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Armutsrisiken besonders betroffener Personengruppen

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Armutsrisiken besonders betroffener Personengruppen

Gerhard Bäcker Ernst Kistler

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Unterteilt man die Bevölkerung nach einzelnen Personengruppen, zeigen sich große Unterschiede bei den Armutsrisikoquoten. Im besonderen Maße von Armut betroffen sind vor allem Erwerbslose, Alleinerziehende, Eltern mit mehreren Kindern, Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und niedrig Qualifizierte.

Mutter und Sohn sitzen bei Kerzenlicht in ihrer Wohnung, weil ihnen der Strom gesperrt wurde. Im besonderen Maße von Armut betroffen sind vor allem Erwerbslose, Alleinerziehende, Eltern mit mehreren Kindern, Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und niedrig Qualifizierte. (© dpa)

Bei einer Untergliederung der Armutsrisikoquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen (vgl. Abbildung "Armutsgefährdungsquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen") werden markante Abweichungen sichtbar. Weit oberhalb der Armutsbetroffenheit der Gesamtbevölkerung (15,5 Prozent) liegen im Jahr 2019 Erwerbslose mit einer Quote von immerhin 57,9 Prozent, Alleinerziehende (42,7 Prozent), Paarhaushalte mit mehreren Kindern (30,9 Prozent) sowie Einpersonenhaushalte (26,5 Prozent). All diese Gruppen haben im Vergleich zu 2009 einen deutlichen Anstieg der Armutsrisikoquote zu verzeichnen. Bezogen auf die Haushalte zeigt sich im Übrigen auch, dass Haushalte mit einem geringen Anteil von Erwerbstätigen an den Haushaltsmitgliedern im Kernerwerbsalter eine vergleichsweise höhere Armutsrisikoquote aufweisen.

Armutsgefährdungsquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen 2009 und 2019 (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Untergliedert man nach soziodemografischen Merkmalen (vgl. Abbildung "Armutsgefährdungsquoten nach soziodemografischen Merkmalen 2009 und 2019"), so zeigen sich zum einen geschlechtsspezifische Unterschiede: So liegt die Armutsrisikoquote von Frauen traditionell etwas höher als diejenige von Männern. Seit 2009 hat dieser Unterschied tendenziell sogar leicht zugenommen.

Armutsgefährdungsquoten nach soziodemografischen Merkmalen 2009 und 2019 (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

2019 waren es laut Mikrozensus 15,2 Prozent bei den Männern und 16,6 Prozent bei den Frauen. Die Ursachen sind vielfältig. Sicherlich spielen die Geschlechterdiskriminierung und die größeren Lücken weiblicher Erwerbsbiografien eine Rolle. Aber auch der höhere Anteil von Frauen unter den Alleinlebenden (im jüngeren Alter wegen des früheren Auszugs aus dem Elternhaus, im höheren Alter wegen der längeren Lebensdauer) trägt dazu bei. Bei Alleinlebenden gleicht kein Partnereinkommen eventuell niedrige eigene Einkünfte aus.

Zum anderen hat aber auch das Lebensalter einen hohen Einfluss auf die Armutsbetroffenheit. In der Öffentlichkeit findet das Thema Armut von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine hohe Aufmerksamkeit. Dabei muss deutlich zwischen den verschiedenen Altersgruppen der Jungen unterschieden werden. Sehr hohe Armutsrisikoquoten finden sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Quote der unter 18-Jährigen liegt 2019 bei 20,5 Prozent, die der 18- bis unter 25-Jährigen bei 25,8 Prozent.

Von einem bereits extrem hohen Niveau ausgehend hat das Armutsrisiko von Erwerbslosen wie gezeigt im Betrachtungszeitraum nochmals um fast 10 Prozentpunkte zugenommen (vgl. Abbildung "Armutsgefährdungsquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen 2009 und 2019"). Angesichts der Hartz-Gesetze kann man davon sprechen, dass das nicht zuletzt einen politischen Hintergrund hat: Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe, die Begrenzung der Bezugsdauer der Versicherungsleistung Arbeitslosengeld und die mit verschärften Sanktionen verbundene Begrenzung der Regelbedarfe des SGB II sollte ja gerade den Druck auf Arbeitslose erhöhen, jedwede Beschäftigung anzunehmen .

Bemerkenswert ist die teils große Stabilität der Armutsrisikoquoten bei den anderen Bevölkerungsgruppen, die auch in Jahren eines guten Arbeitsmarktes und wirtschaftlicher Stärke nicht zurückgehen, sondern eher noch ansteigen.

Von aktuell besonderer Bedeutung ist die Armutsbetroffenheit von Ausländern, also von den Personen, die in Deutschland leben aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft (erworben) haben. Hier steigt die Quote seit 2013 an und erreicht 2019 einen Wert von 35,2 Prozent. Der weit überwiegende Teil der Flüchtlinge und Asylbewerber, die seit 2014/2015 nach Deutschland gekommen sind, verfügt nur über ein äußerst geringes Einkommen. Auch die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz fallen niedrig aus (vgl. "Interner Link: Leistungen an Asylbewerber").

Bildung ist keine Garantie gegenüber Armut, aber dennoch ein sehr wichtiger Faktor um nicht in Armut zu fallen. Differenziert nach der Qualifikation der haupteinkommensbeziehenden Person in den privaten Haushalten ist die Armutsrisikoquote Geringqualifizierter 2019 mit 32,9 Prozent weit höher als wenn die haupteinkommensbeziehende Person hochqualifiziert ist (6,2 Prozent).

Differenziert nach Haushaltstypen (vgl. Abbildungen "Armutsgefährdungsquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen" und "Armutsgefährdungsquoten nach ausgewählten Merkmalen") ragt auch die Armutsrisikoquote von Alleinerziehendenhaushalten (2019: 42,7 Prozent) deutlich hervor. Der Anteil der Armutsgefährdeten in solchen Haushalten ist seit 2009 laut Mikrozensus auch noch um 2,6 Prozentpunkte angestiegen. Der hohe Anteil an nicht oder allenfalls teilweise bzw. sporadisch erfüllten Unterhaltsverpflichtungen und die zeitliche wie altersbezogene Begrenzung der staatlichen Ersatzleistung (Unterhaltsvorschuss) fordern hier ihren Tribut . Die Entwicklung der Armutsrisikoquoten von Personen in Alleinerziehendenhaushalten deutet außerdem darauf hin, dass die generelle Strategie des Ausbaus der Kinderbetreuungsinfrastruktur den betroffenen (meist weiblichen) Alleinerziehenden schon hilft, das Problem aber alleine auch nicht lösen kann.

Haushalte mit zwei Erwachsenen und ein oder zwei Kindern haben dagegen nur geringfügig höhere Armutsrisikoquoten als Haushalte mit zwei Erwachsenen ohne Kinder. Kinder generell als Armutsrisiko zu bezeichnen, wäre also falsch. Dennoch gibt es auch, wie die Abbildung "Armutsgefährdungsquoten nach Erwerbs- und Haushaltsmerkmalen 2009 und 2019" zeigt, einen klaren Anstieg der Armutsrisikoquoten in Paarhaushalten mit größerer Kinderzahl − immerhin auf 30,9 Prozent in Haushalten mit zwei Erwachsenen und drei oder mehr Kindern.

Auf recht hohem Niveau liegt das Armutsrisiko in Einpersonenhaushalten. Für diese gilt generell, wie oben schon erwähnt, dass kein zweites "Partner"-Einkommen im Haushalt das Armutsrisiko faktisch mindert. Unter den Einpersonenhaushalten ist der Anteil sehr junger und sehr alter Frauen außerdem überproportional hoch. Das überdurchschnittlich hohe Armutsrisiko von Einpersonenhaushalten hat daher auch mit der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt, den Schwierigkeiten (beider Geschlechter!) beim Berufseinstieg und der Kumulation von Frauen verstärkt treffenden erwerbsbiografischen Abweichungen vom "Eckrentner" zu tun, wenn sie in Rente sind.

Bei der Interpretation der Daten ist zu berücksichtigen, dass die gruppenspezifische Verteilung der Betroffenheit von relativer Einkommensarmut auch von der Festlegung der Äquivalenzgewichte abhängt. Durch die Äquivalenzgewichte werden die Pro-Kopf-Einkommen umgerechnet, um die verfügbaren Einkommen von Haushalten unterschiedlicher Größenordnung und Alterszusammensetzung vergleichen zu können. Für die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens eines Haushalts, z. B. einer Familie, wird die Summe aller Einkünfte nicht durch die Anzahl der Haushaltsmitglieder, sondern durch eine gewichtete Summe der Haushaltsmitglieder geteilt ("Interner Link: Verteilung der bedarfsgewichteten pro-Kopf-Einkommen (bedarfsgewichtete pro-Kopf Einkommen)").

Folgende Gewichtung (so genannte neue OECD-Skala) ist mittlerweile üblich: Die Haupteinkommensperson geht mit dem Faktor 1,0 in die Gewichtung ein, alle anderen Haushaltsmitglieder im Alter von 14 und mehr Jahren mit 0,5 und die übrigen mit 0,3. Bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren ergibt sich damit beispielsweise als Gesamtgewicht der Wert 2,1. Das verfügbare Haushaltseinkommen wird also durch 2,1 dividiert. Da bei dieser Skala die Bedarfsgewichte für Kinder (0,3) niedrig angesetzt werden, ergeben sich höhere Armutsquoten für kleinere Haushalte, z.B. für Ein-Personen-Haushalte, dagegen aber geringere Armutsquoten für Haushalte mit Kindern. Würden hingegen die Bedarfe von jüngeren Kindern z. B. mit 0,5 (alte OECD-Skala) gewichtet, käme es zu einem Anstieg der Kinderarmut.

Ein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko drückt sich in hohen Armutsrisikoquoten aus. Gefragt wird, wie hoch der prozentuale Anteil der Armen in diesen Personengruppen ist. Über die Größenordnung der Betroffenheit in absoluten Zahlen ist damit aber noch nichts ausgesagt. Ist die Gruppe insgesamt eher klein, fällt auch bei einer hohen Risikoquote die Zahl der Betroffenen eher gering aus. Im umgekehrten Fall, nämlich bei einer großen Grundgesamtheit, kann die Zahl der Betroffenen sehr groß sein, auch wenn die Quote vergleichsweise niedrig ausfällt. Ein Beispiel: Das Armutsrisiko der älteren Bevölkerung (65 Jahre und älter) liegt laut Mikrozensus (noch) mit 15,7 Prozent (2019) leicht unterhalb der Quote der Gesamtbevölkerung. Da die Zahl der Älteren insgesamt bei etwa 18 Millionen liegt, errechnet sich dennoch eine Zahl von etwa 2,8 Millionen Älteren, die von Einkommensarmut betroffen sind. Steigt aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl älterer Menschen, führt ein bereits geringer Quotenanstieg zu einer deutlichen Erhöhung der von Armut betroffenen Älteren. Auf der anderen Seite kann bei rückläufiger Arbeitslosigkeit die Zahl der armen Arbeitslosen trotz steigender Quote sinken.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Bäcker/Neubauer 2018, S. 395 ff.

  2. Vgl. z.B. Hauser 2015, S. 139 ff.

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Weitere Inhalte

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.