibenden Erträge/Gewinne wiederum sind nicht mit den persönlichen Nettoeinkommen gleichzusetzen. Gemindert werden die verfügbaren Einkommen durch die Steuerabzüge (wobei je besondere steuerrechtliche Regelungen zu beachten sind) sowie durch die Beiträge zur Krankenversicherung und durch die Aufwendungen für die Altersvorsorge. Die für die abhängige Beschäftigung typische Beteiligung der Arbeitgeber an der Finanzierung gibt es bei der selbstständigen Beschäftigung systembedingt nicht. Selbstständige unterliegen in aller Regel auch nicht der Sozialversicherungspflicht. Einige Ausnahmen bestätigen diese Regel: So sind u.a. Handwerker, Landwirte (Alterssicherung der Landwirte) und Künstler (Künstler-Sozialversicherung) in die gesetzliche Alterssicherung einbezogen.

Während die Einkommen aus abhängiger Arbeit zwischen den Beschäftigten und ihren Arbeitgebern vertraglich festgelegt sind und kontinuierlich gezahlt werden, gibt es diese Form der Stetigkeit und Verlässlichkeit bei den Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit nicht. Die Einkommen können in Abhängigkeit von der Auftragslage, Kostenkalkulation und Jahreszeit nicht unerheblich schwanken. Auch greifen die für Arbeitnehmer vorgesehenen arbeits- und tarifrechtlichen Schutzregelungen nicht. Dies betrifft u.a. den Arbeitsschutz, das Arbeitszeitrecht und die Entgeltfortzahlung.

Auf der anderen Seite sind die Einkommen, die Selbstständigen zufließen, nicht zwingend mit dem Einsatz von Arbeitskraft und Arbeitszeit verbunden. Insbesondere bei Einzelunternehmen und Personenunternehmen ist es nicht nur möglich, sondern auch durchaus üblich, dass der Inhaber nur zeitlich begrenzt oder auch gar nicht mehr im Unternehmen tätig ist, da andere, angestellte Personen − so etwa Geschäftsführer − die Leitungsaufgaben übernehmen. Dies ist bei Ein-Personenunternehmen und freiberuflich Tätigen naturgemäß nicht der Fall.

Zusätzlich kompliziert wird die Analyse der Einkommensverhältnisse von Selbstständigen dadurch, dass sowohl mehrfache Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit als auch die zeitgleiche Kombination von abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit keine Seltenheit mehr sind. So kann eine Teilzeittätigkeit im Angestelltenverhältnis verbunden werden mit einer freiberuflichen Tätigkeit im Rahmen von Werkverträgen. Oder aber Industriearbeiter in ländlichen Regionen bessern ihr Einkommen durch Führung eines kleinen landwirtschaftlichen Betriebs auf (Nebenerwerbs-Landwirte).

Die Zahl der Selbstständigen wird im Rahmen des Mikrozensus ermittelt. In Deutschland gab es im Jahr 2019 rund 4,1 Mio. selbstständige Erwerbstätige - dies entspricht einem Anteil von 10,5 Prozent an allen Erwerbstätigen. Verfolgt man die Entwicklung seit Anfang der 1990er Jahre, so lässt sich bis etwa 2010 ein deutlicher Zuwachs der Zahl der Selbstständigen erkennen. Seitdem zeigt sich eine leicht rückläufige Entwicklung.

Da es sich beim Mikrozensus um eine Befragung handelt, ist allerdings nicht sicher, ob die Angaben auch vollständig und richtig sind. So ist zu bezweifeln, dass alle Arbeitnehmer, die nebenbei auch noch Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit erzielen, dies auch angeben, was auch für Steuererklärungen zu prüfen wäre.

Die Zunahme selbstständiger Erwerbsformen bezieht sich allein auf die Solo-Selbstständigen, deren Anteil an allen Selbstständigen entsprechend gestiegen ist - von 38,9 Prozent (1991) auf 54 Prozent (2019) (vgl. Abbildung "Selbstständige mit und ohne Beschäftigte 1991 bis 2019"). Stark vertreten sind Solo-Selbstständige im Bausektor, im Grundstückswesen, im Handel und Gastgewerbe und bei den privaten Dienstleistungen. Im Sektor der privaten Dienstleistungen finden sich insbesondere die sog. Kultur- und Kreativberufe sowie Lehrer/Dozenten, Berufe im Bereich von Gesundheit, Pflege und Wellness sowie Händler.
Selbstständige mit und ohne Beschäftigte 1991–2019Selbstständige mit und ohne Beschäftigte 1991–2019 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Seit 2012 geht die Zahl der Selbstständigen und auch der Solo-Selbstständigen leicht zurück. Es lässt sich aktuell nicht absehen, ob es sich dabei um eine Trendumkehr handelt oder lediglich um eine Zwischen- bzw. Stabilisierungsphase.

Von erheblicher Bedeutung sind die Freiberufler, deren Zahl auf etwa 1,4 Mio. beziffert wird. Darunter befinden sich vor allem die freien Berufe, die in Kammern organisiert sind (1 Mio.). Die mit Abstand größte Berufsgruppe ist hier die der Ärzte.

Die relativ unveränderte Zahl von Selbstständigen mit Beschäftigten wird auch vom IAB-Betriebspanel, einer repräsentativen Befragung von Betrieben bestätigt, die über mindestens ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis verfügen – das kann auch der Inhaber selbst sein. Allerdings ist die Abgrenzung eine andere, so fallen die Zahlen höher aus, da es in einem Betrieb auch mehrere Tätige Inhaber geben kann (vgl. Tabelle "Zahl der Tätigen Inhaber in ausgewählten Jahren 2005 bis 2019").

Zahl der Tätigen Inhaber in ausgewählten Jahren 2005 bis 2019

in Tausend

2005 2006 2007 2010 2014 2018 2019
Westdeutschland 1.594 1.593 1.606 1.615 1.648 1.667 1.640
Ostdeutschland 407 402 398 410 411 426 414
Deutschland 2.001 1.995 2.004 2.024 2.058 2.093 2.054

Quelle: Eigene Berechnungen nach IAB-Betriebspanel.

Die Zahlen in der Tabelle zeigen jeweils Rückgänge in bzw. unmittelbar nach Krisenjahren. Diese Veränderungen fallen aber gering aus. Bei den mithelfenden Familienangehörigen zeigt im Übrigen auch das IAB-Betriebspanel im Betrachtungszeitraum einen Rückgang, was vor allem mit der geringer werdenden Zahl von Kleinstbetrieben zusammenhängt.

Zur Struktur der Selbstständigen stellt das IZA vor allem fest [2]:
  • Frauen sind weniger häufig selbstständig tätig als Männer.
  • Es gibt nur geringe Unterschiede bei der Selbstständigenquote von Deutschen und Ausländern.
  • Ältere Erwerbstätige sind häufiger selbstständig als jüngere.
  • Es gibt einen steigenden Anteil von Selbstständigen auch im Rentenalter.
  • Der Anteil von Selbstständigen steigt mit dem Qualifikationsniveau.

Fußnoten

1.
Vgl. im Überblick Bögenhold/Fachinger 2012, S. 277 ff.
2.
Bonin u.a. 2020, S. 5.
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